Die Reise nach Freienwalde.

Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Band 5,
Autor: Wilbrandt, Adolf von (24. August 1837 in Rostock; † 10. Juni 1911 in Rostock) Schriftsteller und Direktor des Burgtheaters in Wien, Erscheinungsjahr: 1870
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Reisen, Bahnreisen, Postkutsche, Freienwalde, Pasewalk, Güstrow, Amerika, Auswanderer, Mormonen, Vielweiberei, Landmann, Liebespaar, Mecklenburg
„Ich war lange nicht in Freienwalde; warum fahre ich eigentlich nicht einmal hin? Warum fahre ich heute nicht nach Freienwalde? Warum nehm' ich nicht diese Droschke da, die eben langsam vorbeifährt, und lasse mich, wie ich gehe und stehe, zum Stettiner Bahnhof transportieren?" — Herr Valentin Weinberg, indem er dies bei sich dachte, sah nach seiner Uhr — der nächste Zug ging in fünfunddreißig Minuten — fühlte nach seiner Geldbörse, und rief die Droschke heran. Er stand eben in der Wilhelmsstraße in Berlin, nicht weit von den Linden, wo ihn die unnatürlich warme Aprilsonne beschien, und kämpfte schon seit einer Viertelstunde mit dem dunklen Gefühl, dass ihm ein kleiner Ausflug recht ersprießlich sein würde. Er stellte sich das alte Pfarrhaus seines Freienwalder Gastfreundes, die hohen, kühlen, halbdunklen Zimmer hinter den Kastanienbäumen, die Totenstille in dem kleinen Städtchen äußerst einladend vor. Ein idyllischer Abendspaziergang nach der Oder zu, Fräulein Gretchen an seiner Seite — denn Valentin Weinberg war unverheiratet, dreißig Jahre alt und von unbestimmten, aber starken Gefühlen; — frischer Wiesengeruch und die schönen Saaten bei diesem heißen Frühjahr — denn Valentin Weinberg war mit Leidenschaft Landmann. Indem er in seiner Droschke durch die lärmenden Straßen rollte, triumphierte er im Stillen, dass er von den drei Wochen, die um seiner Geschäfte willen noch in Berlin zugebracht werden mussten, wenigstens ein Zehntel vors Tor hinaustrage. So rollte er endlich in den Stettiner Bahnhof ein, sprang vom Wagen, kaufte sich sein Billet dritter Klasse nach Freienwalde — denn bei warmem Wetter war es sein Grundsatz, dritter Klasse zu fahren — und ging nun mit dem ganzen Sonnabend-Gefühl eines fahrenden Schülers, ein gedachtes Ränzelchen auf dem Rücken, eine wirkliche Zigarre im Munde, in die Einsteig-Halle hinaus.

Wahrhaftig, bei dieser Hitze, dachte er, ist es eine wahre Torheit, sich in die heißen Polster zweiter Klasse zu setzen! — Und indem er das dachte, sah er eine junge Dame, die eben im Begriff war, in einen Wagen zweiter Klasse zu steigen, und bei diesem Unternehmen das Täschchen, das ihr am Arm hing, auf den Perron fallen ließ. Valentin sprang hinzu, hob es mit einer graziösen Bewegung auf — er konnte in seinen Bewegungen sehr anmutig sein — und indem er mit der einen Hand seinen Hut lüftete, gab er mit der andern der Dame das Ledertäschchen zurück. Er blickte dabei in ihre blauen Augen, die ihm durch einen recht warmen Strahl liebenswürdig dankten. „Ich danke Ihnen, mein Herr!" setzte gleich darauf ihre feine, helle Stimme hinzu, wie wenn der Blitz der Augen vorangegangen und dann, nach einem Naturgesetz, das dazu gehörige Geräusch gefolgt wäre. Sie sagte es, wollte in demselben Augenblick vom Tritt in den Wagen steigen, tat aber einen unsicheren Schritt und schwankte wieder zurück. Sie versuchte zu lächeln — ein ganz allerliebstes Lächeln —, griff aber doch ängstlich nach einem Halt und ließ sich, ohne es zu wollen, gegen Valentins Schulter sinken. „Oh!“ sagte sie sehr verwirrt. Dann richtete sie sich geschwind wieder auf, bekam eine nachträgliche Blässe und hinterher ein gewaltiges Erröten, ließ sich von den kräftigen Armen ihres Ritters in das Coupé hineinheben, stammelte einige Dankesworte, die man nicht hören konnte, und sank dann in ihren Eckplatz, hinter dessen Lehne ihr Gesicht verschwand.
„Das ist ein Mädchen — o —!" dachte Valentin, als er nach dieser kurzen Begegnung zurückgetreten war und nun auf dem Perron auf- und niederging. Er fühlte sich in eine angenehme Wallung versetzt, die ihn wundervoll aufregte. Die Bahnhofsuhr zeigte noch zehn Minuten bis zur Abfahrt; eine Weile konnte er sich also ruhig seinem Gefühl überlassen. Es war ihm, als müsste er ihr reizendes Lächeln nachmachen; seine Mundwinkel versuchten es auch, ohne dass er es wusste, doch gelang es nicht ganz. Aus einiger Entfernung sah er nach ihrem Coupé zurück: an ihrem grauen Kleid, das zum Teil sichtbar war, und den braunen Stiefelchen konnte er es erkennen. Doch ihr Gesicht blieb versteckt. Er sah nur ihre Wagennummer, 875. „Könnte es etwas Angenehmeres geben", dachte er, „als wenigstens eine Stunde — bis bei Neustadt-Eberswalde meine Zweigbahn kommt — zweiter Klasse neben dieser Dame zu sitzen und noch einige Male ihr Lächeln zu studieren? Statt dass ich nun in meinen Plebejerkasten steigen soll — es war auch eine ganz einfältige Idee, dritter Klasse fahren zu wollen! — um dieses liebenswürdige Mädchen in aller Ewigkeit nicht wiederzusehen? So — also deswegen fährt man mit demselben Zug in die Welt hinaus — dazu hat man Eisenbahnen und Perron-Abenteuer —? Wenn ich nur ein Billet zweiter Klasse genommen hätte — —“ Über diesen Gedanken hatte er sich dem Billet-Schalter, wo sich die Reisenden drängten, ganz langsam genähert; schob auf einmal sein Kärtchen „Berlin-Freienwalde", das er in der Hand hielt, in die Westentasche, zog seine Geldbörse und drängte sich gleichfalls vor. „Nach Freienwalde, zweiter Klasse!" rief er entschlossen in den Schalter hinein. „Es kostet sehr wenig", setzte er in Gedanken hinzu und freute sich über diese kleine Verschwendung. Gleich darauf hatte er sein Billet; lief zu dem Wagen Nr. 875 zurück, suchte seine Leitsterne, die kleinen braunen Stiefelchen, und stieg dann zart über sie weg in das Coupé hinein.

„Ich hoffe, Sie haben sich vorhin nicht wehe getan!" sagte er, sobald er der jungen Dame gegenüber Platz genommen hatte, denn dieser Platz war noch leer.

„O ganz und gar nicht!" antwortete dieselbe silberne Stimme, die ihn vorhin schon entzückt hatte. „Ich war ja in so guten Händen", setzte sie lächelnd hinzu.

Valentin musste unwillkürlich seine großen und nicht sehr weißen Hände betrachten (er hatte bei der Hitze die Handschuhe ausgezogen); durch eine sonderbare Ideenverbindung kamen sie ihm gegen früher verschönert vor, und unvermerkt streichelte er die eine mit der andern. Er fühlte ein ganz außerordentliches Wohlbehagen, der Dame nun wirklich gegenüberzusitzen, ein richtiges Billet in der Hand und ein unbrauchbares in der Tasche. Als hätte er sie durch diese Handlung in Besitz genommen, sah er das Fräulein — denn für eine Frau konnte er sie nicht halten — nun mit einem freundlich triumphirenoen Blick von oben bis unten an. Sie war zu seinem großen Vergnügen äußerst einfach gekleidet, und doch stand ihr Alles gut. Ein gewöhnlicher Regenmantel, den sie trotz derWärme noch nicht abgelegt hatte, siel über ihr graues Kleid; auf dem Köpfchen — denn ihr Kopf war nicht groß — saß ein schwarzes Hütchen, über das ein künstlicher Zweig von weißen Rosen in den Nacken siel. Darunter dunkelblondes Haar, nicht sehr lang und einfach heruntergekämmt, aber von allerliebstem Fall und unten ein wenig gelockt. Eine sehr offene Stirn, die blauen Augen, die Valentin schon kannte (doch sah er sie wieder an), und eine zierliche Nase, über die er sich ganz besonders freute. Eben war er im Begriff, sich auch ihren Mund zum Bewusstsein zu bringen, als sie ihn öffnete und mit etwas verlegener Heiterkeit fragte: „Sie rauchen wohl gern, mein Herr?“

„Wie meinen Sie?“ fragte er zurück. Statt der Antwort warf die junge Dame einen Blick nach rechts, dem er folgte, und nun bemerkte er, dass noch zwei andere Frauenzimmer in demselben Coupé saßen, die mit vorwurfsvollen Augen zu ihm herüberstarrten. Er sah nicht viel mehr von ihnen, als die Augen, weil er eben eine große Dampfwolke in dieser Richtung ausgesendet hatte. Doch plötzlich erschrocken nahm er die Zigarre zwischen die Finger, sah wieder das Fräulein an und fragte möglichst gefasst: „Ich bin — ich bin wohl in ein „Coupé für Nichtraucher" geraten?"

„Sie haben es erraten, mein Herr!" sagte sie unschuldig lachend. „Es scheint, dass Sie das erschreckt. Übrigens glaube ich, Sie haben noch Zeit, in ein anderes Coupé zu steigen, wenn Sie die Zigarre nicht entbehren können."

„Ganz im Gegenteil, mein Fräulein!" erwiderte er und warf seine Zigarre zum Fenster hinaus. „Ich bitte nur um Entschuldigung wegen meines Irrtums. Am Rauchen selbst liegt mir nichts!" — Er wurde rot, indem er das sagte, denn er hatte die hässliche Gewohnheit bei einer Lüge allemal zu erröten. Es gab keinen leidenschaftlicheren Raucher, als ihn. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er sich auf einer Reise ohne Zigarre im Munde. Die kluge junge Dame schien auch sein Rotwerden richtig zu verstehen; denn sie lächelte vor sich hin, zog ihre feinen Brauen etwas in die Höhe und schwieg.

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Wilbrandt, Adolf von (1837-1911 in Rostock) Schriftsteller und Direktor des Burgtheaters in Wien (1882)

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Wilbrandt, Adolf von (1837-1911 in Rostock) Schriftsteller und Direktor des Burgtheaters in Wien

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Bad Freienwalde, Konzerthalle St. Georg

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Bad Freienwalde, Pfarrkirche

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Bad Freienwalde, Rathaus

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Honigmond

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Das Rendez-vous

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Der Brautwerber

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Anvertrauung

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Idylle

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Liebesbriefe

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