Der erste Nachhall der Exzesse in Russland

Wir haben, indem wir von dem Eingreifen des Polizeichefs Lopuchin und von dem Memorandum der jüdischen Gemeinde sprachen, noch nichts von der furchtbaren jüdischen Situation widergespiegelt und sahen kaum etwas von der unsagbar erregten Stimmung durchzittern, die jetzt die Juden Kischinews und mit ihnen die Judenheit ganz Russlands erfasste.

Das war aber nicht nur eine ungeheuere Sorge um das jüdische Leben an allen Orten, das war auch eine unbeschreibliche Trauer, ein Mitleiden und Miterleben von einer ergreifenden und hinreißenden Größe und Schönheit. Wenn etwas aus dem namenlosen Unglück aufleuchtet, so ist es diese Flamme jüdischer Brüderlichkeit. Das war nicht etwa das bloße Hingeben mitleidiger Gaben, da haben zu gleicher Zeit in Nord und Süd Millionen russischer Juden noch einmal mit ihren Brüdern und Schwestern in Kischinew gezittert, gelitten, alle Qual und alle Entsetzlichkeit der zwei Tage und jedes einzelnen Juden mit jeder Fiber ihres Herzens mitempfunden. Da haben sich Millionen jüdischer Herzen in einem erschütternden Ausbruch des Familienschmerzes gefunden; so als hätte jeder seinen Vater, sein Kind, sein Weib sterben, in Wunden oder in Todesgefahr gesehen. Da haben in einem Tage Millionen Juden bei diesem einen Ereignisse das ganze tausendjährige nationale Unglück in jedem Schlage ihres Herzens nachbeben gefühlt. Und wenn es auch in unsäglichem Leiden war, da hat sich wieder die wunderbare Einheitskraft des jüdischen Stammes in einer Größe und Macht erwiesen, die aus der grenzenlosen Tragik heraus eine ebenso unbegrenzte Hoffnung auf das Leben und die Erhebung dieses Volkes für unabsehbare Zeiten in sich trägt. Und das ist vielleicht das Größte an dieser nationalen Manifestation, dass sie durch keine Not und Gefahr des Augenblicks erstickt werden konnte.


Von dieser Not und Gefahr werden wir noch sprechen.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Die Judenmassacres in Kischinew (1903)