Die Opfer des Goldes. Band I

Volks-Roman
Autor: Langer, Anton (1824-1879) österreichischer Schriftsteller, Übersetzer, Theaterkritiker und Journalist, Erscheinungsjahr: 1863

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Historischer Roman, Preußen, Franzosen, Hamburg, Spielbank, Wiesbaden, Großherzogtum Nassau, Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Stadt und Land, Traditionen, Stadtbeschreibung, Russen, Spielbank, Offiziere, Österreicher, Mailust, Ehre, Badeorte, Homburg, Baden-Baden, Venedig, Dampfer, Seekrankheit, Sklaven, Seereise, Amerika,
Inhaltsverzeichnis

01. Auf der Main-Lust
02. An der Spielbank in Wiesbaden
03. Der Neger*) und sein Herr
04. Eine geheime Instruktion
05. Eine Proletarier-Familie
06. Der Hausherr
07. Herr von Neuwieder
08. Job als Dienstvermittler
09. Im Boudoir der Frau von Neuwieder
10. Ein böses Zusammentreffen
11. Der Schatz

*) Neger (von französisch nègre, spanisch negro, lateinisch niger für „schwarz“) ist eine im 17. Jahrhundert in die deutsche Sprache eingeführte Bezeichnung, die auf eine dunkle Hautfarbe der Bezeichneten hinweist. Das Wort fand zunächst nur begrenzt Verwendung; mit dem Aufkommen der eng mit der Geschichte von Kolonialismus, Sklaverei und Rassentrennung verbundenen Rassentheorien und der (seit langem überholten) Vorstellung einer „negriden Rasse“ bürgerte es sich ab dem 18. Jahrhundert in der Umgangs-, Literatur- und der Wissenschaftssprache ein. Neger gilt heute allgemein als Schimpfwort und als abwertende, rassistische Bezeichnung für schwarze Menschen.
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Neger )

                                    1. Kapitel.
                              Auf der Main-Lust.


Die unheilvollen Kriegs-Gewitterwolken, welche die letzten Monate des Jahres 1850 verdüstert hatten, waren, langsam sich zerstreuend, allmählich der Friedensonne gewichen. Der gefürchtete Kampf zwischen Österreich und Preußen, auf den Europa lauernd, schadenfroh, Deutschland aber mit bang klopfendem Herzen blickte, eine Wiederholung des siebenjährigen Krieges fürchtend, der verderbliche Bruderzwist, der am Main und Rhein die Weißen die Blauen führte, hatte in der Affäre bei Bronnzell, wo die Hitzköpfe ohne Kommando auf einander feuerten, so dass ein österreichischer Jäger verwundet und ein preußischer Artillerieschimmel getötet wurde, ein tragikomisches Ende gefunden.

Der geniale Staatsmann Felix Fürst zu Schwarzenberg (1800-1852) war nach Olmütz geeilt, wo der Minister Otto Theodor von Manteuffel (1805-1882) seiner harrte. Dort, in geheimer Sitzung, hatten die beiden Diplomaten Deutschlands Geschick in ihren Händen. Manteuffel, von seinem Gebieter mit unbedingter Vollmacht versehen, besaß Mut genug im entscheidenden Augenblicke nachzugeben. Die beiden Premiers, die als Gegner zusammen gekommen, trennten sich als Freunde, und die proponierte Dresdner Konferenz sollte das vollständig durchführen, was zu Olmütz als Brouillon hingeworfen worden war. Und so geschah es, – Deutschland behielt seinen Frieden, die Schwerter der einander gegenüberstehenden Armeen sanken in die Scheiden.

Kein Wunder, dass eine große Zahl junger Kriegsleute, die vom Kriege und Beförderung hofften, den Frieden, eben nicht mit günstigem Auge ansahen, besonders unter den Preußen, die Österreichs Helden um die Lorbeeren beneideten, welche diese in den glühenden Gefilden der Lombardei und auf den eisbedeckten Pussten des Magyarenlandes gesammelt hatten. Kein Wunder, das Reibereien zwischen den Soldaten häufig vorkamen, besonders in den gemischten Garnisonen, zu Frankfurt und Mainz. Solch eine Szene fand an einem wunderlieblichen Maiabend des Jahres 1851 statt in der alten Kaiserstadt Frankfurt am Main, und zwar in jenem reizenden Kaffeehausgarten, welcher die „Main-Lust“ heißt und in seiner blühenden Anmut sich mit nichts vergleichen lässt, als mit dem Paradiesgärtchen zu Wien, vor dem er jedenfalls den Vorzug besitzt, dass unter seiner Umwallung der breite silberglänzende Mainstrom hinzieht, bevölkert mit leichtrudrigen Kähnen, aus welchen Gesang und Musik denen zu Ohren tönt, die auf der „Main-Lust“ zwischen den Blütenbäumen sich des Lebens freuen.

In dem kleinen Pavillon, inmitten des Gartens spielte die Musikkapelle des österreichischen Garnions-Regimentes, und die Frankfurter schöne Welt war deshalb zahlreich, wie immer, vertreten, denn die Frankfurter „Borcher“ haben die Österreicher lieb und schwärmen für ihre Musik, besonders für die Militärmusik.

An einem Tische, nahe der Brüstung, über welche das Auge den Main überfliegend, weit hinaus sieht ins Land, saß eine Gruppe österreichischer Offiziere, zwei Hauptleute, drei Oberleutnants und ein Unterleutnant, unter ihnen aber als Gegenstand ihrer allgemeinen Verehrung ein Major, dessen Gesicht jenen Stempel militärischer Tüchtigkeit trug, den man eben nur auf den Schlachtfeldern bekommt. Die Offiziere sahen auf ihn und horchten einen Worten mit jener fast patriotischen Ergebenheit, welche das Verhältnis des österreichischen Offiziers zu seinem Vorgesetzten kennzeichnet. Sie gehörten nicht dem Regimente an, welches in Frankfurt garnisonierte, sondern auf dem Durchmarsche begriffen, hatten sie des Rasttages wunderschönen Abend benützt, um den Lieblingsort der Frankfurter zu besuchen. Ihr ganzes schlichtes, ernstes Wesen, ihre bescheidene Haltung gegenüber dem schönen Geschlechte, ihr gedämpftes, die Nachbarn nie störendes Gespräch beurkundeten sie als Männer, denen des Lebens Ernst bereits bitter mitgespielt hatte, und der jüngste unter ihnen, der Unterleutnant, ein blutjunger, schöner Mann, dessen Lippen kaum noch ein leichtes Bärtchen zierte, trug auf seiner Brust den Leopoldsorden, den er vor vor Malghera sich erkämpft hatte. Es waren mit einem Worte, um einen Soldatenausdruck zu gebrauchen, lauter Leute, die Pulver gerochen hatten.

Den striktesten Gegensatz zu ihnen bildeten die Herren Lieutenants des preußischen Füsilier-Regimentes der Frankfurter Garnison, welche, zwölf an der Zahl, zwei Tische weit von den Österreichern saßen und champagnisierten. Die Herren waren geschniegelt und gebügelt, die Schnurbärte magniperb aufgedreht, die Haare gebrannt, die Uniform saß so knapp, als ob unter ihr ein Schnürmieder angelegt wäre, die breite Kappe mit der schwarzweißen Kokarde war unternehmend schief gesetzt. – Das Auge, bewaffnet mit jenem gesichtsverunstalteten Zwicker, der jedem echten Soldaten ein Gräuel ist, blickte herausfordernd auf die schönen Frankfurterinnen und die Konversationen über Tänzerinnen und Sport wurde in einem Ton geführt, als ob am jenseitigen Mainufer Jemand dieselbe mit anzuhören gewesen wäre.

In dem Maße, als der Champagner die Köpfe mehr erhitzte, wurde sonderbarer Weise das Gespräch leiser, allein die Blicke, die früher den Schönen gegolten, kehrten sich gegen die österreichischen Offiziere, die Anfangs dieselben nicht beachteten, allein endlich doch aufmerksam wurden, da im menschlichen Blicke ein gewisses etwas liegt, ein herausfordernder Zauber, so dass man einen Mann mit einem Blicke mehr beleidigen kam, als mit dem verletzendsten Worte.

Die Österreicher wurden trotz aller Mühe, ihr angefangenes Gespräch im Gang zu erhalten, unwillkürlich immer einsilbiger. Die Preußen plauderten immer lebhafter, immer lästiger. – Die Blicke wurden hämischer, herausfordernder, – die Gläser klangen rascher aneinander.

Endlich hob der Eine von ihnen, den die Andern den Herrn von Puntigow nannten, das Glas, hielt es vors Auge, wie einen Stecher, und sagte so laut, dass man es bequem sechs Tische weit hören konnte:

„Wärs nur zu was gekommen, – auf Ehre! – So hätten wir sie zusammen geschmissen.“

Und er schleuderte das Glas gegen die Brüstung Garten-Umwallung, dass es in Scherben zerklirrte.

Die Frankfurter an den benachbarten Tischen, die sich früher weder um die Weißen noch um die Blauen viel gekümmert hatten, hoben die intelligenten Spießbürgerköpfe neugierig lauschend in die Höhe, um zu sehen, was da kommen würde.

Interessant war es, die Österreicher zu beachten, Wind, Wetter und Sonne hatten ihr Antlitz viel zu sehr gebräunt, als das man es hätte aus nehmen können, wie sie die Farbe wechselten, nur der erbleichende Rand der Wange unter dem Auge, ein unmerkliches Zucken der Lippen gab ihre innere Aufregung kund. Von den beiden Hauptleuten zündete sich der Eine eine frische Zigarre an der des andern Hauptmannes an, der eine Oberleutnant trommelte mit den Fingern den Generalmarsch auf dem Tische. Die beiden andern blickten finsteren Auges hinüber nach dem Störenfried, – nur der Leutnant mit dem Leopoldsorden hatte sich halb auf seinem Stuhle erhoben, als ob er hinüber stürzen und die Übermütigen zur Rechenschaft ziehen wollte.

Ein Blick aus dem klaren, blauen Auge des Majors und wie gebannt sinkt der junge Mann auf seinen Stuhl zurück. Allein eine Wange, die noch die Atlas frische der Jugend besitzt, vermag den Grimm nicht zu verbergen, der sein brausendes Blut zum wildschlagenden Herzen jagt, und eine geisterhafte Blässe überzieht ein wunderschönes Antlitz.

Unwillkürlich richten sich die Blicke der Offiziere auf den Major; was er sagt, das wollen sie tun, – er soll entscheiden.

Der Major aber nimmt aus einem unscheinbaren Etui eine Zigarre, schneidet sie mit einem alten Taschenmesser ab, zündet sie langsam an, tut ein paar Züge, die ihm außerordentlich zu behagen scheinen, und hat durch all das soviel Zeit gewonnen, um ein leichtes Zittern der Stimme zu bemeistern, welches sonst gegen seinen Willen verraten haben würde, dass es in einem Herzen auch ein Fleckchen gibt, so verwundbar, wie das der jungen Männer. Allein dem Greise, der längst gewohnt, sich selbst zu beherrschen, gelingt auch diesmal der Sieg über sich selbst, und in italienischer Sprache, die seinen Waffenbrüdern durch lange Garnison am Mincio so geläufig, wie die eigene worden war, spricht er zu den Offizieren:

„Meine Herren! Vor allem andern kaltes Blut und fünf Minuten Aufmerksamkeit auf das, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich rede hier nicht als Vorgesetzter, sondern nur als Ihr Kamerad, als kaiserlicher Offizier. Bedenken Sie, dass ich so gut, wie Sie es fühle, wenn das Porte-Epée, das ich trage, insultiert wird. Allein noch ist nichts geschehen, was wir als wirkliche Beleidigung aufnehmen müssten, – noch ist kein Mann genannt, kein Wort gesprochen worden, das uns eine Gegendemonstration zur Pflicht macht. Halten Sie an sich, so lange ich an mich halte, – der Degen, der auf dem Schlachtfeld geweiht wurde, im Kampf für Kaiser und Vaterland, darf durch keine Rauferei entehrt werden.“

Fortsetzung
Schwarzenberg, Felix Fürst zu (1800-1852) österreichischer Staatsmann, Dipomat und Offizier

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Manteuffel, Ottor Theodor von (1805-1882) preußischer Minister

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Die Völkerschlacht bei Bronnzell 1850 (Karikatur)

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