Erste Fortsetzung

Die Berliner atmeten neu auf nach so viel Stunden des Schreckens und der Angst. Allein die Ruhe war von nur kurzer Dauer. Der russische General Tschernischeff war mit 20.000 Mann im Anmarsch, die Hauptmacht der Russen bereits in Frankfurt a. d. Oder angekommen und im Begriff zu ihm zu stoßen, 15.000 Österreicher hatten inzwischen Potsdam und Charlottenburg besetzt. Es schien unter diesen Umständen fast unmöglich, mit 14.000 Mann eine offene Stadt zu verteidigen, die mehr als zwei Meilen im Umfange hatte; ebenso wenig wollte man ein Treffen gegen einen dreifach überlegenen Feind ?m offenen Felde wagen. Das Corps des Prinzen von Württemberg und das inzwischen aus Sachsen angekommene Hülsens marschierten daher alsbald nach Spandau ab, und Berlin musste seinem Schicksale überlassen bleiben.

Beide, die Russen wie die Österreicher, forderten zu gleicher Zeit zur Übergabe auf. Es war nun für den Magistrat eine bedeutungsreiche Frage: wem von den beiden Gewalten sollen wir uns ergeben? Welche ist die wohlfeilste, die großmütigste? Man ersuchte Gotzkowsky um seinen Rat, und dieser gab den Russen den Vorzug, die doch nur Hilfsvölker seien, und von denen daher mehr Schonung zu erwarten sei, als von den Hauptfeinden, den Österreichern. Dieser kluge Rat ward befolgt.


Mit der Avantgarde durch das Königstor und mit dem Stabe und der Hauptarmee durch das Cottbusser Tor hielt General Tottleben seinen Einzug in Preußens Hauptstadt. Zum ersten Male erblickten die Berliner, die neugierig und schaulustig zahlreich aus allen Straßen herzu strömten, die Kosaken auf ihren kleinen Pferden und mit ihren spitzen Lanzen und staunten die russischen Leibgardisten in ihren goldverzierten Uniformen und die russischen Husaren in ihren kostbaren, pelzverbrämten Jacken an. Wie der General vorher befohlen, erschien der Magistrat am Cottbusser Tor, zugleich mit einer
Deputation der Berliner Kaufmannschaft, Gotzkowsky an der Spitze, um mit ihm über die der Stadt aufzulegende Kontribution zu unterhandeln. Der von Tottleben zum Kommandanten von Berlin ernannte russische General Bachmann, von Geburt ein Deutscher, ließ Gotzkowsky vortreten, brachte ihm einen Gruß vom russischen General Sievers, welchen der edle Kaufmann als Gefangenen nach der Zorndorfer Schlacht mit Großmut in seinem Hause aufgenommen und verpflegt hatte, und ersuchte ihn in dessen Auftrage, ihm zu sagen, womit er ihm dienen könne, sein Wort vermöge viel bei dem Grafen Tottleben. Gotzkowsky bat darum, der Welt das Beispiel eines großen und edlen Siegers zu geben, die Soldaten nicht morden und plündern zu lassen und ihnen Menschlichkeit und Mitleid anzuempfehlen.

Bachmann versprach, für Mannszucht und Ordnung unter den Truppen bestmöglichst zu sorgen, und Gotzkowsky eilte, von dem Oberbürgermeister v. Kircheisen, der ihn mit krampfhafter Gewalt zurückzuhalten suchte und ihn bat, ihn doch jetzt nicht zu verlassen, sich losmachend, mit beflügeltem Schritt nach dem Rathause, um die angenehme Nachricht den dort versammelten Ältesten der Bürgerschaft zu bringen.

Unterdessen eröffnete der General dem Magistrate, dass die Stadt eine Kontribution von vier Millionen Reichsthalern, und zwar nicht in den schlechten damals zirkulierenden Münzsorten, sondern in gutem Gelde zu zahlen habe. Der Oberbürgermeister erschrak über diese ungeheure Forderung dermaßen, dass ihn ein altes Übel, der Lachkrampf, befiel, und er laut lachend ausrief: „Hurrah, die Russen sollen leben!“ Der General hielt dies für eine Verhöhnung und befahl im höchsten Zorne, ihn zu verhaften. Der Magistrat und die Deputation der Kaufmannschaft scharten sich in höchstem Schrecken um Herrn v. Kircheisen, um ihn vor der Verhaftung durch die Soldaten zu schützen. Eine Szene des Schreckens und der Verwirrung entstand, die Soldaten wurden wütend und begannen mit Kolbenstößen sich Bahn zu brechen, als ein Mann sich durch das Gewirre hindurch drängte; — es war der vom Rathause zurückehrende Gotzkowsky. Dieser gab dem General die Versicherung, dass Herr v. Kircheisen schon lange am Lachkrampf leide, und rettete ihn dadurch vom Tode. Der General ließ ihn auf einer Bahre durch Soldaten nach Haus tragen.

Die Einwohner Berlins waren in Verzweiflung über die hohe Kontribution. Der patriotische Kaufmann schlug sich auch hier ins Mittel. Er setzte dem General Tottleben die Unmöglichkeit auseinander, dass die Stadt diese Summe, welche weit ihre Kräfte übersteige, zahlen könne, und das deutsche Herz des Generals Preußens guter Genius wollte, dass der Anführer der Russen ein Deutscher war, zudem ein Mann von edler Gesinnung und feiner Bildung — konnte dem beredten deutschen Patrioten nicht widerstehen. Er willigte ein, die Kontribution auf 1.500.000 Reichsthaler und 290.000 Thaler Douceurgelder für die Truppen, be?des zahlbar in dem damals gangbaren Gelde von geringerem Gehalte, Herabzusetzen. Mit dieser Nachricht flog Gotzkowsky aufs Rathaus, wo ihn der versammelte Magistrat wie einen Engel empfing.

Die Douceurgelder wurden sogleich gezahlt, sowie 500.000 Thaler von der Kontribution, wobei Gotzkowsky bedeutende Summen seines eigenen Vermögens aufopferte. Für die restierende Million wurden von der Kaufmannschaft Wechsel gegeben, die Gotzkowsky akzeptierte, und für deren Zahlung er mit Hab- und Gut Bürgschaft leistete.

Wider Willen der Russen drangen alsbald auch die Österreicher in die Stadt, und Berlin, das Palmyra der Neuzeit mit der zahllosen Menge seiner prachtvollen Werke der Baukunst, damals die größte Manufakturstadt Deutschlands, war eine Beute des Feindes und der Tummelplatz von Kosaken, Kroaten und Österreichischen Husaren geworden, welche in Straßen und Häusern raubten, plünderten und mordeten. Zwar hielt General Bachmann sein Versprechen, und es wurde unter den Russen eine strenge Disziplin gehandhabt, wie unter anderem acht Kosaken, die raubend in die Häuser gedrungen waren, auf dem Neumarkte vor der Hauptwache aufgeknüpft wurden. Doch die Österreicher verübten allerlei Ausschweifungen; ihre Wut und Raubsucht steckte wie eine epidemische Krankheit auch die Russen an, so dass selbst die Strafen, welche denjenigen auferlegt wurden, deren Verbrechen. man den Mut hatte den Generälen anzuzeigen, sie nicht von Raub und Plünderung mehr abschreckten. Zweihundertzweiundachtzig Häuser wurden erbrochen und ausgeleert. Wer sich Abends auf die Straße wagte, wurde nackend ausgezogen.

Die Österreicher drangen wie Rasende in die königlichen Marställe, trotzdem diese nach der Kapitulation nicht berührt werden sollten, verjagten die dort aufgestellte russische Schutzwache, rissen die Pferde heraus, beraubten die Wagen des Königs aller Zierraten, trugen sie dann auf die Straße zu einem Haufen zusammen und steckten sie in Brand. Darauf stürzten sie wieder zurück in das Marstallgebäude und plünderten die Wohnung des Oberstallmeisters Schwerin. Selbst Hospitäler und Kirchen blieben nicht verschont, bis der holländische Gesandte Verelst, die Befehlshaber an das Völkerrecht und die Menschenpflicht erinnernd, ihrem Treiben einigermaßen, ein Ziel setzte.

Selbst die gesitteten sächsischen Truppen, an Disziplin fast den Preußen gleich, verleugneten jetzt ganz ihren Nationalcharakter. Sie standen in Charlottenburg, eine Meile von Berlin, und hier zerstörten die Brühlschen Dragoner, die sich im dortigen Königlichen Lustschloss ihr Quartier errungen hatten, Alles, was das selbst an Pracht, Luxusgegenständen und Kunstsachen vorhanden war; auch die Kapelle ward geplündert und die schöne Orgel, welche in derselben stand, zerbrochen. Was aber ihren Vandalismus krönte, war die Zerstörung einer Sammlung von unschätzbaren Kunstwerken, von griechischen Händen im goldenen Zeitalter der Kunst gearbeitet und in Rom gesammelt, wo sie Gotzkowsky aus dem Kunstkabinett des Kardinals Polignac für Friedrich den Großen angekauft hatte. Man begnügte sich nicht, diese Statuen und B?sten von ihren Postamenten herabzustürzen, ihnen Köpfe, Arme und Beine abzuhauen, sondern zermalmte auch noch die abgeschlagenen Teile, um eine künftige Wiederzusammensetzung unmöglich zu machen. Auf diese Weise suchten sächsische Regimenter, die zu jenen gehörten, die Friedrich beim Beginn des Krieges bei Pirna gefangen hatte, ihrem Hasse gegen ihn Luft zu machen. Friedrich, der an diesen seltenen Kunstsachen ein besonderes Wohlgefallen und eine große Freude fand, vergaß den Sachsen diesen Frevel nicht, und sobald er wieder nach Sachsen kam, ließ et als Repressalie das sächsische
Jagdschloss Hubertusburg rein ausplündern.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Die Russen in Berlin. 1760 – Geschichtsbild