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Das Rathaus von 1814 bis zum Brand von 1842

Nach der Befreiung von der französischen Herrschaft ward das Rathaus seiner alten Bestimmung wiedergegeben, und am 27. Mai 1814 der erste Rat- und Bürger-Konvent in demselben gehalten, worin die Herstellung der alten Verfassung und die Gültigkeit der alten Gesetze beschlossen wurde. Die Räume des Hauses erhielten teils in Folge der Umänderungen, teils, um den gesteigerten Ansprüchen zu genügen, andere Bestimmungen. Von den beiden Zimmern an der Fronte des großen Rathauses wurde das erste Kommissionszimmer und diente bei den Bürgerschaften zur Mundierung der Bürgerschlüsse, das andere wurde Eintrittszimmer für die Bürgermeister. Das große Zimmer der ehemaligen Schreiberei erhielt die Schulden-Administration, das kleinere wurde Kommissionszimmer. Die beiden Zimmer des ehemaligen Weinbodens bekam die Schreiberei, zu der man über die Gallerte gelangte. Der Kanzlei wurden die beiden vorderen Zimmer auf der ehemaligen Laube zugewiesen. Jm neuen Rathause waren die Ratsstube, die Registratur und das Oberaltenzimmer ihrer früheren Bestimmung zurückgegeben, dagegen ward der 180ger-Saal zugleich dem Obergericht überwiesen, welches außerdem die ehemalige Landstube und das Zimmer der früheren Admiralität als Kanzlei erhielt. Die ehemalige Herrenzollstube ward Landstube. Das Zimmer der nach dem Stadthause verlegten Feuerkasse diente zu den Versammlungen der Sechsziger. Da dem Niedergericht im Eimbeckschen Hause die nötigen Lokalitäten angewiesen waren, so konnten die von demselben früher benutzten Zimmer der Kämmerei eingeräumt werden. Die Wache kam wieder ins Gebäude hinein. Jm obern Stockwerk wurden zwei Zimmer, eins für den Weddeschreiber, das andere für den Kämmereischreiber und die Wohnung des Rathausschließers hergestellt. Bei den Bürgerkonventen versammelten sich das St. Petri Kirchspiel im Sechszigersaal, das St. Nicolai im Gehege, das St. Katharinen im Weddecomptoir, das St. Jakobi in der Kämmereischreiberei und das St. Michaelis im Saale des Obergerichts. — Das Stadtwappen ward erst später an den Portalen wieder angebracht, und zwar am 16. September 1815 an der großen Rathaustüre, am 18. November am neuen Rathause und am 3. September 1819 am Archiv.

Seit zweihundert Jahren hatte man das Rathaus nach und nach vergrößert und sich veranlasst gesehen, um den immer wachsenden Ansprüchen der sich mehr und mehr ausbildenden Verwaltungen zu genügen, einzelne in andere Gebäude zu verlegen, wie das Niedergericht und die Zoll- und Accise-Comptoire in das Eimbecksche Haus. Obgleich im Jahre 1814 Rücksicht auf vergrößerte Räumlichkeiten genommen war, so genügte der vorhandene Raum bald nicht mehr. Zunächst erbaute die Bank sich 1825 und 1826 ein neues massives Haus am Neß, nach dem Plane des Architekten J. H. Ludolf, und bezog es 1827. Der unter dem früher daselbst stehenden Hause führende Durchgang zur Bäckerstraße wurde bei dieser Gelegenheit mehr nach dem Neß verlegt, und über das Fleet die erste eiserne Lausbrücke in Straßenhöhe aufgestellt. Im Rathause wurden durch die Verlegung aber nur die beiden hintern Zimmer frei, welche zu einem Sitzungszimmer für das Obergericht und einem Arbeitszimmer für den Archivar umgebaut wurden. Das bisher vom Obergericht benutzte Zimmer über der Ratsstube erhielt das Landhypothekenwesen, die Landstube dafür die Wedde. Ersteres diente außerdem, wie früher, zur Versammlung der 180ger und des St. Michaelis Kirchspiels. — Um weiteren Platz zu erlangen ward 1829 ein eignes Wachtgebäude aus der Trostbrücke erbaut, dem einige kleine Buden weichen mussten, und dem Rathausschließer wurde ein Haus in der großen Bäckerstraße neben dem Archiv zur Wohnung angewiesen. Die alten Räumlichkeiten der Wache erhielt die Kämmerei zur Vergrößerung, die einschließlich des herunterverlegten Kämmereischreiber-Zimmers jetzt über sieben Zimmer verfügte. Das obere Stockwerk ward für die Steuerbüreaux eingerichtet. doch blieben zwei Zimmer zur Benutzung der Kirchspiele St. Katharinen und St. Jakobi während der Bürgerconvente. Die genaue Einteilung zeigt unsere Tafel V, die äußere Ansicht des Gebäudes nach den Umbauten Tafel VI. Noch muss hier erwähnt werden, dass nachdem das Deichtor 1828 abgebrochen war, die alte an demselben befindliche Inschrift: Libertatem, quam peperere majores, digne studeat conservare posteritas, welche schon früher an dem alten Millerntor (an der Ellerntorsbrücke) eingehauen gewesen war, in großen erhabenen Metallbuchstaben unter der Uhr im Gehege angebracht wurde. Das Gehege selbst bestand aus einer niedrigen Ballustrade, welche den etwas erhöhten Raum umgab.


Das Rathaus, dessen ältester Teil während mehr als 500 Jahren Zeuge der mannigfachsten Vorgänge gewesen, in dessen Räumen lange Zeit hindurch das Wohl der Stadt beraten war, sollte, obgleich vom Zahn der Zeit stark angegriffen, nicht durch Menschenhände von der Erde verschwinden. Der am 5. Mai 1842 früh Morgens in der Deichstraße entstandene große Brand näherte sich gegen Mitternacht unaufhaltsam der Trostbrücke. Schon zeitig waren die Hypothekenbücher, die Gelder und Papiere der Kammer und anderer Behörden in Sicherheit gebracht und ein großer Teil des Archivs in die große St. Michaeliskirche geschafft. Die Sprengungen einiger Häuser in der Nähe der Trostbrücke halfen nichts, die Rettung des Rathauses schien unausführbar, und die Sprengung desselben wurde für nötig erklärt, um die Umgegend zu schützen. Gegen 2 1/2 Uhr Nachts verließen die anwesenden Mitglieder des Senats das Haus, um sich nach dem Stadthause zu begeben. Bald darauf wurden 800 lb Pulver in die Kämmerei geschafft und das ganze ehemalige Niedergericht durch die Explosion zertrümmert. Eine weitere Sprengung sollte das alte Rathaus niederwerfen, aber die 350 lb Pulver, welche zwischen den Säulen des Geheges entzündet wurden, rissen durch zwei kleine auf einander folgende Explosionen nur ein Loch in das Dach, ohne die alten Mauern zu beschädigen. Das Feuer ergriff nun das Rathaus, der Turm fiel vom Flugfeuer entzündet, brennend herab und setzte das Archiv in Brand, und um Mittag des 6. Mai standen nur noch die Mauern des Rathauses und der Bank.

Der Platz des alten Rathauses ward, nachdem der größere Teil des neuen Rathauses für die neue Straße bei der Börsenbrücke in Anspruch genommen und die Grenze nach den Wasserseiten erweitert war, der patriotischen Gesellschaft überwiesen, um daselbst ihr Gesellschaftshaus zu erbauen. Ursprünglich zu ganz andern Zwecken bestimmt, fügte es merkwürdiger Weise das Schicksal, dass in diesem Hause auf demselben Platze, wo die alte Verfassung vereinbart wurde, in den Jahren 1848 bis 1850 die konstituierende Versammlung tagte, welche eine neue Verfassung beriet, und dass seit Dezember 1859 die neue Bürgerschaft daselbst die neue Verfassung feststellte und noch jetzt ihre regelmäßigen Sitzungen hält.

Nach dem Brande mußte zunächst provisorisch ein Unterkommen für die Behörden geschafft werden, welche bisher im Rathause und zum Teil im Eimbeckschen Hause ihre Lokalitäten gehabt hatten. Man wählte dazu das Waisenhaus in der Admiralitätsstraße, welches die Waisenkinder verließen und dafür die Wirtschaftsgebäude in Harvestehude bezogen. In dem provisorischen Rathause, welches der Staat im Jahre 1850 ganz übernahm, wurden untergebracht: der Senat, die Senatskanzelei, das Archiv, die bürgerlichen Kollegien, die Kämmerei, die Schulden-Administration, die Büreaux der Steuer-, Zoll- und Accise-Behörden, das Ober-, Nieder- und Handelsgericht, die Schreiberei, die Landstube, die Vormundschafts-Behörde, das Zehnten-Amt und die Wedde, und im Nebengebäude an der Schaarsteinwegsbrücke die Bewaffnungs-Kommission und die Schifffahrt- und Hafen-Deputation. In der Kirche, welche anfänglich noch vom Waisenhause und der St. Nicolai Gemeinde zum Gottesdienst benutzt wurde, hielt die erbgesessene Bürgerschaft vom 16. Juni 1842 bis zum 1. Dezember 1859 ihre Sitzungen. Bald reichten auch hier, wie im alten Rathause, die Räume nicht mehr aus, die überdies von Anfang an nur spärlich zugemessen waren. Zunächst wurde im Jahre 1856 eine Ratsstube angebaut, und nachdem ein eigenes Verwaltungsgebäude an der Bleichenbrücke eingerichtet war, räumten eine Menge Behörden das Rathaus, um dem Senat, der Finanz-Deputation und den Gerichten das Gebäude allein zu überlassen.

Obgleich schon in dem Plane zum Wiederaufbau des vom großen Brande zerstörten Teils der Stadt ein geräumiger Platz hinter der Börse für ein neues Rathaus bestimmt, der Grund unausgefüllt und dem vor demselben angelegten Platz der Name Rathausmarkt gegeben war, auch im Jahre 1854 eine Konkurrenz zur Lieferung von Plänen ausgeschrieben und drei derselben prämiirt waren, so unterblieb der Bau doch aus mehrfachen Rücksichten. Hoffentlich entsieht aber in nicht zu ferner Zeit ein neues Rathaus, welches der großen Stadt zur würdigen Zierde gereichen und ebenso lange seiner Bestimmung dienen möge, als das alte Haus an der Trostbrücke es seiner Zeit getan hat.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Geschichte des Hamburger Rathauses