Der Krieg 1870-71

Die Erfahrungen aus dem Kriege 1866 wurden deutscherseits im Kriege 1870/71 im vollsten Umfange zur Geltung gebracht.

Was die Bewaffnung anlangt, so waren die glatten Geschütze ausgeschieden worden; das Hauptgeschoss war die Granate, da Schrapnels (bekanntlich ein Hohlgeschoss mit Kugelfüllung, das durch einen Zeitzünder in der Luft zum Krepieren gebracht wird und seine Füllung von oben herabschleudert) nur in einigen Artillerien des deutschen Heeres vorhanden waren. Frankreich hatte noch gezogene Vorderlader (System La Hitte), war aber durchgehend mit den Schrapnel ausgerüstet. Die französische Mitrailleuse enttäuschte die auf sie gesetzten Hoffnungen. Das Chassepotgewehr, ein verbessertes Zündnadelgewehr, war an Tragkraft, Rasanz und Feuergeschwindigkeit der deutschen Infanteriebewaffnung überlegen.


Zum ersten Male standen im Infanteriekampf Hinterlader einander gegenüber; infolge der erhöhten Feuerwirksamkeit gestaltete sich dieser zu einem sehr großen Schützenfeuer, weil es beiden Teilen nicht mehr gelang, geschlossene Abteilungen in erster Linie zu den im Frieden geübten Salvenfeuer zu verwenden. Auch der Angriff bestand meist nur aus dem Anlauf lichter Schützenlinien, denn die geschlossenen Abteilungen lösten sich in der Regel auf, wenn sie die Schützenlinien erreichten.

Die Franzosen, die während des ganzen Feldzuges sich gewöhnlich in der Verteidigung befanden, hatten fast immer ihre Stellungen durch Schützengräben befestigt. Während sie die Tragweite ihres Gewehres durch Abgabe von Massenfeuer auf sehr weite Entfernungen auszunutzen versuchten, ging die deutsche Infanterie, allerdings unter großem Verlust, sprungweise auf nähere Entfernungen heran, um ihre Gewehre wirksam gebrauchen zu können. Im allgemeinen war die Führung der deutschen Infanterie der französischen überlegen, dank der Schulung und Gewandtheit ihrer Offiziere im Kompaniekolonnengefecht.

Die Tätigkeit der Kavallerie auf dem Gefechtsfeld ist im Verhältnis zur Tätigkeit der anderen Waffen als eine sehr bedeutende oder entscheidende nicht zu bezeichnen. Die französischen Attacken wurden, ohne dass die Infanterie Karree bildete, jedesmal abgeschlagen (Wörth, Sedan). Die preußische Kavallerie lieferte einige glückliche kleinere Reiterangriffe; der berühmte Angriff der Brigade Bredow bei Vionville und des 1. Garde-Dragonerregiments bei Mars-la-Tour hatten nur den Zweck, eventuell mit Aufopferung der Kavallerie, der eigenen Infanterie Luft zu machen.

Eine ganz ungeheure Veränderung des taktischen Verhaltens treffen wir bei der Artillerie. Sie wurde im Gegensatze zu 1866 stets in größerer Stärke an die Spitze der Marschkolonnen genommen und gleich zu Anfang des Gefechtes eingesetzt, um der eigenen Infanterie das Vorgehen zu erleichtern. Auch die zur Verfügung des Kommandierenden Generals stehende „Korpsartillerie“ (die frühere Reserveartillerie) wurde bald vorgezogen, so dass der Angriff durch Artilleriefeuer schon vorbereitet war, wenn die Masse der Infanterie in den Kampf trat. Die französische Artillerie hatte hingegen die napoleonischen Traditionen vergessen und zersplitterte sich meist in einzelnen Batterien, oder wenn sie in größeren Verbänden auftrat, war ihr Feuer nicht einheitlich geleitet.

Bei den technischen Truppen hatte sich namentlich eine innige Verbindung der Pioniere mit der Infanterie geltend gemacht, indem die Notwendigkeit einfachere Verschanzungen schnell herzustellen, die Infanterie zwang, teilweise unter Anleitung der Pioniere vom Spaten ausgiebigen Gebrauch zu machen. Die zahlreichen Belagerungen dieses großen Krieges gaben dem Ingenieuroffizier Gelegenheit, so reiche Erfahrungen im Festungskrieg zu sammeln, wie sie in neuester Zeit kein anderes Offizierskorps besessen hatte.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Krieg in Bildern