Therapeutischer Teil

Arzneilich angewendet bewährt sich der Kaffee, besonders bei Personen, die nicht daran gewöhnt sind, als ein entschieden wirksames Medikament. Grindel*), Thomson, Weber, Styk, Bask empfehlen den rohen Kaffee gegen kalte Fieber. Formay empfiehlt die Infusion der rohen Kaffeebohnen im kalten Fieber, besonders bei Frauen, die bei jeder Menstruation an heftiger Migräne leiden. Er lässt vollkommen trocknen Kaffee zu feinem Pulver stoßen, hiervon 1 Lot mit 4 Unzen kochenden Wassers übergießen, die Infusion über Nacht stehen, und sie am andern Morgen nüchtern trinken. Schlegel**) rühmt die rohen Kaffeebohnen gegen den Keuchhusten. Er verordnete sie folgendermaßen: Man soll 2 Drachmen Extrakt von rohen Kaffeebohnen, 2 Scrupel wässriges Myrrhenextract, 4 Scrupel kohlensaures Kali in 3 Unzen Münzen- und eben so viel Zimmtwasser auflösen, 12 Tropfen Opiumtinktur zusetzen, hiervon dreimal täglich 1 Esslöffel voll mit 1 Kaffeelöffel Zitronensaft während des Aufbrausens nehmen lassen. Schlegel versichert, dass gewöhnlich schon am ersten Tage nach dem Gebrauche dieses Mittels Besserung sichtbar, und binnen 8 Tagen meistens der Keuchhusten gehoben gewesen sei. Bei einem 13jährigen Knaben wendete er mit demselben Erfolge ein Decoct von einer Unze roher Kaffeebohnen mit einem Nösel Wasser an. Auch wird der rohe Kaffee als ein unfehlbares Mittel gegen die Gicht empfohlen.***) Man soll so viele grüne Bohnen nehmen, als man gebrannte zu einer Tasse Kaffee braucht, sie in einem Mörser stoßen, mit einem halben Schoppen Wasser langsam bis auf 2/3 einkochen , davon Morgens im Bette die Hälfte nehmen lassen, darauf soll der Kranke noch eine halbe Stunde liegen bleiben, dann beim Aufstehen die andere Hälfte nehmen.

*) Hufelands Journ. Bd. XXVIII. 6. pg. 99.
**) Neue Materialien für die Staatswissenschaft u. pr. Heilk. Meiningen 1823 II. Bd.
***) Morgenblatt. 1825. N. 51. Leipz. Zeitung. Juni. 1825. N. 21
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Der rohe Kaffee wird jetzt selten noch arzneilich angewendet, bei weitem häufiger sind die gerösteten Kaffeebohnen im Gebrauch. Die eigentliche und arzneilich wirksame Potenz in dem Aufgusse des gehörig (nicht zu stark) gerösteten Kaffees kann nur das durchs Rösten der Bohnen, aus dem Koffein in Verbindung mit dem talgartigen Öle, sich bildende, angenehm riechende, bitterliche, ätherische Öl sein.

Dieses angenehm bitterliche, ätherische Öl nun wirkt als ein mildes Nervinum, zunächst auf das plastische Nervensystem, aber seine Wirksamkeit ist nicht auf diesen Kreis beschränkt, sondern sie verbreitet sich, wenn auch in minderem Grade, über das gesamte Nervensystem, und zwar nach der doppelten Richtung, welche die Tätigkeit dieses Systems überhaupt nimmt, d. h. sowohl über die, die Sensationen percipirende und leitende, als auch über die Blut erregende und in seiner Tätigkeit bestimmende Funktion.

Der geröstete Kaffee findet daher seine Anwendung bei:

1) In der Rekonvaleszenz aus allen bedeutenden Krankheiten, besonders aber derjenigen, in welchen das Nervensystem sowohl in der Affektion, als in der Reaktion sehr beteiligt gewesen ist, also bei denjenigen, die der ärztliche Sprachgebrauch als welche mit dem nervösen Charakter bezeichnet. Der Kaffee gehört ohne Zweifel zu den mildesten Toniconervinis. Er erhebt durchweg das allgemeine Wohlgefühl, unterstützt die Verdauung, und befördert gelinde alle Ab- und Aussonderungen. Dabei ist er ein sicherer und sehr empfindlicher Messer für das Vorhandensein auch des geringsten Grades des Saburralzustandes, denn wo dieser ist, und in dem Maße, als er gegeben ist, empfindet der Kranke Abneigung gegen diesen Genuss, und nachtheilige Wirkung davon, wenn er ihm gleichwohl aufgenötigt wird. Und wie der Kaffee ein wahres Medikament der Rekonvaleszenz ist, so ist auch das Verlangen darnach ihre erste Ankündigung. Wo hingegen in der Genesung der Kaffee wohl zu schmecken und wohl zutun aufhört, da kann man dieses, ohne zu irren, als Indikation zur Anwendung eines gelinden Abführmittels annehmen.

2) Bei Wechselfiebern, sobald diese mit keinem gastrischen Zustande verbunden sind, zumal wenn der Anfall mit heftigem Schüttelfrost, welcher lange anhält, zu beginnen pflegt, und späterhin nicht bedeutete Hitze und nur geringe Krise durch Schweiß und Urin erfolgt. Er wird verordnet im Absud von 6 Drachmen mit 3—4 Unzen Wasser auf die Hälfte eingekocht, mit einer gleichen Quantität Zitronensaft, am fieberfreien Tage, Morgens nüchtern, warm, eine Stunde darnach aber Fleischbrühe zu nehmen, und das Bett zu hüten; von Weber insbesondere auch empfohlen in Form eines Auszugs aus 4—5 Lot gerösteten Bohnen mit l 1/2 Pfund Branntwein, warm ausgezogen, während des Nachlasses alle 2—3 Stunden zu 1, bei eintretenden Vorläufern des Anfalls aber zu 2 Esslöffel voll zu nehmen.

3) Bei Verdauungsbeschwerden, besonders nach Mahlzeiten. Um den Stuhlgang zu befördern, pflegt man noch Butter dem Aufgüsse beizugeben. Bei Magenschwäche, Verschleimungen, Sodbrennen, Magenkrampf, Appetitlosigkeit und leichter Brechneigung, Flatulenz und Kopfschmerz, der durch Indigestion entstanden, leistet ein stärkerer Aufguss des Kaffees, ohne Milch, sehr gute Dienste.

Lanzonius, Schulz und West*) wendeten den gerösteten Kaffee in Verbindung mit Opium gegen Diarrhöen an.

*) Patholog. special, p. 440. Beobachtungen u. Abhandl. von österr. Ärzten. B. I. p. 347.

4) Weil er das Blut in Bewegung bringt, so findet er auch seine Anwendung bei Individuen, deren Leben durch Kälte, Blitzschlag, Einatmen irrespirabler Luftarten u. s. w. erloschen war, und durch Rettungsmittel wieder angefacht wurde. Deshalb greifen auch Hebammen und Geburtshelfer bei Mangel der Wehen während der Geburtszeit, wenn von seiner erhitzenden Eigenschaft kein Nachteil zu befürchten steht, immer zuerst zum Kaffee. Seiner schweißtreibenden Kraft wegen ist er in rheumatischen und katarrhalischen Übeln zu empfehlen. —

5. Viel vermag auch der geröstete Kaffee bei Nervenaufregung und Krämpfen, mag ihr Sitz im Gangliensystem oder Cerebral-Nervensystem Statt finden. Mit Recht wird er empfohlen bei mancherlei Nervenzufällen der Unterleibseingeweide; bei Koliken, bei krampfhaftem Erbrechen, (zumal wenn dieses bei Nervenfiebern vorkommt, ist Kaffee oft das einzige Mittel, welches bleibt, ohne ausgebrochen zu werden, und den übrigen Arzneien Eingang verschafft), krampfhaftem Brechdurchfall, Krampfwehen, Krämpfen und Lähmungen der Blase bei Schwangeren und Wöchnerinnen. Bei der krampfhaften Engbrüstigkeit Erwachsener sah Haase*) vom schwarzen Kaffee die ausgezeichnetsten Wirkungen. Er erleichterte oft mehr, als alle Antispasmodica, erregte sehr bald einen allgemeinen Schweiß und Nachlass des Anfalls. Ähnliche Beobachtungen machte von Hoven, welcher behauptet, eine größere Wirkung von Opium in dieser Krankheit gesehen zu haben, wenn er dasselbe in schwarzem Kaffee gab, als wo es rein genommen wurde. — Tourtual**) gab im Keuchhusten, wenn der Magen von Cruditäten befreit war, nachher Schwäche, Laxität, Atonie sich deutlich aussprachen, schwarzen Kaffee mit ausgezeichnetem Nutzen. Des Eigensinns der Kinder wegen gab er ihn oft mit wenigen Tropfen Milch. Auch soll er ein herrliches Stomachicum sein, am Ende des Keuchhustens, wenn die Digestionsorgane bedeutend gelitten haben, vortrefflich bekommen. Großes Lob verdient er bei mancherlei Nervenzufällen des Gehirns; bei nervösem Kopfweh, Schwindel, Schläfrigkeit, Schlaflosigkeit von Schwäche des Gehirns. Von der heilsamsten Wirkung ist er gegen narkotische Zustände, was außer den älteren Beobachtungen, besonders in neuerer Zeit durch Orfilas Versuche ganz zweifellos gemacht worden. Ist aber Narkose nichts anderes, als ein Zustand der Depression der sensitiven Nerventätigkeit durch die bis zum Übermaß gesteigerte Blutherrschaft, so ist wohl einleuchtend, dass der Kaffee, in sofern er heilsame Wirkung gegen mittlere Grade der Narkose, und selbst gegen die durch Opium erzeugten, bewährt, und diese gewiss nicht aus einer besondern, chemischen Beschaffenheit und einer etwa daraus herzuleitenden antinarkotischen Wirksamkeit erklärt zu werden vermag, jene arzneiliche Kraft lediglich als ein reines und allgemeines Nervinum, durch welches eben die in der Narkose enthaltene, als Depression des sensitiven Nervensystems sich ausdrückende, pathologische Differenz zwischen eben beiden sensiblen Hauptfunktionen ausgeglichen werden kann, ausübe. Orfila***) bestätigte durch seine lehrreichen Versuche, dass, obgleich der Kaffee das Opium, wenn es in den Magen gelangt ist, weder zerstört, noch so verändert, dass es seine schädliche Wirkung verliert, dennoch die Erscheinungen der Opiumvergiftung nach dem Genüsse des Kaffees sich mildern. Der Kaffee kann hierbei zu jeder Zeit angewendet werden, während Essig nicht früher als nach hinlänglichen Ausleerungen angewendet werden darf, indem sonst die Narkose nur noch gesteigert wird. Beinahe bei allen narkotischen Vergiftungen wird der Kaffee empfohlen. Sehr bekannt ist auch sein Gebrauch bei Trunkenheit von geistigen Getränken. Mursinna****) bediente sich beim Trismus und Tetanus des Kaffees zu dem Zwecke, die Erscheinungen, welche durch die allzu reichliche Anwendung des Opiums in diesen Krankheiten entstanden, zu mäßigen, und wieder schneller zur Anwendung desselben zurückkehren zu können.

*) W. A. Haase, über die Erkenntnis und Cur der chron Krankheiten des menschlichen Organismus. Bd. II.
**) Beiträge zur Therapie der Kinderkrankheiten. 1829.
***) Allgemeine Toxicolog. übers. v. O. B. Kühn Leipz. 1830. Bd. II.
****) In seinem neuesten Journ. f. Chir. Bd. I. 3. S. 383.


Auch zum äußerlichen Gebrauche ist gerösteter Kaffee zu empfehlen. Brunnius*) wendete in der Epilepsie, in Lähmungen, hysterischen Krämpfen und in der Migräne Kaffeehäder mit gutem Erfolge an. Er wird durch ein Klistier beigebracht bei narkotischen Zuständen, in der Apoplexia nervosa.

Der Dunst des angebrannten, gerösteten, zerstoßenen Kaffees, den man durch eine Röhre gehen laust, soll nach Schütt**) die Zahnschmerzen lindern. Amati***) teilte 3 Fälle mit, wo der Dunst des gerösteten Kaffees chronische Augenentzündungen, die allen andern Mitteln widerstanden hatten, innerhalb 20 Tagen heilte, wobei die Augen auch noch mit einem kalten Decocte des rohen Kaffees gewaschen wurden.

*) Media chir. Zeitung. II. p. 270.
**) Harless, rhein. Jahrb. X. I. p. 64.
***) Frorieps Not. B. 14 N. 22. S. 352.


Nach Siemerling*) empfiehlt der königlich dänische Hofzahnarzt Manini als ein vorzügliches Zahnpulver eine Mischung aus einer halben Drachme gepulverter oder gebrannter Kaffeebohnen, ebensoviel rohen Alaun, zwei Drachmen Cascarille, ebensoviel Myrrhe und Kalmus. Auch bemerkt derselbe, dass die bei Branntweintrinkern so lästige Branntweinatmosphäre augenblicklich wenigstens, durch den Genuss mehrerer etwas starkgebrannter Kaffeebohnen verscheucht wird. Weiss**) bediente sich zuerst des Kaffees zur Zerstörung animalischer Effluvien, und lehrte, dass er selbst das Chlor an der Kraft, den Gestank des Aases und anderer faulender Dinge zu zerstören, übertreffe, was Weber und Bock auf dem Leipziger anatomischen Theater wiederholt versuchten und erprobt fanden. Weiss lässt zu diesem Zwecke eine Eisenplatte, worauf rohe, zerstoßene Kaffeebohnen liegen, über einer Lampe oder glühenden Kohlen heiß werden, so dass sich die Dünste des Kaffees entwickeln. Ob aber diese jene übelriechenden Dünste gänzlich zerstören, oder nur einhüllen, ist noch nicht zur Genüge dargetan.

Will man den Kaffee als Medikament gegen eine der oben genannten Krankheiten anwenden, so muss er als Aufguss der leicht gerösteten Bohnen und viel stärker bereitet werden, als es für den gewöhnlichen diätetischen Gebrauch ratsam ist. Während es hier nämlich ein schickliches Maß ist, 1/3 Lot auf die Tasse zu rechnen, muss dort wenigstens 1 Lot, wohl auch 1 ½ Lot und darüber, je nach den Verhältnissen bestimmt werden. Auf ein Klistier müssen wenigstens zwei Unzen gerechnet werden. —

*) Hufelands Journ. B. 71.
**) Dr. Chr. Weiss, Coffea arab. nach seinen zerstörenden Wirkungen auf animal. Dünste. Freiberg 1832.


Kaufleute und Köche spekulierten schon lange darauf, ein Surrogat für den Kaffee zu finden, das sowohl wohlfeiler, als auch denjenigen, welchen der Kaffee nicht gut bekommt, zuträglicher wäre.

Die berühmtesten Afterkaffeesorten, welche teils mit echtem Kaffee, teils sogar pur getrunken werden sind : —

1) Der Zichorienkaffee, aus der Zichorienwurzel. Zur Bereitung derselben hat man ganze Fabriken, und sein Gebrauch ist ziemlich allgemein.
2) Der Erdmandelnkaffee, aus der Wurzel des Cyperus esculentus. Linn.
3) Der Runkelrübenkaffee, von der Beta vulgaris. L.
5) Der Eichelkaffee, von der Quercus robur, mehr für Kranke, besonders Scrophulöse. —
6) Der Hafer- oder Scorzonerwurzelkaffee, aus der Rad. Scorzonerae. L.
7) Der Büchelnkaffee, von Fagus sylv. L.
8) Der schwedische Kaffee, aus dem Astragalus bacticus. L.
9) Der Ludwigs- oder sogenannte Carolinenkaffee, bloß aus inländischen Pflanzen, ohne Zichorien.

Nebst diesen werden noch Weizen, Roggen, Gersten, Hafer, Reis, Bohnen, Erbsen, Linsen, Erdnüsse, Mais, Sonnenblumen, Hagebutten, Klebkraut, Wasserschwertlilien, Wein- Johannis- und Stachelbeersamen, wilde und zahme Kastanien, Süßmandeln, Wallnüsse und Dattelkerne als Kaffeesurrogate gebraucht. —

Dass es aber für den Kaffee kein nur irgend sich annäherndes Surrogat geben könne, geht, ganz abgesehen von der pharmakodynamischen Erklärung dieser Substanz, schon aus dem Umstande hervor, dass seine wesentliche, chemische und arzneiliche Bedeutung durch das Koffein gesetzt ist, dieses selbst aber seinem ganzen Charakter nach völlig isoliert dasteht, und selbst mit sonst bekannten Alkaloiden weder chemisch, noch arzneilich verglichen werden kann.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Kaffee