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Des russischen Reichskanzlers Grafen Nesselrode Selbstbiographie.

Deutsch von Karl Klevesahl.
Autor: Nesselrode Karl Robert Graf von (1780-1862) russischer Diplomat, Außenminister und Kanzler, Erscheinungsjahr: 1866

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Russland, Russen, Heimat, Verterland, Auswanderer, Einwanderer, in russischen Diensten, Militärdienst, Befreiungskrieg 1812 bis 1815, Napoleon, Napoleonische Zeit, Eroberungskrieg, Bündnis, Alliierte,
Vorwort.

Als Graf Nesselrode im Jahre 1857 in den lang ersehnten Ruhestand trat und in der Muße, die ihm dadurch zu Teil geworden, die Aufforderung fand, seine an Erlebnissen so reiche Vergangenheit zu überblicken, fühlte er sich bewogen, für seine Angehörigen einen Abriss seines Lebens zu entwerfen. Er hatte hierbei nicht sowohl eine Schilderung, seiner Amtstätigkeit im Auge, als vielmehr eine Darstellung dessen, was er durchlebt, gesehen, gefühlt. Da die Biographie nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, so fand er sich in der Lage, sich in der Äußerung seiner empfangenen Eindrücke, wie seiner Meinungen über Personen und Begebenheiten frei ergehen zu können und nicht gezwungen zu sein, in Wort und Sache die Rücksicht auf Schönheit der Darstellung walten zu lassen, eine Rücksicht, der leider nur zu oft — wenn auch unwillkürlich und ohne Absicht — die Wahrheit zum Opfer gebracht wird. In Folge dessen ist es durchweg der Altvater, der der lauschenden Teilnahme der Seinigen seine Schicksale schlicht und prunklos und mit vertrauensvoller Offenheit erzählt und ihnen hierbei die großen Begebenheiten, an denen er ferneren oder nähern Anteil genommen, im übersichtlichen Zusammenhange vorführt. Leider überraschte der Tod den Verfasser (13./25. März 1862), ehe er noch seine Lebensbeschreibung zu Ende geführt, sie reicht nur bis zum Jahre 1814 und enthält auch nicht die erklärenden Beilagen, auf die er an mehreren Stellen verweist.

Aber selbst in dieser Gestalt hat die Selbstbiographie neben dem Interesse, das sie als solche gewährt, indem sie einen Einblick in des großen Staatsmannes Sinnes- und Gefühlsweise, die in Beschreibungen von fremder Hand nie so treu und deutlich zu Tage treten kann, eröffnet, auch noch den Wert, zur Berichtigung der Urteile über viele bedeutende Personen, wie zur Berichtigung und Vervollständigung einzelner Tatsachen und zur Enthüllung des inneren Zusammenhanges der Begebenheiten so manchen Beitrag zu liefern.

In dem hier vorgeführten Lebensabschnitt lassen sich drei Perioden wahrnehmen, die der Jugend und ersten Dienstjahre unter der Kaiserin Katharina und dem Kaiser Paul (1780—1801), die des Beginnes und der ersten Erfolge der diplomatischen Wirksamkeit (1801-1811) und endlich die Periode der Tätigkeit des Verfassers als Begleiter und diplomatischer Beirat des Kaisers Alexander in den entscheidungsreichen Jahren 1812—1814.

Der Umstand, dass vertrauliche Äußerungen ihrem Wesen nach Niemand verletzen können, bürgt dafür, dass die in dieser Lebensskizze vorkommenden ungünstigen Urteile nicht werden zu ungerechten Anklagen gegen den Verfasser wegen mangelnden Zartgefühls gemissbraucht werden, um so mehr, als derselbe von der liebenswürdigen Anspruchslosigkeit, die ihn im Leben auszeichnete, auch durchweg in diesen Blättern Zeugnis ablegt, fremdes Verdienst bereitwilligst anerkennt, Tadel mit Widerstreben und nur der Wahrheit zur Steuer ausspricht.
Das handschriftliche Original ist in französischer Sprache abgefasst und nicht herausgegeben. Ungefähr ein Drittel desselben ist von des Verfassers eigner Hand, der übrige Teil seiner Nichte, Frau von Muchanow, in die Feder diktiert. Auf Veranstaltung des jetzigen Oberhauptes der Familie, des Grafen Dmitri Nesselrode, erschien Ende vorigen Jahres eine russische Übersetzung der Biographie.

Hinsichtlich der Notizen, die der deutsche Übersetzer hinzugefügt hat, sieht er sich zu der Erklärung veranlasst, dass jede Notiz nur für denjenigen aus dem großen verschiedenartigen Leserkreise, den er der Schrift wünscht, bestimmt ist, dem sie eine störende augenblickliche Gedächtnis- oder Kenntnislücke ausfüllt.
        St. Petersburg, Februar 1866.
                                Karl Klevesahl.



Ich wurde den 2./13. Dezember 1780 in Lissabon geboren. Meine Mutter war Protestantin, mein Vater Katholik. Da Letzterer lange im Kreise der Enzyklopädisten und Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts *) gelebt hatte, so legte er auf Dinge, welche Kirche und Konfession betrafen, kein besonderes Gewicht und hatte daher gegen den Wunsch meiner Mutter, mich nach den Gebräuchen ihrer Kirche taufen zu lassen, nichts einzuwenden. In Lissabon gab es aber keine andere protestantische Kirche, als die Hauskapelle der englischen Gesandtschaft. In dieser fand meine Taufe statt. Daher rührt es, dass ich mein ganzes Leben der anglikanischen Kirche angehört habe. Ich war kaum sechs Jahre alt, als meine Mutter starb. Dieses Unglück erschütterte meinen Vater dermaßen, dass ihm der Aufenthalt in Lissabon verhasst wurde. Er bat um seinen Abschied und bekam ihn im Jahre 1787. Mein Vater war gegen die Sechzig, er litt heftig an Podagra, hatte ein buntes, wechselvolles Leben geführt und sehnte sich daher nach der Ruhe des Privatlebens. Er stammte aus einem alten Adelsgeschlechte des Herzogtums Berg. Da er zu den jüngeren Gliedern der Familie gehörte, so war er nach damaliger Sitte in die Fremde gezogen und hatte sein Glück bald hier, bald dort versucht. Zuerst war er in österreichische Dienste getreten, machte 1747 die Schlacht bei Laufeld **) mit und erhielt hier eine Kopfwunde, deren Spuren bis zu seinem Lebensende sichtbar waren. Darauf befand er sich der Reihe nach in kurpfälzischen, holländischen, französischen und preußischen Diensten. In Frankreich stand er als Obrist an der Spitze des Regiments Royal Allemand, ***) nahm, als sein Gönner, der Herzog v. Choiseul, in Ungnade gefallen war, seinen Abschied und kehrte nach Deutschland zurück. In Berlin, wo er sich Geschäftshalber aufhielt, hatte er Gelegenheit, Friedrich dem Großen bekannt zu werden; ja er hatte das Glück, diesem Monarchen zu gefallen, denn sein ganzes Wesen, wie seine schnellen und treffenden Antworten erinnerten eher an einen Franzosen, als an einen Deutschen. Der König forderte meinen Vater auf, in seine Dienste zu treten, ernannte ihn zum Kammerherrn und nahm ihn — was für meinen Vater von ungleich höherem Wert war — in die Zahl der geistreichen Männer auf, die des Königs vertrauten Kreis bildeten. Während sechs Jahren blieb mein Vater, ohne übrigens ein besonderes Amt zu bekleiden, am Berliner Hofe. Zwar war ihm von Friedrich der Gesandtenposten in Wien angeboten, doch hatte er diesen wegen unzureichender Dotierung ausschlagen müssen und hatte dies mit der Bemerkung getan, dass er auf die Ehre verzichten müsse, da er nicht als ein Vertreter der Bettelorden auftreten wolle. Da seine Verhältnisse in Preußen ihm keine Aussichten zur Sicherstellung seiner Zukunft gewahrten, so bat mein Vater um seinen Abschied. Der König bewilligte ihm zwar denselben, jedoch nicht ohne einiges Bedauern, das er in ziemlich harten Worten äußerte. Während seines Aufenthaltes in Berlin hatte mein Vater den Grafen Orloff kennen gelernt. Dieser machte ihm den Vorschlag, in russische Dienste zu treten. Die Kaiserin Katharina gewährte auf Verwendung der Landgräfin von Hessen-Darmstadt, ****) der Mutter der ersten Gemahlin des Großfürsten Paul, gnädigst ihre Einwilligung dazu und ernannte meinen Vater zum Kammerherrn. Nicht lange darauf übertrug sie ihm den neukreierten Gesandtschaftsposten am portugiesischen Hofe. Nachdem mein Vater hier sechs Jahre verlebt hatte, nahm er seinen Abschied und kehrte nach Petersburg zurück, konnte aber sein Vorhaben, in den Ruhestand zu treten, nicht ausführen, denn es erwarteten ihn hier neue Anträge. Der Graf Sergei Rumianzoff war als russischer Gesandter in Berlin wegen einer Etikettenfrage mit dem dortigen Hofe in ein peinliches Verhältnis geraten, wobei das Unrecht ganz auf Seiten des Erstem war. Die Kaiserin hatte den Schuldigen abberufen und ließ meinem Vater die Stelle antragen. Wie sehr auch mein Vater sich nach Ruhe sehnte, so durfte er doch den Antrag, der das große Vertrauen bezeugte, das die Kaiserin zu seiner Geschicklichkeit und seinem Diensteifer hatte, nicht ablehnen, denn es handelte sich um die Vollführung einer wichtigen und wegen der obwaltenden Verhältnisse höchst schwierigen Aufgabe. Russland befand sich mit der Türkei und Schweden im Kriege. Die Erfolge unserer Waffen beunruhigten England. Dieses fürchtete hinsichtlich des ottomanischen Reiches die Verwirklichung von Plänen, wie sie eine leichtsinnige Prahlerei verlautbart hatte. Daher fasste Pitt den Entschluss, das durch Russlands und Österreichs Bündnis gestörte europäische Gleichgewicht durch ein Bündnis Englands und Preußens wiederherzustellen und uns dann im Osten zu Lande und zu Wasser mit bewaffneter Hand entgegenzutreten. Die Bemühungen des englischen Ministeriums, welches das preußische Kabinett für seinen Plan zu gewinnen suchte, erfolglos zu machen, — das war die Aufgabe, die mein Vater lösen sollte. Die Kaiserin hatte sich hierbei von der Annahme leiten lassen, dass mein Vater durch den mehrjährigen Aufenthalt am Hofe Friedrichs des Großen und bei den dabei mit einflussreichen Personen geknüpften Freundschaftsverhältnissen mehr, als irgend jemand über die zur Erreichung der Absicht nötigen Mittel verfüge. Dies hatte die Wahl der Kaiserin bestimmt. Die Ernennung erfolgte und war mit einer mich persönlich betreffenden Gnadenbezeugung verbunden. Auf Allerhöchsten Befehl wurde mein Name ins Verzeichnis der Marine-Fähnriche eingetragen, obgleich ich erst acht Jahre alt war.

*) Der Vater des Verfassers, Graf Wilhelm Nesselrode, stand unter Anderem mit dem durch seine „Correspondance littéraire, philosophique et critique" (16 vols.) berühmten Grimm, dem Freunde Diderots, in freundschaftlichem Verhältnis und Briefwechsel. Dieser enthält auch die aus Petersburg datierten und aus den Jahren 1773 und 1774 stammenden Briefe, in denen Grimm ausführlich seine Petersburger Erlebnisse beschreibt und bei der Gelegenheit ein anschauliches Bild von dem Leben bei Hofe und dem einnehmenden Wesen der Kaiserin Katharina, die Diderot und Grimm mit der schmeichelhaftesten Auszeichnung aufnahm, entwirft. Diese Briefe sind leider nicht herausgegeben.

**) Die Schlacht bei Laufeld, unweit Mastricht, fand in dem österreichischen Erbfolgekriege statt. In dieser erlitt das Heer der Bundesgenossen Maria Theresias, nämlich Georgs II. von England und der Niederlande, durch ein von dem Grafen Moritz von Sachsen befehligtes französisches Armeekorps eine Niederlage.

***) Die Sitte, in fremde Kriegsdienste zu treten, wenn daheim die Waffen ruhen, stammt aus den Urzeiten deutschen Lebens und hat erst mit dem während der Napoleonischen Kriege erstarkenden Nationalitätsgefühl bis auf seltene Ausnahmen ihr Ende erreicht. Der Ruf, den sich deutsche Kriegstüchtigkeit erworben, sicherte dem deutschen Adel, wie den Prinzen fürstlicher Häuser beim Eintritt in fremde Kriegsdienste freudige Aufnahme und ehrenvolle Stellung. Der Dienst war häufig nicht von Dauer, sondern wechselte je nach der Gelegenheit, die sich zum Kampf und zur Auszeichnung darbot. Als Obrist des Regiments Royal Allemand war einer der Vorgänger des Grafen Nesselrode der damalige Erbprinz von Hessen-Darmstadt Ludwig, der spätere Landgraf Ludwig IX. und Schwiegervater des Großfürsten Paul.

****) Des Landgrafen von Hessen-Darmstadt, Ludwigs IX., geistreiche Gemahlin Karoline, eine der wenigen Frauen, die Friedrich der Große durch seine Freundschaft auszeichnete und von der Wieland sagte, dass sie Königin von Europa sein sollte, wenn er einen Augenblick König der Schicksale wäre, machte zu Anfang des Jahres 1773 mit ihren Töchtern eine Reise nach Petersburg. Prinzessin Wilhelmine wurde Braut des Großfürsten Paul. Im September desselben Jahres fand die Vermählung statt. Die Neuvermählte, mit ihrem russischen Namen Natalia Alexejewna heißend, starb 1776 an den Folgen der ersten Niederkunft. Die Landgräfin, die im Anfang des Jahres 1774 nach Deutschland zurückkehrte und bald darauf starb, hatte sich durch ihre Geistesgaben und ihre Lebensklugheit in hohem Grade die Achtung der Kaiserin Katharina erworben.


Während meines Vaters Anwesenheit in Russland befand ich mich in Frankfurt in der Pflege einer Tante von mütterlicher Seite. Sobald mein Vater in Berlin angekommen war, ließ er mich zu sich holen und übergab mich dem Gymnasialdirektor Gedike *) zur Erziehung. Eine wie wenig geeignete Vorbereitung zum Marinedienst die Bildung, die ich auf dem Gymnasium erhielt — leider machte ich es nicht durch — auch sein mochte, so nützlich war sie mir für die Laufbahn, auf die mich spätere Verhältnisse führten. Mit Erreichung des sechzehnten Jahres wurde ich von meinem Vater, um meine Dienstkarriere zu betreten, nach Petersburg geschickt. Hier kam ich sechs Monate vor dem Tode der Kaiserin an und hatte die Ehre, ihr vorgestellt zu werden. Sie reihte mich in die baltische Flotte ein und ordnete mich dem Admiral Karzoff zu, unter dessen Aufsicht ich den Dienst erlernen sollte. Ich begab mich also nach Kronstadt, wo sich die zweite Abteilung des Marinekadettenkorps befand, die unter der Leitung meines Chefs und Lehrers stand. Meine Übersiedelung fand im September des Jahres 1796 statt, im November war die Kaiserin nicht mehr.

Schon vor seiner Thronbesteigung hatte sich Kaiser Paul gegen meinen Vater sehr wohlwollend gezeigt, so dass ich bei meiner Abreise von Berlin mit einem Empfehlungsschreiben an den Großfürsten hatte versehen werden können. Nach seiner Thronbesteigung erinnerte sich der Kaiser daran und erhob mich zu einem Marine - Flügeladjutanten. Kaum war mir das mitgeteilt, als ich sogleich Kronstadt verließ, nach Petersburg eilte und hier der Ehre teilhaftig wurde, dem Kaiser vorgestellt zu werden, der mich überaus huldvoll empfing und mir die Dujour bei seiner Person übertrug. Einst geschah es, dass er mich fragte, ob ich zum Marinedienst besondere Neigung habe. Ich hätte noch keine Gelegenheit gehabt, denselben liebzugewinnen, antwortete ich. Der Kaiser erwiderte, dass es bei meiner Berliner Erziehung auch nicht anders sein könne und schlug mir vor, in das Landheer zu treten. Ich erklärte mich mit Freuden dazu bereit und so wurde ich auf des Kaisers Befehl als Leutnant in die Garde zu Pferde übergeführt, blieb aber zugleich dujourirender Flügeladjutant. Als solcher begleitete ich im Frühjahr 1797 den Kaiser nach Moskau zur Krönung. Bei der Rückkehr des Kaisers traf mein Vater in Petersburg ein, um demselben für die mir zu Teil gewordenen Gnadenbeweise seinen Dank abzustatten. Er stand nicht mehr im Dienst, sondern hatte schon die Kaiserin Katharina um seine Entlassung gebeten und diese auch mit einer Pension von 2000 Rub. erhalten. Jetzt bei schon so vorgerücktem Alter war er hergekommen, um meine ersten Schritte auf der neuen Lebensbahn zu leiten und mich in die Petersburger Gesellschaft einzuführen. Der Kaiser nahm ihn überaus gnädig auf. Eingedenk früherer *) ihm von meinem Vater geleisteter Dienste erteilte er ihm den Alexander-Newski-Orden, verlieh ihm bald darauf zum zwölfjährigen Besitz das Gut Neugut in Kurland und beredete ihn, nach Russland überzusiedeln. Doch die zerrüttete Gesundheit gestattete es meinem Vater nicht, auf diesen schmeichelhaften Vorschlag einzugehen. Nach einjähriger Anwesenheit in Petersburg kehrte er im Jahre 1798 nach Frankfurt zurück. Hier blieb er bis zu seinem Tode.

*) Anmerkung des Übersetzers: Nesselrode soll einmal durch Vermittlung des Grafen Mamonoff bei der Kaiserin Katharina eine dem Großfürsten dringend benötigte Summe ausgewirkt haben.

Ich fuhr unterdes fort, bei dem Kaiser meinen Dujourdienst zu verrichten. Im Jahre 1798 bildete sich gegen die französische Republik eine neue Koalition, an der Russland sich beeiferte Teil zu nehmen. Wir stellten drei Korps ins Feld. Das eine unter General Rosenberg sollte nach Italien ziehen, um sich nach Vereinigung mit dem österreichischen Heer unter den Oberbefehl des Feldmarschalls Suworoff zu stellen, dem der österreichische Kaiser mit Genehmigung des Kaisers Paul seine Truppen in Italien untergeordnet hatte. Das zweite Korps unter Korssakoff sollte in der Schweiz operieren, das dritte unter Anführung von Hermann war für eine Landung in Holland bestimmt und sollte gemeinschaftlich mit den Engländern dies Land zu erobern suchen. Mit dem Frühling des Jahres 1799 sollten auf allen Punkten die Kriegsoperationen beginnen. In dem vorhergehenden Winter ließ der Kaiser seinen Adjutanten den Vorschlag machen, in eins dieser Korps einzutreten und den Feldzug mitzumachen. Ich säumte nicht, diesen Vorschlag anzunehmen, wobei ich mehr Mut, als Einsicht bewies. Ich wurde bei einer Division angestellt, die sich an den Grenzen Podoliens zusammenzog und zum Rosenberg’schen Korps stoßen sollte. Ich reiste nach meinem Bestimmungsorte, ab, hatte aber kaum Kiew erreicht, als ein Kurier aus Petersburg mir den kaiserlichen Befehl überbrachte, auf der Stelle umzukehren. Lebt wohl denn, ihr Träume kriegerischen Ruhms! Ich war in Verzweiflung, zurückkehren zu müssen und den italienischen Feldzug unter dem großen Kriegshelden Suworoff nicht mitmachen zu können. Die tiefe Betrübnis, in der ich den Weg nach Petersburg zurücklegte, wurde durch die Art, wie mich der Kaiser empfing, nicht gemäßigt. Er fuhr mich mit den harten Worten an: „da Ihnen der Dienst bei meiner Person nicht gefällt, so gehen Sie ins Regiment." Damit hörte ich auf, Flügeladjutant zu sein. Ich begab mich also zum Fürsten Boris Galitzin, dem Chef der Garde zu Pferde. Das Offizierskorps derselben bestand aus der Blüte des Adels, aus jungen Leuten der ersten Familien des Reichs, aus den Löwen des Tages. Ungeachtet dessen oder vielleicht gerade darum stand das Regiment beim Kaiser in keiner besonderen Gunst. Es verging nicht eine Parade, nicht ein Exerzitium ohne Äußerungen der Unzufriedenheit, ohne Tadel und Degradationen. Letztere fanden so häufig statt, dass die Avancements äußerst schnell vor sich gingen. In Folge dieses Umstandes wurde ich den 9. Juli 1799 zum Obristen befördert. Doch ach! nicht lange blieb ich im Genuss dieser Ehre. Ende Dezember stand meine Eskadron im Winterpalais zur Wache. Einer der Offiziere verhörte sich und führte das Kommando des kommandierenden Obristen falsch aus. Der schon ohnehin mit dem Regiment unzufriedene Kaiser geriet in heftigen Zorn, degradiejärte die Offiziere, setzte den Regimentschef Fürsten Galitzin ab, ernannte an dessen Stelle den Großfürsten Konstantin und verwies das Regiment nach Zarsko-Ssulo. Zu meinem Unglück, vielleicht aber auch zu meinem Glück, traf auch mich die allgemeine Ungnade, jedoch mit dem Unterschiede, dass ich nicht — Dank dem Rest kaiserlicher Gunst — einfach verabschiedet wurde, wie einige meiner Dienstkameraden, sondern mit Ernennung zum Kammerherrn in den Zivildienst übergeführt wurde. Nicht ohne lebhaften Schmerz gab ich die Militärkarriere auf. Übrigens habe ich das Glück gehabt, jeden Dienst, den mir das Schicksal zuwies, liebgewinnen zu können.

So war es mir also beschieden, Kammerherr zu sein, im Hofdienste zu stehen und im Alter von zwanzig Jahren mich der Muße hingeben zu können, welche meinem Geschmack zusagte und für meine Zukunft von Nutzen sein sollte. Ich benutzte die freie Zeit dazu, das während meines Militärdienstes Versäumte einigermaßen nachzuholen. In dieser Beschäftigung verging mehr als ein Jahr, in dem ich übrigens so manche Wechselfälle erlebte. Im Sommer 1800 geschah es, dass der Kaiser sich über etwas ärgerte und alle Kammerherren mit Ausnahme zweier oder dreier entließ. Einige wurden in Zivilbehörden angestellt, ich wurde einfach des Dienstes entlassen. Gegen Ende desselben Jahres ließ der Kaiser allen Verabschiedeten kund tun, sowohl den Militärs, wie den Zivilbeamten, es stehe ihnen frei, sich wieder um Kronsdienste zu bewerben. Ich säumte nicht, meine Bittschrift beim Kaiser einzureichen, und wurde sofort in dem früheren Kammerherrnposten bestätigt. Nach seiner Rückkehr aus Gatschina verlegte der Kaiser seine Residenz aus dem Winterpalais in das eben fertig gewordene Michailoff'sche Palais. Hier küsste ich ihm noch kurz vor seinem Ende am Kurtage vom 11. März (1801) zum letzten Male die Hand.

In jener Zeit war es Sitte, den mit dem Kaiserhause verwandten Höfen die Nachricht von der Thronbesteigung durch einen besonderen Abgesandten überbringen zu lassen, wozu man gewöhnlich Kammerherren wählte. Ich wurde zum Herzog von Württemberg, **) dem Bruder der Kaiserin Mutter, Maria Feodorowna, gesandt. Dieser hatte in Folge des Krieges mit Frankreich in Erlangen eine Zuflucht suchen müssen. Hier entledigte ich mich meines Auftrags. Nach der am 9. Februar 1801 stattgefundenen Unterzeichnung des Lüneviller Friedensschlusses begannen die französischen Heere Deutschland zu räumen und der Herzog von Württemberg schickte sich zur Rückkehr in seine Residenz an. Er lud mich ein, ihm zu folgen, um mir dort die letzten Aufträge und die Antwort auf das ihm überbrachte Schreiben der kaiserlichen Familie zu übergeben. „Sie sollen meiner Schwester sagen können", sagte er, „dass Sie mich wieder daheim installiert gesehen haben." Auf der Reise von Erlangen nach Stuttgart fuhr ich in Frankfurt an, wo ich das Glück hatte, meinen Vater wiederzusehen, der, nachdem er Petersburg verlassen, seinen Wohnsitz hier aufgeschlagen hatte. In Frankfurt hielt ich mich zehn Tage auf und eilte dann nach Ankunft des Herzogs in seiner Residenz nach Stuttgart. Er empfing mich in Ludwigsburg, seinem Lieblingslustschloss. Der Herzog war damals in großer Besorgnis wegen der Gesundheit seines unheilbar kranken Günstlings, des Grafen Zeppelin. Dieser Herzog von Württemberg war ein höchst merkwürdiger Mann, er hatte außergewöhnliche Geistesgaben, war aber von übermäßig herrischem Wesen, war Tyrann in seiner Familie und in seinem Staate. Es gewährte mir manches Interesse, ihn in der Nähe zu beobachten. Dieser kleine Staat hat oft das Schicksal gehabt, von Sonderlingen regiert zu werden. Das Andenken an die Regierung des berühmten Herzogs Karl war noch lebendig im Lande, so dass ich mehr als eine Anekdote über diesen Fürsten zu hören bekam, von dem Schubart sagt: „Als Dionys aufhörte, Tyrann zu sein, wurde er Schulmeister." Hiermit beendigte er in der Tat die Reihe der phantastischen Handlungen, durch die er sein Land nicht wenig gepeinigt hatte.

Nach meiner Abreise von Stuttgart begab ich mich nach Karlsruhe, wo ich es für meine Pflicht hielt, mich dem Markgrafen und der Markgräfin von Baden, der Mutter der Kaiserin Elisabeth, vorzustellen. Darauf kehrte ich zu meinem Vater nach Frankfurt zurück, verbrachte hier einige Wochen und trat dann meine Rückreise nach Russland an.

Während der Zeit dieser Reisen hatte mich unausgesetzt der Gedanke an meine Zukunft beschäftigt. Die neue Regierung, die Äußerung des Wohlwollens, mit der mich der Kaiser Alexander, da er noch Großfürst war, beehrt hatte, schien mir die Aussicht zu gewähren, unter günstigen Vorzeichen jede von mir erwählte Laufbahn betreten zu dürfen. Ich entschied mich für das diplomatische Fach. Nur mit Mühe erlangte ich dazu die Einwilligung meines Vaters. Ihm hatte die diplomatische Karriere mehr Dornen, als Rosen gebracht und er wünschte daher seinen Sohn vor den Unannehmlichkeiten, mit denen er überschüttet worden, zu bewahren. In die von einer zärtlichen Vaterliebe eingegebenen Bedenklichkeiten mochten sich indes auch Zweifel hinsichtlich eines hinreichenden Maßes meiner damals noch wenig entwickelten geistigen Fähigkeiten mischen und diese ließen ihn von einem Zweige des Staatsdienstes, der Begabung in einem Grade verlangt, wie er sie an mir nicht entdeckt hatte, für mich nicht geringe Verlegenheiten fürchten. Aber ungeachtet dessen beharrte ich bei meinem Vorsatz und suchte bei meiner Durchreise durch Berlin von Baron Krüdener ***) zu erfahren, ob er nichts dagegen einzuwenden haben würde, wenn ich nach meiner Ankunft in Petersburg um die Gunst nachsuchte, bei seiner Gesandtschaft angestellt zu werden. Seine Antwort ließ mir keinen Zweifel an der aufrichtigen Freundlichkeit, mit der er mich empfangen würde. Baron Krüdener war ein höchst achtungswerter Charakter, dabei von liebenswürdigem Benehmen und hatte immer mit meinem Vater in den freundlichsten Beziehungen gestanden, Seiner Zustimmung gewiss tat ich gleich nach meiner Ankunft in Petersburg die nötigen Schritte zur Erfüllung meiner Wünsche. Zu diesem Zwecke wandte ich mich mit einer Bittschrift unmittelbar an den Kaiser, der sie dem Grafen Panin, dem damaligen Minister des Auswärtigen übergeben ließ. Dieser bewies mir die außerordentliche Güte, mich gleich im Ministerium anzustellen und mich der Berliner Gesandtschaft zuzuordnen. Achtzehn Jahre später sollte es mir zu Teil werden, in demselben Ministerium seinen Sohn Viktor ****) anzustellen.

*) Gedike (Friedrich), der sich um die Hebung des preußischen Gymnasialwesens ein großes Verdienst erworben hat und zu seiner Zeit als Pädagoge in ungemeinem Ansehen stand, war damals Direktor des Werder’schen Gymnasiums, das während seiner Leitung viele Zöglinge aus vornehmen Familien enthielt.

**) Friedrich wurde 1797 Herzog, 1805 König von Württemberg, starb 1816. Er war in erster Ehe mit Auguste, Prinzessin von Braunschweig, Tochter des bekannten preußischen Feldmarschalls Herzogs Karl Ferdinand von Braunschweig und Schwester der Königin Karoline von England, vermählt. Als im Jahre 1782 der Großfürst, nachmalige Kaiser Paul von Russland und seine Gemahlin, Friedrichs Schwester, die große Reise durch Deutschland — bei welcher Gelegenheit ihnen der Herzog Karl von Württemberg die vielbesprochenen glänzenden Feste gab — die Schweiz, Frankreich und Italien machte, schloss sich ihnen Friedrich für den letzten Teil der Reise, Italien, an und begleitete sie darauf nebst seiner Gemahlin nach Petersburg, 1784, Er trat in russische Dienste. Die Kaiserin Katharina ernannte ihn zum General-Lieutenant und zum General-Gouverneur von Liv- und Estland. Aber schon 1786 verließ er Russland. Seine Gemahlin, die sich der Gunst der Kaiserin erfreute, blieb in Petersburg. Es traten aber unglückliche Begebenheiten ein, in Folge deren sie Petersburg verließ und ihren Wohnsitz auf dem in der Nähe von Reval gelegenen Schloss Lohde nahm. Hier starb sie im Jahre 1788. In zweiter Ehe war Friedrich seit 1797 mit Mathilde, Georgs III. von England Tochter, vermählt.

***) Der livländische Freiherr von Krüdener war russischer Gesandter in Kopenhagen, Venedig und Berlin und ist der Gemahl der durch ihre schwärmerische Begeisterung für christliche Lebensgestaltung, für die sie auch gekrönte Häupter zu gewinnen wusste, berühmt gewordenen Frau von Krüdener, geborenen Baronesse von Vietinghoff.

****) Später Justizminister, gegenwärtig Präsident der II. Abteilung der Allerhöchsten Kanzlei.

Nesselrode, Karl Robert Graf von (1780-1862) russischer Diplomat, Außenminister und Kanzler

Nesselrode, Karl Robert Graf von (1780-1862) russischer Diplomat, Außenminister und Kanzler

Nesselrode, Selbstbiografie

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Nesselrode, Selbstbiografie, VW

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Nesselrode, Selbstbiografie, K1

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Alexander I. Zar von Russland

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Alexander I. Kaiser von Russland

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An der Neva mit Blick auf den Winter-Palast

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Napoleon Bonaparte (1769-1821) französischer Kaiser

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Barclay de Tolly (1761-1818) russischer General

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Gebhard Leberecht von Blücher (1742 in Rostock-1819) preußischer General

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Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg (1771-1820) österreichischer General und Botschafter in Paris und St. Petersburg

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Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels (1771-1815) preußischer General

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Karl von Müffling (1775-1851) preußischer Marschall

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Metternich, Klemens Fürst (1773-1859) österreichischer Diplomat und Staatsmann

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Ney, Michel (1769-1815) französischer Marschall

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Polnische Ulanen 1807-1815

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Französischer Kürassier-Offizier

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Schlesisches National-Kavallerie-Regiment, Preußen

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Zieten, Hans Ernst Karl Graf von (1770-1848) preußischer General

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