Heimatkunst und die Windrose des Geistes

Und wie steht es bei solch eigenartigem Widerspiel der bittersten Gegensätze mit dem wohl behüteten Pflänzlein der bodenständigen Heimatkunst; wo doch in jedem Dorf und jedem Landstrich die Kunst ihr eigenes Anwesen hat?

Ich verkenne nicht die Gutherzigkeit der Apostel des Heimatschutzes. Ihre Ziele sind recht und billig. Aber sie verbreiten eine Halbwahrheit, wenn sie predigen, die Kunst müsse bodenständig sein, wenn sie was Rechtes sein wolle. Die Kunst lebt nicht von ihren Wurzelsäften allein. Sie ist ein Gewächs, das mit tausend Poren den Geist atmet, der es umweht, von dem man bekanntlich nicht weiß, von wannen er kommt und wohin er geht.


Allzu sehr hat sich die Kunstgeschichte daran gewöhnt, die Kunst eines Volkes als den von allem Fremden unberührten und daher ureigensten Ausdruck seiner Geistigkeit zu betrachten und die willensbegabte Person eines Künstlers darzustellen als den beklommenen Kompromissler zwischen lauter Einflüssen, die von rechts und links auf ihn eindringen. Die Auslese ist das Vorrecht jedes besonnenen Verstandes, und die ganz Großen haben das Gute und Taugliche genommen, wo sie es fanden.

Die Reinkultur ist ein Begriff, der aus dem wissenschaftlichen Laboratorium auf das Leben übergegriffen hat, ohne dass man ihn hier praktisch verwenden könnte.

In der Kunst vollends steht es anders damit. Jede Kunst ist eine Versöhnung, ein Ausgleich, eine Anpassung, und ohne „zwischenstaatliche“ Zugeständnisse und Anleihen ist es nirgendwo abgegangen. Und der schöpferische Akt des Einzelnen ist nicht bloß eine rücksichtslose Darstellung des eigenen Ich, sondern eine schmerzliche Auseinandersetzung mit allem schon Dagewesenen.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Die alte Schweiz