Abschnitt 1

Um nach Arkona zu kommen, mußten wir wieder zurück nach der westlichen Hälfte, an deren Nordspitze das Vorgebirge liegt, an der Spitze von Wittow. Und dies sollte zu Lande bewerkstelligt werden, obwohl der Jasmunder Bodden zwischen Jasmund und Wittow liegt. Da nämlich, wo das Meer beginnt, und der Bodden stolz und wohlgemuth der großen Wassermutter, der See, in die Arme eilen könnte, da drängt sich wie eine skurille Ironie eine schmale, klägliche Landzunge zwischen den Bodden und das Meer, und zieht sich von Jasmund bis nach Wittow hinüber, wohl zwei gute Secunden Wegs lang. Dazu sieht diese Landenge höchst plebejisch aus und man begreift das Meer und den Bodden nicht, wie sie solch ein gemeines Hinderniß dulden können – ein Schwert zwischen den Ehegatten mag respectirt werden im Nachtlager, aber eine dürre Gerte! Ich habe das Meer und den Bodden im Verdacht, daß sie keinen guten Willen zu einander haben: der Bodden mag vielleicht lieber ein kleiner, aber selbstständiger Herr sein, und das Meer vergißt hier in der tiefen Bucht den seichten, schwachen Gesellen, den kleinen Tausendsappermenter eines Provinzstädtchens, der die Cotillons aufführt. Wie dem sei, diese Landenge ist ein schmaler, kaum ein wenig über den Wasserspiegel erhöhter Sandstrich, und heißt die Schabe. Vielleicht seiner schäbigen, ganz unproduktiven Beschaffenheit wegen, die Seeraben halten hier kleine Casinos, aber sie genießen nichts da, sie kosten nur einmal die Landruhe. Nirgends hab' ich so viel Möven gesehn, als auf der Schabe, von allen Farben, schwarz und weiß, grau und weiß, grau, weiß sitzen sie hier und konspiriren. Der Wagen, um festen Boden zu haben, fährt meist mit einem Rade in der See, und sie lassen ihn oft ganz nahe kommen, sie fliegen und schwimmen ein ungestörtes, sichres Leben. Der Siebenbürgner war nicht so ruhig wie die Möven, und die tiefe Zuneigung der einen Wagenhälfte zum Meere beunruhigte ihn. Er versicherte den Kutscher, nicht schwimmen zu können; der Sagarder aber lachte bloß; hier giebt es keine Unebenheiten, der Meeresstrand ist gleichmäßiger Sandboden.

So fuhren wir denn halb im Wasser und fortwährend zwischen zwei Wassern, an einigen Stellen ist die Schabe nicht breiter als zwei, drei Chausseen – wie die Kinder Israel durch's rothe Meer. Der Siebenbürgner sagte: wenn nun plötzlich eine Ueberschwemmung einträte, was geschähe mit uns auf diesem Sandgrat? wir ersöffen, erwiderte der Sagarder, sein Nachbar.


Im Winter mag wohl diese Passage durch das Eis gehemmt sein, was sich aufschiebt.

Die Meeresbucht, Wilk wird es hier genannt, auf deren inneren Landesbogen wir fuhren, hat auf der östlichen Inselhälfte das breiter mit der Brust sich bietende Jasmund zur Grenze, und schief vor uns liegend auf Wittow die eigentliche Spitze der Insel, Arcona zum Brechpunkte. Beide Gestade glänzten wie Kreidefelsen aus der Ferne, und der Leuchtthurm von Arkona, in dessen Nähe noch einige Wallreste einer alten Jaromarsburg sich finden, sah wie ein Castell über das Meer herüber zu uns.

Die Sonne schien freundlich, wir ließen zu großer Beunruhigung des Siebenbürgners den Wagen etwas weiter in's Meer fahren, machten ihn zur Garderobe und wateten in die See hinein. Auch das Wasser hält nicht einmal Wort, wenn der Anblick von Reinheit der Gesinnung spricht, schwarzer Schleim wie Rogen von schwarzen Fischen erfüllt die Strandwellen, und macht den Badenden schwarz statt weiß, in großer Masse schwimmt das merkwürdige Wasserphänomen, der Seestern, medusa aurita darin umher, der aus der Ferne einer kleinen platten Muschel gleicht, in der Nähe eine weißliche Gallertmasse zeigt mit dunklem Mittelpunkte. Dieser kleine, wunderliche Teller ist ein lebendiges Wesen, was sich selbst befruchtet, ein abgeschlossener Staat, der millionenfach in der Ostsee schwimmt.

Es war gegen Abend, als wir den Leuchtthurm dicht vor uns sahen; der Himmel hatte sich bedeckt, die Sonne ging roth unter, wir stiegen aus, und traten an die nördlichste Spitze Deutschlands; vor einigen Jahren war ich an der südlichsten, bei'm adriatischen Meere gewesen , wie viel Schicksal lag dazwischen, Schicksal, was mich seitdem betroffen, Schicksal aller der Länder vom Rügener bis zum halbdeutschen Dalmatier. Von Rügen bis Triest, von Riga bis Straßburg und Genf wird deutsch gesprochen – wahrlich, der Burschenschaftstraum war als Traum ein artiger, daß eine Macht erweckt werden möge, so weit die deutsche Zunge klingt, wir wären auch politisch das Herz von Europa, wie wir der Magen sind, der Alles verarbeiten muß, was der lüsterne Mund Frankreichs und die langen Arme Englands bringen.

Aber die Geschichte nimmt keine Rücksicht auf sanguinische Combinationen, die Macht der Völkerschaft ist nicht mehr ihr Typus, der Staatsbegriff ist ein anderer worden, und just die gemischten Staaten haben sich herausgestellt, als die von der Geschichte begünstigten. Und wie abgelöst von Deutschland ist mehr und mehr der Staat, aus welchem Jahrhunderte lang unsere Kaiser kamen, wie bildet sich die Herrsch- und Kulturaufgabe Oesterreichs immer mehr dahin aus, den gemischten Bereich hinab an der Landkarte zu bilden und zu regieren! Aber wenn die Politik, wie es sich jetzt ankündigt, eine total andere Wendung nimmt, wenn die jetzt mehr und mehr lallenden Fragen der letzten Zeit von ganz andern ersetzt sind, da kann der deutsche Norden eine Herrschbestimmung gewinnen, wie sie den hochgewachsenen Nordländern immer bestimmt gewesen scheint. Der Norden, mäßig und karg im Genießen und in den Sinnen dafür, nüchtern und besonnen, billig und stark, ist zum Herrschen berufen, er hat Rom zweimal gestürzt, die Imperatoren und die Päpste, er hat Napoleon gestürzt, er ist noch heute stark und muthig in seiner dünnen, kühlen Luft. Die Schweden und Dänen haben ihre Zeit gehabt, und sie nicht dauernd benutzen können; der Boden, auf dem ich bei Arkona stand, hat ihnen Jahrhunderte lang gehört, jetzt sind sie Povinzialstädte geworden unter den europäischen Mächten. Schweden verarmt und verkümmert immer tiefer in Haferbrot und Kälte, der Nordpol ist sein immer näher rückender Feind – aber Norddeutschland, was eigentlich noch nie kompakt in der Geschichte aufgetreten ist, hat noch eine große Zukunft. Wie kräftig sind seine Versuche mit Kultur, mit Friedrich dem Großen, mit Blücher gewesen – wir haben noch Gußeisen genug zu neuen Statuen. Süddeutschland hat seine Hohenstaufen, seinen Schiller und Uhland gehabt, ist reich aber nicht mächtig.

Treten Sie nicht so nahe an den Strand, der Boden bröckelt – dieß Nordkap Deutschlands fällt ebenfalls nicht so imponirend ab, als man's zu beschreiben pflegt: es ist allerdings eine Bergspitze, aber nur in der mäßigen kleinen Weise, wie alles Derartige auf Rügen, es ist auch kein stolzer Fels, an dem sich die Brandung bräche, sondern ein Geröll aus Lehm und Erde, am Fuße sind Steine, und wenn das Meer ruhig ist, spielt es nur an diese heran und bedeckt sie nur zuweilen mit einer Sprungwelle. Wahrscheinlich lös't es auch von Jahr zu Jahr ein wenig vom Boden, die runden beras'ten Filzkegel, die noch von der Jaromarsburg übrig sind, mögen eben so durch Meer und Wetter verloren haben, und in Rechnung auf das gefräßige Meer und den nachgiebigen Boden hat man auch den Leuchtthurm eine Strecke zurück erbaut.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Eine Fahrt nach Pommern und der Insel Rügen