Tyrannei und Sittenlosigkeit.

Die Tyrannei der Grundherren wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt dergestalt, dass viele ihrer Unterthanen es vorzogen, dieses Hundeleben mit dem des Bettlers, des Landstreichers oder Räubers, welch letzteres durch die ungeheuren Wälder und den schlechten Zustand der Verkehrswege sehr begünstigt wurde, oder des Söldners, der sich dorthin verkaufte, wo der Sold am größten und die Beute die reichlichste schien, zu vertauschen. So entstand ein zahlreiches, männliches und weibliches Lumpenproletariat, das allmählich zur wahren Landplage wurde. Die Kirche trug zur allgemeinen Verderbnis ehrlich bei, und zwar wurde die schon an und für sich in der kirchlichen Organisation liegende Förderung der Unsittlichkeit ihrer Glieder, durch den unausgesetzten Verkehr mit Rom und Italien noch gestärkt. Rom war nicht bloß die Hauptstadt der Christenheit und der Sitz des Papsttums, es war auch das neue Babel, die europäische Hochschule der Unsittlichkeit, und der päpstliche Hof ihr vornehmster Sitz.



Das alte römische Reich hatte bei seinem Zerfall dem christlichen Europa weit mehr seine Laster als seine Tugenden hinterlassen, und erstere wurden in Italien besonders gepflegt und übten ihre Rückwirkung auch auf Deutschland aus. Eine ungeheuer zahlreiche Geistlichkeit, meist aus kräftigen Männern bestehend, deren geschlechtliches Bedürfnis durch träges und üppiges Leben aufs äußerste gesteigert, durch die erzwungene Ehelosigkeit aber auf die Befriedigung in der geschlechtlichen Wildnis oder auf widernatürliche Wege angewiesen war, trug die Sittenlosigkeit in alle Kreise der Gesellschaft, und wurde für die Moral des weiblichen Geschlechts in Städten und Dörfern eine pestartige Gefahr. Die Mönchs- und Nonnenklöster unterschieden sich von öffentlichen Häusern nur dadurch, dass das Leben darin noch zügelloser und ausschweifender war, und zahlreiche Verbrechen begangen wurden, die um so leichter verborgen werden konnten, da diejenigen allein die Gerichtsbarkeit in den Klöstern auszuüben hatten, die an der Spitze dieser Verderbnis standen. Damit erklärt sich die Tatsache, dass in dem uns von blöden Romantikern als so fromm und sittsam dargestellten Mittelalter auf dem Conzil zu Constanz 1414 nicht weniger als 1500 fahrende Frauen erschienen, die zum Teil enormes Geld verdienten, und ebenso schon 1394 auf einem Reichstag zu Frankfurt a. M. über 800 anwesend waren.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Die Frau und der Sozialismus.