Die Schlachtenberichte der Historiker

Die Schlachtenberichte der Historiker, die es nur auf Mitteilung des Sachlichen abgesehen haben, gehören nicht hierher.

Denn es soll hier nur ein Begriff davon gegeben werden, wie sich Krieg und Kriegskunst in mehr oder minder künstlerischen Darstellungen gespiegelt haben. Die Abgrenzung ist freilich nicht immer leicht.


Es gibt innerhalb historischer Darstellungen glänzende Schlachtenschilderungen, die durchaus mit künstlerischem Können und eindrucksvollster Herausarbeitung des ästhetisch Reizvollen geschrieben sind. Ich erinnere an die klassischen, farbenreichen Darstellungen von Archenholtz, an die großartige Schlacht bei Lützen von Schiller, an einzelne Monographien von Generalstabsoffizieren, die bei genauester Bearbeitung des sachlichen Materials doch den stärksten Eindruck von den erregenden Momenten der Blutarbeit liefern. Eine Darstellung wie die der Schlacht bei Beaune-la-Rolande von Fritz Hoenig wird man nur mit lebhaftem künstlerischem Genüsse lesen, weil die übersichtliche Anhäufung aller Details samt Befehlserteilung die Einfühlung in die Situation für jeden Augenblick der Schlacht ungemein erleichtert.

Es geht deshalb wohl auch an, hier mit einem Worte der taktischen Darstellungen in Xenophons Anabasis zu gedenken. Sie sind von packender Anschaulichkeit und haben heute, nach mehr als zweitausend Jahren, noch nichts von ihrer Frische eingebüßt.

Die taktischen Maßnahmen in den zahlreichen Gefechten gegen die wilden Bergvölker Kleinasiens zeugen von beträchtlicher Vervollkommnung der Kriegskunst, der soldatische Geist der Griechen kommt plastisch zur Anschauung. Unvergessliche Bilder entrollt die Schilderung der Schlacht bei Kunaxa. In unabsehbaren Massen taucht greifbar deutlich das Heer des Großkönigs auf, nach Völkerschaften geordnet, mit krausem Waffenwerk behängt, in die Schlacht gegeißelt von den Führern, barbarisch und grob in sinnlos tiefen Massen aufgestellt, nur tote Wucht ohne einen aktiven, entflammenden Gedanken, die richtige asiatische Despotenarmee.

Ihnen gegenüber das Heer des Cyrus, des glänzendsten Fürsten des alten Asiens, den man sich mit seiner Klugheit, seiner Überlegenheit, seiner weltmännischen Art, seinem tätigen, mut- und temperamentvollen Wesen ganz gut als einen Heerführer des 18. Jahrhunderts denken könnte. Die Schlacht löst sich sofort in eine Reihe von Einzelkämpfen auf. Cyrus dringt heftig auf das feindliche Zentrum ein, in dessen Mitte, als furchtbebendes Feldzeichen, die legendäre Gestalt des Großkönigs auf prunkvollem Wagen thront. Der kühne Prinz hält sich nicht; mit dem Ruf „Ich sehe ihn!“ sprengt er auf den Tyrannen ein. Ein Wurfspieß, der ihn unterm Auge trifft, ihn tot vom Pferde. Dieser eine glückliche Speerwurf entscheidet nach asiatischer Sitte die ganze Schlacht. Alles wendet sich zur Flucht. Mühelos verbreiten sich die Horden des Großkönigs über das Schlachtfeld. Indessen geben andere Völker des Großkönigs, die den am Flügel aufgestellten Griechen gegenüberstehen, noch schlagendere Proben asiatischer Weichheit.

Die Griechen, in langer Linie aufgestellt, setzen sich unter dem Gesange des Päan in Marsch. Unebenheiten des Bodens verursachen Ausbiegungen der Linie; einige ihrer Teile geraten, um die Fühlung nicht zu verlieren, ins Laufen. Sie reißen allmählich die ganze Linie mit, die so in vollem Rennen und gleichwohl geordnet auf die feindlichen Schlachtreihen losstürzt. Und nun geschieht, was für die Zeiten der Volksheere unfassbar ist: die mehrfach überlegene Übermacht des feindlichen Flügels wendet sich ohne Pfeilschuss und Schwertstreich zu panischer Flucht, ohne Besinnen, ohne den mindesten Gedanken an Widerstand. Von den zehntausend Griechen wird kein einziger getötet; nur einer, der mit Namen genannt wird, empfängt von einem Pfeil eine leichte Wunde. Die Griechen verfolgen den Feind lange Zeit, und das Endergebnis der Schlacht ist das, dass die Griechen und der Großkönig, beide siegreich einander im Rücken stehen. Es gibt wohl keine andere Schlachtschilderung der Antike, die ein so klares Bild einer merkwürdig taktischen Situation liefert. Selbst Livius, Sallust und Cäsar gehen nicht so ins einzelne.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Krieg in Bildern