Hamburgische Aufklärung und Aberglauben

Ich kenne keinen Ort, wo die beiden Extreme, Aufklärung und Aberglauben so auffallend sind, als Hamburg.

Noch vor 50 Jahren herrschte hier gewaltig viel Dunkelheit, beinahe möchte man Finsternis sagen, unter der geringem Bürgerklasse, und die Vornehmern schienen doch auch zuweilen eben so umnebelt zu sein, wie es die hamburger Atmosphäre, besonders im Herbst und Frühjahre, noch gegenwärtig ist. So war es in Ansehung des Nährstandes, und mit dem Lehrstande sah es — wenigstens wenn man aus dem Erfolg schließen soll — auch eben nicht besser aus.
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Hamburg zählte unter seiner Geistlichkeit von jeher die gelehrtesten und berühmtesten Männer, aber sie waren auch zuweilen so intolerant orthodox, dass aus ihrem Betragen unmöglich auf Hamburger Aufklärung konnte geschlossen werden, um so weniger, da die Obrigkeit schwieg, und das Publikum sogar Partei ergriff.

Der wichtige Priesterkrieg, welcher zwischen weiland einem Maier und Horbius geführt worden ist, hatte für Hamburg die traurigen Folgen, dass Bürgertumult daraus entstand, und dennoch waren die freien Bürger einer Freistadt nicht darauf bedacht, die Macht ihrer Elerisey wenigstens dahin einzuschränken, dass ihr Einfluss auf politische Händel geschmälert wurde, im Gegenteil waren Rat und Bürger bei allem geistlichen Unfug immer sehr nachgebend, und hieraus schließe ich, dass die Köpfe der damaligen freien Bürger wenigstens nicht von Vorurteilen frei waren.

In neuern Zeiten ging es nicht viel besser. Die Streitigkeiten, die durch Götzens Orthodoxie erregt, wurden, sind zu bekannt, um hier angeführt zu werden. So lange sie Federkriege blieben, war nichts zu erinnern; aber wenn die Herren sich Partei machen, wenn das Publikum mit in diese Handel gezogen wird, und ein Amtskollege den andern von der Kanzel namentlich am greift, dann sollte billig die Obrigkeit sich ins Mittel schlagen, und das Publikum selbst keinen müßigen Zuschauer abgeben. Geschieht dieses, so ist es Beweis, dass die Aufklärung wenig gewurzelt hat, und dass noch viele Köpfe mit Vorurteilen umnebelt sind. Götzens Amtskollege Moldenhawer schimpfte öffentlich auf seinen Mitarbeiter an den Wohnungen des Friedens, und doch schwieg die Gemeine zu so öffentlichem Gräuel*).

Wirkliche Beispiele des allgemein in Hamburg damals herrschenden Aberglaubens könnte man auch hier anführen, wenn es zu gegenwärtigem Zweck nicht zu weitschweifig wäre. Es ist genug zu wissen, dass die Aufklärung in Hamburg noch vor etwa 50 Jahren äußerst sparsam geleuchtet hat, und um so bemerkungswerter, dass

*) Wenn ich nicht irre, so entstand dieser öffentliche Streit über ein hebräisches Wort, welches Luther durch Seife, Herr Moldenhawer aber durch starke Potasche übersetzt hatte. Um über die Richtigkeit dieser Übersetzung zu urteilen, hätte man erst billig untersuchen sollen, ob zu Jeremias Zeiten die Potasche wirklich schon im Gebrauch gewesen, oder ob man sich damals noch mit bloßer scharfer Lauge beholfen hat, um den Leuten die Köpfe zu waschen.

es den Hamburgern so schnell wie Schuppen von den Augen fiel, so dass man gegenwärtig Hamburg mit Recht unter die aufgeklärtesten Städte Deutschlands zählen kann.

Ich behaupte, dass von einer so schnellen Methamorphose in der Geschichte kaum ein ähnliches Beispiel vorhanden ist. Im Jahre 1759 oder 60 war es, als noch die natürliche Religion öffentlich vor dem Rachhaus auf dem ehrlosen Block verbrannt wurde — und der Verfasser des Buchs, worin dieselbe gelehrt wurde — der erste Archivarius am Dom, der kein Hamburger von Geburt war, musste auf Befehl der sonst so milden dänischen Regierung, ohne Verhör, ohne Urteil und Recht, so lange nach Bornholm ins Elend wandern, bis bei einem veränderten Religionssystem derselbe für unschuldig befunden wurde.

Wer hätte wohl glauben sollen, dass sobald darauf an einem Orte, wo man ein Buch der natürlichen Religion auf dem ehrlosen Block verbrannte, die Aufklärung gedeihen könnte? Und doch ist es so, denn nicht bloß an obrigkeitlichen Personen und der Geistlichkeit wurden die Früchte der Aufklärung, sondern selbst an dem gemeinsten Bürger sehr deutlich wahrgenommen. Die Einführung eines neuen Gesangbuches ist an keinem Orte so schnell, so ruhig, so allgemein vorgegangen, als in Hamburg. In Berlin, der Residenzstadt eines Friedrichs, welcher öffentlich erklärte, bei ihm könne Jeder glauben, was er wolle, wenn er nur ehrlich sei — gab ein neues Gesangbuch zu unruhigen Auftritten Anlass, und in Hamburg, wo noch wenige Jahre vorher mächtige Zionswächter auf den Kanzeln gedonnert hatten, wurde diese kirchliche Revolution ohne Widerrede ausgeführt.

Indem ich der hamburger Aufklärung das Wort rede, dürften einige Leser mich vielleicht für parteiisch halten, wenn sie an die fameuse Gespenstergeschichte auf dem Hopfenmarkt denken, mit welcher sich ein Teil von Hamburgs Einwohnern schon seit mehreren Wochen beschäftigt.

Ein so grober Aberglaube, nach dessen Fiktion ein Gespenst in einem Bürgerhause herumwandeln soll, passt freilich nicht sonderlich zu der eben gerühmten Aufklärung; unterdessen kommt alles auf die Untersuchung an, wer dieses Gespenst zu sehen vorgibt, und wie dieses Fabelwerk von den Mitbürgern aufgenommen wird.

Eine Demoiselle und Magd sind allein die Referenten in diesem Gespensterprozess, sehen allein dieses Gespenst, und werden von ihm beunruhigt. Schon dieser Umstand, so wie die übrigen dabei vorfallenden Widersprüche, müsste ein solches Zeugnis verdächtig machen. So ist es auch; denn die gebildetere Klasse von Hamburgs Einwohnern denkt nicht daran, diese Sache von einer ernstlichen Seite zu nehmen; es ist daher eine zu weit getriebene Besorgnis, wenn einige glauben, der Ruf von Hamburgs Aufklärung könne dadurch in etwas erschüttert werden, denn nur dem gemeinen Haufen scheinen bei diesen widersprechenden Erzählungen einige Bedenklichkeiten aufzustoßen. Das ist nicht zu vermeiden, so lange die Erziehung und selbst die Volksschulen noch so äußerst mangelhaft sind.

Der Pöbel — wes Standes, Würden oder Ehren er immer sein mag — sieht sich aller Orten ganz gleich, man mag ihn in einer großen Stadt Deutschlands, oder auch in London oder Paris betrachten. Das neue — nein, nicht immer das neue — sondern das wunderbare, abenteuerliche, scheußliche, selbst das infame, erregt überall seine Aufmerksamkeit. Der Pöbel, wenn ein Bösewicht von dem Scharfrichterknecht den Staubbesen bekömmt, läuft zusammen, um dem Spektakel zuzusehen; wenn ein nichtswerter Mensch einen ehrlichen Mann, der durch Stand oder Ansehen hervorsticht, öffentlich zu misshandeln unternimmt, so findet der Pöbel eine zwiefache Begierde, einer infamen Handlung beizuwohnen. Man hört seine tadelnde Stimme, auch aus dem Munde des gemeinsten Mannes das Urteil: das ist infam! und doch wendet er seine Augen nicht weg.

Wenn der Pöbel Geisten und Gespenstergeschichten erzählen hört, ist er gewöhnlich aufmerksamer als bei Wahrheiten, weil diese nur einfach, jene aber auf abenteuerliche Art vorgetragen werden. Das alles ist sehr natürlich, und daher auch leicht zu erklären, dass eine solche Geschichte, bei unsern Mitbürgern vorgefallen, und von diesen erzählt, besondere Sensation erregen müsse. Der gebildete, oder ich will ihn hier den aufgeklärten Mann nennen, hört dergleichen Erzählungen auch an, und wird sie nie ganz von sich weisen; aber in andrer Absicht. Er bezweifelt deren Wahrheit gleich vom Anfange; aber er wünscht zum Wohl seiner Mitbürger, den Ungrund einer solchen Fabelei aufgedeckt zu sehen, daher kann man aus der Begierde, sich von dergleichen Geschichte zu unterrichten, nicht den Schluss machen, als ob diese geneigt wären, solcher Glauben beizumessen.

So erkläre ich mir wenigstens die Neugierde der gebildeten Volksklasse in Hamburg bei gegenwärtiger Gespenstergeschichte, und unbillig wäre es, selbst diejenigen, die in gedachtes Haus gingen, um sich von dem Vorfall zu unterrichten, darüber tadeln zu wollen.

Eine solche Neugierde ist lobenswert, so wie auch die Bemühung der Obrigkeit, durch genaue Untersuchung auf den Grund eines solchen Gerüchtes zu kommen, weil hiervon nicht nur die Bildung des Volkscharakters auf die künftige Generation Einfluss hat, sondern auch der Ruf im Auslande. Es kann und darf der Obrigkeit nicht gleichgültig sein, wie Fremde z. B. über die Bildung und den Charakter ihrer Mitbürger urteilen.

Ohne der Obrigkeit in diesem Punkte vorgreifen zu wollen, glaube ich, bei dieser Gelegenheit über den Gang einer solchen Untersuchung etwas bemerken zu müssen. Sie hat freilich einige Schwierigkeit, besonders weil man mit einer Klasse von Menschen zu tun hat, die an Vorurteilen kleben, aber ich denke, man könne eine dergleichen Untersuchung auch ziemlich einfach einrichten.

Es versteht sich von selbst, dass zuerst die Frage sein muss: ob die Geisterseherinnen den freien Gebrauch ihrer Sinne haben, ob ihr Blut gehörig zirkuliere, oder ob ihre Gehirnsiebern vielleicht schon gänzlich zerrüttet sind? Im ersteren Falle könnte vielleicht mit Aderlass oder abführenden Mitteln der Geist auf einmal gebannt werden, und im letztern Fall wäre es am ratsamsten, die Geisterseherinnen nach dem Irrhause zu führen.

Finden diese Falle nicht statt, so fällt es freilich oft dem Richter schwer, genau zu erforschen, was bei Erzählung dergleichen Geschichten eigentlich zum Grunde liege; aber einem scharfsinnigen Inquisitor wird dem ungeachtet durch Zusammenhalten der Umstände, Vergleichung der Aussagen und dergl. die Auflösung des Rätsels schwerlich entgehen.

Wenn z. B. wie im gegenwärtigen Fall, das Haus genau untersucht würde, ob Nicht irgend ein geheimer Schlupfwinkel, oder verborgene Türe zu finden sei, wenn außer der Wache einige verständige Personen sich hier aufhielten, gerade an den Orten, wo vorgeblich die Geistererscheinung vor sich geht, sich täglich ablößten, und einander ihre Bemerkungen mitteilten, so wäre vielleicht auf den Grund zu kommen. Ist dieses nicht, und der Geist so eigensinnig, nur den Damen allein erscheinen zu wollen, so dürfte solches, wenn es bekannt wird, schon bei einem großen Teil des Publikums die Glaubwürdigkeit der Geschichte mindern, wenigstens wissen die Verstände gen so viel, dass hier irgend ein Betrug zum Grunde liegen müsse.

Der Betrügereien gibt es bei dergleichen Gelegenheiten gar mancherlei. Entweder Liebes- oder Diebsgeschichten sind die Veranlassung, oder auch eigennützige Absichten; denn man weiß nur zu gut, dass beim Verkauf oder Vermieten eines Hauses, dergleichen Gespenster- und Poltergeschichten zuweilen die Preise heruntersetzen, und nicht selten gaben solche Projekte zu Visionen dieser Art und zum Nachteil des Hausbesitzers Anlass.

Ob nicht die Poltergeister des Hopfenmarktes schlau genug sind, auch der obrigkeitlichen Untersuchung entschlüpfen zu können, steht gegenwärtig zu ermatten. Sei wie es sei, so ist diese Gespenstergeschichte nicht vermögend, das Licht der Aufklärung zu verdunkeln, das, Dank sei es dem Genius des achtzehnten Jahrhunderts, ziemlich helle auch in der guten Stadt Hamburg leuchtet, wenigstens was den Aberglauben betrifft. —

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Hamburg und Altona - Band 2 Heft 4