Kurzer Überblick über den Stand der Bewaffnung und Technik

Seit dem Kriege 1870 71 hat sich die Wirkung der Feuerwaffe unter dem Einflusse der außerordentlich fortgeschrittenen Technik gesteigert.

Die Armeen aller großen Staaten sind mit Selbstladegewehren (bzw. Karabinern) ausgerüstet, d. h. mit Handwaffen, in denen das Öffnen des Verschlusses, Auswerfen der abgeschossenen Hülse, Spannen, Laden und Schließen durch die Kraft der Pulvergase automatisch erfolgt und der Schütze demnach nur das Füllen des Magazins, Abziehen und Zielen zu besorgen hat.


Die Verkleinerung des Kalibers hat die ballistischen Leistungen der erhöht und durch die Ermöglichung größere Munitionsmengen mit sich zu führen, den Munitionsersatz erleichtert.

Als neue Waffe trat das Maschinengewehr hinzu, das bestimmt ist, die Feuerkraft sowohl der Infanterie als auch der anderen Waffen, je nach deren Verwendung im Gefecht, zu verstärken.

Die Einführung des rauchschwachen Pulvers hat die Feuerkraft durch Beseitigung der früher sich vorlegenden Rauchmasken erhöht und die Feindestruppen, Infanterie wie Artillerie, der hierdurch gegen Sicht gebotenen Deckung beraubt.

Die Kavallerie musste mit einem weittragenden Karabiner ausgerüstet werden, da sie unter Umständen auch die Schusswaffe zu Fuß gebrauchen muss. Durch Zuteilung von reitender Artillerie und Maschinengewehren hat sie an Selbständigkeit und Gefechtskraft gewonnen.

Bei den Artillerien ist (auch bei Festungs- und Marinegeschützen) das Rohrrücklaufsystem angenommen, bei der Feldartillerie sind die Geschütze mit Sporen versehen. Die Geschosswirkung ist durch die Einführung des Schrapnels als Einheitsgeschoss, das sowohl im Aufschlag als mit Zeitzünder wirkt, wesentlich erhöht. Die Granate dient nur mehr als Sprenggeschoss gegen Eindeckungen des Feldkriegs und gegen starke gedeckte Ziele. Die gesteigerte Feuerwirkung veranlasste die Feldartillerie mit einer Schutzwaffe zu versehen, Schutzschilder und Panzerung der Munitionswagen. Ferner wurde es notwendig, mit Rücksicht auf die im Feldkriege zu bekämpfenden befestigten Feldstellungen, die Feldtruppen mit hierfür geeigneten Geschützen — Haubitzen und schwerer Artillerie des Feldheeres — auszurüsten.

Der Wirkungskreis der technischen Truppen hat sich durch die Dienstbarmachung der modernen Verkehrsmittel in weitestem Umfang wesentlich gesteigert und machte die Errichtung besonderer Eisenbahn-, Telegraphen- und Luftschiffabteilungen notwendig.

Die für den Kampf in und vor Festungen bestimmte Artillerie erhielt die verschiedensten nach den besonderen Kampfzwecken bemessenen Geschützarten; auch im Festungsbau wurde die Panzerung (Aufstellung von Geschützen in drehbaren Panzertürmen) angewendet.

Aus der gesteigerten Leistungsfähigkeit der Feuerwaffen geben sich die Folgerungen für die heutige Fechtweise. Die geöffnete Ordnung ist die Hauptkampfform der Infanterie, die kampfkräftige dichte Schützenlinie ist die Trägerin des Feuergefechtes. Die höchste Ausbildung der kleinsten taktischen Körper, der Kompanien, der niederen Führer und der einzelnen Soldaten sind die Grundlagen der militärischen Erziehung; die gründlichste Ausnutzung des Geländes, gegebenenfalls auch im Angriff unter Zuhilfenahme des Spatens, sind die moderne Schutzwaffe.

Die höchste Bedeutung der Kavallerie liegt in der Aufklärungstätigkeit, doch vermag sie durch die Attacke bedeutende Massen unter Umständen auch auf dem Schlachtfelde eine ausschlaggebende Bedeutung zu erzielen.

Die Hauptaufgabe der Artillerie in der Feldschlacht ist die wirksamste Unterstützung der Infanterie; sie leitet das Gefecht mit ihrem Feuer ein und hat der Infanterie den Weg zur Erreichung des Sieges zu bahnen. Auch für die Artillerie ist die sorgfältigste Ausnutzung des Geländes zur Notwendigkeit geworden. Richtmittel und telephonische Befehlsgebung ermöglichen es, die Wirkung des gegnerischen Feuers durch gedeckte Aufstellungen im Gelände abzuschwächen. Nach dem Siege hat sie die Feuerverfolgung des geschlagenen Gegners aufzunehmen.

Im Seekriegswesen wurden die Kampfmittel durch die Torpedoboote, Seeminen und Unterseeboote vermehrt. Die Anwendung der Stahlbaues hat das Gewicht des Schiffrumpfes gegen früher vermindert und das ersparte Gewicht für die Artillerie und Panzerung verfügbar gemacht. Die Aufnahme des Torpedos in die Armierung der Schlachtschiffe gab den modernen Panzern eine Nahwaffe und machte damit die Rammtaktik verschwinden. Die Riesenpanzerschiffe mit schwerster Geschützausrüstung — Dreadnoughts sind im modernen Seekrieg der Kern der Schlachtflotten geworden; der Artilleriekampf ist gegenwärtig das ausschlaggebende Moment.

Angreifer wie Verteidiger werden sich bemühen, ihre Bewegungen und Stellungen im Hinblick auf die feindliche Waffenwirkung durch sorgfältigste Ausnützung des Geländes der Sicht zu entziehen, was infolge des rauchschwachen Pulvers auch in hohem Grade gelingen wird. Die gesteigerte Tragweite der Waffen und die verbesserten Beobachtungsmittel erschweren die Annäherung an den Feind. So entsteht die „Leere des Schlachtfeldes, das Unheimlichste in der modernen Angriffsschlacht“.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Krieg in Bildern