Die Russische Gesellschaft unter Alexander I. 01 Alexanders Erziehung und Charakter

Aus: Die geistigen Bewegungen in Russland in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts
Autor: Pypin, Aleksandr Nikolaevich (1833-1904), Erscheinungsjahr: 1894

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Russland, Russen, Zaren, Katharina II., Hofleben, Alexander, Paul, Gesellschaft, Sitten, Bräuche, Einflüsse, Reformen, Bildung, Erziehung, Erzieher,
Erstes Kapitel. Alexanders Erziehung und Charakter.
Die Pläne der Kaiserin Katharina. — Alexanders Erzieher: Laharpe, M. N. Muravjev, Graf Saltykov. — Die Eindrücke des Hoflebens. — Adam Czartoryski. — Das Hofleben unter Paul. — Die Widersprüche in Alexanders Charakter.


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Die Pläne der Kaiserin Katharina

Der Charakter des Kaisers Alexander rief die verschiedensten Beurteilungen seitens der Zeitgenossen und der späteren Historiker hervor; wenn einerseits die einen ihn für einen herz- und prinziplosen Menschen, für einen bis zur Heimtücke schlauen Despoten hielten, so sprechen die anderen, unter denen der berühmte Stein, dem man weder den Vorwurf der Doppelzüngigkeit noch den der Schmeichelei machen kann, mit Überzeugungstreue von den hohen Eigenschaften seines Charakters, von seiner Uneigennützigkeit und Großmut, von seinem innigen Streben für das Wohl der Menschheit; während ihm die einen nur einen ganz gewöhnlichen, eines weiten Blickes unfähigen Geist zuerkannten, entdeckten die anderen in Alexander außer seinen seltenen Herzenseigenschaften auch einen außerordentlich weitblickenden und einsichtsvollen Verstand *).

*) Ohne die große Literatur über die Zeit und die Person des Kaisers Alexander anzuführen, wollen wir die Hauptwerke der letzten Zeit erwähnen:
M. Bogdanovic, Die Regierungszeit des Kaisers Alexander I. und Russland zu seiner Zeit (russisch). Petersburg 1869 — 71. 6 Bände.
(In den Anhängen ein ausführliches Verzeichnis der Literatur über diese Frage.)
Theodor v. Bernhardi, Geschichte Russlands und der europäischen Politik in den Jahren 1814—31. Leipzig 1863—77. 3 Bände. Sergej Solovjev, Der Kaiser Alexander I. Politisch-diplomatische Abhandlung (russisch). Petersburg 1877. Fortwährend vermehrt sich die Literatur der russischen wie ausländischen Memoiren und unter den letzteren, abgesehen von dem, was in den erwähnten Werken zitiert wird, erschien ein beträchtliches Material zur Geschichte der Zeit der heiligen Alliance und der Reaktion in den Memoiren, von Metternich, in den Memoiren und im Briefwechsel von Gentz u. s. w.


Diese Widersprüche sind um so auffallender, als solche Urteile nicht bloß von Feinden oder blinden Lobrednern ausgingen, sondern auch von Personen, die eine vorurteilsfreie Meinung, auf Tatsachen begründet, aussprechen wollten. Wir unterfangen uns nicht, den Charakter, der diese Widersprüche hervorrief, vollständig zu erklären, weil die Details der Geschichte Alexanders noch zu wenig bekannt sind, aber man kann ihn auch nicht übergehen, weil in der Tat jede der beiden Seiten ein Teil Wahrheit für sich hat; wahrlich, die Person Alexanders und seine Tätigkeit kamen in einer so verschiedenartigen Weise zum Ausdruck, da man sich darüber möglichst Rechenschaft ablegen muss, da dieselben nur zu oft ihren Einfluss auf das gesellschaftliche Leben ausübten.

Dieser Charakter fällt durch seine Unebenheiten und Widersprüche auf. Sein Grundzug war Unbeständigkeit, und es ist leicht sich vorzustellen, dass die Äußerungen derselben in ernsten Angelegenheiten und in kritischen Momenten, wenn ein gewisser Entschluss von außerordentlicher Wichtigkeit war, den peinlichsten Eindruck machen konnten und tiefe Antipathie erregten, was eben die ungünstigen Urteile hervorrief. Aber wenn wir die verschiedenen Einzelheiten der Biographie Alexanders zusammenfassen und in deren Beweggründe eindringen, so versöhnen wir uns mit ihm, weil wir als die Quelle seiner Mängel nicht schlechte Neigungen erblicken, sondern einen Erziehungsmangel des Willens und Mangel an Verständnis der Verhältnisse, und weil wir wahrnehmen, dass seinen Absichten oft die besten Bestrebungen zu Grunde lagen, denen es nur an Schulung und an günstigen Umständen mangelte. Fast von seiner Geburt an kam Alexander in sehr verwickelte und schwierige Verhältnisse, die früh zwischen seinem Bewusstsein und seinem Gefühl einen Riss verursachten; seine Erziehung wurde gerade in einer Zeit beendigt, wo derselben gewöhnlich die ersten ernsten Sorgen zuteil werden, wo die ersten ernsten Studien des Jünglings beginnen und seine Bekanntschaft mit dem Leben. Schon in dieser Zeit wurde Alexander sich selbst überlassen, und dabei unter Verhältnissen, die eine große moralische Anstrengung erforderten, welche auch für einen besser Vorbereiteten und mehr Erfahrenen nicht leicht gewesen wäre. Es steht außer Zweifel, dass seine Erziehung unter Katharina, sein Leben und „Dienst" unter Paul bereits die Keime seines Charakters geschaffen, wie dieser sich späterhin offenbart, und damals diese begeisterungsfähige und edle Natur gebrochen haben.

Das bekannte Gedicht Derzavins „auf die Geburt des im Purpur geborenen Knaben" wurde vielmals als eine poetische Prophezeiung der seltenen Eigenschaften Alexanders, seiner seelischen und physischen Schönheit und seines künftigen Ruhmes zitiert. Derzavins Muse, die es sonst liebte, angenehm zu schmeicheln und zu übertreiben, schien diesmal die Wahrheit gesprochen zu haben, da Alexander in der Tat zu einem außerordentlich anziehenden Knaben und Jünglinge heranwuchs. Dies war das allgemeine Urteil über ihn in der ersten Zeit seiner Jugend.

Aber die äußeren Umstände waren von Anfang an derartige, dass sie auf die Entwicklung seines Charakters nicht günstig wirken konnten. Schon früher, ehe Alexander noch imstande war, die Verhältnisse zu erkennen, kam er in sonderbare und falsche Beziehungen zu seiner Familie. Gleich nach seiner Geburt nahm ihn Katharina zu sich, wie auch später die anderen Kinder Pauls, so dass diese nur selten und dabei flüchtig in ihrem elterlichen Hause sein konnten. Paul wohnte in Gatcina und seine Beziehungen zu Katharina waren höchst gespannte, ja, beinahe feindselige. Es wird behauptet, dass sie den Plan hegte, Paul von der Thronfolge auszuschließen und Alexander zu ihrem unmittelbaren Nachfolger zu machen, was nur durch ihren plötzlichen Tod vereitelt worden sei *). Alexander mochte diese Absichten erraten, jedenfalls kannte er klar das Misstrauen und die Feindseligkeit, welche die Höfe von Petersburg und Gatcina trennten, zwischen denen er selbst in eine schwierige, leidende Lage gedrängt wurde. Weder hier noch dort konnte er vollkommen aufrichtig sein; wahrscheinlich war es ihm auch sonst sehr schwer, mit jemandem seine Gedanken und Eindrücke auszutauschen, und dies verursachte früh in ihm eine Zurückhaltung und Verschlossenheit, die für sein Alter auffallend erschienen. Ein Beobachter, der Alexander in seiner Jugend in der Nähe sah und dessen Bemerkungen sich auf das Jahr 1796 beziehen, sagt von ihm: „Er erbte von Katharina die Erhabenheit der Gefühle, den klaren und durchdringenden Geist und die seltene Bescheidenheit; aber seine Zurückhaltung, seine Vorsieht sind derartig, wie man sie in seinem Alter nicht sieht, und sie schienen Verstellung, wenn man sie nicht eher jener gespannten Lage zuschreiben musste, in welcher er sich zwischen seinem Vater und seiner Großmutter befand, als seinem von Natur aus aufrichtigen und offenen Herzen".

*) Vergl. die Angaben des Fürsten S. M. Golicyn über das Vermächtnis Katharinas in diesem Sinne, welches in ihrem Kabinett gefunden und von Alexander verbrannt wurde. Diese Tatsache wird hier als eine vollkommen positive mitgeteilt. „Russkij Archiv" 1869 S. 642— 643. Mem. secr. I. 182—183. Vergl. Memoiren von Sablukov, „Russkij Archiv" 1869 S. 1882.

Unter Paul wurde seine Lage noch schwieriger. Es ist bekannt, welcher Argwohn und welche stürmischen Launen diesem Kaiser eigen waren; erjagte seiner ganzen Umgebung und selbst seiner Familie Furcht ein durch heftige Ausbrüche seiner Gereiztheit, die keine Grenzen kannte. Paul argwöhnte das Vorhandensein der erwähnten Pläne Katharinas und sein Misstrauen, welches er übrigens zu verbergen suchte, richtete sich auf Alexander. Es heißt, dass der Kaiser während der letzten Stunden seiner Mutter und in den darauffolgenden Tagen den Sohn bei sich hielt unter Äußerungen der Zärtlichkeit, die dem Argwohn glichen. Paul entfernte dessen frühere Freunde, umgab ihn mit Offizieren, denen er sich vollkommen anvertrauen zu dürfen glaubte, ersetzte sein früheres Regiment durch ein anderes u. s. w. Ihre Beziehungen zu einander wechselten oft, aber Alexander konnte sich im Laufe der Regierung seines Vaters, die im Widerspruch mit allen seinen Anschauungen stand, nicht frei fühlen. In noch lästigeren Formen als früher dauerte der Zwang fort, und es fanden sich noch mehr Gründe zur Verstecktheit und zum Misstrauen. Das Ende der Regierung Pauls brachte die innere Unruhe und Hilflosigkeit Alexanders bis zum Äußersten. Zeuge der Gereiztheit, welche sich gegen den Kaiser anhäufte, war er nicht imstande, die Krise abzuwehren und wurde selbst von ihr mitgerissen. Diese Ereignisse hinterließen in seinem Charakter auf immer ihre Spuren; jene düstere Lebenserfahrung verstärkte seine Apathie noch, zu der er schon lange Anlagen besaß, und sein Misstrauen den Menschen gegenüber, zu welchem er leider der Gründe genug in seinen Lebensverhältnissen von frühester Jugend an hatte.

Dies war, in allgemeinen Umrissen, die ungünstige Umgebung, in der die moralische Entwicklung Alexanders vor sich gehen musste. Seine angeborenen Eigenschaften wurden hier einer schweren Probe ausgesetzt, über die alle vorhandenen Mitteilungen sich in der günstigsten Weise äußern. Alexander zeigte einen lebhaften Geist und schöne moralische Eigenschaften. Es haben sich unter andern die Memoiren eines seiner Erzieher erhalten, verfällt in den Jahren 1789 bis 1704, also als Alexander 12—17 Jahre alt war, die vom Verfasser für sich geschrieben, unvoreingenommen sind *). Indem dieser Erzieher den Charakter Alexanders schildert, spricht er mit Entzücken von dessen anziehenden Zügen, seiner Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, seinem Eingestehen der Fehler, seinem guten und weichen Gemüt u. dergl.; er teilt auch verschiedene Fälle mit, wo diese schönen seelischen Eigenschaften zu tage traten, aber zur selben Zeit weist er mit Bedauern auf Alexanders Fehler hin , unter welchen manche seinem Charakter auch späterhin innewohnten: „Bei seiner Hoheit, dem Prinzen, schreibt er im April 1792, zeigt sich eine übergroße Eigenliebe und daher Hartnäckigkeit in seinen Meinungen, als ob er einen in allem nach seinem Willen überzeugen könnte. Daher kommt eine gewisse Schlauheit bei ihm zum Vorschein, weil bei der Verdunkelung der Wahrheit und im Bestreben, immer Recht zu behalten, der Betrug unvermeidlich ist.“ — Die Phrase ist unklar, aber die geschilderte Eigenschaft war scheinbar diejenige, die Alexander so viele Beschuldigungen wegen Doppelzüngigkeit zuzog. In seinem Geiste war unzweifelhaft ein Zug von gewisser diplomatischer Schlauheit, obwohl derselbe keineswegs in solchem Maße vorherrschte, wie man es nicht selten darstellt; wenn in seinem jugendlichen Charakter zur Schlauheit auch Aufrichtigkeit sich gesellen konnte, so büßte derselbe auch späterhin nie seine früheren besten Eigenschaften gänzlich ein. Das Leben beeinträchtigte stark deren normale Entwicklung, aber auch in den letzten Jahren waren seine Charakterfehler nicht so Heuchelei und Macchiavellismus, wie Unentschlossenheit und Mangel an festem Willen, zum großen Teile verursacht durch das Fehlen des klaren Verständnisses in Sachen, in welchen Alexander die oberste entscheidende Stimme haben musste. Vor allem war es die Erziehung, die seinem Geist und Charakter ihren Stempel aufdrückte.

*) „Russkij Archiv“ 1866 S. 94 — 111. Es ist unbekannt, wer dieser Erzieher war; aber es war ein Russe.

Alexander I. Zar von Russland

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Alexander I. Kaiser von Russland

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Katharina II (1729-1796) Genannt Katharina die Große, Kaiserin von Russland

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Das heutige Russland

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An der Neva mit Blick auf den Winter-Palast

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Kreml zu Moskau

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Moskau - Armenküche

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Moskau - Basilius-Kathedrale

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Moskau - Bettler und Obdachlose wärmen sich am Feuer

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Moskau - Bettler vor der Kirche

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Moskau - Blick auf den Kreml

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Moskau - Die Börse

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Moskau - Der Kreml

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Moskau - Die Zaren-Glocke

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Moskau - Die Zaren-Kanone

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Moskau - Droschkenkutscher

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Moskau - Ein reicher Händler mit seiner Frau

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Moskau - Feuerwehr im Einsatz

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