Vorwort

Ein Reisebuch, als Wegweiser, ist für jeden Reisenden ein notwendiges Erfordernis, selbst in den Ländern und Gegenden, welche die moderne Reiselust und Reisekultur so mit Cicerones und Führern, als lebendigen Wegweisern, und mit allem Komfort des Lebens ausgestattet hat, das man in den Straßen von Paris und London nicht bequemer umherspazieren kann. Wenig Reisende haben Zeit, Lust und Gelegenheit, ein Land, zu dessen Besuch ihnen ein Zeitraum von wenigen Wochen, oft nur von wenigen Tagen zugemessen ist, in topographischer, historischer und statistischer Beziehung vorher zu studieren und die Weisheit der lebendigen Reisehandbücher, der Cicerones, steht gewöhnlich nicht hoch über dem Niveau der redenden Vögel, nicht jener singenden, goldgefiederten Vögel aus den arabischen Zaubermärchen, sondern jener schwarzen, einfältigen Vögel des Nordens, welche eingelernte Worte und Phrasen herplappern, ohne sie zu verstehen und ohne ihren Sinn zu kennen. Die neuere Zeit hat dies Bedürfnis eingesehen und die Reiseliteratur hat deshalb seit 20 Jahren auf dem literarischen Felde ihren Platz eingenommen. Dem Süden hat sich dieser Zweig der Literatur indessen viel reicher zugewandt, als dem Norden. Es liegt dies in der Natur der Dinge und in dem Zuge der Reisenden. Fliegen doch auch die Zugvögel dem stahlblauen, funkelnden Himmel Italiens zu und nicht nach den Eis- und Schneefeldern des Nordens! Und doch ist der Norden so imposant, so groß, so reich an Naturschönheiten, so von Sagen und Märchen umklungen und umrauscht, seine Geschichte so reich an Helden, wunderbaren Kämpfen und großen Taten!

- Rügen ist in dieser Reiseliteratur besonders stiefmütterlich bedacht worden. Die dahin einschlagenden Schriften sind entweder veraltet oder zu unbedeutend. Und doch fahren alle Sommer Scharen von Reisenden auf den brausenden Dampfschiffen der Ostsee an seinen grünen Strand. Rügen ist ein Punkt des Nordens, welchen Sage, Geschichte und Natur auf das Reichlichste ausgestattet haben. Seine Berge und seine Höhen bieten entzückende Fernsichten, in wunderbaren Gestalten und imposanten Formen ragen seine weißen Kreidefelsen aus dem Schaum der an ihnen brandenden Meereswogen empor, dunkle, dichte Wälder, die üppigsten Getreidefelder und weiß schimmernde Städte und Dörfer bedecken seine Fluren und die mächtigen Hünengräber und die gewaltigen Wälle untergegangener Festen und Schlösser erzählen von den Taten längst verschwundener Jahrhunderte, wie die Pyramiden und die rätselhaften Sphinxe Ägyptens. In seinen Felsschluchten am Meere hausen die Geister kühner Räuber und ihrer gemordeten Opfer und bewachen die Schätze von Perlen und Edelsteinen, welche in ihren Gründen begraben liegen; aus den dunkeln Seen steigen in mondhellen Nächten wunderbar schöne Frauenbilder, das Haupt geschmückt mit der Eichenkrone der nordischen Priesterin, in der Hand die goldene Sichel, und schweben lautlos durch den flüsternden Hain zu den alten Opferaltären. Wenn der Himmel heiter ist und die Geister der Winde schlafen, sieht man unter dem durchsichtigen Spiegel der Seen die Mauern und Türme der versunkenen Städte, und hört aus ihrer Tiefe die Glocken tönen, wie zum Totengeläut der versunkenen Herrlichkeit. Die hohen Wälle der Burgen und der Festen erzählen von den blutigen Schlachten der Wenden, als sie gegen die dänischen Unterdrücker für ihre Freiheit und Unabhängigkeit kämpften. Die Unterdrücker siegten, der Volksstamm der Wenden verschwand von der Insel, ihre Helden liegen unter den hohen Hünengräbern begraben, ihre Tempel wurden verbrannt und ihre Burgen zerstört. Dänische und germanische Stämme, Sprachen und Sitten schritten über das Wendentum hinweg. Dann kamen die kriegerischen dänischen Könige, dann die Kämpfe der neuen Religion mit der allein seligmachenden Kirche, Rügen wurde ein Kampfplatz der deutschen Fürsten, welche von dem Kaiser ihre Souveränität erkämpften, die imposanten Gestalten des Schwedenkönigs und des Herzogs von Friedland schritten über die Insel, dann der schlanke, ritterliche König Karl XII., dann die Soldaten des großen Friedrich, und vierzig Jahre später flatterte auf den Höhen des Königsstuhls und von Stubbenkammer die Trikolore Frankreichs.
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Und dies ganze schöne Bild mit seinen Fernsichten, mit seinen Seen, Bergen, Felsen und Wäldern, durchhaucht von der Poesie der Sage, durchklungen von prächtigen Märchen, mit einer imposanten Vergangenheit, umgibt überall ein mächtiger, glänzender Rahmen, in dem sich die weißen Felsenhäupter und die schwankenden Baumkronen spiegeln, ein Rahmen, der funkelt und blitzt und in der Sonne schimmert, als wäre er von Edelstein und Gold: der mächtige Spiegel des Meeres.

In diesen Blättern habe ich versucht, ein klares und getreues Bild der Insel Rügen zu entwerfen, und hierbei alle topographischen, statistischen und historischen Beziehungen der Insel auf das Sorgfältigste berücksichtigt. Das Material hierzu habe ich teils aus eigener Anschauung, teils aus den gediegensten und besten Werken über pommersche und rügensche Geschichte geschöpft und mich bemüht, so sorgfältig und gründlich zu Werke zu gehen, wie dies bei dem geringen Umfang der Schrift möglich war. Sämtliche Sagen habe ich an den betreffenden Orten eingeschaltet. Sie stammen teils aus mündlicher Überlieferung, teils sind sie aus dem trefflichen Werke meines verehrten und berühmten Freundes, des vormaligen preußischen Obergerichtspräsidenten und Abgeordneten der preußischen Nationalversammlung, jetzigen Professors der Rechte an der Universität zu Zürich, Temme, mit Erlaubnis des Verlegers, entnommen: „Sagen von Pommern und Rügen. Von J.H. Temme. Berlin. Nicolai’sche Buchhandlung.“ Das dreizehnte Kapitel enthält die Topographie der Insel, in welchem ich alle die Orte, welche der Reisende bei seiner Reisetour gewöhnlich berührt, speziell und besonders berücksichtigt habe, das vierzehnte Kapitel einen Abriss der Geschichte Rügens und Pommerns. Als Form habe ich die der Reiseskizzen gewählt und diese Skizzen in den Rahmen von Reisebildern eingeschlossen, welche in einer Reihenfolge dem Leser seine Reisetour von Berlin über Stettin nach Rügen und die Rückreise über Stralsund vorzeichnen und ihm als genauer Wegweiser und Cicerone dienen. Sie ist, glaube ich, die wohl einzige Form, in welcher man die zwei Bedingungen eines guten Reisebuchs: praktische und genaue Darstellung der Tour mit allen ihren prosaischen und langweiligen Anhängseln von Gasthofrechnungen, Routen und Wegbeschreibungen, praktischen Notizen und fesselnde Darstellung des ganzen Reisestoffes - möchte ich es nennen - zusammenfassen kann. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, hoffe ich, wird die Schrift ihren Zweck erfüllen und dem Reisenden als kundiger und ihn nicht langweilender Führer während seiner Reise nach Rügen dienen. Auf weiteres macht die Schrift keinen Anspruch.

Berlin im Frühjahr 1856.

Der Verfasser.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Ein Ausflug nach Rügen
Rügenbrücken

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Stralsund, Der Artushof heute

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Bergen auf Rügen

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Rügen, Jagdschloss Granitz

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Rügen, Schloss Ralswieck

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Insel Rügen - Königsstuhl

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Kreidefelsen auf der Insel Rügen

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Ostseebad Binz auf Rügen

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