Jüdischer Patriotismus in Österreich-Ungarn und Deutschland.

Allbekannt und über jeden Zweifel erhaben war seit jeher der Patriotismus der österreichisch-ungarischen und deutschen Juden. Seine Majestät, unser Allergnädigster Herr und Kaiser Franz Josef I. hat auch unzählige Male öffentlich die Vaterlandstreue und Anhänglichkeit seiner jüdischen Untertanen für Kaiser und Reich huldvollst anerkannt und durch zahlreiche Beweise Allerhöchster Gnade ausgezeichnet. Ebenso hat Kaiser Wilhelm II. wie auch alle maßgebenden Kreise des deutschen Reiches die Treue und Hingebung der deutschen Juden fürs Vaterland bei jeder sich darbietenden Gelegenheit öffentlich anerkannt und mit Dank belohnt.

Im gegenwärtigen Weltkriege hat sich dieser altbewährte Patriotismus der Juden in den beiden Reichen in den schönsten und erhabensten Formen dokumentiert. Als das Vaterland bedroht und die Herrscher ihre Völker zum Kampf aufgerufen haben, da eilte die jüdische Jugend in hellen Scharen mit gewaltiger Begeisterung in die Reihen der Armee. Die jüdischen Frauen und Mädchen stellten sich mit der höchsten Aufopferung in den Dienst der Krankenpflege und der Kriegsfürsorge, die Wohlhabenden und Bemittelten öffneten breit ihre Beutel und zahlreich flössen Beiträge und Spenden für alle möglichen Kriegszwecke und -bedürfnisse. Wer nicht die Möglichkeit hatte, draußen im Felde das Schwert zu führen oder im Lazarett die Verwundeten zu pflegen, beteiligte sich in allen möglichen Hilfskomitees, um wenigstens auf diese Weise dem teuren Vaterlande in dieser großen Zeit zu dienen. Die jüdischen Rabbinen und Geistesführer wiederum verfassten spezielle Gebete und ordneten Einfügung derselben in den regelmäßigen Gottesdienst an, um von dem Herr der Heerscharen den Sieg der gerechten Sache zu erflehen. Und so wie einst unser Erzvater Jakob bei seinem Vormarsche gegen den feindlichen Bruder Esau in dreifacher Beziehung Vorbereitung traf: l'dauron, l'tefila ul'milchama — Geschenke. Gebete und Kämpfe — so hat es auch unsere heutige jüdische Generation getan, sich zum Kampfe, zum Gebet und zur Kriegsfürsorge mit allem Eifer rüstend und beteiligend.


Ganz bedeutend ist perzentuell die Zahl der jüdischen Krieger in den Armeen der europäischen Zentralmächte und verhältnismäßig noch bedeutender ist die Zahl derer, die sich im Felde vor dem Feinde durch Heldenmut auszeichneten und deren Brust Tapferkeitsmedaillen und Eiserne Kreuze schmücken.

Mit der größten Ergebenheit tragen die Juden beider Reiche alle Lasten und Leiden des Krieges. Besonders die galizischen Juden haben für Kaiser und Reich die größten Opfer gebracht, indem sie vor dem eindringenden Feind Haus und Hof verließen, Hab und Gut opferten, um nur nicht gezwungen zu sein, auch nur zeitweilig einem fremden Herrn zu dienen. Die schwersten Entbehrungen armer Flüchtlinge haben sie auf sich genommen, um nur weiterhin unter den Fittichen des Habsburger Doppeladlers bleiben zu können. Der jüdische Kantor in Brody beging Selbstmord, als ihn der russische Kommandant zwingen wollte, am Versöhnungstage in der Synagoge ein Gebet für den Zaren zu verrichten. Derartige Fakten lassen sich viele aufzählen. Eine solche Treue, eine solche Hingebung sucht ihresgleichen in der Weltgeschichte und mit goldenen Lettern wird Klio jene Fakten in ihren Tafeln eingravieren, welche vom Patriotismus der galizischen Juden Zeugnis ablegen.

Wenn auch diese Haltung der österreichisch-ungarischen und deutschen Juden nur etwas natürliches und selbstverständliches ist, wenn sie auch bloß ein kleiner Teil der Dankbarkeit ist, welche diese Juden ihrem Vaterlande und ihrem Monarchen für alle bisherigen Beweise von Huld und Gnade, Schutz und Schirm, Stütze und Förderung schulden — so ist dieselbe trotzdem derart hinreißend und überzeugend, dass wohl in unserem teuren Vaterlande wie auch in dem verbündeten deutschen Reiche jede antijüdische Bewegung verstummen, jeder Zweifel an jüdischer Treue und Verlässlichkeit verschwinden, jeder Versuch, die Rechte der jüdischen Bürger zu schmälern, unterlassen werden wird. Die antisemitische Presse in den beiden Zentralreichen ist nicht nur zeitweilig zum Schweigen verurteilt, auch nach dem Krieg dürfte es niemand mehr wagen, Hass gegen die Juden zu predigen.

Nach dem gegenwärtigen Weltkriege dürfte die Judenfrage in Österreich-Ungarn und Deutschland zu existieren aufhören.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Weltkrieg und die Judenfrage.