Ein Wasser-Rekord in Hamburg und Altona.

Aus: Gesundheit. Hygienische und gesundheitstechnische Zeitschrift. 27. Jahrhang
Autor: Amphora, Erscheinungsjahr: 1902
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hansestadt Hamburg, Wasser, Wasserverbrauch, Elbe, Brunnen, Trinkwasser, Brauchwasser, Reinheit
Das Bedürfnis an Wasser könnte im selben Sinne, wie einst von Liebig der Verbrauch an Seife, als Kulturmesser bezeichnet werden. Die Nachfrage steigt beständig. Der Konsum zeigt überall, wo Menschen zu gemeinsamer Berufstätigkeit sich zusammenfinden, ein rasches Anschwellen, das zwar dem Einzelnen unbewusst bleibt, den mit der Sorge für das Gemeinwohl Betrauten aber um so deutlicher fühlbar wird. Dazu gesellt sich von Jahr zu Jahr anspruchsvoller das Problem der Reinheit des Wassers. Woher das Wasser stammte, war in früheren Zeiten im Ganzen gleichgültig. Man nahm es aus dem Boden, aus Quellen, Teichen, Flüssen, wie man es eben zur Hand hatte. Scheint doch nichts näher und leichter zu greifen, als eben Wasser, zumal in unserem regenreichen Nordwesten. Um die Qualität sich zu bekümmern war höchstens dann Veranlassung gegeben, wenn Geschmack, Geruch oder nachteilige Wirkungen den Genuss beeinträchtigten. Dass aber Wasser ein Genussartikel im eminenten Sinne sei und bleiben müsse, diesen Beweis erbracht zu haben, ist eines der hervorragendsten Verdienste Pettenkofers, der obgleich im Lande des Bieres geboren, zeitlebens für mehr und besseres Wasser eintrat.

In der Tat, seit die Chemie mit Leichtigkeit auch die kleinsten Beigaben und Veränderungen in der Zusammensetzung des Wassers aufzudecken im Stande ist, seitdem gar die Kenntnis kleinster Lebewesen und Keime in ihren innigen Beziehungen zum menschlichen Haushalt die mikroskopische Untersuchung des Wassers großgezogen, erscheint uns beinahe kein Wasser mehr rein und gut genug. Ohne Zweifel mit Recht: denn von allen Nahrungsmitteln ist das Wasser das allergemeinsamste und darum für Krankheit und Ansteckung das verhängnisvollste.

In Hamburg freilich ist man in dieser Beziehung immer außerordentlich genügsam gewesen. Die Schilderungen, wie man in der guten alten Zeit aus den Flethen sein Wasser schöpfte, unbekümmert um das was alles in die düsteren Fluten versenkt wurde, erwecken uns heute ein gelindes Grauen. Die famose Theorie der Selbstreinigung der Flüsse war damals noch nicht erfunden; sie hätte auch kaum die Qualität des direkt greifbaren Wassers verbessert. Aber die Bevölkerung war damals geringer, die Industrie unentwickelt, die Notwendigkeit einer Änderung noch nicht fühlbar. Mit der Einrichtung der ersten Rohrleitungen und des ersten großen Zentral Wasserwerkes wurde diesem Mangel in etwas abgeholfen. Aber schon der erste Erbauer desselben, der alte Lindley, hatte auf die Notwendigkeit einer Filtration vergebens hingewiesen. Man begnügte sich mit allerdings großartig angelegten Klärbecken, auf welche von manchen Seiten sogar mit patriotischem Stolze hingewiesen wurde.

Da kam das Cholera-Jahr und alles ging in Schrecken auf. Woher Wasser schaffen, wenn nicht aus derselben Elbe, die ein gütiges Geschick zu des Landes Wohltäterin berufen? Damals wurde die Filtration mit Eifer in Gang gesetzt, die heute noch nach zehn Jahren den Gläubigem als Rettungsanker gepriesen wird. Sie war Hilfe in der Not und in der Verlegenheit des Augenblicks vielleicht das einzig Mögliche. Ist darum das Elbwasser gesünder und zuträglicher geworden, weil es filtriert gewöhnlich nur wenige aber sicher nicht immer, unschädliche Keime zurücklässt, alle gelösten Verunreinigungen indes ungemindert beibehält? Dieselbe Elbe, welche halb Deutschland als Abfuhrkanal, als natürliches Siel dient? Nicht umsonst ist jüngst der Ruf nach Abwehr der „Verseuchung unserer Flüsse" in weite Kreise gedrungen, dass selbst die Parlamente sich damit befassen müssen.

Und dabei besitzt kein Untergrund so reichliches und dabei so vortreffliches Wasser als unser weites Flachland; ja, aus zoologischen Gründen, in ganz hervorragendem Maße die alte, tiefe Elbrinne. Nur muss man das Wasser nicht aus dem offenen Fahrstrom schöpfen. Mit dem mögen Tiere und Pflanzen zurecht kommen. Es liegt nahe, das Wasser im Boden selbst zu greifen, bevor es sichtbar an die Oberfläche tritt Das gibt die sicherste Gewähr vor schädlichen Einflüssen und Zufälligkeiten. Dies klingt geheimnisvoll wie ein ungelöstes Problem und ist doch der heutigen Technik ein leichtes. Außerdem geht ja das aus dem Innern der Erde gehobene Wasser derselben nicht verloren, wie etwa die Metallschätze, die einmal losgelöst von ihrer Lagerstätte in der Hand des Menschen zu eigennützigem Gewinn zurückbleiben. Das Wasser kehrt unfehlbar und in raschester Folge in seinen Kreislauf zurück. Es kann also praktisch nie daran fehlen und liegt nur an der Erfindsamkeit des Menschen es sich in bester Auswahl zu sichern.

Wir brauchen nicht nach dem Gebirge unser Augenmerk zu richten. Dies war mit seinen heimlichen Quellen und murmelnden Bächen das Vorbild der Spenderin flüssigen Segens in der Kindheit der Kultur. Heute haben wir die Orte in der Nähe der Gebirge in dieser Hinsicht am wenigsten zu beneiden. Es ist sogar ungleich schwieriger das Wasser dort in zuverlässiger und auskömmlicher Menge zu beschaffen. Im heimatlichen Grund und Boden schlummern vielmehr die reichsten Quellen. Man braucht sie nur ans Tageslicht zu ziehen. Freilich gelingt das nicht mit blindem Griff. Viel Vorbedacht und auch manch missliche Erfahrung gehören dazu. Das der Oberfläche zunächst gelegene Wasser, wie es die alten Mauerbrunnen anzapften, zeigt sich oft überreichlich, aber dabei von eklem Geschmack und Geruch. Die Gründe sind mannigfacher Natur; man lasse sie am besten unbesehen bei Seite. Tiefer vorzudringen erfordert schon einen herzhaften Entschluss und vereintes Vorgehen. Der Einzelne muss in den meisten Fällen darauf verzichten. Unsere Großindustrie aber hat sich längst des Wassers aus 100 ja 200 m Tiefe bemächtigt. Ohne dasselbe gäbe es hier kein Braugewerbe, keine Elektrizitätszentrale, kurz kaum eine Industrie, die auf Kühlwasser angewiesen ist.

Vielen dürfte bekannt sein, dass in verschiedenen Stadtteilen, wie in Billwärder, in Rotenburgsort, in Uhlenhorst und Barmbeck das Wasser aus den genannten Tiefen, wenn erst einmal befreit, in gewaltigem Strahle artesisch austritt. Einige Brunnen der Art mehr in systematischer Verteilung und Hamburg hat sein ureigenes Wasser, dass ihm niemand mehr schmälern noch verderben kann. Ein solches Unternehmen kann natürlich nur der Staat ins Leben rufen. Abweichende Ansichten in leitenden Kreisen ließen es nicht dazu kommen, und so bildete sich die Meinung aus, solche Springquellen, die wahrlich größeren Wert beanspruchen dürfen, als viele ängstlich gehütete Heil- und Solquellen, seien das Werk des Zufalls und deshalb auf einzelne Punkte beschränkt. Hatte doch der und jener auf seinem Grunde gebohrt, und war enttäuscht um einige tausend Thaler ärmer geworden!

Dann beurteilte man auch dieses Geschenk der Natur recht ungleich. Der eine fand es schal und ungenießbar, der andere gar verdächtig. Die meisten meinten eben, weil es von selbst fließe, müsse es doch auch bald zu fließen aufhören. Nun gar darüber hinaus und tiefer gehen: das war denn doch ein überflüssiges Wagnis. Wo man eben das Gewünschte nicht in der ersten Sandschicht angetroffen hatte, nun da musste man sich eben begnügen. Quellen sprudeln auch nicht überall und sie zu finden war immer eine nur wenigen gegönnte Gabe. Der Rat schien den Klügsten gerade klug genug. —

Blieb also die Überzeugung von der Überlegenheit unseres freien Elbwassers gegenüber dem aus dem dunklen Erdinnern stammenden zunächst unerschüttert, so fehlte es doch nicht an Einsichten in verantwortungsvollen Stellungen, welche die seitherigen Erfahrungen sich zu Nutze zu machen wussten. Wir begrüßen es deshalb mit besonderer Freude, wenn von Seite erleuchteter Behörden unlängst die seither erreichten Tiefen überboten und in 300 — 400 Meter Wasser in ungeahnter Fülle aufgeschlossen wurde. Es ist damit ein Rekord in der Wasserbeschaffung Norddeutschlands geschaffen, der an die freilich unter anderen Umständen verwirklichten sozusagen „original“-artesischen Brunnen in Belgien und Nordfrankreich erinnert.

Fast gleichzeitig haben die Städte Hamburg und Altona , das erstere auf der Elbinsel Finkenwärder, das letztere hart an der Grenze von Eimsbüttel zwei Springquellen aufgeschlossen, die unberechenbaren Segen zu stiften berufen scheinen. Der Unternehmerfirma Deseniss & Jakobi fiel in beiden Fällen die Aufgabe zu, durch verschiedene, für den gewollten Zweck noch unzureichend erkannte Horizonte die Sonde bis zu einem seither mit Erfolg noch nicht erreichten Punkte durchzuführen. Dieser liegt bei der Hamburger Bohrung am Elbdeich zu Finkenwärder 373 Meter unter der Deichkrone, bei der Altonaer Bohrung an der Kreuzungsstelle der Paulinenallee und Langenfelder-Straße einige Meter tiefer noch unter dem Bohransatz, der indessen hier auf dem Geesterücken 14 Meter über Normalnull zu stehen kommt. An einer wie der anderen Stelle fließt das Wasser von selbst aus, in Finkenwärder mit größerer Gewalt, welche einen besonderen Ausbau des Brunnens notwendig machte. Auf dem Altonaer Gebiet der Altonaer Rade, ist der Brunnen noch nicht definitiv gefasst. Was aber auch immer die Verwendung dieser beiden Tiefquellen sein möge, sie haben jedenfalls den Beweis geliefert, dass auf dem betretenen Wege eine ungeahnt erfolgreiche Erschließung unserer heimatlichen Untergrundschätze möglich ist Fürs erste haben sie sich den Ruhm erworben, die tiefsten städtischen Wasserversorgungsstellen in Norddeutschland zu sein. Mögen bald andere nachfolgen!
Hamburg, 16. Nov. 1901 Amphora.

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Hamburger Baumwollbörse

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Blick auf Hamburg - Unterelbe

Blick auf Hamburg - Unterelbe

Bremer Haus der Seefahrt

Bremer Haus der Seefahrt

Blick auf die Hamburger Binnenalster

Blick auf die Hamburger Binnenalster

Bremer Handelshaus

Bremer Handelshaus

Hamburger Börse

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Bremer Rathaus

Bremer Rathaus

Lagerhäuser im Hamburger Freihafen

Lagerhäuser im Hamburger Freihafen

Bremer Stadtansicht (Ausschnitt)

Bremer Stadtansicht (Ausschnitt)

Hamburger Hafenbilder

Hamburger Hafenbilder

Bremer Stephani-Kirchhof

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Hamburger Hafenbilder

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Bismarkdenkmal in hamburg um 1900

Bismarkdenkmal in hamburg um 1900

Hamburg Alster 1892

Hamburg Alster 1892

Hamburg Brandstwiete 1775

Hamburg Brandstwiete 1775

Hamburg Hafen mit Uferpromenade

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Hamburg Hafenpartie

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Hamburg Hauptbahnhof um 1900

Hamburg Hauptbahnhof um 1900

Hamburg Jungfernstieg 1830-1855

Hamburg Jungfernstieg 1830-1855

Hamburg Rathaus

Hamburg Rathaus

Hamburg Zollenbruecke 1888

Hamburg Zollenbruecke 1888