Hamburg nach dem Brande

Der Große Brand zu Himmelfahrt 1842 – St. Petri, St. Nicolai und die Gertrudenkirche
Autor: anonym aus: Die Grenzboten: Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, Erscheinungsjahr: 1842
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hamburg, Großer Brand 1842, Himmelfahrt, St. Nicolai, St. Petrie, Gertrudenkirche, Stadtbrand
Die schreckliche Katastrophe hat ihre endliche Größe erreicht; das Feuer welches am Himmelfahrtsmorgen um l Uhr nach Mitternacht begann, hatte sich am vierten Tage, Sonntags Nachmittags selbst übersättigt, als habe es einen Gräuel an sich selbst. Erwarten Sie keine genaue, ausführliche Schilderung; sie zu geben, dazu gehört mehr Ruhe und Phlegma, als man in diesen Augenblicken besitzen darf. Ich hebe Ihnen einzelne Momente aus dieser großen Kalamität hervor, aus denen Sie sich ein Ganzes zusammensetzen mögen.
    Die rauchenden Kirchen
Aus der Trümmerwelt, die wie ein ungeheures Dreieck mitten aus der Stadt heruntergeschnitten ist, heben sich zwei Ruinen, gegen die alle übrigen zu verschwinden scheinen. Es sind die Brandmauern der beiden schönen Türme und Kirchen St. Petri und St. Nicolai. Die Häuser werden wieder aufgebaut und ausgebessert, die Speicher wieder gefüllt werden; aber diese Ruinen werden bleiben was sie geworden sind, während der Schreckenstage; zu der Höhe, die sie vor ihrem Sturz einnahmen, reicht weder Kraft noch Mittel, weder Glaube noch Wille; der moralische Einfluss, welcher dem Falk dieser beiden schönen Monumente folgte, war tief ergreifend und allgemein. Das Volk murmelte von einem Gottesgericht und die Reichen dachten an Sodom und Gomorrha. Was sollte man noch retten nach solchem Verlust? Da hatte der Plunder keinen Wert mehr, und Viele verließen das Dach ihrer Väter, ohne Anderes mitzunehmen, als das Allernotwendigste; allgemeines Zagen herrschte, die Männer betäubten sich durch berauschende Getränke, die Frauen hörten auf zu weinen. Mit Höllenangst waren Aller Augen auf den Moment des Einstürzens gerichtet. Der Nicolaiturm geriet zuerst in Brand, der offne Glockenstuhl bot der steigenden Glut eine unheilvolle Blöße dar, zwischen dem ausgedorrten Gebälk desselben nistete sich die rote Flamme an, und spielte mit den großen und kleinen Glocken, die teils in Schwingung geraten, teils im Schmelzen begriffen, eine Melodie anstimmten, bei der selbst der roheste, gefühlloseste Mensch sich des Jammers nicht erwehren konnte. Es war am hellen Tage, aber schauerlicher wie in einer nächtlichen feuerspeienden Bergschlucht; die Maisonne und der Himmelfahrtstag lächelten dazu. Als die Riesenständer der Säulenlaube einknickten und die schwere Kuppel zusammenstürzte, begleitete eine allgemeine Wehklage den donnernden Fall. Die Spitze warf sich krachend westlich in die Straßen und auf die Kirche selbst, und die himmelhohe Flamme setzte jetzt einen schwankenden Glutturm auf den Glockenstuhl und äffte dem geblendeten Auge einen schönen goldenen Bau vor, dass man glaubte, Alles sei Traum, nichts als Traum; gleich einem Krater spie der offene, Schlund des Turms einen Feuerregen gen Himmel; die Funken, wie Millionen Raketen, wirbelten mit dem roten Dampf wolkenhoch und flogen dann aus dem glühenden Rauch hervor, und trieben ein wunderbar liebliches Spiel auf dem nächtlichen blauen Himmel, an dem die Sterne nur durch ihre Unbeweglichkeit von diesen kostbaren Funken zu unterscheiden waren. Das dauerte die ganze Nacht hindurch; schauerlich nickten die Flammen aus den hohen gotischen Öffnungen der Brandmauer, und durch die offnen Fensterwölbungen sah man sie ein geheimnisvoll grausig Spiel treiben; die abgerissene Kupferbekleidung hing wie die zerfetzte Haut eines geschundenen Riesen über die Brüstung der Brandmauer, und hob und senkte sich im Winde. Hoch über der spielenden Dampf, und Funkenflut schwebte es silberweiß, und das scharfe Auge erkannte an der regelmäßigen kreisförmigen Bewegung und der keilförmigen Zusammenstellung — die Tauben, die sich zu Hunderten gesammelt eine Höhe erflattert, zu der sie sich zuvor wohl nie verstiegen hatten. Es lag etwas unaussprechlich Rührendes im Anblick dieser zusammengescharten friedlichen Geschöpfe, die nun zu nächtlichen Zugvögeln geworden, ihren Freunden, den Menschen ein schmerzlich Lebewohl brachten. Manche von ihnen sah man matt werden und sich nach und nach senkend in die Glut stürzen. Auch die Bewohner des Turmes, Habichte und Fledermäuse umkreisten in raschen großen Zügen die brennende Heimat, und mehrten das Grauen dieser nächtlichen Szene. Das glühende Metall sprühte von Zeit zu Zeit über den Rand der Brandmauer, und oxydierte sich in der frischen Luft. Es war ein herzbrechendes aber ein großartiges tragisch, schönes Phänomen. — Auch der Petriturm fing am Tage Feuer; nachdem Alles aufgeboten, ihn zu retten, musste er gleiches Schicksal teilen. Die Momente, welche seinen Sturz begleiteten, waren minder malerisch, aber nicht minder traurig. Man war längst auf die Wahrscheinlichkeit seines Brandes vorbereitet, und als der blaue Dampf zwischen der halbverkalkten Kupferbekleidung hervorzüngelte, und bald darauf die Lohe herausschlug, erschrak man nicht, sondern stand still und dachte an die Trauerszene, die sich jetzt verbreitete, oder setzte sich auch wohl weinend an die dunkele Alster und faltete unwillkürlich die Hände. Der Wind wehte heftig, und der Verlauf der Zeit bei den Petribrande war rascher; etwa eine und eine halbe Stunde durfte sich das Auge der traurigsten Augenweide rühmen und den Baumeister bewundern, dessen hohe Kunst in der wundervollen Verzweigung der Balken sichtbar geworden. Nachdem der Turm sein Inneres bei der doppelten Beleuchtung der Sonne und der Flammen den Blicken preisgegeben, sank die hohe, zierliche, schlanke Spitze in sich selbst zusammen und neigte sich dann nordwestlich über gesprengte und eingeäscherte Straßen und Häuser. Durch den dicken Dampf leckten die Riesenflammen aus den Kirchenfenstern und dem hohen Kirchendach, nach dem furchtbaren Gekrache trat eine kleine Pause ein, und dann wälzte sich wieder der Donner der Kanonen, mit denen gesprengt wurde, und das dumpfe Krachen der Minen über die Alster. Noch eine dritte Kirche ward ein Opfer dieses ungeheuren Brandes, die Gertrudenkirche; kleiner und unbedeutender, denn ihre beiden Schwestern, glich ihr Sturz dem Todesseufzer der letzten Sterbenden. Lässt man jetzt den Blick über die ungeheure Brandstätte schweifen, so sucht man die beiden Ruinen in ihrer ganzen Kläglichkeit und Trauer die Trümmer überragen, und unwillkürlich weilt das Auge am längsten auf diesen Resten vergangner Größe, als dem schwersten unersetzlichsten Verlust, als dem beklagenswertesten Moment in dem ganzen großen Drama. Ich werde fortfahren, Ihnen über Hamburgs Trauertage zu schreiben und an diese Schilderung andere anzureihen; lassen Sie mich nicht länger hinausschieben, was vor Allem Not tut zu erwähnen. Hier muss geholfen werden; Deutschland wird sich nicht zu schämen brauchen, wenn es den Kölner Dom dennoch nicht vollendet, wenn es, anstatt ein Monument aufzubauen, dem gleiches Schicksal, wie St. Petri und St. Nicolai in Hamburg, zu Teil werden kann, — seine Gaben den Tausenden zu Gute kommen lässt, die mit diesem Brande dem Elende preisgegeben sind. Hamburg hat bei jeder Gelegenheit Beweise der größten Milde, des wahren Christentums gegeben, und stand von jeher an der Spitze, da wo es sich um Unterstützung handelte. Jetzt ist die Stunde gekommen, da es der Hilfe selbst bedarf. Möge das ganze Vaterland helfen. —

Aus: Die Grenzboten: Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, Band 2. 1842
Blick auf Hamburg - Unterelbe

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