Der Dom

Groß und gewaltig in seinen Dimensionen und seinen Massen, dabei so leicht und schlank in seinen Linien, so vielfach und doch so einheitlich in seinen Formen und Verzierungen, tritt uns der kölner Dom als ein Meisterwerk unter allen gotischen Baudenkmälern der Welt entgegen. Die edle Harmonie, die das ganze Werk im Innern und Äußern durchweht, ist in keinem der übrigen berühmten Dome in so hoher Vollkommenheit wie an ihm zu erkennen, und selbst das Auge des Laien fühlt sich unbewusst erquickt an den entsprechenden Verhältnissen in Weiten und Höhen, in Schlankheit und Kraft aller Teile des gesamten Ganzen. Und liegt hierin nicht der sprechendste Beweis der Reinheit des Stiles, der diesem Prachtbaue, bis in seine kleinsten Einzelheiten zu Grunde liegt? Möchte nur dieses Riesenwerk, eines der kühnsten und edelsten, die jemals dem menschlichen Geiste entsprungen, möglichst rasch seiner Vollendung entgegen gehen und unsere Generation, wozu die sichere Hoffnung nicht fehlt, es noch erleben, dass die beiden Türme ihre Endblumen im blauen Aether entfalten, und das Auge des Beschauers sich staunend empor richten muss, um sie in schwindelnder Höhe noch eben zu erkennen.

Der erste Dom, den Köln besaß, wurde im Jahre 814 vom Erzbischofe Hildebold an der Stelle des jetzigen gegründet. Er erreichte zwar seine Vollendung im Jahre 873, erhielt aber in der Folge durch Vergrößerungen und Veränderungen eine immer weniger einheitliche Gestalt, und ging am Anfange des 13. Jahrhunderts seinem gänzlichen Verfalle entgegen. Da fasste Erzbischof Engelbert (s. Seite 19 — 21.) den Entschluss, an der Stelle des alten einen neuen Dom zu erbauen, der jenen an Größe und Pracht überträfe, und dem so reichen und mächtigen Köln und seiner weit berühmten Erzdiözese zum Stolze und zur höchsten Zierde gereiche. Leider wurde die Ausführung durch seinen am 7. Nov. 1225 erfolgten grausamen Tod (s. Seite 20) vereitelt, und hätte sich mancher Nachfolger vielleicht noch lange mit dem alten Dome begnügt, wenn nicht ein im Jahre 1248 ausgebrochener Brand denselben fast vollständig in Schutt und Asche verwandelte. Glücklicher Weise saß aber damals auf dem erzbischöflichen Stuhle ein Kirchenfürst, der nicht nur Sinn für alles Große und Erhabene, sondern auch selbst und in seinem reichen Capitel die Mittel zur Ausführung eines großartigen Baues besaß. Dieser Mann war Conrad von Hochstaden, (s. Seite 21) unter dem am 15. August 1248 die Grundsteinlegung zum jetzigen Dome in feierlichster Weise erfolgte. Leider aber steht der Name des Mannes nicht einstimmig fest, der den Plan dieses Wunderbaues erdacht und entworfen, indem, und zwar von den Meisten, ein Werkmeister unter dem Namen Meister Gerhard, bald mit dem Beinamen von Rile, bald mit dem von Kettwig näher bezeichnet, von einigen hingegen der berühmte Gelehrte Albertus Magnus, welcher gerade im Jahre 1248 der kölner Schule vorgesetzt, im Jahre 1254 zum Provinzial des Dominikaner-Ordens in Deutschland und 1260 zum Bischofe von Regensburg ernannt worden war, als Erfinder des Planes bezeichnet wird. Beide Männer zieren,, in der zweiten und dritten Nische neben einander stehend, die Ostseite unseres Museums. Da aber Meister Gerhard, dessen Statue am 29. August 1862 an ihre Stelle kam, als Erfinder des Domplanes die meisten Gewährsmänner für sich zählt, hat ihm auch der Bildhauer Mohr den Grundriss des Domes in die Linke gegeben.


Der Bau wurde nach der Fertigstellung des Planes zwar sofort begonnen, schritt aber so langsam weiter, dass erst nach Verlauf von 74 Jahren, nämlich am 22. November 1322, unter dem Erzbischofe Heinrich von Virneberg der hohe Chor vollendet, feierlichst geweiht, und dem Gottesdienste übergeben werden konnte.
Es war ein Glück für den heutigen Dom, dass wenigstens der Chor vollendet da stand; denn bei dem Verfall der Bedeutsamkeit und des Reichtums der Stadt, bei der Verflachung im Volke und der Demoralisation in den höhern Ständen wäre man schwerlich auf den Gedanken gekommen, ein solches Riesenwerk zu beginnen. Doch der herrliche Chor weckte in den Bessern der Zeit fortwährend Vollendungsgedanken, und in jeder Periode geschah doch noch etwas, den Tempel dem zwar weitliegenden Ziele entgegenzuführen. Im Jahre 1347 begann der Bau der Turmfassade und der äußeren Mauer des Langschiffes vom Chore bis dahin; 1437 hing man die Glocken in dem so weit fertigen südlichen Hauptturm auf, und steht noch heute auf demselben der Krahnen, mit dem damals die Bausteine aufgezogen worden waren, also über 400 Jahre lang, in Untätigkeit da.

Um 1508 setzte man zwar die berühmten, alten Glasfenster ein, doch geschah für den Ausbau von da ab nicht nur nichts weiter, sondern ging der unfertige Tempel allmählich dem Verfalle wieder entgegen, und wurde sogar 1796 und 97 von den Franzosen als Fourage-Magazin benutzt. Erst das 19. Jahrhundert erzeugte wieder Männer, welche die Großartigkeit des Werkes erfassten und ihre eigene Begeisterung für dasselbe auch ins Volk zu tragen verstanden. Der Staat schoss zunächst bedeutende Summen für die Erneuerung der Dächer und die nötigsten Reparaturen vor, und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen bewilligte 1830 jährlich 10.000 Thlr. zur Verwendung, wenn die durch den Erzbischof Ferdinand August, Grafen Spiegel eingeführte Cathedralsteuer eine gleiche Höhe erreichte. Ein besonderer Bauleiter wurde vom Staate auf Anregung Schinkels in der Person des Bauinspektors Ahlert angestellt, dem nach seinem am 10. Mai 1833 eingetretenen Tode der am 22. September 1861 ebenfalls verstorbene Regierungs- und Geheime Baurat Ernst Zwirner folgte. Der jetzige Dombaumeister, Herr Landbaumeister Voigtel, ist ein langjähriger Genosse Zwirners am großen Werke, und ihm ist, so dürfen wir hoffen, die Vollendung des Prachtbaues beschieden.

Trotzdem von 1824 bis 1841 eine Summe von 327.278 Thaler verwandt worden war, konnte doch für den Weiterbau nur sehr wenig geschehen. Erst als sich im Jahre 1842 der Zentral-Dombauverein bildete, als über diesen unser kunstsinnige, für das Werk so hoch begeisterte König Friedrich Wilhelm IV. das Protektorat übernahm, und Höchstderselbe am 14. Mai desselben Jahres in feierlichster Weise den Grundstein zum Fortbaue legte, da wurde Stadt und Land für die Vollendung enthusiasmiert. Eine große Zahl kleinerer Vereine bildete sich in immer größerem Kreise; um aber diesen Enthusiasmus über das ganze Vaterland zu verbreiten, kam man auf den patriotischen Gedanken, den Dom zu Köln als das Symbol der zukünftigen deutschen Einheit zu vollenden, um dadurch die Mittel zum Zwecke leichter und reichlicher fließend zu erhalten. Diese Idee, so zündend anfangs in vielen Gauen des gesammten Vaterlandes, hielt leider so lange nicht durch, als dass etwas Erhebliches durch ihren Erfolg erreicht worden wäre; nur Bayern, mit München an der Spitze, hat sich mit seiner Teilnahme am kölner Dome, wenn auch hauptsächlich durch seinen kunstsinnigen König Ludwig angefacht, in seinen Beiträgen bis heute sehr großartig bewährt.

Am 14. August 1848, nachdem das Langschiff mit einem Notdache versehen, die Seitenschiffe eingewölbt, das südliche mit den vom König Ludwig von Bayern geschenkten prachtvollen Glasfenstern geschmückt, und die innern Bretterwände fortgeschafft worden waren, fand in Gegenwart des deutschen Reichsverwesers, Erzherzog Johann von Östrreich, vieler Deputierten der Frankfurter Nationalversammlung u. s. w., durch König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die sechste Säkularfeier der Grundsteinlegung Statt.

Die Fortschritte des Weiterbaues fielen von diesem Zeitpunkte an immer überraschender in die Augen, und ging das große Werk, mit Ausnahme der beiden Türme, mit gewaltigen Schritten seiner Vollendung entgegen. Die beiden Giebel des Nord- und Südportals, die bei 220 Fuß Höhe alle Steinbauten Kölns überragen, wurden mit den kolossalen Endblumen geschmückt, die noch fehlenden Umfassungsmauern wurden sämtlich aufgeführt, die Strebepfeiler alle vollendet, die das Notdach des Mittelschiffes weit überragende Kreuzgalerie mit ihren Fialen und Wimpergen fertig gestellt und der nördliche Turm auf eine solche Höhe geführt, dass er dem ganzen Baue bei der noch auszuführenden Wölbung und definitiven Bedachung des Langschiffes die nötige Stütze, den erforderlichen Widerstand gewähren konnte. Das Dach, aus Eisen konstruiert und mit Blei bedeckt, steht seitdem vollendet da, der Kirche ihre vollständige Form verleihend, und über dem Kreuzschiffe erhebt sich der eiserne Mittelturm, den 195 Fuß hohen First noch um 150 Fuß Höhe überragend. Mit den Einwölbungen des Lang- und Querschiffes geht es rüstig weiter, und unterliegt es nach dem Versprechen des Leiters keinem Zweifel mehr, dass wir im September 1863 das ganze Werk, ohne die Türme, vollendet erblicken. Der Eindruck, den uns dann nach dem Wegfall der Wand zwischen dem Langschiffe und Chor das ganze Innere mit dem Walde seiner zahlreichen Säulenbündel vom vordern Eintritte aus gewähren wird, muss ein ganz außerordentlich ergreifender sein.

Von der Bildung des Zentral-Dombauvereins im Jahre 1842 ab wurden bis zum Schlusse des Jahres 1861 2.019.804 Thlr. 3 Pf., also seit 1824, 2.377.082 Thlr. 21 Sgr. 3 Pf. verbaut, und würde noch die Summe von circa 3.000.000 Thlr. zur Vollendung, einschließlich der Türme, erforderlich sein. Möchte nur die Eintracht sich nicht zersplittern und die Ausdauer nicht erlahmen, damit das noch lebende Geschlecht den erhabensten Tempel des Herrn unter den Segnungen des Friedens in seiner Vollendung erblickt.

Ehe der Fremde den Dom besteigt oder im Innern besieht, unterlasse er es nicht, ihn vorab ganz zu umwandern, um die verschiedenen Eindrücke, die der Bau durch sein Äußeres macht, in sich aufzunehmen. Hier verweisen wir zunächst auf den Portalgiebel des südlich vortretenden Kreuzschiffes, der 130 Fuß breit und 220 Fuß hoch in der reichsten Ornamentik prangt. Von den drei Eingangstüren dieses Giebels, von denen bei der Grundsteinlegung im Jahre 1842 König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen mit Recht und voller Begeisterung verkündigte: „Hier werden sich die schönsten Tore der Welt erheben!“ hat die Mittelhalle 9 größere und 58 kleinere, jede der Seitenhallen 8 größere und 30 kleinere Baldachinchen, die in ihrer äußerst kunstvollen Bearbeitung das laute Lob der Dom-Steinmetzhütte verkünden. Im Bogenfelde der Mittelhalle sehen wir das nach Schwanthaler von Christian Mohr gefertigte Relief, in 72 Figuren die Hauptmomente der Leidensgeschichte Jesu versinnlichend, welches eine der ausgezeichnetsten Arbeiten am Dome genannt zu werden verdient. Die übrigen, ebenfalls von Mohr angefertigten Figuren sind sämtlich aus dem neuen Testamente gewählt. Die fünf 6 Fuß hohen Figuren im Dreiecke (Wimperge) über der Mittelhalle stellen Christus (mitten) und die vier Evangelisten vor. Das grosse, über dem Triforium sich erhebende Fenster misst 25 Fuß in der Breite und 52 in der Höhe; über diesem spitzt sich der kolossale Wimperg zu, in reicher gotischer Gliederung das Lamm Gottes mit dem Buche und den sieben Siegeln umschließend. Die Endblume dieses Dreiecks hat unten sechs Fuß Durchmesser und 13 Fuß in der Höhe.

Nach dem hier genossenen Anblicke trete man in die Steinmetzhütte, und bewundere zunächst die Kunstfertigkeit der Dombauwerkgesellen an den fertigen Teilen, die dort gewöhnlich in reicher Auswahl vorhanden sind; dann umschreite man den Chor bis zur Mitte und schaue, am geeignetsten von der Rampe der festen Brücke, in das gewaltige Strebewerk hinein, das von allen Seiten her, das Langschiff des hohen Chores zu stützen und zu tragen, in den kühnsten Bogen sich gegeneinander wölbt. Welcher Bau der Welt wäre wohl im Stande, einen großartigeren Eindruck wie diesen zu hinterlassen? Je mehr wir uns nun von hier aus dem Nordportale zuwenden, gewahren wir bei gleicher Construction und den nämlichen Dimensionen im Ganzen eine allmähliche Vereinfachung der Ornamentik und eine stete Abnahme der im Süden so reichen Gliederungen und üppigen Laubverzierungen der einzelnen Teile. So tritt uns denn auch das Nordportal, wenn auch in all seinen Verhältnissen dem entgegengesetzten gleich, viel massenhafter und imposanter wie das letztere entgegen.

Zwischen den beiden Türmen wieder angelangt, treten wir endlich in das Heiligtum hinein, um auch dessen innere Teile, von links unten beginnend, der Reihe nach zu beschauen. Werfen wir zunächst den Blick auf die alten Glassfenster in der nördlichen Wand des Langschiffes hin. Das erste vom nördlichen Hauptturme aus so wie das fünfte am Kreuzschiffe sind Halbfenster, wohingegen das zweite, dritte und vierte in ganzer Füllung von Glas erscheinen. Das erste Halbfenster stellt uns Christus am Ölberge, seine Verspottung, Geißelung, Krönung, Kreuzigung und Auferstehung vor, und enthält außerdem die Bildnisse des h. Laurentius und der h. Maria, und darunter knieend die der Stifter nebst deren Wappen.

Das zweite Fenster, oben links Szenen aus dem Leben des h. Petrus enthaltend, zeigt hauptsächlich zur Rechten den vom Erzvater Jacob ausgehenden Stammbaum Christi; außerdem unten einen vor dem Apostelfürsten knieenden Erzbischof, und diesem gegenüber den h. Sebastian, umgeben von Familienwappen, die die betreffenden Namen tragen. Es dokumentiert dieses Fenster sein Alter durch die Jahreszahl 1509.

Im dritten Fenster erblickt man oben eine Anbetung der Hirten, und darunter die vier kölnischen Schutzpatrone, die h.h. Georg, Reinhold, Gereon und Mauritius; unter diesen links den Gründer der Römerkolonie, Marcus Agrippa und ihm gegenüber Marsilius, den Helden der nach ihm benannten Holzfahrt.

Das vierte Fenster ist vom Churfürsten und Erzbischofe von Köln, Hermann, Landgraf von Hessen, gestiftet, und zeigt in der rechten Ecke unten die Inschrift: Ann. dm. 1508 XX. Novembris. Von oben her sehen wir zunächst links den Besuch der Königin von Saba bei Salomo, nur eines der vier Feldern einnehmend; daneben die Anbetung der h. drei Könige, und unter dieser den Apostel Petrus als Papst nebst einem knieenden Erzbischofe und der h. Maria, dann die hessischen Patrone: die h. Elisabeth und den h. Christophorus, unter welchen mehrere Familienwappen hervorragender Geschlechter damaliger Zeit erscheinen.

Das fünfte, ein Halbfenster, enthält außer der im obern Teile angebrachten Krönung der h. Maria die Bildnisse des h. Johannes, (des Evangelisten) des h. Petrus, (wiederum als Papst) der h. Maria Magdalena und des h. Georg; außerdem zwei weibliche und einen männlichen Stifter, letzterer in goldner Rüstung gekleidet.

Gleich hinter diesem Halbfenster tritt das Kreuzschiff links bis zum Nord- und rechts bis zum Südportal quer über durch, und ist der hohe Chor vom Langschiffe durch eine Interimsmauer geschieden, an deren vorderen Seite wir die beiden Altäre der h. Anna und Barbara sehen. Hinter dieser Zwischenwand im Innern des Chores befindet sich die große Orgel. Dieselbe wurde im Jahre 1572 an dieser Stelle erbaut, erhielt aber ihre jetzige Einrichtung und das vom Bildhauer Christian Stephan nach Zwirners Plan errichtete, dem Style des Baues angepasste Gehäuse im Jahre 1842. Dieses Orgelwerk hat drei Klaviaturen von 4 l/2 Oktaven und ein freies Pedal von 2 Oktaven; es enthält 42 klingende Stimmen und 4 Nebenzüge; und macht das ganze unter der kunstgeübten Hand des Domorganisten und königl. Musik-Direktors, Herrn Franz Weber, eine Wirkung, die bei der herrlichen Akustik des Domes den Zuhörer zur größten Bewunderung erregt. Jeden Sonn- und Festtag findet auf dem Orgelraume eine musikalische Messaufführung statt, bei welcher die Leistungen der kölner Dom-Kapelle sich schon seit einer langen Reihe von Jahren einen weitbekannten Ruf erwarben. Mit dem im Jahre 1863 eintretenden Wegfalle der Interimsmauer werden die vorgenannten Alt?re nebst der Orgel beseitigt, und geht das Gerücht, als sollte auch die musikalische Messe ihre totale Verbannung erleben. Ein solcher Fanatismus wird aber die Zustimmung des hochgebildeten Kirchenfürsten der kölner Erzdiözese wohl schwerlich erhalten, da eben die Musik als diejenige Kunst, die am angenehmsten und eindringlichsten zum Gemüte eines jeden Menschen spricht, durchaus in den Kultus der Kirche gehört. Man mag sie vor unkirchlicher Ausartung bewahren, ihr aber nimmermehr die Stelle rauben, die ihr neben allen andern Künsten in dem Tempel des Allerhöchsten gebührt.

Wir treten nunmehr durch das Eisengitter in den Rundgang hinein, der um den hohen Chor herführt, und gelangen gleich links vor dem Kreuzaltar in die große Sakristei. In fünf reichgeschnitzten Schränken, die an der linken Seitenwand nebeneinander stehen, wurden früher die kostbaren Paramente der Kirche aufbewahrt, die in so reichlicher Zahl noch immer im Dome vorhanden sind, wie sie vielleicht wenige andern Kirchen der Welt besitzen. Um dem Leser einen Begriff von ihrem enormen Werte zu verschaffen, teilen wir nur mit, dass sich eine Kapelle, ein Geschenk des Churfürsten und Erzbischofs Clemens August hier befindet, die an Arbeits- und Stickerlohn 62.000 Thlr. gekostet hat. Dieselbe wurde zuerst in Frankfurt im Jahre 1742, bei der Kaiserkrönung Karls VII. benutzt. Sie besteht aus 22 Gewändern und wird ihrer schweren Goldstickereien wegen (der Chormantel allein wiegt 80 Pfund) nur zuweilen beim Christfeste oder am Dreikönigentage gebraucht. Alle diese kostbaren Paramente befinden sich jetzt in der neuen Sakristei am Nordportale, und werden dem Fremden nur selten gezeigt. Die fünf geschnitzten Schränke enthalten nur noch die Kirchengewänder, welche an Sonn- und Wochentagen gewöhnlich beim Gottesdienste getragen werden. Dem Eingange gegenüber sieht man die mehr als lebensgroße Marmorbüste des Erzbischofs Clemens August von Droste-Vischering, der durch seinen felsenfesten Charakter, wie durch seine, in Folge von Kollisionen mit der Staatsbehörde in Betreff der hermesianischen Lehre, der gemischten Ehen u. s. w. erfolgten Gefangennehmung eine kirchliche Berühmtheit erlangte. Diese Büste wurde von einem römischen Bildhauer auf Bestellung des zur Erinnerung an diesen Erzbischof entstandenen Clemens-Vereines gefertigt Über derselben an der dem Eingange gegenüber liegenden Wand erblickt man eine Reihe kleiner Reliquienbehälter unter Glas, welche Gebeine der h. Ursula und ihrer Gesellschaft enthalten, und über diesen an der linken Seitenwand eine große Anzahl Portraits von Pfarrern, die an der nun eingegangenen Pfarre St. Laurentius als solche gewirkt. Die Sakristei ist durch eine Bretterwand vom Eingange an in zwei Hälften geteilt. Tritt man durch den mittlern Eingang in die rechte Hälfte hinein, so fällt das Auge zunächst auf das aus der nördlichen Wand hervortretende Sacramentarium, welches in seinen schmuckreichen und schlanken gotischen Formen für eins der schönsten Steinhauerwerke am ganzen Dome gilt. Die in dieser Hälfte an den Wänden umherstellenden sehr gewöhnlichen Schränke enthalten eine Anzahl mehr oder weniger kostbarer Kelche, Weihrauchfässer, Pollen u. s. w., die man beim täglichen Gottesdienste gebraucht. In die linke Hälfte der Sakristei zurückgekehrt, treten wir durch einen Eingang in der nördlichen Wand in einen Nebenraum hinter derselben, in dessen rechter Wand man die mit Eisen verschlossene Eingangstüre zu der weltberühmten Schatzkammer gewahrt. In letztere eingetreten wird das Auge mit Gewalt auf den äußerst interessanten Reliquienschrein des heiligen Erzbischofs Engelbertus (s. Seite 19 — 21) gezogen. Dieser Schrein wurde in den Jahren 1633 — 35 von einem Kölner, Conrad Duisburg, gefertigt. Er besteht aus massivem, größtenteils vergoldetem Silber und hat 149 Pfund Gewicht. Die langen Seitenflächen sind mit vier gegossenen Tableaus geschmückt, die Szenen aus dem Leben des berühmten Heiligen versinnlichen, und wovon das erste am Fußende links am untern Rande den Namen des obengenannten Verfertigers nebst der Jahreszahl trägt. Auf einer Kehlrundung die im länglichen Viereck den Deckel umzieht, stellen acht länglich-runde Tableaus mehrere durch diesen Heiligen gewirkte Wunder vor. Die vorhin genannten Tableaus einschliessend sehen wir an jeder Langseite des Schreines fünf sehr zierliche Statuen von folgenden zehn h. Bischöfen der Stadt: den h. Anno, Heribert, Gero, Bruno, Hildebold, Hildiger, Agilolph, Cunibert, Evergislus und Severin. Die Vorderseite stellt Christus zwischen dem Apostel Petrus und dem ersten kölner Bischofe Maternus (s. Seite 5) vor, wohingegen die hintere Seite eine Opferung der h. drei Könige enthält. An den Ecken befinden sich die vier Evangelisten mit ihren Attributen und oben auf dem Deckel ruht der h. Engelbertus selbst, zwischen zwei Engeln zu Kopf und Füssen, wovon der eine einen Lorbeerkranz, der andere die Siegespalme ihm entgegen streckt.

Eine große Anzahl von Schätzen enthält der in der rechten Mauer sich befindende steinerne Wandschrank, und zwar:

1. Ein wertvolles Altarkreuz. Das innere oder eigentliche Kreuz ist sehr alt. Der ganze untere Theil und die Ansätze an den drei Kreuzarmen sind genommen und zusammengesetzt aus einzelnen Teilen des Kastens, der die Gebeine der h. drei Könige einschließt.

2. Eine wertvolle große Monstranz, Geschenk des jetzigen Papstes Pius IX. Sie ist 15 Pfund schwer, besteht aus vergoldetem Silber und ist außerdem mit mehreren kostbaren Edelsteinen besetzt.

3. Ein großes Kruzifix aus schwarzem Ebenholz mit silberner Randeinfassung, dessen größter Kunstwert ein aus Elfenbein geschnitzter Christus bildet. Dasselbe ist ein Geschenk des zuletzt verstorbenen Dompfarrers Johann Heinrich Filz.

4. Eine antike Monstranz in schönster gotischer Form, ein Geschenk der in Rom gestorbenen kunstsinnigen Kölnerin, Frau Merkens-Schaaffhausen.

5. Ein durch Azur- und sonstige edle Steine reich verziertes Altarkreuz von vergoldetem Silber, 3 1/2 Fuß hoch. In dem Fuße desselben sieht man die Grablegung Christi, und auf demselben die Statuen der h. Jungfrau Maria und des h. Johannes, so wie an den Ecken die vier Evangelisten. An der linken Seite befindet sich ein großer und besonders wertvoller Amethyst.

6. Die silbervergoldete große Büste des h. Gregorius von Spoleto. Sie hat ein Silbergewicht von 14 Pfund 5 Loth und trägt auf der Brust einen Ring mit einem kostbaren Steine.

7. Elf größere und kleinere Reliquienbehälter von edeln Metallen, teilweise mit Steinen verziert und von verschiedener Form. Zwei derselben enthalten Partikel des h. Kreuzes.

8. Eine silberne vergoldete, in Augsburg verfertigte Monstranz mit sehr vielen Edelsteinen, besonders Rubinen geschmückt, deren Gewicht 8 Pfund 18 Loth beträgt. Die Luna ist ganz von Diamanten gebildet, und hängt an derselben ein von einer Freifrau von Fürstenberg geschenktes, dicht mit Diamanten besetztes Kreuz. Den größten Schatz aber an dieser Monstranz bildet ein Halsschmuck, der als Behang an derselben angebracht ist. Dieser besteht aus den wertvollsten Türkissen, Amethysten und Saphiren und stammt noch von dem vom Erzbischof Gero dem Dome geschenkten, aber längst veschwundenen 80 Pfund schweren silbernen Madonnenbilde her.

9. Eine von demselben Madonnenbilde herrührende goldene Blume mit schöner Emaillearbeit und mit vielen Edelsteinen besetzt. Sie wurde 1658 von einem bayerischen Prinzen, dem Erzbischofe Maximilian Heinrich, an jene Madonna geschenkt.

10. Zwei schöne silberne Rauchfässer, beide 8 Pfund 19 Loth an Gewicht haltend, dem Dome vom Erzbischofe Ferdinand August verehrt.

11. Das Jurisdictionsschwert, oder Schwert der Gerechtigkeit; ein Zeichen der weltlichen Macht der kölner Erzbischofe, welches denselben bei feierlichen Aufzügen vorhergetragen wurde. Es ist 7 Pfund 1 Loth schwer und 4 1/2 Fuß lang und ist besonders die Scheide aus kunstreicher Filigranarbeit gemacht.

12. Die silberne Kelle und der Hammer, welche beide König Friedrich Wilhelm IV. am 14. Mai 1842 bei der Grundsteinlegung zum Vollendungsbau gebrauchte.

Das wäre der Hauptinhalt dieses steinernen Wandschrankes. Vor demselben auf einem Tische liegend, zeigt man uns noch zehn Elfenbein-Schnitzwerke, jedes 6 Zoll hoch und 4*/, Zoll breit, mit Bildern aus der Leidensgeschichte, die ein frommer Priester, Melchior Paulus in einem Zeitraume von 30 Jahren (1703-33) mit wirklicher Kunstfertigkeit geschnitzt. Je genauer man diese Bilder besieht, desto mehr muss man über die Ausdauer und Geschicklichkeit des frommsinnigen Künstlers erstaunen. — An der nördlichen Wand der Schatzkammer sehen wir noch unter Glas und Rahmen einen Grund und Aufriss des Domes und an der entgegengesetzten ein 5 Fuß hohes Kruzifix, dessen Christusfigur von einem Domvikar, Namens Hardy, (berühmt durch zahlreiche und sehr gesuchte Charakterfiguren, die er aus farbigem Wachs modellierte) stammt. An die vorgenannte Wand lehnt sich noch ein merkwürdiger, 6 Fuß langer Bischofsstab, der durch Arbeit und Form ein sicherlich hohes Alter verrät. Das obere Ende des Schaftes, der ehemals schön ziseliert und augenscheinlich mit reicher Emaillierung verziert gewesen ist, bildet eine Kristallkugel, von der ein Dreizack ausläuft, welcher eine Anbetung der h. drei Könige trägt.

Dem vorhin erwähnten steinernen Wandschranke gegenüber befinden sich in einem ziemlich unansehnlichen hölzernen Repositorium noch einige Gegenstände des Domschatzes, die einen ganz bedeutenden materiellen Werth repräsentieren. Es ist dies zunächst die große Monstranz. Sie ist 1 1/2Fuß hoch, und wiegt, aus gediegenem Golde gearbeitet, 10 Pfund und 4 Loth. Sie ist über und über mit den kostbarsten, fast unzähligen und dabei auffallend großen Edelsteinen besetzt, und außerdem mit der schönsten Emaille verziert. Der 4 1/2 Zoll im Durchmesser haltende Zylinder in der Mitte (die Luna), der die h. Hostie fasst, ist aus dem reinsten Bergkristall geschliffen, und daher als ein Kunstwerk höchst seltener Art zu bezeichnen. Diese Monstranz wird im Dome nur an den höchsten Festtagen benutzt, und jedes Jahr nur einmal in der großen Frohnleichnams-Prozession umhergetragen. Der Wert derselben ist unschätzbar, und war das Capitel während der reichsstädtischen Zeit so sehr um dieselbe besorgt, das sich jedesmal, wenn sie bei der Gottestracht in der Prozession erschien, der ganze Magistrat vorher für dieselbe verbürgen musste.

In demselben Repositorium befindet sich ein Paxtecum, auch Osculum pacis genannt, welches 1 Pfund an gediegenem Golde wiegt, 5 Zoll in der Höhe und 4 in der Breite misst. Sehr schöne architektonische Verzierungen umgeben ein Schmelzgemälde nach Albrecht Dürer: Christus am Kreuze zwischen der h. Jungfrau Maria und dem h. Johannes; um dieses Bildchen bemerken wir außer 10 Perlen, wovon jede im Durchschnitt einen Werth von 300 Thlrn. erreicht, 5 Rubinen, viele Diamanten und Smaragden und besonders einen herrlichen Saphir von mindestens 1.000 Thlr. an Wert. Ein ebenso kostbares Seitenstück zu diesem Teile des Schatzes bildet ein erzbischöfliches Brustkreuz nebst einem Brillantringe, beide vom Könige Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1826 dem erzbischöflichen Stuhle verehrt. Das Hauptmaterial des Kreuzes ist Silber mit geschmackvoller Randvergoldung versehen, und ist dasselbe, so wie der Ring, mit einer großen Zahl Diamanten und Smaragden besetzt, die diesem Schmucke, der noch immer vom Erzbischofe beim Pontifical-Amte getragen wird, einen Werth von 60.000 Frcs. verleihen.

In dieser Schatzkammer befanden sich früher noch zwei Merkwürdigkeiten, die aber jetzt den Augen oder vielmehr den profanen Händen der Besucher entzogen worden sind. Es waren dies 1. zwei Ringe aus der Kette, mit welcher der Apostel Petrus im Kerker gefesselt war, als ihn ein Engel aus demselben erlöste, und 2. ein Stab mit Elfenbeinknopf, welch letztern derselbe Apostel auf einem ähnlichen Stabe in den letzten Zeiten seines Lebens getragen haben soll. Einige neuere, wenn auch noch so wertvolle Bischofsstäbe in horizontalen Etuis, sowie Krone und Szepter zum Schmucke der h. Jungfrau Maria und des Jesuskindes sind sonst zu wenig wichtig, als dass man die Mühe beanspruchen sollte, nach Besichtigung all dieser Reichtümer sich dieselben noch vorlegen zu lassen.

Aus der Schatzkammer durch die Sakristei in den Chor zurücktretend, sehen wir der Ausgangstür gegenüber das Denkmal des Erzbischofs Engelbert III. (†1368) noch zu seinen Lebzeiten für ihn selbst errichtet. Der Sarkophag ist an den Langseiten je mit neun, an den Querseiten je mit drei teils männlichen, teils weiblichen Heiligenfiguren in gotischer Bogenfassung verziert. Der Heilige selbst liegt, Stab und Mytra tragend, auf dem Deckel des Monuments. Wenden wir von diesem das Auge nach links, so sehen wir an der vortretenden Querwand einen durch die Gestalt des gekreuzigten Heilandes höchst auffallenden altertümlichen Kreuzaltar, der zugleich den Abschluss des ersten der nun folgenden sieben Chörchen bildet, die wir jetzt der Reihe nach besuchen wollen.

Zunächst hinter dem Kreuzaltare treten wir in die Engelbertuskapelle. Dem Altare (auf welchem der h. Hubertus mit dem Hirsche steht) gegenüber wie im Boden sehen wir Gedenktafeln die an hervorragende Persönlichkeiten des kölner Capitels erinnern. An der nordwestlichen Wand aber tritt uns das im Renaissancestil gefertigte Epithaphium des Erzbischofs, Grafen Anton von Schauenberg, (†1558) aus schwarzem Marmor und Alabaster errichtet, am auffallendsten vor das Auge. Namentlich weisen wir auf die im obern Teile angebrachte und kunstvoll ausgeführte Auferstehung des Heilandes hin.

Das folgende Chörchen wird die Maternuskapelle genannt. In der Mitte derselben steht das Denkmal des Erzbischofs Philipp von Heinsberg, (S. Seite 23.) Er war der Erbauer der alten Stadtmauern mit ihren Zinnen, Türmen und Toren, worauf die eigentümliche Form des Monumentes ganz sprechend verweist. Interessant in dieser Kapelle ist der vergoldete Altar. Er stellt in mehreren Gruppen und in einer außerordentlich großen Anzahl von geschnitzten Personen und sogar Pferden die ganze Leidensgeschichte des Heilandes dar, tritt aber dabei plastisch so breit hervor, dass er den ganzen Altartisch füllt, und auf diesem daher keine Messe gelesen werden kann. An der dem Altare gegenüberliegenden Wand sehen wir in Rahmen unter Glas Grundriss und Ansicht des nordwestlichen Domturmes, die beide in Paris im Jahre 1810 aufgefunden wurden.

Gehen wir nun weiter zur Johanniskapelle. Hier ruht der Gründer des Domes, der allein schon durch diese Gründung für Köln unsterblich gewordene Erzbischof, Conrad von Hochstaden. (S. Seite 21.) Auf einem 4 Fuß hohen Sockel, der an jeder Langseite neun, an jeder Querseite drei gotische Nischen zeigt, die außer der leeren Nordseite, mit den zierlichsten Statuen gefüllt, ruht auf einer 8 1/2 Fuß langen und 3 1/2 Fuß breiten schwarzen Marmorplatte, die nur einfach des großen Mannes Namen trägt, in liegender Stellung das aus Erz gegossene Bildnis dieses berühmten Erzbischofs. Zur Zeit der französischen Fremdherrschaft ward die prächtige Statue auf die roheste Weise der Füße, der rechten Hand, des bischöflichen Stabes und mehrerer Verzierungen beraubt, aber durch den Inspektor der königlichen Erzgießerei in München, Herrn Miller, im Jahre 1847 auf das kunstvollste wieder hergestellt. Die beiden äußern der neun Figuren auf der südlichen Langseite des Sarkophags stellen Schildhalter dar; der zur Linken trägt das Wappen der Grafen von Hochstaden, der zur Rechten das des Erzstiftes Köln. Die sieben Zwischenfiguren sind von links nach rechts 1. der Kardinal Pietro Capoccio, der den Bischof im Namen des Papstes mit der Krönung des Kaisers Wilhelm beauftragte; 2. der Bischof Heinrich von Lüttich, der aus dem schroffsten Gegner der entschiedenste Anhänger Conrads wurde. 3. Der Graf Dietrich von Cleve; 4. Kaiser Wilhelm von Holland selbst, den Conrad (adl.) gekrönt; 5. Der Herzog Heinrich von Brabant; 6. der Graf Adolph VII. von Berg; 7. Der Dominikanermönch Albertus Magnus, als Vertreter der Wissenschaft aus damaliger Zeit. Die Figuren am Kopfende beziehen sich auf die Erbauung des Domes: in der Mitte Conrad, dem Überreicher des Dom-Models nach rechts den Segen spendend; zur Linken Meister Gerhard von Rile, als Erfinder des Planes. (S. Seite 110 u. 111.) Drei Phantasie-Figuren zieren das Fußende des Sarkophags, und sind diese sämtlichen Statuen vom Bildhauer Christian Mohr entworfen und ausgeführt. Möchte nur das Hochwürdige Domkapitel sich bald veranlasst fühlen, den genialen Künstler zur Ausführung der schon bestimmten Statuen für die nördliche Langseite mit den erforderlichen Mitteln zu versehen, damit das Denkmal des unsterblichen Gründers des Domes endlich in seiner vollen Zierde dasteht. Der Altar dieser Kapelle stellt, in 24 kleineren Gemälden auf zwölf Feldern des Mittelstücks und ebenso vielen in beiden Seitenteilen, die Hauptszenen aus dem Leben des Heilandes dar. Die Glasfenster dieser Kapelle sind im untern Teile alt, und vom Glasmaler Peter Grass restauriert; der obere neuere Teil wurde von Ludwig Schmidt ausgeführt. In einem geschnitzten Eichenrahmen sehen wir noch in dieser Kapelle die Originalaufrisse der beiden Türme. Dieselben wurden 1814, als man zu Ehren der heimkehrenden Freiwilligen einen Tryumpfbogen malen wollte, auf dem Speicher eines Gasthofes in Darmstadt, wo sie zum Bohnentrocknen dienten, wieder aufgefunden. Bei Verteilung des Domarchives an die verschiedenen Fürsten, denen 1803 die kurkölnischen Lande zugefallen waren, hatte man dieselben vergessen, und waren sie zufällig auf diesen Speicher geraten.

Nun gelangten wir zum Mittelpunkte der sieben Chörchen und zum wichtigsten von allen: zur Dreikönigen-Kapelle. Betrachten wir uns dieselbe zunächst von Außen. Vor derselben bemerken wir im Boden mehrere mit Inschriften versehene Platten, welche Gräber von Domherren und Erzbischöfen bedecken. Zumeist verweisen wir auf eine in der Mitte vor der Kapelle liegende Schieferplatte hin. Sie war früher mit einer Metalltafel überdeckt, die eine ausführliche Inschrift trug. Unter derselben ruhen die Eingeweide der unglücklichen, französischen Königin Maria von Medicis, deren Gebeine nach dem Tode Richelieus eine Ruhestätte in der Gruft von St. Denis gefunden haben.

Das Mausoleum der h. drei Könige ist vom Erzbischofe Max Heinrich von Bayern in einem mit der ernsten Gotik des Domes im Widerspruch stehenden Rokokostile erbaut. Der Vordergiebel ist größtenteils aus schwarzblauem und rotgrauem Marmor gemacht. Zu beiden Seiten steht eine flache und eine halbrunde jonische Säule, zwischen denen ein von einer Hand offen gehaltenes Opferbecken angebracht ist. Die Mitte bildet ein auf hellerem Marmoruntersatz bunt verschlungenes Kupfergitter, drei Königskronen als Symbol des hochwichtigen Inhaltes umschließend. Über diesem Gitter sehen wir in halb erhabener Steinhauerarbeit die Anbetung des Jesuskindes durch die Weisen aus dem Morgenlande, zwischen den Ritterstatuen des h. Felix und Nabor, und über diesen zwei weibliche Figuren mit den äußern Händen das Wappen des Erzstiftes fassend, und die innern gegeneinander ausgestreckt, um das Wappen des vorhin genannten Erbauers zu halten. Über dem Ganzen prangt in beinahe unschöner Form der Stern, der einst den frommen Weisen den Weg nach Bethlehem gezeigt. Treten wir durch die zur Rechten des Mausoleums gewöhnlich offenstehende Tür, so bemerken wir gleich links an der innern Wand der Kapelle eine große Gedenktafel, welche die Namen von vier bayerischen Prinzen trägt, die sämtlich auf dem kölner Erzbischofsstuhle saßen, nämlich: Ernst, Ferdinand, Maximilian Heinrich, (der im Jahre 1688 die Kapelle erbaut) und Clemens August. Dieser Tafel quer gegenüber wurde in der entgegengesetzten Wand für den Erzbischof Ernst noch eine besondere Gedenktafel angebracht. Die Rückseite des Mausoleums enthält in der Mitte ein kunstvolles Marmor-Hautrelief; die feierliche Überbringung der h. Reliquien nach Köln, in welchem gleich hinter dem Schreine Erzbischof Reinold in vollem Ornate erscheint. Im Hintergrunde der Kapelle befindet sich ein kleiner Altar, der als Hauptbild eine aus Marmor gehauene Anbetung der h. drei Könige umfasst.

Im Innern des Mausoleums zeigt man als größte Merkwürdigkeit des Domes den berühmten Schrein, der die von Mailand nach Köln überbrachten Gebeine der h. drei Könige enthält. Dieser Reliquienkasten, auf einem 4 1/2 Fuß hohen Sockel stehend, ist 4 1/2 Fuß hoch, 5 1/2 Fuß lang und 3 Fuß breit. Er besteht aus einem Unter- und Oberteile, die wir der Reihe nach etwas näher betrachten wollen. Die vordere, dem Chore zugewandte Seite ist in drei Abteilungen geteilt. In der mittleren derselben sitzt auf einem Thronsessel die h. Jungfrau mit dem Jesuskinde; im linken Teile erscheinen die h. drei Könige, welchen der im Jahre 1198 in Köln gewählte Kaiser Otto beigegeben ist; den rechten füllt die Taufe Christi, bei welcher ein Engel erscheint. Über diesen drei Abtheilungen ist eine mit mehreren Edelsteinen besetzte Schutzplatte angebracht. Bei deren Wegnahme erblickt man hinter einem silbervergoldeten Gitter, auf welchem die Namen Caspar, Melchior, Balthasar in Rubinen prangen, die Schädel der h. drei Könige, welche vergoldete Kronen tragen. Im obern Teile der äußern Vorderfläche sitzt Gott als Richter zwischen zwei Engeln. Außerdem füllen die Bildnisse der Erzengel Gabriel und Raphael nebst einem zwei Zoll großen Topas die Spitze dieses vordern Giebels aus. Die rechte Seitenwand enthält in sechs Bogennischen die Bildnisse der Propheten Moses, Jonas, David, Daniel, Amos und Abdias. Auf der schräg ansteigenden Fläche über diesen Propheten sehen wir folgende Gegenstände von B. Beckenkamp in Farben auf Kupfer gemalt: 1. Die den Hirten vor Bethlehem verkündigte Geburt des Messias; 2. die Erscheinung des Sternes, der die Weisen zum Heilande führte; 3. die h. drei Könige vor Herodes; 4. ihre Ankunft im Stalle zu Bethlehem; 5. dieselben auf der Rückkehr, den Völkern die Geburt des Gottessohnes verkündend; 6. die Kaiserin Helena mit dem Kreuze, wie sie die Gebeine der h. drei Könige entdeckt; 7. die Überbringung dieser h. Gebeine nach Köln: 8. eine Darstellung der üblichen Verehrung der h. Gebeine durch die nach Aachen zur Krönung ziehenden Kaiser. In den sechs Bogenfeldern des obern Aufsatzes stehen die Apostel Paulus, Johannes, Philippus, Thomas, Judas Thaddäus und Matthäus. Die hintere Giebelwand ist in Stil und Technik ganz von der vorderen verschieden. Sehr schön besonders sind hier die mit reicher Filigranarbeit geschmückten Zierleisten, die die untern beiden Abteilungen wie die obern drei Bogen umfassen. Die eine dieser beiden untern Abtheilungen ist durch eine Darstellung der Geißelung Christi ausgefüllt, über welcher drei Engelbüsten angebracht sind. Die andere, ebenfalls mit drei solcher Engelkörper verziert, wovon einer die Sonne, der andere den Mond, die beide bei Christi Tod verfinstert wurden, trägt, enthält den sterbenden Christus am Kreuze zwischen den Statuen der h. Jungfrau und des h. Johannes. Die beiden Abteilungen sind getrennt durch die Figur des Propheten Jeremias, über welcher das Bildnis des Erzbischofs Reinold erscheint, dem ebenfalls zwei Engelköpfe zur Seite gegeben sind. Der Oberteil zerfällt in drei Bogen, wovon der mittlere das Bild des Erlösers enthält, dem die Bildnisse des h. Felix und Nabor in ganzer Rüstung zur Seite stehen. Über diesen befinden sich drei weibliche Büsten in runder Einfassung, von denen zwei der neueren Zeit entstammen.

Die linke Seitenwand enthält unten als Gegenstück zur rechten in ebenfalls sechs Feldern die Propheten Ezechiel, Jeremias, Kalium, Salomon, Joel und Aaron, und auf der schrägen Bedachung in acht auch auf Kupfer gemalten Bildern folgende Darstellungen aus der h. Schrift: 1. der Besuch des Herrn in Begleitung zweier Engel bei Abraham, ihm die Geburt eines Sohnes verkündend; 2. Moses vor dem Herrn, der ihm im brennenden Dornbusche erscheint; 3. Moses vor Pharao, ihm den Willen Jehova's verkündend; 4. die priesterlichen Aufwiegler Core, Dathan und Abiron, wie die Erde sie sammt ihren Zelten verschlingt; 5. die Mauern von Jericho, auf den Schall der Posaunen niederstürzend; 6. die von den Feinden Israels zurückgesandte Bundeslade in Obed-Edoms Haus; 7. der König David, tanzend im Zuge, in dem man die Bundeslade nach seiner Wohnung führt; 8. die Königin von Saba, am Throne des Königs Salomon erscheinend. Über diesen alttestamentalischen Darstellungen sind von der Linken zur Rechten folgende sechs weitere Apostelfiguren angebracht: Bartholomäus, Matthäus, Jakobus minor, Andreas, Jakobus major und Petrus. Die oberste Verdachung besteht beiderseits aus fünf Abteilungen, die durch vergoldete Engel getrennt, sämtlich Gruppen vergoldeter Sterne enthalten. Ein zierlich durchbrochener Messingkamm, zwischen den in abgemessenen Entfernungen vier Kugeln, mit Schmelzarbeit und Laubkronen geschmückt, erscheinen, bildet die First dieses weltberühmten Schreines.

Vor dem Jahre 1820, wo in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober sich freche Räuberhand an diesem Reliquienschreine vergriff, zählte man an demselben 1540 der kostbarsten und prachtvollsten Edelsteine. Hat auch der Totalwert durch diese Beraubung um circa 100 Stück eine Verminderung erlitten, so ist er trotz all dem in seinem heutigen Bestande noch immer ein unermesslicher zu nennen.

In dem Chorgewölbe senkrecht über der Dreikönigenkapelle erwähnt eine Inschrift des am 17. Okt. 1434 erfolgten Einsturzes einer Fialenspitze der Chorgalerie. Dieselbe schlug an dieser Stelle durch Dach und Gewölbe durch, und wurde am selbem Tage 1834 ihre Erneuerung vollendet. An dem Eisengitter des Chores, gegenüber der Dreikönigenkapelle verweisen wir noch auf das aus mehreren Figuren bestehende Denkmal des Erzbischofs Theodor von Mors (f 1463); die Mittelgruppe bildet die h. Jungfrau mit dem Kinde Jesu zwischen zwei Engelfiguren, die (rechts) das Wappen des Erzstiftes und (links) des Bischofs tragen, rechts daneben erscheinen die h. drei Könige und links der Apostel Petrus und ein knieender Erzbischof.

Die Gebeine der h. drei Könige wurden am 23. Juli 1164 durch den Erzbischof Reinold von Dassel von Mailand nach Köln gebracht, und im alten Dome beigesetzt, (s. S. 17.)
Im Jahre 1337 wurden sie nach der jetzigen Stelle im neuen Dome gebracht, und war der Sarkophag so lange mit einem bloßen Eisengitter umgeben, bis der Erzbischof Maximilian Heinrich von Bayern in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die jetzige Kapelle errichten lies. In der französischen Revolution (1794) wurden die meisten Domschätze, sowie auch diese h. Gebeine, nach Frankfurt a. M. gebracht. Von dort am 4. Januar 1804 wieder zurück geholt, wurden sie in dem bis 1808 neu zusammengesetzten Schreine am Dreikönigentage letzt genannten Jahres zur Verehrung wieder ausgestellt. Nach der vorhin erwähnten Beraubung wurde der Schrein in seiner jetzigen Form 1822 vollendet, und nahm am 6. Juni genannten Jahres seine heutige Stelle ein.

Auf unserm Rundgange weiter ziehend, gelangen wir nunmehr zur Agneskapelle. In der Mitte steht der Sarkophag der h. Irmgardis, Gräfin von Zütphen; (†1100) derselbe hat an jeder Langseite 7, an jeder Querseite 2 gotische Spitzbogennischen, in welchen aber leider alle Bildwerke fehlen. In den drei Glasfenstern dieser Kapelle sehen wir paarweise folgende Figuren von kölner Heiligen: den h. Anno und den h. Severinus; die h. Agnes und den h. Cunibert; den h. Gereon und den h. Mauritius. Diese Bildwerke und ihre farbenreiche Umfassung stammen aus dem 14. Jahrhundert, und wurden jüngst durch P. Grass restauriert. Der obere mosaikartig gehaltene Theil ist das Werk seines kölner Collegen Ludwig Schmidt.

Doch als Hauptsache enthält diese Kapelle ein Wunderwerk, wie die Erde vielleicht nicht manche aufzuweisen vermag: es ist dieses das weltberühmte Dombild, die Anbetung der h.h. drei Könige. Das ganze ist ein Flügelgemälde, in dessen mittleren Teile wir die h. Jungfrau mit dem Jesuskinde auf dem Schoße erblicken. Davor erscheinen die drei morgenländische Könige, dem göttlichen Kinde ihre mysteriösen Gaben, Gold, Weihrauch und Myrrhen überbringend. Ihr zahlreiches und stattliches Gefolge bildet zu beiden Seiten den Hintergrund des mittleren Hauptbildes. Auf dem rechten Flügel ist die Hauptfigur der h. Gereon mit der Kreuzfahne in der Hand, und von mehreren seiner tapfern Krieger umgeben. Der linke Flügel zeigt das liebliche Bild der h. Ursula in einem Kreise zarter Jungfrauen, hinter denen man noch die Figur eines Bischofes und eines Papstes gewahrt. Gruppierung, Kolorit, und besonders der in jeder Figur so herrlich ausgesprochene Charakter erheben dieses Bild zu einem Wunderwerke der Malerei und zu einem den Glanzpunkt der kölner Schule verkündenden Denkmale jener Zeit. — Auf der Rückseite der Flügel erscheint der h. Erzengel Gabriel der allerseligsten Jungfrau, ihr die Botschaft der Erwählung zur Mutter des Welterlösers verkündend.

Lange forschte man vergebens nach dem Meister dieses Werkes. Wallraf wollte die Autorschaft einem Philipp Kalf übertragen, weil er diesen Namen auf dem Säbel des links auf dem Mittelbilde stehenden, weisgekleideten Standartenträgers gelesen haben will; doch eine später aufgefundene Notiz von Albrecht Dürer während seines Aufenthaltes in Köln (1520—21), die da heißt: „item hab zwei Weisspfennig von der Tafel aufzusperren geben, die Meister Steffen zu Köln gemacht.“ so wie andere zuverlässige Dokumente stellten es in jüngster Zeit unzweifelhaft fest, dass der Maler dieses Bildes Stephan Lothener geheißen, der um die Zeit von 1430—40 mehrere große Bilder in Köln gemalt. Das Bild war zunächst für die kölner Senatskapelle bestimmt. Nach Aufhebung des Senats geriet es von da in den Rathausturm; Im Jahre 1806 kam es wieder ans Tageslicht, um, - nachdem man es von Schmutz und Staub gesäubert, in einem der Rathaussäle ausgestellt zu werden. Im Jahre 1810 wurde es von der städtischen Verwaltung ohne ausdrücklichen und gesetzeskräftigen Vorbehalt dem Dom - Kapitel übergeben, und nimmt es seit dem Dreikönigentage selbigen Jahres seine jetzige Stelle ein. Vor der Vollendung des neuen Museums reklamierte die Stadt vom Kapitel das Bild zurück; die Auslieferung wurde aber mit der Entgegnung verweigert, die Stadt habe dasselbe dem Kapitel geschenkt. Da die beiderseitigen Beweisstücke fehlten, ging die Stadt den gerichtlichen Instanzengang durch, und wurde durch endgültiges Urteil das Eigentumsrecht, hauptsächlich auf Grund der Verjährung, dem Dom-Kapitel zuerkannt. In dem folgenden Chörchen, die Michaeliskapelle genannt, finden wir das Grabdenkmal des Erzbischofs Walram von Jülich, der 1349 starb. Dasselbe war früher mit sehenswerten Marmorverzierungen umgeben, ist aber in diesem Augenblicke seines schönen Bilderschmuckes leider gänzlich beraubt. Die drei Fenster dieser Kapelle sind mit Glasmalereien von P. Grass ausgefüllt. Unter den reich ornamentierten gotischen Baldachinchen erscheinen sechs Heiligenfiguren, und zwar im mittleren, (vom hiesigen Clemens-Vereine ausgeführten,) die h. Ursula und der h. Clemens, in dem zur Linken die h. Catharina und der h. Bruno, sowie die h. Barbara und der h. Pantaleon im Fenster nach rechts. Der Altaraufsatz dieser Kapelle bildet ein merkwürdiges Schnitzwerk, in der mittleren Abtheilung die Hauptmomente aus dem Leben und Leiden Christi darstellend. Er erinnert zunächst an den Altar in der Maternuskapelle, unterscheidet sich jedoch von diesem dadurch, dass dort die Figuren nur vergoldet, hier aber vergoldet und etwas koloriert erscheinen. Unter dem mittleren Teile des Altaraufsatzes sehen wir in sehr charakteristischer Auffassung das Haupt Jesu in der Mitte, und die Köpfe der zwölf Apostel, sechs und sechs zu beiden Seiten. Die beiden Flügel, die den mittleren Teil des Altares verdecken können, sind auf der Vorderseite mit Martyrscenen aus dem Leben des h. Georgus bemalt. An der rechten Seite des Altares, frei auf dem Boden stehend, weisen wir noch auf ein durch zwei Flügel verdeckbares Schnitzwerk hin, dessen Gegenstand den Kampf des h. Georgus mit dem Drachen enthält.

Das siebente und letzte Chörchen in unserer Reihenfolge wird die St. Stephanskapelle genannt. Auf dem Altartische finden wir hier unter einer horizontal vortretenden, etwas gotisch verzierten Bedachung Christus am Kreuze und die lebensgroßen Standbilder der h. Jungfrau Maria und des h. Johannes zu beiden Seiten. Die Flügel dieses Altares sind mit vier Heiligenfiguren auf Goldgrund bemalt, und zwar in der obern Hälfte mit dem Bilde des h. Johannes des Täufers links und des Apostels Jacobus rechts; darunter ist der h. Laurentius unter ersterem, und der h. Stephanus unter letzterem angebracht. Der in dieser Kapelle befindliche Sarkophag enthält die sterblichen Überreste, des im Jahre 979 verschiedenen Erzbischofs Gero. Die obere Deckelfläche bildet eine aus orientalischem Marmor bunt zusammengesetzte musivische Platte, auf welcher die Marmorstatue des kaiserlichen Generals von Hochkirchen ruht. Kopf und Oberkörper der sonst fast liegenden Statue sind halb erhoben, und ist der Kopf ganz bequem auf die Linke gestützt, wohingegen die Rechte einen kräftigen Stab umfängt. In der südwestlichen Ecke sehen wir noch das im Renaissance-Stile aus Marmor ausgeführte Denkmal des Erzbischofs Adolph von Schauenburg (†1556), welches dem seines Nachfolgers Anton von Schauenburg in der gegenüberliegenden Engelbertuskapelle ganz vollkommen entspricht.

Der nach der Stephanskapelle nun folgende (bis zu dem den Chor querüber abschließenden Eisengitter reichende) Raum wird zum Pfarrgottesdienste des Dompfarrbezirks ausschliesslich benutzt. Der neue gotische Altar dieser Kapelle wurde, nach Zwirners Zeichnung von den Dombausteinmetzen auf Rechnung des Domkapitels ausgeführt, von diesem der Kirche votiert. Er umschließt ein prachtvolles Bild, die Himmelfahrt der h. Jungfrau Maria darstellend. Dasselbe wurde vom Düsseldorfer Kunstverein im Jahre 1840 dem in Rom lebenden berühmten deutschen Maler Fr. Overbeck bestellt, und im Jahre 1855 demselben mit 7.000 Thlr., wovon circa 2/3 der genannte Verein und das fehlende der Summe das Kapitel übernahm, bezahlt. Die Hauptfigur des frühern Altares bildete das Marienbild, welches wir jetzt in bunter Färbung und Vergoldung neben dem Altare an der südlichen Wand erblicken. Dasselbe wurde vom Erzbischof Reinold mit den Gebeinen der h. drei Könige aus Mailand gebracht, und von den Gläubigen als wundertätiges Madonnenbild verehrt. Das Grabmal zur Linken des Altars ist dem Andenken des Erzbischofs Friedrich von Saarwerden (†1414) geweiht, der damals für diese Kapelle eine tägliche musikalische Messe gestiftet hat. Der geschmackvoll gearbeitete Sarkophag teilt sich an jeder Langseite in 9, an jeder Querseite in 4 gotische Bogennischen, welche teils mit Wappen tragenden Engelsfiguren, teils mit Bildnissen von Aposteln oder Bischöfen der kölnischen Kirche ausgefüllt worden sind. Die Südwand dieser Kapelle ist durch zwei ganze und ein halbes Fenster durchbrochen. Das erste ganze Fenster wurde aus den von der Stadt Köln der Dombaukasse zurückerstatteten Krahnen und Hafengefällen von ausgeladenen Dombausteinen, das andere aus einer Stiftung des in Halberstadt verstorbenen Domherrn Grafen Spiegel zum Desenberg errichtet. Das Halbfenster wurde aus den Beiträgen der akademischen Dombau-Vereinen von Bonn und Münster bezahlt. Der untere Teil dieser Fenster ist mit Figuren, die von reicher gotischer Ornamentierung umgeben, nach Zeichnungen des Konservators Ramboux im Atelier von P. Grass gebrannt worden sind, geschmückt. Sie stellen, zwischen zierlicher Gliederung und unter reichen Baldachinchen gruppiert, das Leben der h. Maria von ihrer Verkündigung und Geburt bis zur Krönung und Verherrlichung dar. Der obere mosaikartig gehalten Teil wurde von dem schon mehrfach genannten kölner Künstler Ludwig Schmidt ausgeführt. Am zweiten durchlaufenden Pfeiler dieser Fensterwand bemerken wir noch das dreiseitige marmorne Denkmal der Familien von Plettenberg-Herting, von Geyr und von Bequerer. Gleich daneben folgt in der Wand die Erinnerungstafel des Weihbischofs Werner von Veyder, und das marmorne Denkmal der Familie von Franken-Sierstorpff, die alle aus dem Hauptchore in den Jahren 1841 — 42 hierhin versetzt worden sind. Am Gitter des Chores angelangt, erblicken wir noch ein grö0eres Denkmal in der Ecke an der Fensterwand, und ein anderes freistehendes diesem gegenüber nach dem Innern des Chores zu. Das erstere wurde zum Andenken an den Überbringer der h. drei Könige, Reinold von Dassel errichtet. Das verschwundene erzene Bildnis dieses Erzbischofs wurde durch die jetzt auf dem Sarkophage ruhende Marmorstatue des Erzbischofs Wilhelm von Gennep ersetzt, dessen Gebeine im hohen Chore ruhen. Das gegenüberstehende Grabmal wurde dem Grafen Gottfried von Arnsberg gewidmet und fällt besonders durch das des Grafen Statue einschließende Eisengitter auf, mit dem es folgende und zwar eigentümliche Bewandtnis hat. Als nämlich dieser Graf, der letzte seines Stammes, seine Besitzungen dem Kurstaate Köln geschenkt, waren seine Untertanen über die ihnen aufgedrungene neue geistliche Herrschaft dermaßen erbost, dass sie durch Verstümmelung der Statue ihre Rache an dem verstorbenen Gebieter auszuüben versuchten, was ihnen auch bis dahin gelang, wo Erzbischof Cuno von Falkenstein dieselbe mit dem noch jetzt vorhandenen dichten Eisengitter umgab.

Auf das an dem letzten Pfeiler an dem Eisengitter angebrachte aus Stein gehauene Standbild des h. Christophorus, der das Jesuskind auf seinen Schultern trägt, besonders aufmerksam zu machen, ist wohl insofern überflüssig, als dasselbe durch seine kolossalen Größenverhältnisse jedem Besucher des Domes sofort in die Augen fällt.

Ehe wir durch das Quergitter in das Langschiff treten, besichtigen wir zunächst den Hauptchor in seinem Innern. Wir gelangen in denselben durch die Türe des Chorgitters, die links von dem zuletzt beschriebenen Marienaltare liegt. Um diesen herrlichsten Teil der Kirche dem Beschauer übersichtlicher vorzuführen, weisen wir zunächst auf die denselben umfassenden Säulen hin. Mit den beiden hinter dem Hochaltare in der Mitte stehenden zählen wir bis unter die Orgel, wo das Langschiff beginnt, deren zu jeder Seite 8, die wir von den erstgenannten beginnend mit der fortlaufenden Ordnungszahl bezeichnen wollen. Außerdem teilen wir den Chor in folgende drei Teile ein: 1. Theil, der Raum hinter und vor dem Hochaltar bis zu dem niedrigen Gitterabschluss, der beiderseits zwischen der 4. und 5. Säule beginnt; 2. Teil, der Raum von hier bis zum 6. Säulenpaare, durch einen zweiten Abschluss von Eisen begrenzt; 3. Teil, der fernere Raum bis unter die Orgel, wo das mittlere Langschiff beginnt. Im ersten Raume steht rundum frei der Hochaltar. Derselbe bildet eine rund gewölbte Bronzekuppel auf sieben Marmorsäulen ruhend, vor der ein viereckiger Altartisch steht. Zu beiden Seiten erblicken wir zwei sitzende Marmorfiguren, und zwar rechts Maria mit dem Jesuskinde, letzteres ein vergoldetes Kreuz in der Hand, und links den Apostel Petrus, die Schlüssel des Himmelreichs zeigend. Die Vorderfläche des Altartisches enthält zwölf zierliche Apostelfiguren, zwischen denen sich in der Mitte die Krönung Marias durch den Heiland befindet.

Dass dieser Altar zum Style des Domes nicht passt, ist dem Beschauer so klar, wie es von jedem gehofft werden darf, dass er einstens durch einen würdigern ersetzt werden wird. Zwischen der dritten und vierten Säule sehen wir rechts den Thronsitz des Erzbischofs, der mit dem 13. August 1862, dem Jubiläumstage der 25jährigen Bischofswürde des Kardinals Johannes von Geissel, eine neue Vergoldung und bunte Stickereien erhielt. Dem Thronhimmel gegenüber ist der Sitz für den das Hochamt zelebrierenden Priester. An der vierten Säule sind rechts wie links marmorne, schief gegen den Chor gerichtete Seitenaltäre angebracht. Auf dem zur Linken steht der h. Antonius der Einsiedler, und der h. Martyrer Patroclus auf der entsprechenden Stelle gegenüber.

Am Anfange des zweiten Chorraumes führt zwischen der vierten und fünften Säule zu beiden Seiten eine verschließbare Gittertüre in das Innere des Chores hinein. Gleich neben diesen Gittertüren beginnen rechts und links die geschnitzten Chorstühle die in doppelter Reihe hintereinander bis unter die Orgel reichen. Zwischen der fünften und sechsten Säule sind an jeder Seite neun dieser Chorstühle in der hintern und neun in der vordern Reihe, wovon die neun hintern beiderseits, die ihren Aufgang vorne nach dem Altare zu haben, zur Benutzung für die Mitglieder des Domkapitels dienen. Die vorderen sind für die Vicarien und Cantoren bestimmt. *) An der fünften Säule, wo diese Chorstühle beginnen, ist außerdem links das Standbild der h. Maria mit dem Jesuskinde, und rechts das des h. Petrus zu sehen.

*) Die vor denselben stehenden zwei Chorpulte sind als Holzschnitzwerke besichtigenswert.

Der dritte Teil des Chores, zwei Bogenspannungen Tiefe enthaltend, ist beim Gottesdienste im Chore dem Besuche der Laien geöffnet. In jeder der beiden Bogenspannungen befinden sich dieselben Chorstühle zu beiden Seiten, nur dass die vordere Reihe jedes mal acht statt neun Sitze enthält, da der mittlere Raum derselben als Eingang für die hintern dient. Die nächsten Chorstühle zwischen den 7. und 8. Säulen, acht Sitze in der hintern und fünf in der vordern Reihe enthaltend, treten rundlich von beiden Seiten in den Chor hinein vor. Die sämtlichen 96 Chorstühle, und besonders die Ein- und Aufgänge derselben, werden von allen Besuchern ihres kunstvollen Schnitzwerkes wegen bewundert, und weisen wir noch besonders auf die phantasiereich erfundenen Figuren unter den aufschlagbaren Sitzbrettern hin. Am Anfange des 3. Chorteiles liegt in dem Fußboden eine große Kupferplatte, in welcher man das eingravierte Bild des Erzbischofs Ferdinand August, Grafen Spiegel zum Desenberg und Canstein erblicken. Er war nach der erzbischöflich - churfürstlichen Zeit der erste Erzbischof, der wieder den kölnischen Stuhl bestieg, welcher unter der französischen Gewaltherrschaft eine Zeit lang nach Aachen verlegt worden war. Graf Spiegel, im Jahre 1764 am 25. Dezember auf Schloss Canstein geboren, wurde am 11. Juni 1825 im Dome geweiht und inthronisiert. Nach seinem Tode (2. August 1835) wurden seine Gebeine an dieser Stelle beigesetzt.

Die beiderseitigen Chorwände zwischen der 5. und 6. sowie der 6. und 7. Säule sind mit kunstvollen Stickereien belegt, die aber gewöhnlich durch einen Vorhang verdeckt gehalten sind. Die Stickereien führen im untern Teile unter gotischen Baldachinen einschließlich der heil. Maria, des h. Josephs, der h. Anna, der h.h. drei Könige und der Apostel eine Reihe von 84 Heiligen größtenteils aus der kölnischen Kirche vor, und enthalten als Hauptsache im obern Teile die Versinnlichung des ganzen nicäischen Glaubensbekenntnisses, wovon sieben Felder eine jede der vier Bogenspannungen füllen. Diese Wandstickereien wurden nach Zeichnungen des Konservators des kölnischen Museums, Joh. Ant. Ramboux, von einem Vereine kölner Damen mit der kunstvollsten Geschicklichkeit und der lobenswertesten Ausdauer angefertigt, und müssen wir es dankbar anerkennen, dass durch deren Schenkung der Dom um eine sehr beachtenswerte Zierde bereichert worden ist. An den 14 freien Säulen des Chores sind ebenso viele in Stein gehauene, reich bemalte und vergoldete Figuren angebracht, und zwar von der ersten nach rechts Jesus und die h.h. Apostel Petrus, Andreas, Bartholomäus, Simon, Mathias, und Judas Thaddäus; von der ersten nach links folgen der h. Maria die Apostel Johannes, Jakobus major, Paulus, Philippus, Jakobus minor und Thomas. Über diesen Figuren wölben sich reich verzierte Baldachinchen, die alle 14 musizierende Engelfiguren tragen. Da wo die schmalen Gewölbe hoch über dem Altare zusammen treffen, gewahren wir das Bild des Erlösers, so wie zwischen dem 5. und 6 Pfeiler eine Luke, von der herunter die Einsicht in den Chor, der außerordentlichen Höhe wegen, einen großartigen Anblick gewährt. Die Interimsmauer hinter der Orgel ist noch mit den kolossalen Bildnissen der Apostel Petrus und Paulus, und über denselben mit dem Bilde des Heilandes bemalt.

Indem wir den Chor durch den anfangs gewählten Eingang verlassen, gelangen wir aus der vorhin besichtigten Marienkapelle durch das den Chor abgrenzende Quergitter in das Langschiff hinein. Ehe wir aber das Querschiff überschreiten, wollen wir vorher das in demselben befindliche Görresfenster besehen. Joseph von Görres war einer der Ersten, die in Deutschland für den Vollendungsbau des kölner Domes gegeistert waren und andere zu begeistern verstanden. Seinem Andenken wurde daher von seinen Freunden dieses Fenster geweiht. Der obere Teil, in den schönsten gotischen Gestaltungen prachtvoll emporsteigend, zeigt rechts Maria mit dem Jeesuskinde und den vor ihr knieenden jugendlichen Görres, in der Tracht der münchner philosophischen Fakultät; sein Namenspatron, der h. Joseph, steht schützend hinter ihm. Den untern Teil des Fensters füllen die in Zeichnung und namentlich in ihrer in jüngster Zeit wohl unübertroffenen Farbenpracht die Bildnisse Karls des Grossen zur Rechten, und des h. Bonifacius zur Linken. Die Inschrift des Fensters heißt: Josepho Goerres nato Confluent. d. 25. m. Jan. 1776. denato Manachii 29. Jan. 1848, catholicae veritatis in Germania defensori generosu, amici ejus 1855. Von hier aus das Langschiff dem Haupteingange zu hinunter wandelnd, erwartet uns ein seltener Kunstgenuss in der Besichtigung der vom Könige Ludwig von Bayern dem Dome geschenkten neuern Glasfenster. Der chronologische Zusammenhang der Darstellungen kehrt sich zwar auf dem von uns verfolgten Wege um; jedoch wird es nur dieser einfachen Bemerkung bedürfen, um den Beschauer auf diesen Zusammenhang der in diesen zwei halben (erstes und letztes) und drei ganzen Fenstern entwickelten biblischen Ideen aufmerksam zu machen. Im ersten Halbfenster erblicken wir unten von links nach rechts den h. Bischof Maternus, den h. Bischof Silvester, den h. Bischof Apollinaris und den h. Märtyrer Gregorius von Spoleto. Das Hauptbild über diesen Figuren stellt die Steinigung des h. Stephanus, des ersten Blutzeugen, vor. Der Heilige, in knieender Stellung, ist nach vorne mit dem Haupte zur Erde niedergesunken, während drei Männer, denen rechts im Hintergrunde der Knabe Paulus die Kleider verwahrt, ihn durch Steinwürfe zu töten beschäftigt sind. Über diesem Bilde befinden sich in Medaillons paarweise (von links beginnend) die hh.. Engelbertus und Bruno, und Papst Severin nebst dem h. Hermann Joseph. Die oberen beiden größeren Bilder stellen den h. Stephanus als Diakon (links) und seine Verurteilung vor. Die vier darüber angebrachten kölnischen Jungfrauen sind, von links nach rechts, die h. Catharina, die h. Cordula, die h. Columba und die h. Clara, über welchen wir noch in Medaillons die h. Cäcilia nebst der h. Agnes erblicken. Unten in der Ecke rechts ist, wie auch in den übrigen Fenstern, der Name des königlichen Geschenkgebers der Erinnerung der Nachwelt mit den Worten übergeben: Ludovicus I. Bavaria Rex Donator 1848.

Im nächsten Fenster enthalten die untern vier gotischen Nischen die Kirchenväter: Augustinus (links) Hieronymus, Gregorius und Ambrosius. In dem darüber befindlichen Hauptbilde sitzt die h. Maria in der Mitte; zu ihrer Linken sehen wir Johannes nebst Paulus, sowie den h. Petrus rechts; im Hintergrunde links sind die drei Marien, und die oben nicht genannten Apostel zu beiden Seiten gruppiert. Über diese sämtlichen ersten Glieder der Christuskirche ergießt sich der h. Geist, der in der obersten Rose über dem erstandenen Heilande in Gestalt einer Taube erscheint, in feurigen Flammen. In grauem Farbentone sehen wir über dem Hauptbilde die vier christlichen Kardinaltugenden: Mäßigkeit (links), Weisheit, Klugheit und Gerechtigkeit in entsprechenden Figuren dargestellt.

Die Hauptgruppe des dritten Fensters stellt das durch Christi Tod vollbrachte Erlösungswerk vor. Jesu Leichnam ruht im Schoße der heiligsten Jungfrau; zu seinen Füssen sehen wir die h. Magdalena und daneben die Mutter Jakobi, sowie an seinem Haupte den h. Petrus stehen. Rechts steht Joseph von Arimathea, und hinter ihm Johannes und Nikodemus. Unter dem Hauptbilde, ebenfalls in vier gotischen Bogennischen, stehen von links nach rechts die hh. Evangelisten: Mathäus, Marcus, Lucas und Johannes mit ihren Symbolen. In den beiden Säulennischen über dem Mittelbilde sind in Grau zwei Erscheinungen des erstandenen Heilandes dargestellt, und zwar rechts wie er dem Thomas, und links wie er der Magdalena erscheint. Über dem gotischen Bogen, der das Mittelbild überspannt, ist das letzte Abendmahl, und in der obern Rose der Kelch des neuen Bundes angebracht.

Im vierten Fenster erscheinen unten in vier Bogennischen die vier großen Propheten Isaias, Jeremias, Ezechiel und Daniel (rechts), und über denselben das herrliche Bild, die Anbetung des göttlichen Kindes durch die h. drei Könige und die Hirten von Bethlehem. Die Figur rechts neben dem Sitze der h. Jungfrau stellt den Pflegvater Joseph vor. Die landschaftliche Perspektive hinter dem Bilde bietet, besonders durch die hohle Hand gesehen, eine wunderliebliche Fernsicht dar.

Über dem Hauptbilde wölben sich sechs paarweise zusammenstehende kleine Baldachinchen heraus, die in grauem Farbentone folgende von links ab nebeneinanderstehende Figuren enthalten; Abraham, Noe, David, Salomon, Jakob und Isaak. Im obern Teile sehen wir zur Linken als Sinnbild der Erbsünde das erste Menschenpaar, in der Mitte die Botschaft Gabriels an Maria, und zur Rechten die unbefleckt empfangene Jungfrau Maria. Über dem Ganzen strahlt aus der obersten Rose der Stern, der die Weisen zum Heilande führte.

Das letzte, ein Halbfenster zunächst beim Turme, enthält über dem Namen des Donators und dem bayerischen Wappen zu unterst Karl den Grossen rechts, und Friedrich Barbarossa links; das Bild über ersterem ist das des Kaisers Constantin und über letzterem das seiner kaiserlichen Mutter Helena. Das mittlere Hauptbild stellt in ernster und würdevoller Auffassung den Vorläufer des Heilandes, den h. Johannes, als Prediger in der Wüste vor. Die vier Medaillons über demselben sind mit den Brustbildern der kölnischen Bischöfe, Evergislus (links), Cunibert, Agilolph und Heribert gefüllt. Dann folgt nach oben rechts die Verkündigung des Johannes, mit der ein Engel den Zacharias im Tempel erschreckte, und links die Geburt des verkündigten Kindes. Oben sind außerdem noch sechs Heiligenfiguren zur Ausfüllung des Halbbogens angebracht.

Diese fünf Fenster, eine der schönsten Zierden des Domes bildend, wurden auf Befehl des königlichen Donators von der Münchener Glasmalerei-Anstalt angefertigt. Der Plan der ganzen Darstellung, die Hauptmomente der christlichen Kirchengeschichte und die mit derselben am wesentlichsten zusammenhängenden Persönlichkeiten in sinnigster Weise umfassend und aneinander reihend, ging von dem Professor H. von Hess in München aus. Die Cartons wurden von den münchener Malern J. Fischer und J. Hellweger entworfen und von namhaften Künstlern ausgeführt. Der Inspektor der münchener Glasmalerei-Anstalt, Herr M. Ainmiller, leitete die Brennung des Glases und wurde dabei von den bedeutendsten Kräften der Anstalt unterstützt. Die sämtlichen Fenster wurden von 1844 — 48 vollendet, und durch den Glasermeister J. Ziegler von München unter Ainmillers Leitung hier eingesetzt.

Der ganze innere Bau des Domes ruht außer den Wänden auf 56 freistehenden Säulenbündeln, wovon die des Mittelschiffes 106, die der Seitenschiffe 42 1/2 Fuß Höhe haben. Die ganze innere lichte Länge beträgt 433 (äußere 466) Fuß, von welcher Zahl das Langschiff 256, und der Chor 177 Fuß erhält. Von einer zur andern Seiten wand misst das Schiff 144 Fuß in der Breite, Davon kommen 42 Fuß auf das Mittelschiff, 28 auf jedes der innern und 23 auf jedes der äußern Seitenschiffe. Vom Boden bis zur höchsten Gewölbespitze ergeben sich. 143 Fuß Höhe im Mittel-, 63 Fuß in jedem innern, so wie 61 Fuß in jedem äußern Seitenschiffe. Das Querschiff geht mit 238 Fuß Länge im Lichten u. 274 Fuß im Äußern v. Norden nach Süden durch. Wenn auch der Besucher des Domes, sei er Laie oder Fachkenner, von der Besichtigung des äußern Baues, so wie durch Betrachtung des Innern und der einzelnen Sehenswürdigkeiten schon zur größten Bewunderung des erhabenen Werkes geführt werden muss, so wird sein Staunen doch erst dann den höchsten Höhepunkt erreichen, wenn er den Dom von Außen besteigt. Dort oben auf den Galerien muss man umhergewandert sein, um die unbeschreibliche Großartigkeit dieses Baues zu erfassen, die sich hier in den imposantesten und unvergesslichsten Eindrücken vor dem staunenden Auge entfaltet. Die zum Besteigen des Domes gewöhnlich dienende Wendeltreppe liegt in dem östlichen Eckpfeiler des Südportals. Sie ist ziemlich bequem und durchgehends hinreichend vom Tageslichte erhellt. Nachdem man die ersten 101 Stufen derselben erstiegen hat, tritt mau in den 2 1/2 Fuß breiten und circa 20 Fuß hohen Gang, der aber nur die Länge der Portalbreite hat. Von dieser Höhe steigt man weitere 36 Stufen hinauf, und gelangt zu der 8 Fuß breiten äußern Galerie, die eine kräftige aber zierlich durchbrochene hausteinerne Brüstung schützt. Auf dieser den ganzen Dom zu umwandeln, ist wohl das lohnendste, wozu man rat heu kann. Erstlich sieht man hier in das gewaltige Strebewerk, in die Pfeilermassen und Bogenwölbungen direkt hinein, wobei einem die, von unten so zierlich vorkommenden Blättergestalten, Wasserspeier und sonstige architektonischen Verzierungen ganz besonders aber die von den Pfeilerspitzen umwölbten Steinfiguren in ihrer wirklich kolossalen Größe erscheinen; zweitens gewährt uns von hier aus das Panorama der Stadt, des von unzähligen Schiffen belebten Rheines mit seiner festen Brücke, so wie der herrlichen Landschaft rings umher ein Bild, wie es sonst von keinem Höhepunkte Kölns großartiger genossen werden kann. Der Höhe dieser Galerie entspricht eine andere die uns im Innern ebenfalls um die ganze Kirche herführt. Will der Besucher dieselbe auch nicht in ihrer ganzen Ausdehnung betreten, so unterlasse er es doch nicht, von ihr herab einige Blicke in das Innere des Chores zu werfen, und besonders die über dieser Galerie befindlichen alten, und in derselben schon teilweise eingesetzten neuen Glasfenster im Innern des Chores zu bewundern. Dann steigen wir an unserer bekannten Wendeltreppe weitere 98 Stiegen hinan, um endlich auf die oberste Chorgalerie zu kommen, die am Fuße des Daches in einer Länge von 1.600 Fuß ebenfalls ringsum den ganzen Bau umschließt. Wie von dieser Höhe das Panorama ein ganz anders, so ist auch der Anblick des Baues von dem von der vorigen Galerie aus genossenen bedeutend verschieden, indem man ihn hier viel klarer überschaut, und er uns mehr in der Form seines Grundrisses erscheint. Werfen wir von dieser Galerie einen Blick nach oben, so gewahren wir den beinahe auf der ganzen First der Kirche vollendeten, teilweise vergoldeten Kamm, der trotz seiner 4 ½ Fuß betragenden Höhe von unten natürlich äußerst niedrig erscheint. Eine ähnliche Täuschung gewährt das auf der östlichen Spitze der Chorfirst angebrachte Kreuz, von dem man von unten gewiss nicht glauben sollte, dass es, bei seinem Gewichte von 1388 Pfd., 26 Fuß und 9 Zoll Höhe besitzt. Durch eine der beiden auf dieser Galerie gegenüberliegenden Türen am Chore trete man noch unter das Dach des Chores auf den Speicher desselben hinein. In dem Chorgewölbe, das man dann überschreitet, befindet sich beinahe über dem Hochaltare eine umschlossene Luke, deren Klappen gewöhnlich geöffnet sind. Der Blick, den man durch dieselbe in einer Höhe von circa 150 Fuß in das Innere des Chores hinunter wirft, wird für Jeden, wenn auch fast Schwindel erregend, jedoch von unvergesslichem Eindrucke sein. Nun wäre noch der über dem Kreuzgewölbe sich erhebende neue Mittelturm zu besteigen. Mit dem Beginn des Daches fängt auch das schief gegeneinander strebende massive Eisenwerk an, auf welchem derselbe kühn, den goldenen Morgenstern auf seiner beinahe 350 Fuß hohen Spitze tragend, über die First des Daches hinaus sich erhebt. Auf drei breiten und bequemen, beiderseits mit starkem Geländer versehenen Holztreppen, wovon die erste 41, die zweite 23 und nach einer Biegung noch 16, und dann eine letzte weitere 14 Tritte zählt, *) gelangen wir auf einen Boden desselben, von dem aus durch die acht großen, offenen Fensterbogen man eine wundervolle Fernsicht genießt. Wenn aber auch die Rundschau, die hier zu übersehen dem Auge Gelegenheit geboten ist, eine so seltene wie höchst interessante genannt werden darf, so hält sie noch lange keinen Vergleich mit derjenigen aus, die uns einstens das fertige Paar der vordern Haupttürme in einer Höhe von mehr als 500 Fuß gewähren wird. Wenn der Besucher des Mittelturmes wieder auf die obere Chorgalerie zurück gekommen ist, so kann er sich eine Vorstellung von der Höhe der einstigen Haupttürme dadurch verschaffen, wenn er sich von dem Kreuze auf der Ostspitze des Chordaches aus eine schiefe Linie bis zu dem goldenen Sterne auf dem Mittelturme denkt. Führt er nun in Gedanken diese Linie in derselben Steigung bis über einen der Haupttürme fort, so hat er in dieser Linie den Punkt, wo einstens die Endblume desselben erscheinen wird. Wer, der diesen Punkt gefunden, staunt nicht über die Kühnheit des menschlichen Geistes, der das rohe Material der Tiefe der Erde und Berge entreißt, um es, kunstvoll geformt und zusammengefügt, in solcher Höhe aufzutürmen! Weit ins Land hinaus werden von dort aus einstens die Glocken, *) die jetzt in dem nur 180 Fuß hohen südwestlichen Turmstumpfe hangen, ihren Klang entsenden, um die Stimmen ihrer Kinder in den Türmen der rings umher liegenden Flecken und Dörfer wach zu halten, damit die Gläubigen der ganzen Diözese, zu häufigem Gebete und wahrer Gottesverehrung zusammen berufen, stets in innigster Verbindung mit der gemeinsamen Mutterkirche, der erhabenen Metropole der heiligen Stadt verbleiben.

*) Von unten auf bis hierhin wurden also in Summa 329 Treppenstufen erstiegen.

**) Deren schwerste, nebenbei bemerkt, ein Gewicht von 25.000 Pfund besitzt.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Wanderer durch Köln