Domzeit, Weihnachten, Neujahr

Ich weiß nicht, ob alle Menschen so empfinden wie ich, oder ob es die Folge eines eigentümlichen und ganz besonderen Baues meines innern Körpers ist, (mein Äußerer Körper ist wie der Körper aller anderen Menschenkinder geformt dass ich die Doms- und Weihnachtszeit für die fröhlichste und erfreulichste im ganzen menschlichen Leben halte. Ehemals glaubte ich, dass dies eine natürliche und bei allen Menschen gewöhnliche Folge der süßen Rückerinnerung an die selige Periode der Kindheit wäre. Allein gewisse Nachrichten, die ich seitdem von dem berühmten Fuß- und Spaziergänger, Baron Grotthaus im Hamburgischen unparteiischen Korrespondenten gelesen habe, machen mich in meinem System von Gedanken und Empfindungen ganz und gar irre. Man denke sich nur! Dieser weltbekannte Fußreisende ist seziert, und zum Erstauen aller kuriosen Anatomiker und Psychologen waren die Lage und der Bau seiner Intestina, besonders seines Gehirns, seiner Lunge und Leber, seines Herzens und seines Mastdarms so, dass sie durchaus einen determinierten Fußgänger und politischen Abenteurer effektuieren mussten. Sogar, dass er den weltbekannten Paoli, auf der Insel Korsika, den Klauen seiner unzähligen Feinde entriss und glücklich nach England entführte, war eine notwendige Folge der Verschlingung seiner Eingeweide. Wie nun, wenn meine respektabeln Intestina so wunderbar verschlungen und verknüpft sind, dass ich mich durchaus in der Domszeit freuen muss, wie darf ich denn dieses individuelle Gefühl irgend einem andern Menschen, der doch auch eine eigentümliche Verkettung seiner Eingeweide haben muss, zuschreiben? Doch weg mit allen anatomis-chemisch-psychologischen Untersuchungen! Die Erfahrung lehrt, dass sie eben so trügerisch sind, eben so vorgefasste Meinungen bestätigen sollen, als die festgeglaubten Erfahrungen der Geisterseher und Hyperphysiker. Ich will es nun einmal annehmen, dass der größte Teil der Menschen eben das Eingeweidesystem, eben die Empfindungen von Leid und Freude haben, wie ich, und sich folglich in der Dom- und Weihnachtszeit aller seligen Gefühle des Rosenmondes ihres Lebens jederzeit recht lebhaft erinnern. Sollte ich mich irren: so wäre mein Irrtum verzeihlich. Denn alle Irrtümer entstehen ebenfalls aus der bersonderen Lage unserer Eingeweide.

Die Domszeit, in der übrigen Christenheit, Weihnachtsmarkt, Christmarkt, Christmesse etc. genannt, gibt Gelegenheit, den Augen unseres Körpers und unserer Seele solche Gegenstände darzustellen, an welchen wir ehemals selige Begriffe von Genuss und von Lebensfreuden knüpften. Da sehen wir die Peitsche, das Steckenpferd, den Wagen, das Schaukelpferd, die Puppe, den Garten, die braunen Kuchen, die Konditon-Waren, welche ehemals der Weihnachtsmann, oder der kleine Geist, unter dem Schimmer unzählicher Lichter uns entweder zur Belohnung unseres Wohlverhaltens oder zur Aufmunterung zum Fleiße durch unsere Eltern ausgestellt hatte, und wodurch er uns den traurigen Dezembermonat selbst erheiterte. Die ungeteilte, unschuldige, kindische Freude, welche wir darüber hatten; die seligen Empfindungen, welche daraus für uns entsprangen, wenn wir von dem Überflusse reichlicher Gaben ärmeren Kindern mitteilten; die süße Hoffnung, welche uns wenigstens einen Monat vorher mit ihrem Rosenmunde beseligte; der liebevolle Blick unserer Eltern bei Darreichung ihrer Geschenke und Gaben; das unaussprechliche Gefühl der kindlichen Dankbarkeit und Ehrfurcht, das Alles schwebt in der Domzeit unserer Seele vorüber und lässt uns noch einmal frohe unschuldige Kinder in träumender Rückerinnerung sein.
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Und wahrlich! das herrliche Fest des Doms und der Weihnachten, hätte auf keine bessere Zeit verlegt werden können, als auf den Dezember, der sein Angesicht nur gar zu oft in Schnee, Regen, Wolken und Finsternis hült; der uns in die dumpfe Stube bannt und alles Leben in der Natur für einige Zeit suspendiert hat. Wenn die gute Mutter Natur ihre Freuden zurückhält, so sucht der Mensch aus seinem Herzen zu schöpfen und ist mehr als je geneigt, Freude zu geben und Freude zu nehmen.

Wie aber dieses Freuden- und Jubelfest wohl entstanden sein mag? Die Geschichte lehrt uns, dass die Christen es statt eines römisch-heidnischen Festes, der Saturnalien, eingeführt haben, eines so schönen, menschlichen Festes, dass man es hätte annehmen müssen, wenn seine Erfinder auch Kanibalen und Menschenfresser gewesen wären. Bei den Römern sowohl als bei allen übrigen uns bekannten Völkern des Altertums herrschten so wie jetzt noch bei den Völkern der übrigen Erdteile Sklaverei und Leibeigenschaft. Das Schicksal der Sklaven, dieser zahlreichen Menschenklasse, die man um ihre Rechte und Freiheiten betrog, war sehr verschieden, je nachdem sie gute oder tyrannische Herren, oder sie selbst Fähigkeiten, Talente und Kunstfertigkeiten besaßen; hing aber unter allen Umständen von der Willkühr ihrer Despoten ab. Ihre Lage war im Ganzen genommen traurig und entehrend für die Menschheit. Die fromme Mythologie oder Götterlehre nahm sich dieser Unglüklichen an, und suchte ihr Schiksal durch eine schöne Fiktion zu mildern. Saturn, so erzahlt die heilige Sage, war König von Kreta (jetzt Candia), und machte sich als solcher durch Grausamkeit, besonders gegen seine eignen Kinder, berüchtigt. Seine drei rüstigen und regierungssüchtigen Söhne, Jupiter, Neptun und Pluto, nahmen daher Gelegenheit, sich gegen ihren Vater zu empören, verjagten ihn ohne Umstände aus dem Reiche, und teilten die Beute unter sich. Saturn entfloh nach Latium in Italien, wurde von dem Könige dieses Landes Janus gastfreundschaftlich und in der Folge der Zeit sogar zum Mitregenten aufgenommen. Der alte Saturn wusste nun aus Erfahrung, dass Grausamkeit und Tyrannei durchaus die unrechten Mittel sind, sich beliebt zu machen, und schlug einen ganz andern Weg ein. Milde, Menschenliebe, und ein rastloser Eifer, alle lebenden und empfindenden Wesen zu beglücken, bezeichneten seine Schritte, und Janus, ein sanfter, friedlicher Menschenfreund, unterstützte ihn so sehr, dass unter ihrer beiderseitigen Regierung das goldene Zeitalter entstand; jenes selige und nur einmal da gewesene Zeitalter, in welchem sich alle Menschen gleich waren; in welchem man keine Gesetze, keine Richter, keine Advokaten, keine Ärzte, keine Priester und keine Krieger hatte. In dieser goldenen Zeit kannte man die Begriffe von mein und dein nicht; der Erdboden war ein gemeinschaftliches Gut, wie Wasser, Luft und Sonnenschein; jeder begnügte sich mit den freiwilligen Erzengnissen der Natur; Wurzeln, Kräuter und Baumfrüchte stillten den Hunger; Honig, welcher aus der hohen Eiche träufelte, war das Konfekt der Genügsamen. Wider Frost und Kälte schüzten entweder ein milder Himmel oder Tierhäute, welche man den vor Alter gestorbenen Tieren abzog. Das Bette der Menschen war die beblümte weite Erde, und ihre Dekke der reine, blaue Himmel. Die Ehen schlossen nicht alte Basen und volle Geldsäcke, sondern die Forderungen der infallibeln, nie irrenden Natur. Die Götter wandelten sichtbar unter den Menschen; Treue, Gerechtigkeit, Liebe und Frieden, diese Lieblingskinder des Himmels, hatten ein Band um die Menschen geschlungen, welches sie fest verkettete, und welches dem Fatum selbst unauflöslich zu sein schien.
(Der Beschluss folgt.)

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Hamburg und Altona - Band 2 Heft 4