Erster Abschnitt. - „Niemand liebt seine Freunde inniger als ich, mein Leben gäbe ich willig für sie hin, aber Unmöglichkeiten darf mir niemand zumuten.“ ...

„Niemand liebt seine Freunde inniger als ich, mein Leben gäbe ich willig für sie hin, aber Unmöglichkeiten darf mir niemand zumuten.“ Mit diesen Worten verließ Gräfin Eugenia ziemlich erhitzt den Salon der Gräfin Rosenberg, in welchem die Hauptprobe einer für den folgenden Abend bestimmten Darstellung von Tableaux soeben gehalten ward, und rauschte mit einer leichten Verbeugung an der eintretenden Aurelia vorüber. Flammend vor Zorn blieb die Gräfin Rosenberg auf ihrem königlichen Throne sitzen. Ein reichgestickter Baldachin erhob sich über ihrem Haupte, ein Purpurmantel umwallte in weiten Falten ihre majestätische Gestalt, in ihrem schwarzen Haare funkelte ein Diadem von Brillanten und ihre Hand hielt das goldne Zepter. Vor ihr stand ein mit reichen Teppichen und Prachtvasen geschmückter Tisch, um sie her waren mehrere Herren und Damen in altrömischer und ägyptischer Kleidung eifrig, aber fruchtlos bemüht, sie zu beruhigen. Die Szene ging in einer alkovenartigen, von einem großen goldnen Rahmen umfaßten Vertiefung der Zimmerwand vor, gerade der Türe gegenüber, verborgne Lampen gossen einen magischen Strom von Licht über sie aus, im Zimmer selbst herrschte tiefe Dämmerung, doch verriet ein leises Flüstern und Rauschen die Gegenwart mehrerer Personen.

Sprachlos vor Erstaunen über das ihr unbegreifliche, plötzlich hereingebrochne Unheil, blieb Aurelia, die Tochter der Gräfin, in der eben geöffneten Türe stehen; hinter ihr schmiegte sich furchtsam die sechzehnjährige Gabriele, welche in diesem Moment aus der tiefsten Einsamkeit eines alten Bergschlosses angelangt war, um einige Monate im Hause ihrer Tante zuzubringen. Aurelia, ihre Cousine, hatte sie mit der Versicherung empfangen, daß sie zum Glücke heute ganz unter sich wären; und nun stand sie da, einen freundlichen Empfang erwartend, und wußte bei dem wunderbaren Anblick, der sich ihr darbot, nicht, ob sie wache oder träume.


„Tue mir die Liebe“, rief die Gräfin Aurelien entgegen, sowie sie ihrer ansichtig ward, „tue mir die einzige Liebe und werde morgen krank, bleib den ganzen Tag im Bette; ich lasse früh alles absagen, mit der Feier deines Geburtstages ist es vorbei, wir haben weder Konzert, noch Ball, noch Tableaux; Eugeniens prätentiöser Eigensinn vernichtet alles. Mit ihrer winzigkleinen Figur besteht sie darauf, an meiner Stelle die Kleopatra vorzustellen und, da ich ihr beweise, wie unmöglich dies sei und ihr die Rolle der Dienerin, welche das Schmuckkästchen trägt, zuteile, eilt sie davon und derangiert mir den ganzen Plan.“ – „Könnten wir nicht die Dienerin ganz weglassen?“ stammelte furchtsam ein junger Mann in römischer Tracht, welcher wahrscheinlich den Antonius vorstellte. „Unmöglich“, erwiderte Kleopatra, „wo soll ich die köstliche Perle hernehmen, wenn das Schmuckkästchen fehlt? Und überdies ist die Figur zur Gruppierung des Ganzen unentbehrlich. Es ist vorbei!“ fuhr sie fort, indem sie sich in höchst unmutiger Stellung auf ihrem Throne zurückwarf: „Eugenia macht heute abend und morgen früh gewiß noch fünfzig Visiten, um ihren Triumph zu sichern. Keine Dame wird an die Stelle treten, welche sie verschmähte, und alle Welt ist doch schon von der Darstellung unsrer morgenden Tableaux voll. Um sie zu sehen, beschleunigt Ottokar seine Zurückkunft von der Reise, er trifft morgen ein, und nun ist alles zerstört! Ich könnte vor Verdruß weinen“, setzte sie hinzu, das Gesicht in beide Hände verbergend.

Aurelia benutzte diese Pause in der heftigen Rede ihrer Mutter, um Gabrielens Ankunft zu melden. „Laß die Cousine von Aarheim an Eugeniens Stelle treten“, riet sie, indem sie das bange Kind hinter sich hervorzog und vor den Rahmen hinstellte. „Die Kleine?“ fragte die Gräfin, sich emporrichtend und Gabrielen von oben bis unten mit prüfendem Blicke betrachtend. „Nun“, fuhr sie fort, „stehen wird sie ja können; nötigenfalls stellen wir sie auf eine Erhöhung. Willkommen, liebes Kind!“ Mit diesen Worten zog sie Gabrielen zu sich in den Rahmen, küßte sie auf die Stirn, gab ihr ein goldnes Kästchen in die Hand, stellte sie in die gehörige Attitüde und schob sie an den von der Gräfin Eugenia verlassenen Platz, indem sie selbst wieder ihren Thron einnahm. Alle andere, zur Gruppe gehörende Personen reihten sich im nämlichen Moment in gebührender Ordnung um sie her.

„Es geht!“ rief hocherfreut die ganze Gesellschaft im Zimmer. „Aber“, setzte lachend Aurelia hinzu, „deliziös sieht es jetzt aus, das blasse Gesicht, die roten Augen und das schwarze Kleid mitten in all der bunten Pracht und Herrlichkeit; doch sei nur getrost, Gabriele, morgen soll es besser werden; Wind und Staub haben dir heut auf der Reise übel mitgespielt, das ist morgen vorüber und ich will dich schon kostümieren.“ Die arme Gabriele, welche bei allen diesen Vorgängen noch kein Wort hatte aufbringen können, flüsterte jetzt, halb nur hörbar und in großer Beklommenheit, die Frage: was sie denn eigentlich morgen tun solle? „Was du heute tust“, war die kurze Antwort, „hier einige Minuten stehen und das Kästchen halten.“ – „In dem tiefen Traueranzug?“ wandte Gabriele zur großen Belustigung der übrigen ein. Kaum konnte Aurelia vor Lachen dazu kommen, ihr zu bedeuten, daß sie morgen ohnehin auf einen Tag die Trauer ablegen müßte.

Gabriele blickte sehr ernst um sich her. „Wie?“ sprach sie, „die Trauer um meine Mutter ablegen, ehe die Zeit verflossen ist, während welcher die Sitte mir erlaubt, dieses Zeichen meines Schmerzes zu tragen? Nein, gnädige Tante! Das befehlen Sie mir nicht“, setzte sie mit fester Stimme hinzu, obgleich dabei zwei große Tränen, die schon lange in ihren dunkeln Augen geschimmert hatten, über ihre jetzt hochrot erglühenden Wangen herabrollten. „Nur zwei Monate sind es, seit meine Mutter begraben ward; wie könnte ich ihr Andenken nur eine Stunde verleugnen! Ich kann es nicht, ich werde es nicht, ich will es nicht“, sprach sie höchst entschieden und hob dabei, dennoch wie flehend, ihre kleinen zarten Händchen empor. Die Gräfin und Aurelia schwiegen eine Weile vor Erstaunen über Gabrielens plötzlichen Mut, ehe sie anfingen, auf das arme Mädchen heftig einzustürmen. Gabriele mußte verstummen, ängstlich blickte sie, wie Beistand suchend, um sich her und erschrak dennoch nicht wenig, als ihr dieser höchst unerwarteterweise zuteil ward.

Aus dem dunkelsten Winkel des Zimmers, dicht neben dem Rahmen, erscholl mitten durch den Streit eine männliche Stimme: „Ich vereinige meine Bitte mit der des jungen Fräuleins; mir dünkt wahrlich, sie hat nicht ganz unrecht.“ – „Ottokar!“ rief Aurelia; „willkommen, so viel früher als wir es erwarteten“, die Gräfin. Aller Zwiespalt ward augenblicklich beseitigt, und die ganze Gesellschaft drängte sich freudig um den unbemerkt Hereingetretenen her. Gabriele taumelte fast in freudiger Überraschung, sie schlug die Augen nicht auf, sie wagte keinen Blick auf ihren Fürsprecher, aber sie wußte dennoch, wer er sei.

Jedermann beeiferte sich nun um die Wette, Eugeniens unverantwortliches Benehmen mit allen seinen entsetzlichen Folgen dem eben Angekommenen auf das weitläufigste auseinanderzusetzen. Er hörte alle gelassen an und schlug dann an der Stelle der Dienerin einen Edelknaben vor, deren er am folgenden Tage wenigstens ein Dutzend zur Auswahl in aller Frühe zu stellen versprach. Dieser Ausweg war niemanden von der Gesellschaft eingefallen, und die Idee ward mit dem allgemeinsten Beifall ergriffen.

Kleopatra verließ beruhigt ihren Königssitz, den ein herabrollender seidner Vorhang verhüllte, Römer und Ägypter begaben sich in die Nebenzimmer, um als moderne Herren und Damen wiederzukehren, die Lichter im Saal wurden angezündet, der Teetisch hereingebracht, und alles ordnete sich in friedlicher Eintracht um ihn her.

Die Gesellschaft bestand größtenteils aus dem engen Ausschusse der Bekannten der Gräfin, aus sogenannten Hausfreunden, die sich an freien Abenden gewöhnlich bei ihr versammelten; das Gespräch wogte rasch und lebendig, nur Gabriele blieb stumm. Niemand achtete sonderlich auf sie, denn ihr erstes auffallendes Erscheinen war über Ottokars unerwarteten Eintritt gänzlich vergessen. Desto mehr Zeit gewann sie, fürs erste Atem zu schöpfen und dann die neue Welt, in die sie versetzt war, zu betrachten. Zum ersten Mal in ihrem Leben befand sie sich unter so vielen, ihr gänzlich fremden Gestalten, und das Gefühl, daß auch sie ihnen fremd sei und es wohl lange noch bleiben würde, machte ihr Herz beklommen. Der Anblick der Gräfin versetzte sie in immer neues Erstaunen, sie erschien ihr um zwanzig Jahre jünger als sie vor wenig Tagen zum ersten Mal im Schloß ihres Vaters sie gesehen hatte, dessen Schwester sie war. Dem mit allen Toilettenkünsten unbekannten Kinde kam diese Verwandlung ganz unbegreiflich vor, ja sie hätte geglaubt, daß es gar nicht die Tante sei, wäre Aurelia nicht zugegen gewesen und hätte sie nicht Mutter genannt. Aurelien betrachtete sie mit dem heißen Wunsch, sogar mit dem Entschlusse, sie zu lieben, und fühlte doch innerlich, daß ihr dies nie gelingen würde. Der scharfe Blick der großen dunkelblauen Augen, das spöttische Lächeln, welches bei jedem Anlaß um die Rosenlippen der schönen Aurelia spielte, vernichtete jede Möglichkeit herzlichen Vertrauens zu ihr.

Endlich wagte Gabriele es auch, den Blick zu Ottokarn zu erheben. Sie konnte es unbemerkt; er stand hinter Aureliens Stuhl im eifrigen Gespräche mit dieser. Seine hohe schlanke Gestalt, die Anmut seiner Bewegungen waren von Gabrielen schon früher als heute bemerkt worden. Sie erkannte ihn jetzt daran; auch die edlen Züge seines Gesichts waren ihr nicht fremd, sie erschienen ihr wie die eines längst Bekannten, obgleich sie sie noch nie deutlich erblickt hatte. Eine Fülle hellbrauner Locken kräuselte sich um seine hochgewölbte Stirn, die blauen, mutig und kühn um sich her blitzenden Augen hatten bei allem Feuer etwas unbeschreiblich Mildes und Freundliches, und die dünnen Lippen des festgeschlossnen Mundes gaben seinem Gesicht einen sehr ernsten, fast wehmütigen Ausdruck, der aber beim Sprechen in ein höchst anmutiges Lächeln verschwebte. Sein ganzes Wesen trug das Gepräge kräftiger, zum Manne herangereifter Jugendblüte. Er schien etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt.

Es tat Gabrielen heimlich weh, daß er sie so gar nicht bemerkte, obgleich sie sich auch freute, ihn ungestört ansehen zu können. Da stimmte er das einseitige Gespräch zum allgemeinen um, und sie konnte nun mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf jedes seiner Worte horchen. Er erzählte von seiner eben beendigten Reise, und seine lebendige Darstellung wußte auch dem Allergewöhnlichsten Leben und Interesse zu geben. Dabei entging es Gabrielen nicht, daß er dem Gespräch absichtlich diese Wendung gab, um nur die ewigen Spötteleien über die abwesende Eugenia zu beenden, und ihr Gefühl wußte es ihm heimlich Dank. Es lag ein eigener, aller Herzen sich bemächtigender Zauber in dem vollen, reinen Klange seiner Stimme. Gabriele horchte so lange auf diesen Ton, daß sie zuletzt nur ihn hörte, wie man einer lieblichen Musik sich hingibt, ohne dabei die Worte des Gesanges zu beachten. Alles andere um sich her vergessend, saß sie da, als ganz unerwartet ein ältlicher Mann, ihr Nachbar am Tische, sie durch eine gleichgültige Frage auf eine unangenehme Weise aus dieser süßen Selbstverlorenheit riß. Erschrocken darüber, fuhr sie zusammen, zerbrach beinah ihre Tasse und stammelte endlich hocherrötend eine Antwort, die niemand verstehen konnte. Die Augen der ganzen Gesellschaft wandten sich plötzlich ihr zu, und die Verlegenheit des armen Mädchens war entsetzlich, sie stieg bis zur qualvollen Pein, als Aurelia nach ihrer schonungslosen Art laut ausrief: „Ich glaube, die Kleine war eingeschlafen: kein Wunder, sie ist müde von der Reise!“ und, indem sie aufstehend ihre Hand ergriff, hinzusetzte: „Komm, Liebchen, ich bringe dich zu deiner Bonne, die wohl auch mit Schmerzen auf dich harrt; die Abschiedsknixe kannst du übrigens sparen“; und damit zog sie das tiefgekränkte Mädchen zur Türe.

Beinahe weinend vor Scham und Zorn über Aureliens unfreundliches Benehmen und ihre eigne Ungeschicklichkeit, langte Gabriele bei der guten Frau Dalling an, der Pflegerin ihrer Kindheit, und vermochte es kaum über sich, ihr die Begebenheiten dieses Abends nur ganz im allgemeinen kundzutun. Alles schwamm in bunter Verworrenheit vor ihrem betäubten Sinn; nur Ottokars Gestalt, seine Stimme, seine Worte waren ihr deutlich in der Erinnerung geblieben. In ihrer jungen Brust gegeneinander ankämpfend, wogten tausend nie zuvor gekannte süße und bittre Empfindungen und machten sie verstummen; Freude über Ottokars Wiederbegegnen, Schmerz, daß er sie gar nicht bemerkte, und dazu das herbe Gefühl des Alleinseins mitten unter fröhlichen Menschen. Noch nie war Gabriele sich selbst so unbedeutend erschienen, nie zuvor hatte sie Demütigung vor Zeugen, Unzufriedenheit mit sich selbst wie heute empfunden, und es gelang ihr nur mit großer Anstrengung, sich zum tröstenden Selbstbewußtsein endlich wieder empor zu ringen und den festen Entschluß zu fassen, äußere Zufälligkeiten nicht höher zu stellen, als deren eigentlicher Standpunkt es fordert. Eine unaussprechliche Sehnsucht nach ihrer Mutter ergriff ihr tief verwundetes Gemüt, wie ein müdes Kind weinte sie sich endlich spät in den Schlaf; aber alle die vielen neuen Gestalten des vergangnen Abends umschwirrten sie noch im ängstlichen Traume, und zwischen ihnen hindurch tönte tröstend Ottokars Stimme, mit der er die Worte sprach: „Ich bitte für das junge Fräulein, es hat wahrlich nicht unrecht!“

Ehe wir Gabrielen auf ihrem fernem Lebenspfade begleiten, wird es nötig sein, den Leser zu ihrer früheren Jugendgeschichte zurückzuführen und ihn mit ihren Eltern bekannt zu machen.

Ihr Vater, Baron Aarheim, war schon im frühen Jünglingsalter unumschränkter Gebieter seiner eignen Taten und eines sehr bedeutenden Vermögens geworden. Er verbrachte seine Jugend teils auf Reisen, teils an Höfen auswärtiger Fürsten und fand überall die Aufnahme, zu welcher Rang, Reichtum und eine ausgezeichnet vorteilhafte Gestalt ihn berechtigten. Durch keinen äußern Zwang zurückgehalten, stürzte er sich in den Strudel des großen Lebens, suchte rastlos alle Genüsse, gab sich ohne Maß und Ziel allen Freuden hin, welche es bietet, bis er, erschöpft und abgestumpft, im reifern Alter des ewig wiederkehrenden Einerleis überdrüssig ward und ihm entsagte, um ernstern Plänen zu folgen. Herrschsucht und Ehrgeiz traten jetzt in seinem Gemüt an die Stelle der Sucht nach ewigem Wechsel des Vergnügens; die Gunst des Fürsten, an dessen Hofe er eben lebte, zeichnete ihn vor allen andern aus und steigerte seinen Wunsch nach dem nächsten Platz neben dem Thron bis zur Leidenschaft, indem sie ihm ein Recht darauf zu geben schien. Anfänglich war es, als ob das Glück sein Streben begünstigen wollte; er erklimmte eine Stufe nach der andern, stieg immer höher und höher; aber das Gelingen machte ihn unvorsichtig, es schläferte seine Wachsamkeit ein, Feinde, die er gar nicht beachtete, arbeiteten im Verborgnen ihm entgegen, und so ward auch ihm das Schicksal, das schon so viele in seiner Lage traf: er fiel plötzlich, als er am sichersten zu stehen glaubte, und um so tiefer, je höher er gestiegen war.

Aarheims Fall zerriß die Verbindung mit der Tochter eines großen, glänzenden Hauses, wenig Tage vor dem zur Vermählungsfeier bestimmten, und als er Besinnung genug gewann, um sich zu schauen, sah er sich furchtbar verlassen. Kein einziger Freund war ihm geblieben, seine Jugend früh und längst an ihm vorüber geschwunden, den größten Teil seines Vermögens hatten seine frühere Lebensweise und seine spätern großen Pläne verzehrt, seine Gesundheit war zerrüttet, er selbst erkannte in sich nur noch den Schatten von dem, was er einst gewesen war.

Sein Gemüt erstarrte in bitterm Haß, in tiefer Verachtung aller Menschen, vor allem der Frauen, und er schwur sich selbst, jeden geselligen Umgang so viel möglich zeitlebens zu meiden. Von seinen vielen Gütern war ihm nur sein Stammgut geblieben; es lag tief im Gebirge, im Gebiet eines andern Fürsten; dorthin beschloß er vor dem Anblick der Welt zu fliehen, die ihn so unbarmherzig gemißhandelt hatte. Er raffte die Trümmer seiner übrigen Habe zusammen und eilte, sich in die tiefste Einsamkeit zu vergraben, in welcher nur demütige Diener und zitternde Untertanen seine Umgebung bildeten. So lebte er mehrere Jahre und ward mit jedem Tage härter, schroffer und finsterer.

Der Brief eines Verwandten erinnerte ihn endlich einmal an die Außenwelt, die er so gern ganz vergessen hätte; es fiel ihm ein, daß sein noch immer sehr beträchtliches Gut Mannlehn sei und nach seinem Tode an einen entfernten Vetter fallen müsse, den er allein schon deshalb als seinen ärgsten Feind betrachtete, ohne ihn weiter zu kennen. Er war es leider gewohnt worden, von allen Menschen das Ärgste zu vermuten, und ahnete also auch bei seinem mutmaßlichen Erben das sehnlichste Verlangen nach seinem baldigen Tode, vielleicht gar Pläne, ihn zu beschleunigen; daher beschloß er plötzlich, sich noch im Spätherbst seines Lebens zu vermählen, um seinem Agnaten diese Hoffnung und Freude zu verderben.

Seine Wahl fiel auf Augusten von Rohrbach, die elternlos und arm auf einem kleinen Gute unfern Schloß Aarheim einsam traurige Tage bei einer alten Tante verlebte. Er hatte das Fräulein nie gesehen, ehe er um die Hand desselben sich bewarb; aber der Ruf der seltnen Schönheit Augustens und der unermüdeten Geduld, mit der sie den Launen einer höchst wunderlichen Frau sich fügte, war bis in seine Einsamkeit gedrungen, und dies hinlänglich, ihn für sie zu bestimmen. An Liebe glaubte er nicht und war weit entfernt, sie zu fordern; ihm genügte Gehorsam von seiner künftigen Gattin, und diesen zweifelte er nicht unter solchen Umständen zu erlangen oder zu erzwingen.

Auguste von Rohrbach war in frühester Kindheit zur mutterlosen Waise geworden; ihr Vater hatte sie erzogen. Sein diplomatischer Beruf erlaubte ihm keinen festen Wohnsitz, sondern trieb ihn rastlos durch fast alle die glänzendsten Städte Europens; doch ließ er sich dadurch nicht hindern, seinem einzigen Kinde die möglichste Sorgfalt zu weihen. Überallhin mußte Auguste ihrem Vater folgen, und sobald ihr Alter es erlaubte, benutzte er alle Gelegenheiten, ihr in jeder Stadt, wo sie längere Zeit lebten, die besten Lehrer zu verschaffen, um sie in allen, ihrem Geschlechte zusagenden Wissenschaften und Künsten unterrichten zu lassen.

Die freigebige Natur hatte das Kind nicht nur mit einer höchst anmutigen Gestalt ausgestattet, sie begünstigte es auch mit seltenem Talent und schneller Fassungsgabe. Und so geschah es denn gar bald, daß Auguste der Stolz ihres Vaters ward, ein Kleinod, mit dem er gern bei jeder Gelegenheit prunkte und auf dessen seltnen Wert er große Pläne für kommende Zeiten erbaute. Sowie sie älter ward, suchte er alle ihre Vorzüge ins hellste Licht zu stellen; kein Schmuck, der ihre schöne Gestalt erheben konnte, war ihm zu kostbar, überall mußte das junge Mädchen vor den erlesensten Zirkeln ihr musikalisches Talent üben, im einzelnen Tanz oder durch die zu jener Zeit als etwas ganz neues bewunderten Attitüden der Lady Hamilton die Zuschauer entzücken und auf alle Weise bestmöglichst glänzen und schimmern.

Bei dieser Erziehung wäre Auguste eine eitle Törin geworden, wenn nicht zum Glück den Kindern auffallende Fehler ihrer Eltern oft zu schützenden Warnern auf ihrem Lebenswege würden, besonders wenn sie sich durch sie in ihrer angebornen Eigentümlichkeit behindert fühlen. Dies war eben bei Augusten der Fall. Bis zur Furchtsamkeit bescheiden, kostete es ihr, als ganz jungem Mädchen, manche heiße, bittre Träne, wenn sie auf Befehl ihres Vaters vor großen Gesellschaften mit ihren Künsten auftreten mußte. Späterhin gewann sie freilich durch lange Gewohnheit mehr Mut, aber auch hellern Beobachtungsgeist. Das heimliche, neidische Hohnlächeln der Anwesenden und deren leise geflüsterten Anmerkungen entgingen Augustens Scharfblick nicht, obgleich ihr Vater nichts davon ahnete. Diesen blendete der rauschende Beifall, welchen alle diese Herren und Damen seiner Tochter um so reichlicher zollten, je schärfer sie, von ihm unbeachtet, die Geißel der Kritik über sie schwangen. Auguste wagte es nicht, gegen ihren Vater ihre Bemerkungen laut werden zu lassen; er war zu glücklich in seiner Verblendung, als daß es sie nicht hätte schmerzen sollen, ihn daraus zu wecken; aber innerlich fühlte sie sich durch diese Falschheit seiner vorgeblichen Freunde oft schmerzlich verwundet. Sie selbst ward indessen wenigstens dadurch in der anspruchslosen Bescheidenheit erhalten, zu welcher ihr ganzes Wesen sich ohnehin neigte, und ihr tiefes Erröten bei jedem laut ausgesprochenen Lobe zeigte deutlich, wie wenig sie sich bewußt war, es zu verdienen.

Ihre reine, schöne Natur wäre dennoch vielleicht dem ewigen Entgegenarbeiten des eitlen Vaters erlegen, doch frühe Liebe erhob sich ihr zum Schutzgeist. Rein und innig loderte die stille Flamme heißer Neigung zu einem edeln jungen Manne in ihrer jungen Brust, ihr selbst fast unbekannt und nur im Schmerz der Trennung sich zuerst ihr ganz offenbarend.

Ihr Geliebter war Sekretär bei der Legation ihres Vaters und in seinem Hause, zum Teil mit Augusten, erzogen. Er lebte mit ihr unter einem Dache, teilte mit ihr alle ihre Freuden, half ihr bei ihren musikalischen Übungen, war am Tische und auf Reisen überall in ihrer Nähe. Was konnten beide mehr vom Schicksal zu erlangen wünschen? Sie waren glücklich wie Kinder, die sich des heutigen Tages freuen, ohne dabei an Morgen zu denken.

Augustens Vater dachte aber nicht nur an Heute und Morgen, sondern auch an alle diesen folgenden Tage und Jahre. Ein Zufall entdeckte ihm das Geheimnis der Liebenden, es stimmte nicht zu seinen hohen Plänen mit der einzigen, glänzend erzogenen Tochter; aber er schwieg dazu, weil er das menschliche Herz genug kannte, um zu wissen, daß hier mit Einreden wenig abgeändert werden würde. Er handelte lieber, wie er es gewohnt war, sobald sein Vorteil es heischte, kalt und ruhig, besonnen und sicher. Eines Morgens erwartete Auguste vergebens ihren Freund bei ihren musikalischen Übungen; bei Tafel vermißte sie sein Couvert; er war spurlos verschwunden, und ihre erbleichende, zitternde Lippe vermochte nicht, eine Frage nach ihm auszusprechen. Unter dem Vorwande eines geheimen Auftrags von der äußersten Wichtigkeit war er in der Nacht weit weg versendet worden, am Orte seiner Bestimmung hatte man schon dafür gesorgt, daß er in noch entferntere Länder geschickt wurde, und so war er auf ewig von Augusten geschieden, ohne eine Ahnung davon zu empfinden. Die Argusaugen seines Gebieters bewachten ihn zu sorgfältig in jener verhängnisvollen Nacht, als daß er nur ein Wort des Abschieds an Augusten hätte gelangen lassen können; überdem glaubte er auch, nur auf wenige Wochen sich von ihr zu trennen. Späterhin ward es ihm ganz unmöglich gemacht, einen Brief auf sicherm Wege in ihre Hände zu bringen. Beide hatten keine Vertrauten, ihre reine jugendliche Liebe bedurfte deren nicht, sie scheute jede Berührung der Außenwelt; wie hätten sie Fremden ein Geheimnis gestehen können, das sie gegeneinander selbst kaum in Worten auszusprechen versucht hatten!

Ganz auf sich zurückgeworfen, blieb nun Auguste in der glänzendsten Gesellschaft einsam, wie in einer Wüste. Kein Laut des einzigen Wesens in der Welt, zu dem sie allein zu gehören sich bewußt war, tönte zu ihr herüber; nie hörte sie mehr den geliebten Namen nennen, als wenn sie selbst in stiller Mitternacht unter heißen, langverhaltnen Tränen ihn den stummen Wänden ihres einsamen Zimmers zurief. Ihr Vater wußte in aller Freundlichkeit so abschreckend-schroff vor ihr zu stehen, daß das bange Mädchen es kaum wagen mochte, in seiner Gegenwart nur an den Geliebten zu denken. Er sah wohl ihre stille Trauer, aber er fragte nie nach der Ursache derselben und hoffte alles von der Zeit.

Dem Anschein nach verfehlte diese auch nicht, ihre gewohnte Macht zu bewähren. Auguste fand allmählich eine wehmütige Freude im Schmerz um das verlorne Glück, in der unaussprechlichen Sehnsucht, die jetzt einzig in ihrem Busen lebte, und auch ihr Äußeres wurde von diesem Gefühl verklärt. Sie gewöhnte sich daran, ihren Freund unter den Toten zu denken. Ihr Vater, der es bemerkte, suchte schweigend sie in diesem Glauben zu bestärken, und nun wandte sie ihren Blick einzig nach oben, der Heimat ihres Lebens und ihrer Liebe. Hier unten ging sie willig den ihr von ihrem Vater vorgezeichneten Pfad, lächelte freundlich zu allen seinen Wünschen und suchte wenigstens ihn zu erfreuen, da für sie auf der Erde keine Freude mehr blühte.

So verlebte Auguste noch drei Jahre in verschiedenen Ländern und äußern Umständen, ohne eine befreundete Seele um sich zu wissen. Selbst des Mädchenglücks, eine gewöhnliche Jugendfreundin zu besitzen, hatte sie zeitlebens entbehrt. Sie war selten viel länger als ein Jahr an dem nämlichen Orte geblieben, hatte unzähligemal alle ihre Umgebungen wechseln müssen und nie Zeit oder Gelegenheit gefunden, irgendeine dauernde Verbindung zu knüpfen. Die letzte Stadt, in welcher sie mit ihrem Vater längere Zeit verweilte, war Stockholm. Auf einer Reise von dort aus erkrankte er plötzlich in einem kleinen schwedischen Städtchen und starb.

Nie war eine Waise verlassener, als die jetzt zwanzigjährige Auguste am Grabe ihres Vaters. Sie harrte dort, bis der ihr in den letzten Augenblicken vom Verstorbenen bestimmte Vormund sie nach Deutschland abzuholen kam. Der Nachlaß ihres Vaters war sehr gering; eignes Vermögen hatte er nie besessen und dabei in der Welt zu glänzend Haus gehalten, um beträchtliche Summen für seine Tochter zurücklegen zu können; ihr blieb kaum genug, um davon notdürftig zu leben. Willenlos, wie sie von jeher war, folgte sie jetzt ohne Widerrede dem Rat ihres Vormunds und ließ sich von ihm zu der einzigen Verwandtin führen, die sie ihres Wissens noch in der Welt hatte, und die allein ihrer Jugend einen anständigen Zufluchtsort bieten konnte.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Gabriele