Die Tragödie der Assimilation

Albert Ballin 1857-1918 einer der hervorragendsten Männer Deutschlands
Autor: Nordau, Max Simon Dr. (1849-1923) Arzt, Schriftsteller, Politiker, Erscheinungsjahr: 1920
Themenbereiche
Enthaltene Themen: uden, Judentum, Ballin, Hamburg, 1. Weltkrieg, Flotte, Hapag Schifffahrtsgesellschaft, Assimilation, Antisemitismus,
Von der Höhe seines erfahrungsreichen Lebens enthüllt uns Max Nordau das größte Übel, das Hindernis der Wiedergeburt des jüdischen Volkes, die größte Gefahr die Assimilation. Vom Sturme der Zeit unter den spanischen Himmel vertrieben, jeder Möglichkeit für sein hilferufendes Volk zu arbeiten beraubt, dem Wunsche der Jugend einen Beitrag für eine neue Zeitschrift*) zu leisten, entsprechend, ergreift der greise Denker die Feder, um eine Abrechnung mit denen zu halten, die vom Ehrgeiz zerfressen, nach Auszeichnung, Macht, Reichtum, Genuss gieren, um seinem Volke am Wendepunkte der Geschichte die schändliche Schwäche, Selbstvergessenheit, Verblendung, Verrat derer zu enthüllen, die nicht die Kraft besaßen den Versuchungen des Bösen zu wiederstehen und ihre Unterschrift unter den Pakt gesetzt hatten, der ihre jüdische Seele der Hölle verschrieb.

*) Die Herausgabe der Zeitschrift ist für einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Ein Mahnruf zur Besinnung, in der Zeit der welterschütternden Ereignisse, an uns, Jugend! Große Staaten brachen im blutigen Ringen zusammen, kleine Völker erwachten aus ihrem hundertjährigen Traume und fanden die Sonne der Freiheit, auch scheint die Schicksalsstunde des seit Jahrhunderten entwurzelten, entrechteten, von Land zu Land gejagten jüdischen Volkes geschlagen zu haben, jenes Volkes, das im Kampfe um fremde Freiheit aus tausenden von Wunden blutend auf den Leichen seiner besten Söhne fremde Staaten aufbaute, aber an den Bau der eigenen friedlichen Scholle vergaß. Ein Mahnruf an uns, nicht den Taumel der Renegaten mitzumachen. Wir, jüdische Jugend, haben im Kriege am meisten gelitten, den blutigsten Tribut gezahlt, die größten Opfer im Dienste fremder Sache und am wenigsten im Dienste des eigenen Volkes getragen, uns muss der Krieg am meisten zum Denken geben, neue Horizonte zeigen, neue Wege ebnen. Vor dem Kriege waren viele von uns in fremden Lagern zerstreut, atmeten fremde Luft, lebten in fremder Kultur, kämpften um fremde Ideale, viele von uns trugen Masken, deren Farben den nationalen Fahnen fremder Nationen angepasst waren, bewusst oder unbewusst betrogen wir uns selbst und andere, im fremden Milieu erzogen oder den Verhältnissen uns bequemlichkeitshalber anpassend. Wir waren die ersten Troubadoure des fremden Erwachens. Noch in der Zeit, wo draußen Völker gegen Völker um eigene Freiheit, Selbsterhaltung oder Macht kämpften, Menschen gegen Menschen, die das Menschliche ineinander vergaßen, nur dem nationalen Triebe huldigend ihm das Leben opferten, noch in der Zeit des wütendsten Judenhasses, gab es Träumer, die an die Menschenverbrüderung glaubten, die ihr „Ich“ fremden Moloche opferten, mit Scham an die jüdische Abstammung dachten, mit Achselzucken und Hass auf die leidenden jüdischen Brüder herunterschauten, ihre Leiden durch Verleumdungen und Hetzen vergrößerten, bis die arische Gewalt sie vor die Tore setzte mit demselben Hasse, derselben Rücksichtslosigkeit, derselben Brutalität, die den Renegaten in der Behandlung der jüdischen Sache eigen waren. Ein Bild der Renegaten-Tragödie entrollt sich vor unseren Augen. Da stehen sie auf dem Kreuzwege, ratlos, gebrochen, entlarvt; zum Judentum zurück, vor Schamgefühl dürfen sie nicht, zum Ariertum, aus Angst wagen sie es nicht; unter dem Anpralle des nationalen Sturmes, der die Legende über die internationale Solidarität zerstörte, in der Mitte stehen bleiben können sie nicht; so stehen die zweifach Entwurzelten, dem Judentum und der Muttererde, vor der Wahl, ein Sklavenleben zu führen oder im Tode die Erlösung zu finden.

Der Krieg schuf und wenn noch nicht gänzlich, dann muss er in absehbarer Zeit eine Revolution im Wesen, Denken und Schaffen der jüdischen Jugend entfachen. Vor unseren Augen entrollt sich eine neue Welt des jüdischen Denkens und Schaffens, eine Welt voll Freuden, aber auch vieler Enttäuschungen, voll Reminiszenzen an die Vergangenheit und voll Hoffnungen auf die Zukunft des jüdischen Volkes, eine Welt auf altem Boden und unter dem eigenen Himmel. Diesem heiligen Ziele entgegenströmen, entgegenarbeiten müssen wir heute, um die Fehler der Vergangenheit wieder gutzumachen; aber unsere Arbeit muss ganz und zielbewusst sein, unser Glauben an die nahe Wiedergeburt stark und unauslöschlich, um das große Ziel zu erreichen, welches fordert: die Befreiung der jüdischen Masse aus der Zerstreuung, der Verbannung, dem Elend der Fremde, den Höllenkreisen des Hasses, der Verachtung, der Verfolgung, der Verleumdung, die Sammlung der umhergeschleuderten Glieder des jüdischen Volkes zu einem verjüngten, lebenskräftigen, gesund und fröhlich weiterwachsenden Organismus, die Rückkehr des wiedergeeinigten Judenvolkes in das Land seiner Väter und die Fortsetzung seiner dreitausendjährigen Geschichte auf dem sicheren Boden, aus dem es die Kraft zum neuen Sein und Wirken ziehen soll. Im jugendlichen Eifer und in jugendlicher Begeisterung die wieder ihre Quelle im jüdischen Wesen und jüdischen Märtyrertum haben, dürfen wir in diesem Vorwärtsstürmen und Streben nicht erlahmen.

Diese Schrift des greisen Führers ist ein Ruf zur Selbstbesinnung !

Davis Erdtracht, Herausgeber

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Unter den unheimlichsten und grotesken Empfindungen, welche die abergläubische Phantasie des Mittelalters ausgeheckt hat, ist eine der packendsten, die vom Seelenschacher, der Lieblingsbeschäftigung des Teufels. Sie zeigt den Geist des Bösen dauernd im Hinterhalt Männern auflauernd, die vom Ehrgeiz zerfressen sind, nach Auszeichnung, Macht, Reichtum, Genuss gieren und ohne Zögern alles verüben würden, um ihre selbstsüchtigen Träume zu verwirklichen. Sowie er ein Opfer dieser Gattung entdeckt, tritt er an es heran, führt es in Versuchung, spiegelt ihm alle Herrlichkeiten vor, die es ersehnt und verspricht sie ihm unter einer einzigen leicht zu erfüllenden Bedingung: es hat ihm nur seine Seele zu verkaufen, es hat nur mit seinem Blut einen Vertrag zu unterschreiben, den sie ihm nach seinem Tode als sein Eigentum überlässt und es wird bis ans Ende seines Lebens Herr und Gebieter aller Guten der Erde. Von dem Augenblick an, wo der Leichtsinnige seinen Namen unter den Packt gesetzt hat, blendet er die Welt durch das Schauspiel seiner Größe. Er lebt in höchster Üppigkeit, die stolzesten Häupter neigen sich vor ihm, allen seinen Worten wird von den Menschen gehorsamt, jede Grille, die ihm durch den Kopf fährt, nimmt unverweilt Gestalt an, er wird umschmeichelt, gelobhudelt, beneidet, bewundert, gefürchtet, sein Glück scheint wundergleich, unfassbar. Aber inmitten des betäubenden Festgetöns, das ihn unablässig umgibt, im Wirbel seiner stets erneuten Lustbarkeiten, in der Trunkenheit seiner gebieterischen Macht hat er fortwährend die Schicksalsfrist vor Augen, die seine Seele dem Teufel ausliefert, und er denkt mit Entsetzen an die Verfallsfrist, die jeden Augenblick seines unvergleichlichen Daseins näherbringt. Er macht verzweifelte Anstrengungen, um dieser höllischen Vorstellung zu entrinnen, er bringt es vielleicht fertig, auf seltene, flüchtige Momente das fürchterliche Endziel seines Rennens zum Abgrund zu vergessen, aber der Dämon ist immer da, immer hinter ihm, behält ihn grinsend im Auge und wartet auf den Augenblick, wo er ihn mit seinen Klauen packen wird.

Ein Ereignis, das sich zwischen den welterschütternden Vorgängen des Krieges zugetragen hat und im Toben der Riesenschlachten, im Donner zusammenbrechender Kaiserreiche, wahrscheinlich wenig bemerkt worden ist, hat diese Sage in meinem Gedächtnis heraufbeschworen. Ich war in den Kriegsjahren von Mitteleuropa völlig abgeschnitten. Ich habe keine einzige deutsche Zeitung gelesen. Ich weiß nicht wie die Presse Deutschlands und Österreichs den Vorfall behandelt, ob sie von ihm viel Aufhebens gemacht, ihm längere Betrachtungen gewidmet hat. In den mir zugänglichen spanischen, französischen, englischen, amerikanischen Blättern las ich eines Tages: Ballin, genannt der König von Hamburg, habe seinem Leben ein Ende gemacht, indem er sich eine Kugel in die Brust jagte. Wie war der verzweifelte Unglückliche zu dem Entschluss gelangt? Die erste Lesart war einfach und einleuchtend: Überwältigt von der zermalmenden Niederlage seines Vaterlandes, habe er den Einsturz des Reiches, seiner Seemacht, die zum großen Teil sein eigenes Werk gewesen sei, nicht überleben wollen. Das war ehrenhaft, es war sogar, wenn man will, heldisch. Es zeugte für die Hingebung des Beklagenswerten an sein deutsches Vaterland und zugleich dafür, das dieses Vaterland einem seiner treuen Söhne eine Liebe hatte einflößen können, die stärker war als der Tod. Und man hätte zweifellos an gewissen Stellen nicht verfehlt, die Tatsache möglichst laut zu betonen, dass dieser leidenschaftliche Vaterlandsfreund ein Jude war und dass er, indem er sich freiwillig den Tod gab, mit tragischer Feierlichkeit das böswillige Gerede von einem antisemitischen Deutschland Lügen strafte, das seinen Untertanen mosaischen Bekenntnisses eine gehässige Stiefmutter sei.

Ja. Aber bei dieser ersten Lesart ist es nicht lange geblieben. Wenige Tage später wurde sie durch eine andere, diesmal endgültige ersetzt. Es war am Vorabend der Waffenstreckung Deutschlands. Ballin wurde ins Große Hauptquartier zum Kaiser berufen, der ihn im Beisein Hindenburgs und Ludendorfs um seine Meinung über die Lage und insbesondere darum befragte, ob der Krieg bis zum Äußersten fortgesetzt werden und jede Rücksicht fallen gelassen werden solle. Ballin widerriet lebhaft diesen Vorsatz und empfahl dringend einen Frieden der Zugeständnisse und Versöhnung, indem er mit angsterfüllter Beredsamkeit bei den furchtbaren Gefahren verweilte, die Deutschland auf lange Jahre, vielleicht auf Jahrhunderte bedrohten, wenn seine siegreichen Feinde seine Handelsflotte vernichteten, es von allen Meeren verdrängten, seine Beziehungen zu den überseeischen Ländern unterdrückten und seinen Welthandel erwürgten. Seine militärischen Zuhörer erhoben sich entrüstet und mit Beschimpfungen gegen diese Worte und Kaiser Wilhelm, der seinen Zorn nicht bemeistern konnte, warf ihm die verächtliche Bemerkung ins Gesicht: „Ihr, jüdischen Händler, wollt euch in meinem Reiche der Gewalt bemächtigen. Nun denn, ich werde euch nicht gestatten, euch mein Amt anzumaßen und das deutsche Volk eurer Herrschaft zu unterwerfen.“ Schmachvoll aus der Gegenwart des Kaisers davongejagt, kehrte Ballin nach Hamburg heim und da er die Erinnerung an die Schande des eben erlebten Auftritts nicht ertragen konnte, schoss er sich eine Kugel ins Herz.

Das ist wohl die Wahrheit dieser Geschichte von Verzweiflung und Tod. Und nun wollen wir die Gestalt des beklagenswerten Ballin und sein außergewöhnliches Leben vor unseren Geist aufsteigen lassen und uns seiner Einzelheiten erinnern. Welche wunderbare Laufbahn! Welches glanzvolle Dasein! Welche Erfolge! Welche Triumphe! Der Sohn eines kleinen Auswanderungsagenten in Posen, führte er das Geschäft seines Vaters fort, verlegte es jedoch nach Hamburg, um der Schifffahrtsgesellschaft, mit der er arbeitete, näher zu sein. Mit einem lichtvollen Verstande, einem seltenen Organisationstalente und einem energischen Charakter begabt, fand er es nicht schwierig, sich davon Rechenschaft zu geben, dass er, der der Gesellschaft jährlich Zehntausende von Reisenden nach Amerika zuführte, ihr Hauptkunde war und ihr Bedingungen diktieren konnte. Er verlangte, in den Aufsichtsrat aufgenommen zu werden. Diese Forderung schien den Großhänsen der Gesellschaft eine unerträgliche Dreistigkeit. Man denke! Ein kleiner Jude aus den Ostprovinzen, wie man damals sagte, unterfing sich auf einen Platz unter diesen stolzen Hanseaten Anspruch zu erheben, die hochmütiger, ausschließlicher, antisemitischer sind als die preußischen Junker selbst? Zuerst widersetzten sie sich entrüstet und geringschätzig seiner Anmaßung. Doch als er drohte, in Hinkunft den Packbooten des Bremer Norddeutschen Lloyd, des Wettbewerbers der Hamburg Amerika -Gesellschaft, den Vorzug zu geben, unterwarfen die hochmögenden und mächtigen Herrschaften dieser letztern sich zähneknirschend der Erpressung und nahmen Ballin in ihren Kreis auf.

Als er erst im festen Platze war, wusste er sich durch die Überlegenheit seiner Begabung Geltung zu erzwingen und wurde bald der Gebieter. Unter seiner Leitung nahm die „Hapag“, wie man die Hamburg-Amerikanische Paketboot-Aktiengesellschaft abgekürzt nannte, einen wundergleichen Aufschwung. Er fand sie mit einem Aktienkapital von 5 Millionen Mark, Anteilscheinen, die an der Börse tief unter dem Nennwert notiert wurden, und einigen mittelmäßigen Schiffen vor. Er entwickelte sie zu einem Unternehmen von 187 Millionen Mark Kapital, das 12 bis 18 Prozent Dividenden bezahlte, mit einer Flotte ersten Ranges, die Schiffe von 35.000, zuletzt sogar von 75.000 Tonnen in sich begriff, die größten, schönsten, luxuriösesten, die man je gesehen hatte, das mit regelmäßigen, zahlreichen Dampferlinien den Erdball umspannte, das an Bedeutung alle anderen Schifffahrtsgesellschaften, selbst die englischen, weit überragte und Hamburg zum Mittelpunkt des Seeverkehrs der Welt machte.

Durch diesen Erfolg wurde Ballin einer der hervorragendsten Männer Deutschlands. Die Berliner Regierung zog ihn in allen Fragen der Seeschifffahrt, der Kolonien, des Außenhandels zu Rate. Kaiser Wilhelm verlangte seine Bekanntschaft zu machen, lud ihn zum Besuche in Potsdam und Berlin ein, erwiderte seine Besuche in Hamburg und am Bord seiner Schiffe, empfing ihn im vertrauten Kreise, behandelte ihn als Freund und großen Günstling und überhäufte ihn mit amtlichen Ehren. Wiederholt bot er ihm ein Ministerportefeuille an, das Ballin klug genug war, jedesmal auszuschlagen. Man versichert sogar, er habe ihn in einem gewissen Augenblick zum Reichskanzler machen wollen, zum Nachfolger Bismarcks! Die Vertrauten des Kaisers, all die Generale, Kammerherren und anderen Höflinge mit Degen, Schlüssel und Livree, nahmen Anstoß und Ärgernis an diesen Beziehungen zwischen ihrem allerdurchlauchtigsten Herrn und dem kleinen Posener Juden, aber sie hielten ihren Ärger geheim und wenn Ballin vor diesen katzbuckelnden Herrschaften in Uniformen und mit Orden von Fürsten und Seelen von Lakaien vorüberging, konnte er sich für Ihresgleichen, ja, für etwas Besseres als sie halten.

Was redete man von Antisemitismus in Deutschland? Wo sollte es den geben? Hatte etwa Ballin ihn jemals gespürt? Wann es wirklich Juden gab, die unter ihrem Judentum litten, so konnte es sicherlich nur durch ihre eigene Schuld sein. Sie bewahrten ohne Zweifel schlechte Manieren. Sie hatten sich wohl zu unvollkommen von den Haltungen, dem Geruch, der Engherzigkeit des Ghettos befreit. Er, der züchtige Ballin, hatte sich eine vornehm deutsche Seele zu geben gewusst. Nichts an ihm erinnerte mehr widerwärtig an den Juden. War er es denn überhaupt noch? Er wusste es wahrscheinlich selbst nicht recht. Getauft war er nicht. Nein. Er war zu geistvoll, zu frei von allen Vorurteilen, um sich darum zu einer derartigen Heuchelei zu erniedrigen. Aber er hatte sich gründlichst allen jüdischen Angelegenheiten entfremdet, unterhielt keine Beziehungen irgendwelcher Art zum Judentum, wies jede Gemeinbürgerschaft mit seinen Stammesgenossen ab, hatte alle Bande mit der Gesamtheit zerrissen, welche die seiner Väter war. Er war überzeugt, dass er den Juden vollständig und endgültig abgestreift hatte. Er machte sich weis, dass er ein Germane, ein Über-Germane geworden war. Er hatte mit Leidenschaft und unvergleichlicher Wirksamkeit am Gedeihen, an der Größe des Vaterlandes gearbeitet und glaubte sich sicher, sein deutsches Verdienst allenthalben anerkannt zu sehen. Er war nicht mehr jung genug, um den Ehrgeiz nach den Achselstücken eines Reserveleutnants zu nähren; glücklicherweise, denn seine Zurückweisung hätte ihn aus seiner Selbsttäuschung gezogen. Er suchte nicht in die Hochschullaufbahn einzutreten. Die Unmöglichkeit, den Lehrstuhl eines ordentlichen Professors zu erlangen, hätte ihm über seinen wirkliche Stellung die Augen geöffnet. Indem er vermied, Wege einzuschlagen, die ihn zur unerbittlichen Wahrheit geführt hätten, konnte er fortfahren in seinem Traum zu leben.

Er hatte seine jüdische Seele für trügerische Größe verkauft. Er heimste alle Erfolge ein amtliche, berufliche, gesellschaftliche, und fühlte sich als einer der repräsentativsten Männer Deutschlands, als einer von jenen, auf die das deutsche Volk am meisten stolz war und sein mußte. Die germanische Maske, die er vor sein natürliches Angesicht vorgenommen hatte war mit seinem Antlitz verwachsen, war seine lebende Oberhaut geworden. Doch siehe da: in einem kritischen Augenblick, wo er geglaubt hatte, als Deutscher ohne Furcht und Tadel fühlen, denken, sprechen, handeln zu dürfen, hatte eine erbarmungslos grausame Hand, eine Kaiserhand, ihm roh diese künstliche Haut abgerissen, ihn geschunden, ihn entblößt und ihn mit seinem blutenden, entstellten Judengesicht gelassen, in das man ihm voll Verachtung die Worte schleuderte; „Jüdischer Händler! Auf Herrschaft erpicht!“ Wer weiß, ob man nicht hinzugefügt hatte: „Ausbeuter! Wucherer!“

Da endlich begriff der Unglückselige. Die Fälligkeit des Packts mit der Hölle war eingetreten. In seine Ohren gellte das Schicksals „Hepp! Hepp!“, das den Augenblick bezeichnete, wo er bezahlen musste. Und er machte seiner Unterschrift Ehre, als der Biedermann, der er war; er beglich seine Schuld mit der Revolverkugel.

Wohl würde ich den Fanatikern der Assimilation zurufen: „Et nunc erudimini!“ „Und nun lernt!“, wenn ich nicht wüsste, dass sie zu lernen unfähig sind. Aber wir, die laut, und fest, und stolz unser Judentum verkünden, wir, die jede nationale Verkleidung, jede falsche Nase, jeden Mummenschanz verachten, wir haben das Recht, bewegt, doch gestärkt und sittlich größer aus der Tragödie der Assimilation wegzugehen und mit tiefem Mitleid den blutigen Leichnam des unglücklichen Ballin zu betrachten, der zu so viel großen Eigenschaften nicht auch die Kraft besaß, den Versuchungen des Bösen zu widerstehen und seine Unterschrift unter den Packt gesetzt hatte, der seine jüdische Seele der Hölle verschrieb.

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Autor: Nordau, Max geb. als Maximilian Simon Südfeld (1849-1923) Arzt, Schriftsteller, Journalist und Politiker

Autor: Nordau, Max geb. als Maximilian Simon Südfeld (1849-1923) Arzt, Schriftsteller, Journalist und Politiker

Albert Ballin 1857-1918 einer der hervorragendsten Männer Deutschlands

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Kaiser Wilhelm II.

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