Die sibirische Eisenbahn

Autor: Meyer, Hermann Julius (1826-1909) deutscher Verleger und Herausgeber, Erscheinungsjahr: 1870
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Russland, sibirische Eisenbahn, Schienenstrang, Schlittentransporte, Nischni-Nowgorod, Tobol, Tjumen, Irbit
Aus: Supplemente zu Meyers Konversations-Lexikon. Ergänzungsblätter zur Kenntnis der Gegenwart. Herausgegeben von Hermann Julius Meyer, redigiert von Dr. Otto Dammer und Dr. Julius Grosse. Jahrgang 1870.
Eine Tagesfrage von allgemeinem Interesse ist gegenwärtig in Russland der Bau der sibirischen Bahn. Außerhalb Russland erscheint meist eine Eisenbahn nach jenem Lande als ein nicht zu verwirklichendes Hirngespinnst und wenigstens als ein Unternehmen, bei dem alle darin angelegten Kapitalien verloren sein müssten. Über 300 Meilen Bahn zu bauen, um den westlichen Distrikt eines dünnbevölkerten, unter der kalten Zone gelegenen Landes zu errichten, scheint ein Bauprojekt, dessen Ausführung dem reichsten Lande fast unerschwingliche und ganz unrentable Ausgaben verursachen muss. Das Erstaunen war deshalb noch größer, als man positiv hörte, dass dort in der Nähe große Kapitalisten bereit seien, diese Bahn ohne alle Staatsunterstützung zu bauen, und dass die Frage an der betreffenden entscheidenden Stelle durchaus nicht etwa in Bezug auf die Ausführbarkeit debattiert würde, sondern dass es sich nur um die Richtung der Linie handelte, um den Streit wegen der sogenannten Süd- oder Nordbahn, von denen die erste wohl am meisten Chancen zur Konzession hat.

Um zu begreifen, auf welchen ungeheuren Verkehr die sibirische Bahn rechnen kann, muss man spezieller mit den Handelsverhältnissen jener Gegenden vertraut sein. Der Ausgangs Punkt der projektierten Bahn ist Nischni-Nowgorod (Endstation der Moskau-Nischni-Bahn). Die Messe von Nischni-Nowgorod vereinigt den gewaltigen Verkehr eines großen Teils von Nordasien, Persien etc. mit Europa, sie ist der größte Jahrmarkt der Welt, Entgegen der vielfach gehegten Ansicht, dass die neuen Kommunikationsmittel, die Eisenbahnen und die Dampfschifffahrt auf der Wolga, ihrer Größe entschieden Abbruch tun würden, ist sie in fortwährend rascher Zunahme geblieben. In den letzten 10 Jahren betrug der Wert der eingeführten Waren im Durchschnitte jährlich 104.803.671 Rubel gegen nur 48.890.116 und 35.440.138 Rubel in den vorhergehenden beiden Dezennien. Besonders stark war die Zunahme in den letzten 5 Jahren und 1869 übertrifft alle vorhergehenden, indem für 144.190.000 Rubel Ware zugeführt und für 128.306.000 Rubel verkauft wurden. Der zweite große Jahrmarkt des Reichs aber ist Irbit in Sibirien (vom 1. Februar bis 1. März). Dort beträgt die Zufuhr jährlich 50 Millionen Rubel und der Umsatz 35 — 40 Millionen Rubel. Irbit liegt jenseits des Uralgebirges am Zusammenfluss des Niza mit dem Irbit. Fragen wir nun, woher es kommt, dass dieser kolossale Verkehr sich in dem kaum 5.000 Einwohner zählenden Städtchen konzentriert, so zeigt ein Blick auf die Karte, dass dieser Platz der westlichste Punkt ist, welcher von beladenen Fahrzeugen in dem großen Stromsystem des Obflusses erreicht werden kann. (Der Ob hat ein Stromgebiet von 50.000 Q.-Meilen) Während der kurzen eisfreien Zeit schwimmt der Hauptteil der für die Irbitmesse aus Ost-zentralsibirien bestimmten Ware den Ob hinab und gelangt dann stromauf durch den Tobol und den Tjumen in den Irbit. Diese Gütermengen werden noch vermehrt durch Schlittentransporte, welche zum Teil von Persien, der Bucharei etc., sowie aus Russland kommen. Die auf der Messe von Irbit gekauften Waren gehen meist nach Russland auf Schlitten über den Ural und dann, wenn der Transport durch Mangel an Schnee keine Unterbrechung erlitten, im nächsten Frühjahr im Mai die Kamar abwärts und die Wolga aufwärts bis Nischni-Nowgorod zu der dort Ende Juli beginnenden Messe.

Wie der Irbit durch seine Lage am westlichsten Punkt der schiffbaren Wasserstraßen des Obsystems, so ist Nischni-Nowgorod gleichfalls als vorgeschobenster westlicher Stromhafen des Wolgaflussnetzes am Zusammenfluss der Oka und der Wolga von der Natur zu einem großen Stapelplatz des Völkerverkehrs bestimmt. Der Transport der ungeheuren Gütermassen zwischen den beiden Messeplätzen, welcher einen Wert von 30 — 40 Millionen Rubel repräsentiert, erfordert auf dem oben bezeichneten Wege stromauf und stromab, auf Schlitten über das Gebirge etc. oft ein ganzes Jahr und noch länger.

Man kann sich also vorstellen, wie sehr die Waren während dieser langen Zeit durch Witterungs- und Transportbeschädigungen leiden, während schon der Zinsenverlust für das darin angelegte Kapital sich auf einige Millionen beläuft. Eine Eisenbahn, wie sie jetzt zwischen Nischni-Nowgorod und Tobolsk bei Irbit vorbei projektiert ist, hat also hiernach eine sehr solide Grundlage. Nach ihrer Eröffnung werden ohne Frage die jetzigen sehr traurigen Kommunikationswege verlassen werden, denn der Zinsen-Verlust auf denselben ist schon groß genug, um die Rentabilität der sibirischen Bahn zu sichern. Diese Bahn erschließt zugleich die reichen Bergwerke von Jekaterinenburg am Ostabhange des Ural und hat überdies noch den großen Vorteil, dass mächtige neue Steinkohlenlager von ihr durchschnitten werden, in einer Gegend, wo Kohlen nur mit unerschwinglichen Kosten von andern Seiten zu beziehen sind.

Nach Eröffnung der Bahn wird man in Sibirien direkt von Moskau, Leipzig etc. die Waren in wenigen Wochen per Bahn beziehen können, auf deren Ankunft man heute Jahre lang wartet, indem sie davon abhängig, ob die Gewässer der Wolga, resp. des Ob früher oder später von ihrer Eisdecke befreit werden und ob sich auf dem dazwischen liegenden Terrain eine gute Schlittenbahn bildet.

Die neue Bahn wird aber auch noch insofern für Westeuropa von wesentlicher Bedeutung werden, als die ungeheuren Territorien, welche sie dem Verkehr erschließt, durch sie im Stande sind, auch jene Produkte, welche bei den jetzigen Kommunikationsmitteln nicht zum Exporte gelangen, auf die westeuropäischen Märkte zu senden. Manche Teile des Bahngebietes sind freilich in Folge der außerordentlichen Rauheit des Klimas nicht zum Anbau von Feldgewächsen geeignet, aber im südlichen Sibirien finden sich große fruchtbare Landstriche, welche nur der Verbindungswege harren, um mit Erfolg die Konkurrenz mit dem amerikanischen, ungarischen Getreide aufzunehmen.

Zur Erschließung des südlichen Teils vom asiatischen Russland wird außerdem die jetzt ebenfalls zur Ausführung gesicherte Bahnverbindung des kaspischen Meeres mit dem Aralsee dienen. Mittelst derselben erreichen die von dem großen Gebiet des Aralsees kommenden Transporte, nachdem sie das kaspische Meer passiert, die am untern Lauf der Wolga gelegene Bahnstation Tzarizin, von wo bereits eine ununterbrochene Schienenverbindung bis zur Ost- und Nordsee stattfindet.

Mamutlokomotive

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Milchverkauf am Zug

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sibirischer Reisewagen

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