Die ästhetischen Momente des Krieges

Die ästhetischen Momente des Krieges liegen zweifellos schon im Strategischen, im Zusammenarbeiten der großen Heeresgliederungen. Allein sie sind da nicht durch unmittelbare Anschauung fassbar und müssen hier deswegen ganz in den Hintergrund treten.

Für uns kommen ausschließlich die ästhetischen Erregungen in Betracht, die sich aus der einzelnen Schlacht ergeben. Zu einem Teile betrifft dies die taktischen Handlungen vorbereitender und konstruktiver Art, also etwa die Entwickelung der Marschkolonnen zum Gefecht, das Vordringen der Schützenlinien. Wesentlich ergiebiger in ästhetischer Hinsicht sind naturgemäß diejenigen Handlungen, die der Erreichung des Gefechtszweckes unmittelbar und anschaulich dienen: das Anlaufen zum Sturm, Straßenkampf, das Ringen von Mann gegen Mann, das Aufeinanderprallen großer Reitermassen, die Verteidigung einzelner Örtlichkeiten, drohende, ausdrucksvolle Gruppierungen wie das Karree älterer Ordnung, die dicht gehäufte Schützenkette, stark besetzte Stellungen, und weiterhin alles Episodische und Anekdotische, woran besonders die Schlachten früherer Zeit reich gewesen sind. Die Fülle an Bewegung, an Leidenschaft, an sinnvollem Handeln großer Massen, die sich hier zusammendrängt, liefert kein anderes menschliches Tun in diesem Maße.


Das Höchste, das es gibt, das Leben wird bedroht und verteidigt. Deshalb ist alles Handeln hemmungslos und geschieht mit dem Einsatz des Äußersten an Kraft. Zu dem Kampfe um fremden Tod und eigenes Leben gesellen sich die Massenerregungen mit ihrem alle Bewegung steigernden Wahnwitz. Die tausendfache Wiederholung derselben Geste bildet ein verstärkendes Element im Eindruck. All das dient dazu, das Bild des Schlachtgetümmels zu füllen, zu steigern, so dass es zur formenreichsten Äußerung menschlicher Leiblichkeit wird.

Bei der Vorliebe der Künstler für den Krieg ist weiter in Betracht zu ziehen die ungeheure, einzigartige Bedeutung, die die blutigen Bewegungen der Völker besonders in den alten Zeiten für die politische und kulturelle Entwicklung jedes Gemeinwesens besitzen. Die Geschichte der älteren Zeiten ist eine Geschichte ihrer Kriege. Nicht nur philosophisch, sondern auch historisch gilt der Satz des griechischen Denkers, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist. So ist zu erklären, dass die Darstellung kriegerischer Gegenstände fast so alt ist wie die menschliche Darstellungskunst überhaupt. Nachdem sie erst Ideale der Verehrung gebildet hatte, begann sie den Menschen zu bilden, und zwar sogleich in seiner schrecklichsten und stärksten Handlung, im Zerstören fremden und eigenen Lebens.

Die Reliefs der Assyrer und Ägypter (Abb. 001) zeigen den Triumph der Herrscher über flüchtende Feinde, sie stellen Gefangenen dar, schildern genau die Erstürmung bewehrter Städte mit Leitern, Haken, Steinwurf und bringen sogar Darstellungen der Martern, mit denen die Kriegsgefangenen vom Leben zum Tode gebracht wurden.

Zu denselben Zeiten dröhnen die frühesten Literaturdenkmale der Menschheit, die älteren Schriften der Bibel, vom Lärme der Waffen. Freilich ist hier von detaillierten Schlachtenschilderungen noch nicht die Rede. Wir hören nur hier und da von taktischen Anordnungen der Führer und erkennen Spuren einer primitiven Kriegskunst: Ordnung beim Anlauf, Teilung der Schlachthaufen, Hinterhalte, Reserven und Aufnahmestellungen; im übrigen wird aber nur die Zahl der Kämpfenden und der Erfolg der Begegnung berichtet.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Krieg in Bildern
001. Ägypter belagern eine Burg der Kheta in Mesopotamien. Nach Jähns: Atlas.

001. Ägypter belagern eine Burg der Kheta in Mesopotamien. Nach Jähns: Atlas.

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