Erneute Abstimmung

Dem Ehrb. Kaufmann die ganze Angelegenheit vorzutragen und seine Entscheidung anzurufen, wie es bei sonstigen zweifelhaften Fällen wohl geschah, war bei dieser Gelegenheit ausgeschlossen; dann wäre das bisher sehr sorgfältig behütete Geheimnis der Öffentlichkeit Preis gegeben und das Zustandekommen des schwierigen Werkes erst recht in Frage gestellt worden. Die Kommerzdeputierten beriefen nun am 16. September den Ehrb. Kaufmann und ließen von ihm für eine wichtige Angelegenheit 4 Kaufleute deputieren, die als Neu-Adjungierte bezeichnet wurden; diesen trugen sie, nach eingeholter Genehmigung des Senats, die Sache vor. Und nun wurde am 18. September die Abstimmung wiederholt. Es ist vielleicht nicht uninteressant hier anzuführen, wie die Adjungierten, alte und neue, stimmten.

Beckhoff blieb „beym vorigen.“


Richters, Poppe und Kellinghusen nahmen den Antrag, wie er war, an.

Voss: für den Frieden, „aber nicht mittelst Ammunition.“

Schlebusch: für den Antrag, „remittiert aber die Konditionen an gehörigem Ort“

Thorbocke: für den Antrag, doch solle Goverts befohlen werden, das Möglichste zur Abwendung der Munitionslieferung zu tun.

Ridel: für den Antrag, und dass Goverts befohlen werde, „dass unsere Flagge eben die Prärogativen [Vorrechte] widerfahren mögten, als den andern meist begünstigten Nationen.“

Durch diese Abstimmung hatte die Kaufmannschaft und, da der Senat sich schon entschieden hatte, Hamburg für die Annahme des Friedens, wie er anders nicht zu erhalten war, sich ausgesprochen. Es ist aber doch sehr interessant, dass die Opposition gegen diese Art des Vertrages grade aus dem Schoße der Kaufmannschaft hervorging und dass schließlich diese kaufmännische Opposition recht behalten hat.

Dem Vertrage waren nun die Wege geebnet, wenigstens in Hamburg. Goverts erhielt einen weiteren, größeren Kredit, sodann aber auch in zwei Punkten, die die Materiallieferung betrafen, eine neue Instruktion, nämlich:

Wenn das mit der Munition beladene Schiff verunglückte oder von maltesischen oder anderen Schiffen aufgebracht und weggenommen würde, so dass die versprochene Leistung nicht zur rechten Zeit erfolgen könnte, so dürfe dies Algier keinen Anlass geben, den Frieden wieder zu brechen. Ferner: es könnte zwischen den Seemächten, z. B. Spanien, Frankreich, Holland, England, über kurz oder lang Krieg ausbrechen und alsdann Schiffe mit Munition, die ja durchgehends als Contrebande [Schmuggelware] gelte, nirgends frei passieren dürfen; in diesem Falle müsse, da für Hamburg die Lieferung dann eine reine Unmöglichkeit sei, Algier sich mit einem Geldäquivalent zufrieden geben. —

So im Besitz der sicheren Aussicht auf den Frieden, suchte der Senat ihn der Stadt für die Zukunft möglichst zu befestigen. Man wusste in Hamburg wohl, dass mit den Barbaresken einen Frieden zu schliessen leichter sei, als ihn zu erhalten; kein Staat ist von bitteren Enttäuschungen dieser Art verschont geblieben, und Hamburg selbst hatte ja in diesem unsicheren Zustand immer noch einen Trost und Ersatz gefunden für seine Nichtbeteiligung an mit den Raubstaaten abgeschlossenen Friedenstraktaten. Um so mehr fürchtete der Senat nun, wo es auch für Hamburg Ernst mit einem solchen Frieden werden sollte, dass nach dem Abschluss, nach soviel schweren Opfern die Untreue der Algierer Alles zu verlorner Mühe machen werde. Und es hätte kein Hahn darnach gekräht, wenn die Seeräuber, nachdem sie über ihre Geschenke, ihr Geld, die Masten und Kugeln dankend quittiert, kurz darauf wieder Feindseligkeiten mit der fernen, politisch isolierten Hansestadt angefangen hätten. Diese war nicht, wie England oder Frankreich, in der Lage, einen solchen Treubruch durch energische Maßregeln zu züchtigen; keine Macht hätte sich für die dem heil. Römischen Reich zugehörige Hansestadt erhoben; jede war froh, für die eigene Schifffahrt vor den Räubern sicher zu sein. In Erkenntnis dieser Ohnmacht kam man in Hamburg auf den Gedanken, für den Frieden, für dessen Sicherheit ihm Algier selbst weder materiell noch moralisch die Garantie bieten konnte, einen mächtigen Garanten zu suchen.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Die Hansestädte und die Barbaresken