Die romanische Buchmalerei

Die Enkel verschleuderten das gewaltige Erbe. Das Reich des großen Karl, das freilich wohl nur unter seiner mächtigen Hand lebensfähig gewesen war, zerfiel. Hunger und Krieg gingen durch die Länder des Nordens und Südens. Das Papsttum wurde ein Spielball der römischen Adelsparteien. Simonie und Priesterehen griffen um sich. „Unzucht und Ehebruch, Gottesschändung und Totschlag haben uns überflutet“, klagt die Synode von Troslé im Jahre 909.

Dies 10. Jahrhundert, das Saeculum obscurum, erweckte aber auch aus sich neue schöpferische Kräfte. Die religiös-sittliche Reform ging von dem (910 gegründeten) Kloster Cluny, von dem Orden der Zisterzienser aus, die weltliche vom sächsischen Kaiserhaus. Otto 1. erneuerte 962 das Kaisertum Karls des Großen, seine Nachfolger, Otto II. und III. und Heinrich II., sind durch erlesene Bildung und tiefe Frömmigkeit gleich ausgezeichnet.
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Unter den Ottonen sind, etwa zwischen den Jahren 970 und 1050, die wichtigsten Buchmalereien dieser Epoche geschaffen worden. Der persönliche Anteil, den die Herrscher an den Schöpfungen nahmen, wird durch zahlreiche Widmungsbilder bezeugt. Der Monarch, den Gottes Hand krönt, wird Symbol des Gottesstaates auf Erden. Am stärksten kommt das im Aachener Evangeliar Otto III. zum Ausdruck, wo der Kaiser, von den Evangelistensymbolen umgeben, die Erde zu seinen Füßen, als Stellvertreter Christi in der Mandorla thront.

Als Mittelpunkt dieses Schaffens gilt heute die von St. Gallen gegründete Benediktinerabtei auf der Reichenau, deren Einfluss bis in weit entfernte Klöster reichte. Als Besteller ihrer Handschriften lassen sich heute noch die Bischöfe von Köln und Trier, die Kaiser Otto III. und Heinrich II. und Papst Gregor V. nachweisen. Weitere wichtige Stätten sind die Klöster von Trier, Echternach, Regensburg — gerade hier wirkte mit dem St. Emmeramer Codex Aureus die karolingische Tradition stark nach — , Köln, Hildesheim, Fulda.

Deutschland hat in dieser Epoche die stärksten und reichsten Leistungen hervorgebracht, während die französische Buchmalerei sehr zurücktrat, im Norden mit irisch-angelsächsischen, im Süden mit spanischen Einflüssen sich auseinandersetzte. Der geringere Anteil Frankreichs hängt wohl auch mit der geistigen Einstellung der Zisterzienser zusammen, die gegen die prunkvollen Malereien in den Handschriften eiferten und einen einfach kolorierten malerischen Stil — die Bibel des Etienne Harding ist ein Beispiel — verbreiteten. Erst das 12. Jahrhundert bringt, zumal im nördlichen Frankreich, eine lebhafte Tätigkeit.

In Spanien überwiegt bis ins 11. Jahrhundert eine altertümliche, zumal im Initialschmuck dem irisch-angelsächsischen Stil verwandte Ornamentik, während England im 9. Jahrhundert zunächst die karolingischen Formelemente übernimmt und sie dann mit den romanischen verschmilzt. Dann sind allerdings hier von feierlicher und großartiger Monumentalität erfüllte Werke wie das Benediktionale des heiligen Bischofs Aethelwold entstanden; und in der üppigen Fülle phantastischer Erfindungen, die das Kloster Winchester, im 12. Jahrhundert zumal, in zahlreichen Psalterillustrationen entfaltet, bereitet sich die gotische Entwicklung vor. Auch die Eroberung des Landes durch die Normannen, die besonders lebhafte künstlerische Beziehungen mit Frankreich zur Folge hat, wirkt in dieser Richtung.

Der Kreis der Bildinhalte hat sich gegenüber der Zeit der Karolinger außerordentlich erweitert. Die Geschehnisse und Gleichnisse des Neuen Testamentes werden nunmehr in vollem Umfang gestaltet, während das Alte zurücktritt; aber auch symbolische Themen, wie in dem Evangeliar der Uta die Darstellung der kirchlichen Hierarchie, werden einbezogen, während das weltliche Leben durchweg noch ausgeschlossen bleibt.

Die Gefühlsinhalte sind reicher und stärker durchtränkt vom Gefühl lebendigen Glaubens. Die feierliche Bedeutsamkeit der heiligen Vorgänge und die Mystik der religiösen Vision wird im getragenen Rhythmus der Komposition, in der langsamen, weither schwingenden und nachdrücklichen Gebärde der Hände, im verklärten Gesichtsausdruck deutlich.

Der Stil dieser Epoche, wie er sich, um einige wichtige Handschriften zu nennen, im Aachener und Münchener Evangeliar Ottos III., im Perikopenbuch Heinrichs II., in der Bamberger Apokalypse, im Trierer Egbert-Kodex, im Bremer Evangeliar Heinrichs III., im Pariser Evangeliar Ottos II., im Sakramentar aus St. Gereon zu Köln in Paris, im Psalter Egberts zu Cividale, im Echternacher Evangeliar zu Gotha, im Hildesheimer Bernward-Evangeliar auswirkt, ist zweidimensional. Nicht in dem Maß planimetrisch, wie die irischen Handschriften es waren, aber doch sehr viel flächenhafter, linearer, geschmeidiger als die karolingischen Miniaturen, mit denen im übrigen ebenso wie mit den altchristlichen natürlich die malerische und geistige Einstellung dieser Bücher enge Fühlung hat. Der Zweidimensionalität entspricht ein Verzicht auf alle perspektivischen und atmosphärischen Wirkungen. Vor dem goldenen Hintergrund, der Verneinung jeden Raumgefühls, bewegen sich die Figuren und geschehen die heiligen Dinge, mit Farben bekleidet, die weniger ihren stofflichen denn geistigen Sinn verwirklichen wollen.

Die Farbe wirkt als drittes, die Zweidimensionalität schaffendes Element neben Fläche und Linie. Vom Goldgrund heben sich hellgebrochene, fast milchig schimmernde Töne: helles Violett, helles Blau, helles Grün, helles Braun, daneben bisweilen Ziegelrot und ein schweres dunkles Violett. Bei freudigen Geschehnissen überwiegen helle, bei leidvollen dunkle Farben.

Aus diesen drei Elementen erwächst das Bild als bewusst unwirkliche Formung geistigen Lebens. Unwirklich ist das Fehlen jeder Perspektive, jeder Anatomie, jeder Räumlichkeit im naturwissenschaftlichen Sinne; unwirklich die Färbung der Dinge etwa der Haare, die manchmal schwarz, aber oft auch — wenn es der Gesamtklang so verlangt — grün oder violett ist; unwirklich die symbolhafte Andeutung der Sichtbarkeit: Erde durch einige Schollen, Stadt durch ein turmartiges Gemäuer, Meer durch wenige parallele Wellenlinien versinnlicht.

Aber die Unwirklichkeit ist nicht chaotisch oder zufällig. Wie in jenen Jahren die Scholastik daran ging, die Fülle der christlichen Glaubensinhalte in ein tiefsinniges und scharf durchdachtes System zu bringen, so arbeiten diese Künstler im Zwang strenger Gesetze, die als unbegreifliche Gnade einer in ihren Grundfesten einheitlichen Welt innewohnen.

Diese Gesetzlichkeit offenbart sich schon in der folgerichtig verarbeiteten formalen Voraussetzung: daß ein lineares Gestalten die notwendige Ergänzung zu einem flächenhaften Raum darstellt und die kühle abgestufte Koloristik die der linearen Fläche angemessene Farbgebung bildet.

Die formale Harmonie aber ist Ausdruck der geistigen. Farbige Tafeln schuf auch die Antike, aber dem, der dieses Buch beschaut, soll es mehr bedeuten als Schmuck und Reiz: Erinnerung an Christi Wort und Opfertod, Versinnlichung der Geheimnisse der Dreifaltigkeit und Erlösung, Gleichnis der wahrhaft spirituellen Wesenheit der eigenen Seele, Abglanz der himmlischen Herrlichkeit, die der Herr, bevor er gen Himmel fuhr, denen verhieß, die seiner Lehre folgen.

Dies wirkt der mystische Goldgrund; dies wirken die beschwörend aufgerissenen Augen, die gewaltig angeschwellten Hände, die als Hülle geistiger Erschütterung dienenden Deformationen der Körper, von denen alles Erdhafte abfiel; dies wirkt die unsinnliche Farbgebung, die das Sinnbildliche — und nicht das Tatsächliche — im Geschehen hervorhebt; dies wirkt die ganze Bildanlage, deren Form vom Rhythmus des sakralen Motivs bestimmt wird: von dem in Jerusalem auf einer Eselin in statuarisch feierlicher Ruhe einreitenden Christus. Von dem Engel, der in gewaltiger, himmlischer Größe den Hirten erscheint. Vom Evangelisten, dessen Antlitz durch geheimnisvolle Offenbarungen erschüttert ist und dessen Armen die mystische Wolke vieler Gesichte entströmt.

Es folgt der Blüte dieser Kunst, die etwa um die Mitte des 11. Jahrhunderts zu Ende geht, eine Zeit einfacherer, geringerer Mittel, die die großen Vorbilder in bescheidenem Ausmaß pflegte oder auch nur kopierte. Die Reichenau tritt zurück. Andere Klöster, zumal die in Trier und Echternach, treten an ihre Stelle, ohne daß sie mit dem Reichtum und der Fülle jener Schöpfungen wetteifern könnten.

Zu Anfang des 13. Jahrhunderts kam in Deutschland ein neuer Aufschwung, der besonders durch von Byzanz herdringende Einflüsse gekennzeichnet ist. Salzburg, das in lebhaften Handelsbeziehungen mit Venedig stand, war ein Vorort. Die Eroberung Konstantinopels (1205) und die dadurch bedingte Überflutung des Abendlandes mit griechischen Büchern mag die Entwicklung begünstigt haben. Byzantinische Vorbilder — die vordem, unter den Ottonen, nur als Anregung gewirkt hatten — werden nun in Kopfbildung, Gebärde, Gewand, architektonischem Hintergrund maßgebend. Die Admonter Bibel, das Salzburger Antiphonar, das Goslarer Evangeliar, der Lustgarten (Hortus deliciarum) der Äbtissin Herrad von Landsperg — eine Art Handbuch für den Unterricht der weiblichen Jugend und das einzige Werk, in dem in erheblichem Umfang auch weltliche Darstellungen vorkommen — sind Schöpfungen solcher Art. Dies war die gleiche Welle, die Italien berührte und auf dem Weg von Duccio zu Giotto eine neue, der Wirklichkeit zugewandte nationale Malerei begründete. Die Möglichkeit, daß die Bewegung sich in Deutschland ähnlich auswirke, wurde jäh durch die von Frankreich herflutende gotische Welle zerstört.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Die mittelalterliche Buchmalerei des Abendlandes
3. Tanz der Salome. Cod. Lat. 835. München.

3. Tanz der Salome. Cod. Lat. 835. München.

20. Die Anbetung des Lammes. Codex Aureus. München.

20. Die Anbetung des Lammes. Codex Aureus. München.

21. Huldigungsbild. Codex Aureus. München.

21. Huldigungsbild. Codex Aureus. München.

22. Psalm 73. Utrecht-Psalter. Utrecht.

22. Psalm 73. Utrecht-Psalter. Utrecht.

23. Psalm 114. Utrecht-Psalter. Utrecht.

23. Psalm 114. Utrecht-Psalter. Utrecht.

24. Auferstehung der Toten. Perikopenbuch Heinrichs II. München.

24. Auferstehung der Toten. Perikopenbuch Heinrichs II. München.

25. Das Lamm der Offenbarung. Bamberger Apokalypse. Bamberg.

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