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Abschnitt. 1 - Drei Tage nach dem ersten Anfall wiederholte sich der Schlagfluß, aber der ...

Drei Tage nach dem ersten Anfall wiederholte sich der Schlagfluß, aber der Doktor bildete sich nichts darauf ein, daß er das vorhergesagt hatte. Ob der Kranke in dem Zeitraum zwischen den beiden Anfällen das Bewußtsein zeitweilig wiedererlangt habe, blieb zweifelhaft; Hans Unwirrsch glaubte es, aber Moses wollte es nicht zugestehen; der Doktor zuckte nur die Achseln.
In der Todesstunde des alten Trödlers war Hans nicht zugegen; aber zu seinem Grabe folgte er ihm und erschien vielen Leuten bewegter als der Sohn. Samuel Freudenstein war keine unwichtige Person in der Geschichte seiner Jugend, er betrauerte aufrichtig sein Hinscheiden.
Auf dem Heimwege von dem abgelegenen, ärmlichen Judenkirchhofe hielt er sich dicht an der Seite des Freundes, den ein so harter Verlust betroffen hatte, um ihn durch innige, teilnehmende Worte in seinem Schmerze aufzurichten; er hatte keine Ahnung davon, daß der Freund diesen Trost gar nicht nötig hatte. Finster und bleich schritt Moses an seiner Seite und stellte, während er die Worte des Trösters dann und wann durch einen Seufzer oder eine Handbewegung erwiderte, ein genaues Verzeichnis des Nachlasses vorläufig auf.
An den folgenden Tagen vervollständigte er diese Aufstellung mit Hilfe zweier würdiger Semiten, welche die Behörde in der Judenschaft zu seinen Vormündern ausgewählt hatte. Er zeigte dabei einen so scharfäugigen Überblick, daß die beiden ehrenwerten Handelsleute sich und ihn höchlichst segneten und sich ähnliche Söhne, Enkel und Urenkel wünschten. Wir wissen schon, daß bedeutende Summen in barem Gelde und in Wertpapieren vorhanden waren; aber es fanden sich auch noch manche andere wertvolle Dinge in den wunderlichsten Verstecken, und selbst Hans Unwirrsch fiel die Umsicht des Freundes beim Aufsuchen und Finden dieser Verstecke auf.
Während der Katalog des Trödelladens aufgenommen wurde, hielt es Hans nicht weniger für seine Pflicht, dem Freunde mit seinem Troste nahezubleiben. Welch ein Staub wurde aufgewühlt, welch ein Moderdunst stieg auf aus manchen Schiebladen, die der Schlosser öffnen mußte, weil die Schüssel dazu nicht zu finden waren! Es war ein Wunder, was alles aus den Winkeln zum Vorschein kam; sogar die beiden Israeliten hielten sich öfters die Nasen zu. Die Verachtung, mit welcher Moses auf all den Plunder herniederblickte, war nicht zu beschreiben.
Man ließ jetzt so viel Licht als möglich in den Laden und das Haus, aber beide blieben doch noch dunkel genug. Oft fuhr Hans zusammen; er glaubte in dem Schatten einen Schatten zu sehen: es war ihm, als ob der tote Mann noch nicht ganz fortgegangen sei; er war ja auch der Base Schlotterbeck begegnet, und die Gute schüttelte bedenklich den Kopf, als man sie näher darum befragte.
Nur ein einziges Wort sprach Hans mit Moses über diese seine Gefühle, aber Moses wurde ganz zornig darüber.
„Die Toten kommen nicht zurück, Hans! Ich wollte, ich wüßte alles so genau wie das!“ rief er. Er hielt eben die Sanduhr, die neben dem Bette des Vaters gestanden hatte, in der Hand. Die Hand zitterte, und das alte Ding entglitt ihr: zerbrochen lag es am Boden, ein Fußtritt sandte die Trümmer in eine Ecke.
Während man in dem Trödelladen auf diese Weise aufräumte, waren die Frau Christine und die Base eifrigst beschäftigt, ihren Hans zur großen Fahrt nach der Universität auszurüsten. Sie konnten ihm nicht viel mitgeben auf die Wanderschaft; wenn sich jedoch die guten Wünsche, die in die Hemden vernäht und in die Strümpfe verstrickt wurden, alle erfüllten, so nahmen die Götter nur ihr Recht, wenn sie auch hier bösartig neidisch wurden.
Die Ausstattung füllte einen Seehundskoffer, welchen der Oheim Grünebaum nebst einer Rede hergegeben hatte, und den Lederranzen, welchen der Meister Anton Unwirrsch während seiner Wanderjahre mit so viel Nutzen auf dem Rücken geschleppt hatte. Acht Tage nach Ostern war alles in Ordnung, soweit es von den beiden Frauen abhing.
Auf einsamen Wegen in der Stadt und um die Stadt nahm Hans Abschied von allerlei Dingen, die ihm seit frühester Kindheit lieb und vertraut waren. Auch Besuche machte er bei manchen Leuten, deren Namen in diesen Blättern erwähnt und nicht erwähnt wurden, und jedermann stopfte gern seinen Beitrag in den Sack voll guter Wünsche, den er auf diesen Gängen mit sich trug.
Der Professor Doktor Fackler gab ihm eine seltene Ausgabe der Bekenntnisse des heiligen Augustin und der Oheim Grünebaum eine kurze Pfeife, auf deren Kopf die Hoffnung abgebildet war, ein schauderhaftes Weibsbild, das sich jedenfalls selber in sehr hoffnungsreichem Zustand befand und über welches der Oheim eine Rede hielt.
Der Trödelladen ging unter Zustimmung der beiden obenerwähnten israelitischen Berater in die Hände eines dritten Semiten über, welcher jedoch den westfälischen Lakai nicht wieder in seine früheren Funktionen einsetzte.
Auch Moses Freudenstein war bereit zum ersten Ausflug in die Welt; und wenn er weniger gute Wünsche von der Stadt Neustadt mit auf den Weg erhielt, so kümmerte ihn das nicht im geringsten; die Abrechnung über das gegenseitige Wohlwollen schloß aber doch mit einem, wenn auch nur geringen, Überschuß auf seiten der Stadt ab. –
Die Osterfeiertage gingen vorüber; die Stunde des Abschieds kam, ehe man es sich versah.
Es war ein Morgen, wie man ihn sich wünscht zu allem Angenehmen und Guten: zu Hochzeiten und Kindtaufen, zu Landpartien und vor allem zur Reise in die Fremde. Wenn es am Tage vorher merkwürdig schlechtes Wetter gewesen war, so ging heute die Sonne so schön auf, als wolle sie Hans Unwirrsch ein ganz besonderes Zeichen ihrer Gunst und Zuneigung geben. Der Hahn auf dem Turm der Valentinskirche glänzte wie ein junger, eben aus den Flammen aufgestiegener Phönix, und Kirche und Turm warfen ihren Schatten ungemein behaglich über den grünen Kirchplatz und die Dächer der nächsten Häuser. Noch schliefen die meisten Leute, und wenn nicht ein sehr wacher und vergnügter Hund, der in einem Bäckerladen eine frische Semmel gestohlen hatte, von einem Lehrjungen mit großem Geschrei durch die Gassen verfolgt worden wäre, so hätte man glauben können, man befinde sich in einer verzauberten Stadt. Der Hund, der atemlose Lehrling und die plätschernden Brunnen waren bis jetzt die einzigen beruhigenden Zeichen dafür, daß Senatus Populusque Neustadiensis weniger verzaubert als verschlafen seien.
In der ganzen Stadt gab es nur einen Verzauberten, und dieser war freilich ebenfalls sehr wach – und guckte seit drei Uhr in der Kröppelstraße aus einer Bodenluke – Hans Unwirrsch war’s.
Die Aufregung hatte ihn aus dem Bett gejagt und die Leiter emporgetrieben, welche zu seinem Lugaus hinaufführte. Nach dem Kalender sollte die Sonne um vier Uhr neunundfünfzig Minuten kommen, und es verlohnte sich schon, an einem so wichtigen Tage auf sie zu warten. Schon der Blick in den Nebel, welcher zwischen drei und fünf die Stadt, das Tal und die Berge verschleierte, wog das halbwache Träumen im Bett auf. Die Seele verlor sich ahnungsvoll in diesem Nebel, der die ganze Heimat verhüllte; – wir haben in einem vorigen Buch einen Greis Bilder und Gestalten in solch wallendes Gewölk zeichnen lassen, aber eigentlich gehört der Nebel doch der Jugend – nur der Jugend!
Nur die Jugend hält den Zauberstab, der die rechten Bilder auf der grauen Fläche hervorzaubert; die Jugend, die Jugend allein ist fähig, alles zu erfassen und zu finden, was in dem Nebel, dem geheimnisvollen Nebel verborgen liegen kann. Als er sich an diesem Morgen senkte und die Sonne strahlend hervorbrach, war das Herz des Jünglings so voll geworden, daß er nur mit Lebensgefahr die Leiter und die enge, halsbrecherische Treppe niedersteigen konnte.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Hungerpastor