Kampfweise der Abendländer bis Einführung der Feuerwaffen

Den Kern des mittelalterlichen Kriegertums bildete ein im wesentlichen erblicher Kriegerstand; der Adel wurde mit dem Heere identisch. Es war die Blütezeit der Reiterheere, des Ritterwesens. Ein präzises Bild der Kampfweise dieser Zeit zu geben, ist nicht möglich, weil die mittelalterlichen Quellen gerade in dieser Richtung der sehr unklar sind. Immerhin können wir beurteilen, dass von einer eigentlichen Taktik von festen Regeln für Gliederung und Verwendung der Streitkräfte kaum die Rede sein kann. Wir erkennen aus der Beschreibung einzelner Schlachten zwar die Gliederung in Treffen und einen allgemeinen Plan, z. B. Benevent, Tagliacozzo, aber das ist eine Ausnahme. Das Charakteristische der Rittertaktik ist schon oben erwähnt worden; die Attacke, wenn man das Anreiten so nennen darf, war nur dazu bestimmt, sich zu nähern, nicht durch den Chok zu wirken. Man ritt deshalb in langsamer Gangart an, und dann entwickelte sich der Einzelkampf als eine Anzahl gleichzeitiger Turniere. Die Kampflust, der Ehrgeiz auf der einen, die Disziplinlosigkeit der Ritter auf der anderen Seite führten dazu, dass einzelne Heerhaufen oft früher aus dem Lager abrückten und vereinzelt auf den Feind stießen. Man kam also staffelweise ins Gefecht, und häufig geschah es, dass der Erstfechtende auch der Einzigfechtende blieb, da die Schlacht schon durch den ersten partiellen Zusammenstoß als entschieden angesehen wurde.

Die Ritterschlacht kennt nur die Offensive, denn die Defensive ist zu Pferde unmöglich. Die Schlachten sind sehr rasch entschieden, denn ein „Ringen“, wie beim Kampf der Infanterie, ist ausgeschlossen. Dem an Anzahl geringen Fußvolk, den „Knechten“, kam in der Ritterschlacht keine Bedeutung zu.


Eine andre Entwicklung des Heerwesens sehen wir bei den großen italienischen Kommunen, in deren Dienst sich Miettruppen aus aller Herren Ländern drängten. Ihre Streitkräfte bestanden im wesentlichen aus Fußvolk, denn sie waren zunächst zur Verteidigung der wohlbefestigten Städte bestimmt. Deshalb trägt das Ringen der Reichsgewalt unter den Hohenstaufen mit dem guelfischen Städten vielfach den Charakter eines Kampfes zwischen Reiterei und Fußvolk. Doch besteht die Kriegführung in der Hauptsache aus Verwüstungszügen, Belagerungen und Überfällen, und die Entscheidung fallt weniger durch Waffenerfolge, als durch Parteiwechsel von Fürsten und Städten, die bald auf die eine, bald auf die andere Seite treten.

Die erste Schlacht, in der wieder das Fußvolk zu Ansehen kam, ist die Schlacht bei Courtray (1302), in der das französische Heer an der Phalanx des von den flämischen Städten- und Bauernschaften gestellten Fußvolkes unterlag, wobei die Flamen allerdings durch das sumpfige Gelände begünstigt waren. In der Schlacht bei Crecy (1346) gab die Geschicklichkeit und Überlegenheit der englischen Armbrustschützen den Ausschlag gegen die Franzosen; die Attacken der französischen Ritter zerschellten an der Fernwirkung der Schützen. Auch bei Azincourt (1415) entschieden die Bogenschützen gegen die Ritter; nachdem sie die Attacken abgewiesen hatten, warfen sie sich mit Axt und Schwert in die erschütterten und stürzenden Haufen.

Die von dem schweizerischen Fußvolk bei Morgarten (1315) und Sempach (1386) über die österreichischen Ritter erfochtenen Siege waren hauptsächlich durch die Gunst des Geländes bedingt. Seit diesen Schlachten wurden die Schweizer als Söldner geschätzt und gesucht.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Krieg in Bildern