Vom Sturze Napoleons bis zum Krieg 1870-71

Heeresbildung. Nach den Erschütterungen der gewaltigen Zeit, nach den Riesenkämpfen, die Napoleon über Europa heraufbeschworen hatte, bedurften alle Staaten einer Erholung. Die folgende Zeit wurde zum Ausbau der Wehrverfassung und Heeresorganisation auf Grund der gewonnenen Kriegserfahrungen benutzt.

Aus der modernen Auffassung des Staates als einer Vereinigung, die jedem Angehörigen den gleichen Schutz und die gleichen Vorteile gewährt, hinwiederum aber auch das Recht besitzt, einem jeden die gleichen Lasten aufzuerlegen, ging die allgemeine Wehrpflicht hervor, zu der sich mit Ausnahme von Nordamerika und England alle Großstaaten bekennen.


Sie allein ermöglicht ein in seinen Elementen gleichartiges, nationales Heer zu liefern.

Organisatorisch ist die Division der kleinste, mit allen Waffengattungen beteilte Körper; die von Napoleon nur im Kriege für den jedesmaligen Zweck vorgenommenen Zusammenziehung mehrerer Divisionen zu einem Korps hat sich derart befestigt, dass man zwei Divisionen zu einem Armeekorps mit ständigem Stabe usw. formierte. Dieses musste mit allem versehen werden, was ein kämpfender Heeresteil irgend in die Lage kommen kann auf dem Schlachtfeld oder während des Marsches zu brauchen, also mit technischen Truppen, Brückenbaumaterial, Schießbedarf (Munitionskolonnen), Verpflegungsbedürfnissen, Sanitätseinrichtungen. Die Kavalleriedivisionen, denen reitende Artillerie zugeteilt wurde, haben die Aufgabe der Aufklärung im großen Maßstabe (strategische Aufklärung); die Korpsartillerie, zur Verfügung des Kommandierenden Generals, gab diesem eine Reserve, die er am entscheidenden Funkte der Schlacht einsetzen konnte.

Taktik. Von 1815 bis 1866 hat Preußen keine ernsten Kriege geführt. Bis zum Jahre 1860 änderte sich die Armee nach außen und innen sehr wenig, abgesehen von zwei damals kaum beachteten, aber sehr bedeutungsvollen Neuerungen. Es waren die Einführung der Kompaniekolonne durch das Reglement 1847 und des Zündnadelgewehrs. Gestattet die Kompaniekolonne eine intensivere und vielseitigere Gefechtsausbildung von Führern und Mannschaften, eine bessere Ausnutzung des Geländes, als die viermal stärkere Bataillonskolonne, so stellte das Zündnadelgewehr, der erste gezogene Hinterlader mit Einheitspatronen und Langblei die Infanteriebewaffnung turmhoch über die der übrigen Armeen jener Zeit. Es wurde auf die Schusswirkung sowohl durch Bildung dichterer Schützenlinien als auch durch sorgsamere Schießausbildung erhöhtes Gewicht gelegt; als oberster Grundsatz der Infanteriegefechtweise galt: Ordnung in zerstreuter Fechtweise. Die Führer wurden in den Herbstmanövern mit gemischten Waffengattungen, wobei zwei völlig unabhängige Parteien gegeneinander manövrieren (während in anderen Armeen, in der französischen z. B. bis 1870 nur nach einem genau vorher bestimmten Programm verlaufende Manöver abgehalten wurden) ausgebildet. Diese Faktoren verliehen dem preußischen Heere 1866 die taktische Überlegenheit über seinen Gegner.

Dem preußischen Schnellfeuer gegenüber versagte der von den Österreichern ohne genügende Feuervorbereitung versuchte Bajonettangriff, mit dem Napoleon III. im Italienischen Kriege 1859 gegen die schwachen Schützenlinien der Österreicher seine Erfolge erzielt hatte. Die taktische Verwendung der Kavallerie blieb im wesentlichen dieselbe wie früher (vgl. S. 22). Die Artillerie hatte durch Erleichterung des Materials und die gesteigerte Wirkung ihrer neuen Geschütze und Geschosse große taktische Fortschritte gemacht. Um das Jahr 1850 war für die weitere Entwicklung der Artillerie eine gewisse Grundlage gewonnen; man war zu der Anschauung gelangt, dass durch die Herstellung von gezogenen, von hinten zu ladenden Geschützen mit Langgeschoss Trefffähigkeit und Schussweite gesteigert würden. Preußen war 1866 noch in der Umbewaffnung begriffen, es hatte nur zum Teil gezogene Hinterladungsgeschütze, dem Österreich den gezogenen Vorderlader gegenüberstellen konnte.

Die Verwendung der Artillerie gab jedoch den Österreichern das artilleristische Übergewicht, denn sie wurde zur Unterstützung des Infanteriegefechts von vornherein in Masse verwendet, während die preußische Artillerie zu Beginn des Gefechtes immer nur in einzelnen Batterien auftrat und es sehr lange dauerte, bis die Reserveartillerie der Armeekorps vorgezogen wurde und ins Gefecht trat. Auch wurden preußischerseits, auf die Tragkraft der gezogenen Geschütze bauend, die Entfernungen häufig zu weit genommen und die Geschosswirkung ungenügend erkannt. Die Tragweite des Zündnadelgewehrs vermochte den Vorsprung wieder auszugleichen, den die österreichische Artillerie durch ihre Verwendung voraus hatte.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Krieg in Bildern