Das Vordringen der Deutschen nach Osten bis zum 14. Jahrhundert.

Es ist ein wiederholt beobachteter Vorgang in der Geschichte, dass auf fremdem, jungfräulichem Boden gegründete Niederlassungen eines tüchtigen, kolonosierungsfähigen Volkes gar oft sich lebenskräftiger entwickeln als das Mutterland, dass sie dieses überflügeln und rückwirkend auf dasselbe bisweilen einen verjüngenden und belebenden Einfluss äußeren. Im Altertume liefern dafür die griechischen Kolonien an der Ostküste des Archipelagus, auf Sizilien und in Großgriechenland man ebenso großartiges wie schlagendes Beispiel an den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika. Auch die Deutschen haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Der Staat, der in unsern Tagen die Leitung Deutschlands übernommen, es politisch regeneriert hat, ist auf einem Boden erwachsen, der, als vor tausend Jahren durch den Vertrag zu Verdun ein Reich rein deutscher Stämme ins Leben trat, diesem Reiche noch nicht angehörte, und der Städtebund der Hanse, das mittelalterliche Deutschland auf dem Meere, senkte seine festesten Wurzeln in eine Erde, die noch im Anfange des 12. Jahrhunderts nur slawische Bebauer kannte. Vergegenwärtigen wir uns, wie diese Gebiete in deutsche Hände und zum deutschen Reiche in Beziehung kamen *).

*) Vgl. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten. Den hier und an anderen Stellen, besonders von C. F. Fabricius im Mecklenburger Jahrbuch VI, 1 ff. , zuletzt von C. Platner, Forschungen XVII, 409 ff. ausgeführten Ansichten von einer unter slawischer Herrschaft sich erhaltenden deutschen Bevölkerung, deren Vorhandensein dann die spätere rasche Germanisierung erklären soll, kann ich mich, wenigstens für das Gebiet der norddeutschen Ebene, durchaus nicht anschließen. Vgl. gegen Fabricius Boll, Mecklenburger Jahrbücher IX, 1 ff und XII, 57 ff und gegen Platner G. Wendt. Die Nationalität der Bevölkerung der deutschen Ostmarken vor dem Beginne der Germanisierung.


Die Zeit Karls des Großen fand alles Land östlich der Elbe und Saale von Slawen besetzt; nur im westlichen und mittleren Holstein hatten sich die sächsischen Nordalbinger als die einzigen Deutschen jenseits der Elbe erhalten, während andererseits die angegebene Linie an manchen Stellen westwärts von den Slawen überschritten wurde. Der erste wesentliche Fortschritt nach Osten fand unter Otto dem Großen statt. In hartem Kampfe dehnten Gero und Hermann Billing ihre Marken von der Elbe und Saale bis gegen die Oder aus *). Das Erzbistum Magdeburg mit seinen Suffraganen sollte für Verbreitung und Befestigung des Christentums unter den heidnischen Slawen sorgen. Aber bald zeigte es sich, dass die Kraft derselben nur geschwächt, nicht gebrochen sei. Es fehlte, was später diese Lande wirklich zu deutschen gemacht hat, das Verdrängen und Ersetzen der slawischen Bevölkerung durch deutsche Einwanderer. Man hatte die Slaven der deutschen Herrschaft unterworfen, an ihrer Christianisierung gearbeitet, aber sie ruhig in ihren Sitzen gelassen. Dies Verhältnis konnte bei der Schärfe des nationalen Gegensatzes nicht von Dauer sein, und zwei Jahrhunderte später mussten andere Kräfte das Werk noch einmal angreifen, um es zu einem vollkommenen Ende zu führen.

*) Vgl. W. Giesebrecht, Gesch. d. deutschen Kaiserzeit I, S. 295 ff.

Inzwischen hatte sich die Aufgabe anders gestaltet. Böhmen und Polen waren seit dem Ende des 10. Jahrhunderts dem Christentum vollständig gewonnen. Von Polen gerufen, mit polnischer Unterstützung unternahm Bischof Otto von Bamberg 1124 die Bekehrung der Pommern; um die Mitte des 12. Jahrhunderts war auch an den Ostseegestaden zwischen Oder und Weichsel das Christentum befestigt. Die heidnischen Slaven waren zwischen Ostsee, Elbe, Havel und Oder vollkommen von Christen eingeschlossen. Es war nur die Frage, ob sie von ihren stammverwandten Nachbarn im Osten, oder von ihren Todfeinden im Westen christianisiert werden sollten. Das Letztere geschah. Albrecht dem Bären, dem ersten Markgrafen von Brandenburg und Herzog Heinrich dem Löwen blieb es vorbehalten, diese Gebiete dem Christentum und zugleich dem Deutschtum zu gewinnen. Des Letzteren Tätigkeit ist für die Geschichte der Ostseegebiete von entscheidender Bedeutung gewesen.

Unter den Slawen des östlichen Holsteins, den Wagnern, gelang es gegen die Mitte des 11. Jahrhunderts einem christlich erzogenen Volksgenossen, Gottschalk, dem Schwiegersohn des dänischen Königs Svend Estrithson, mit sächsischer und dänischer Hülfe eine christliche Herrschaft zu errichten *). Auch sein Sohn Heinrich hat dieselbe nach harten Kämpfen als „König der Slawen und Nordalbinger“, denn auch die Letzteren leisteten ihm Heeresfolge, bis in das folgende Jahrhundert hinein zu behaupten vermocht **), doch Beide unter Anerkennung der Oberhoheit des sächsischen Herzogs. Fast schien es, als sollte auch hier am innersten Winkel der Ostsee, an dem für Handel und Verkehr gelegensten Punkte ein christlich slawisches Reich sich bilden und die Deutschen auf immer vom baltischen Meere ausschließen. Denn auch nach Heinrichs Tode wurde ein Däne sein Nachfolger, kein Deutscher, der Herzog Knud Laward von Schleswig, den König Lothar mit dem Slawenreiche belehnte.

*) Adam von Bremen II, 64 und III , 18 ff., Mon. SS. VII; Helmold I, 19 ff. Mon. SS. XXI. Gegenüber den Ausführungen Schirrens (Beiträge zur Kritik älterer Holstein. Geschichtsquellen S. 114 ff.) Tgl. Wigger, Mecklenburger Jahrb. XLII, Anl. D, 8. 40 ff.
**) Helmold 1, 34.


Doch kaum war dieser tot (er wurde 1131 von seinem Vetter Magnus auf Seeland meuchlings ermordet), so zeigte sich die Unnahbarkeit der Zustände. Trotz der aufopfernden Tätigkeit des frommen Mönches Vicelin erhob sich das Heidentum in alter Stärke. Erbitterter als je entbrannte der Kampf zwischen Slaven und Sachsen, Heiden und Christen. Tapfer, mit Umsicht und nicht ohne Glück führte der Graf von Holstein, der Schauenburger Adolf II., das Schwert gegen den zahlreichen und unermüdlichen Feind, siedelte fleißig deutsche Kolonisten auf wagrischem Lande an; aber zu bändigen vermochte er die Slawen nicht. Es musste ein Stärkerer kommen, der mit gewaltiger Faust das wilde Volk zu Boden warf: Herzog Heinrich der Löwe.

„Allein vor dem Herzog fürchten die Slawen sich. Er hat ihre Kraft zerrieben vor allen Führern, die vor ihm gewesen sind, viel mehr als jener Otto, der Kaiser. Er legte ihnen das Gebiss zwischen die Kiefer und lenkt sie, wohin er will. Er gebietet Frieden, und sie gehorchen; er befiehlt Krieg und sie sprechen: Hier sind wir." So spricht Helmold, der Pfarrer von Bosau am Plöner See, „Nordalbingiens Tacitus", über die Taten seines Herzogs.

Heinrich der Löwe fand einen nicht gesuchten Bundesgenossen an König Waldemar I. von Dänemark. In jenem Inselreiche, wo in Folge der endlosen Thronwirren die noch wenig verschmolzenen Provinzen mit einander in blutigem Hader lagen, wo man „nur in Bürgerkriegen etwas vermochte, zu Hause kampflustig, nach Außen aber unkriegerisch war," hatte man doch die unablässigen Einfälle der Slawen längst als eine drückende Landplage empfunden. Erst die Energie Waldemars des Großen und seines Bischofs Axel Absalon, zwei der größten Männer, die Dänemark je hervorgebracht hat, wusste die Kraft des tapferen Volkes zum Kampfe gegen seine schlimmsten Feinde zusammenzufassen. Die mächtig aufblühende Seemacht der Dänen vernichtete die langjährigen erbitterten Gegner, die Rugianer, und eroberte ihr auf der Insel und im jetzigen Vorpommern belegenes Gebiet, während Heinrichs des Löwen Schaaren siegreich die Länder von der Elbe bis zur Oder durchzogen und bis an die Peene hin alle Slaven dem Sachsenherzog unterwarfen; selbst die schon christlichen Fürsten von Pommern mussten diesem huldigen. Drei Bistümer, in Lübeck, Schwerin und Ratzeburg, sorgten für die Christianisierung und ersetzten zugleich der Hamburg-Bremer Kirche die seit Errichtung des Erzbistums Lund (1103) entbehrten Suffragane. Im ?stlichen Teile des heutigen Meyenburg blieb ein einheimisches Fürstengeschlecht unter sächsischer Lehnshoheit bestehen, die westliche Hälfte jenes Landes übertrug Herzog Heinrich einem seiner Getreuen, Gunzel von Hagen, als Grafschaft Schwerin.

Und diese Erfolge waren von Dauer, denn dem kriegerischen Vordringen folgte die deutsche Kolonisation auf dem Fuße. Gerade im 12. Jahrhundert war jene in ihren Ursachen wie in ihrem Verlaufe noch nicht vollkommen aufgeklärte Bewegung auf ihrem Höhepunkte, die endlose Schaaren aus den westlichen Gauen unseres Vaterlandes, aus Westfalen und den Rheinlanden, aus Holland, Geldern, Flandern und Brabant in den slawischen Osten führte *). Die Eroberer versäumten nicht diese Kräfte herbeizuziehen. An allen Ecken und Enden wuchsen an Stelle der vernichteten oder neben den noch bestehenden slawischen Dörfern deutsche empor, die durch ihre Überlegenheit im Ackerbau jene rasch überflügelten und verdrängten. Selbst slawische Fürsten begünstigten diese Ansiedlungen, da der leistungsfähigere deutsche Pflug einen höheren Zehnten versprach als der slawische Haken **).

Und dem deutschen Bauer schritt der deutsche Bürger zur Seite. Längst war die Zeit vorüber, da der freie Germane es stolz verschmähte, sich in die Mauern einer Stadt einschließen zu lassen. Der Deutsche hatte den Vorteil des sicheren und bequemen Zusammenwohnens, des ruhigen, fleißigen Betriebes einer Erwerbstätigkeit schätzen gelernt. Auch als Städtegründer war er dem Slawen überlegen, der eigentliches Bürgertum nicht kannte, obgleich er Städte besaß. Überall erhoben sich deutsche Städte, meistens an der Stelle früherer slawischer Ortschaften. Die Fürsten, die eben erst mit den Waffen in der Hand das feindliche Volk bezwungen hatten, zeigten sich zum Teil als wahre Organisatoren. Der Schauenburger Graf Adolf II., „der tatkräftige Mann, die geeignete Lage und den vortrefflichen Hafen erkennend", er baute in der Nähe eines früheren slawischen Ortes Stadt und Hafen Lübeck. Heinrich der Löwe selbst ist es dann gewesen, der die eigentliche Bedeutung dieses Hauptes der Hanse begründete. Die außerordentliche Gunst der Lage Lübecks erregte die Eifersucht des scharfblickenden Sachsenherzogs, der für sein Bardowik fürchtete. Er setzte der Stadt und ihrem Grafen so lange zu, bis dieser sie 1158 ihm abtrat. Rasch blühte sie jetzt empor und wurde eine Musteranlage für zahlreiche Städtegründungen in den Ostseeländern. So entstanden zu Ende des 12. und im Anfange des 13. Jahrhunderts Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald, Stettin, Anklam, Stargard, Kolberg und eine Reihe kleinerer Städte, sämtlich fast rein deutsch mit gänzlichem Zurücktreten des slawischen Elements.

*) Vgl. darüber das Ton der kgl. belg. Akademie gekrönte, aber wenigstens was die geographischen Fragen anbetrifft, mit einer staunenswerten Nachlässigkeit gearbeitete Werk Emile de Borehgraves: Histoire des Colonies Beiges qui s'etablirent en Allemagne etc.

**) Vgl. Usinger über Heinrich Borwin in Mecklenburg, deutsch dänische Geschichte 8 283 ff.; Boll im Mecklbg. Jahrb. XIII, 57 ff. und 113 ff; Wigger Ober Bischof Berno von Schwerin, Mecklbg Jährt» XXV III. 3 ff ; Ernst, über die Kolonisation Mecklenburgs im 12. und 13. Jahrhundert in Schirrmachers Beiträgen zur Geschichte Meyenburgs Bd. II; dazu Koppmann in den Hans. Geschbl. 1875, 8 205 ff., dann Lüb. Urkdb. 1, n. 98: De unoquoque eciam theutonicali arathro unam mensuram tritici et alter am siliginis Cnlmensis mensurc, qui schepel dicitur, unanTquoque tritici mensuram de unco, quo Preten! vel Poloni terram oolere conaueverunt.


Und diese Städte entwickelten sich um so rascher, je umfassender und lebhafter der Verkehr mit dem Osten wurde. Denn die Deutschen machten an der Ostsee nicht Halt. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts kamen die ersten Glaubensboten aus deutschen Landen über Gotland nach der Mündung der Düna*). Und dem Prediger des Christentums war der deutsche Kaufmann schon voraufgegangen, folgten alsbald die deutschen Ritter, die der mannhafte Bischof Albert, der „gewaffnete Apostel" in dem neuen Lande zum Orden der Schwertbrüder zusammenfasste. In harten Kämpfen mit den heidnischen Letten und Liven fassten Christentum und Deutschtum an der Düna festen Fuß; das neu gegründete Riga wurde der Stützpunkt der deutschen Macht und Vermittler des regen Verkehrs mit den Eingebornen und den hinter ihnen wohnenden Russen.

*) Vgl. Höhlbaum, Die Gründung der deutschen Kolonie an der Düna, ITans Geschbl. 1872, 8 41 ff.

Halt und Dauer gewann diese Herrschaft wenige Jahre darauf durch die Vereinigung der Schwertbrüder mit dem deutschen Orden 1237. Denn dieser neu gegründete, lebenskräftige Ritterorden, der sich ergiebigere und lohnendere Felder für seinen Kampf gegen die Ungläubigen suchte, als das Morgenland sie bot, hatte seit 1226, gerufen von dem polnischen Herzog Konrad von Masovien, mit Glück und Geschick sich einer Aufgabe unterzogen, welche die Christianisierung der Ostseeküste vollenden sollte. Das einzige, noch heidnische Land an den Ufern der Ostsee, das von dem Volke der Preußen bewohnte Gebiet zwischen Weichsel und Niemen wurde in mehr als fünfzigjährigem Kampfe von ihm unterworfen, dessen Insassen fast vernichtet *). Deutsche, auch hier wieder besonders westfälische, rheinische und niederländische Einwanderer nahmen ihre Stelle ein. Schon in den 30er Jahren entstanden an der Weichsel die Städte Kulm, Thorn und Elbing, 1255 am Pregel Königsberg. Und einmal Herr des Gebiets zwischen Weichsel und Niemen musste es das natürliche Bestreben des deutschen Ordens sein, die Verbindung mit dem Mutterlande zu gewinnen, nach Westen auf dem noch slawischen Gebiete zwischen Weichsel und Oder sich auszudehnen. Dieses Bestreben führte zum Erwerb von Pommerellen; 1308 kam Danzig in die Hände des deutschen Ordens **).

*) Vgl. Ewald, Die Eroberung Preußens durch die Deutschen.

**) Vgl. J. Voigt, Preuss. Geschichte IV, 215 ff; Hirsch, Handels und Gewerbsgeschichte Danzigs S. 7.


So war zu Anfang des 14. Jahrhunderts fast die ganze Ostseeküste von der Kieler Bucht bis hinauf zum finnischen Meerbusen in deutschen Händen. Wo noch slawische Fürsten regierten, wie in Pommern und Mecklenburg, hatte doch schon die auch von ihnen begünstigte und noch immer fortdauernde deutsche Ansiedlung der gänzlichen Germanisierung mächtig vorgearbeitet. Besonders, was an Städten vorhanden war und diesen Namen verdiente, war entweder deutschen Ursprungs oder doch von den deutschen Elementen beherrscht. Hatte ja doch Danzig auch schon unter der Herrschaft der polnischen Herzöge von Pommerellen eine überwiegend deutsche Bevölkerung und nahm an den Privilegien der deutschen Kaufleute in Nowgorod Teil. Nur an zwei Punkten hatte sich eine andere Macht festgesetzt, die wiederholt Miene machte, den Deutschen die Herrschaft streitig zu machen: Rügen und Estland waren im Besitz Dänemarks. Begünstigt, ja geradezu aufgefordert durch seine Lage hat dieses Land im Gebiete der Ostsee mehr als einmal eine Rolle gespielt, die weit hinaus ging über seinen Umfang und die Zahl seiner Bewohner, ist mehr als einmal eingetreten in den Kampf um die Herrschaft über das baltische Meer. Es sind ähnliche Bestrebungen, die um die Mitte des 14. Jahrhunderts zum Zusammenstoß mit den deutschen Städten führen. Zu ihrem Verständnis wird es nötig sein, einen Blick zu werfen auf die Stellung des deutschen Nordens zu dem dänischen Inselreiche.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Die Hansestädte und König Waldemar von Dänemark.