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Abschnitt. 2 - Moses Freudenstein öffnete bei solcher Ermahnung die funkelnden Augen ...

Moses Freudenstein öffnete bei solcher Ermahnung die funkelnden Augen sehr weit und kniff sie dann zu und fragte wohl:
„Und ich brauch, wenn ich lern, mich nicht lassen zu schimpfen und schlagen in der Gaß? Ich kann’s ihnen heimzahlen, was sie mir tun, brauch mich nicht zu verkriechen vor ihnen?“
„Wenn du hast Kunst und wenn du hast Geld, kannst du sie stecken alle in den Sack. Und wenn du jetzt sitzest im Winkel, kannst du denken: du bist die Katz, und die Mäus tanzen vor dir und pfeifen dir zum Hohn. Laß sie pfeifen und lern; wenn der jungen Katz sind gewachsen die Krallen, kann sie spielen mit der Maus, und die Maus hat das Schlimmste davon.“
„So will ich sitzen im Dunkeln und will lernen alles, was es gibt, und wenn ich alles weiß und habe das Geld, so will ich es ihnen in der Gasse vergelten, was sie mir tun.“
„Ich will dir helfen, zu kriegen das Geld!“ sagte der Vater, und die alte Haushälterin in der Ecke kicherte und rieb sich die Hände und murmelte Segnungen und Flüche zu gleicher Zeit, jene über ihren Brotherrn, sein Kind und sein Haus, diese über die Stadt Neustadt und die Kröppelstraße samt allem, was dran und drum hing.–
Als Hans Unwirrsch die nähere Bekanntschaft von Moses Freudenstein machte, war dieser ihm in den meisten Elementarkenntnissen weit voraus und wußte außerdem in Dingen Bescheid, die den armen Hans mit Staunen und Bewunderung erfüllten. Er wußte, wie eine Kokosnuß aussah, denn der Vater Samuel hielt eine verschlossen im Schranke. Er wußte ganz genau Bescheid im Lande der Kokosnüsse und im Affenlande und knüpfte daran die Bemerkung, daß die Jungen in der Kröppelstraße auch zum Affengeschlecht gehörten, daß er – Moses Freudenstein – aber doch lieber ein Aff als ein Jung aus der Kröppelstraße sein wolle.
In den Geschichten des Alten Bundes war Moses natürlich sehr bewandert und sprach davon immer in der ersten Person Pluralis: Als wir in Ägypten waren – als wir abfielen vom König Saul – als wir zu Babylon in der Gefangenschaft saßen – als wir die Assyrier verjagten.
Diese Art zu reden, welche der Deutsche leider Gottes nicht kennt, hatte er auch von seinem Vater, der die Geschichte seines Volkes aus dem Grunde kannte, stolz darauf war und gern und viel davon sprach. Moses Freudenstein warf diese Eigentümlichkeit auch erst sehr spät ab; ja eigentlich verlor er sie nie völlig, selbst in jener Zeit, als er die Erinnerungen und den Einfluß des Ladens in der Kröppelstraße wie ein altes Kleid von sich gestreift hatte.
Es gab in dem Laden alte holländische Reisebeschreibungen vom Ende des siebenzehnten Jahrhunderts, voll der merkwürdigsten Kupfer. Vor diesen Foliobänden war Moses groß, Hans Unwirrsch aber vergaß über ihnen alles andere. Selbst die Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl verblaßte vor den Wundern von Surinam, dem Hof des Großmoguls, den Elefanten und den Tigern, den stolzen Kriegsschiffen der Herren Generalstaaten, die mit ihren Kanonen die wundersamen, phantastischen indischen Städte im Kupferstisch begrüßten.
Aber das waren noch lange nicht alle Reichtümer, von denen Moses umgeben war. Noch ganz andere Wunder barg der Laden des Trödlers. Das Ei des Vogels Roch im Märchen Sindbads des Seefahrers ist ein Gegenstand, der wohl die Phantasie gefangennehmen kann; aber das wirkliche und wahrhaftige Straußenei, welches einem vor der Nase liegt und welches man mit dem Finger vorsichtig berühren darf, hat doch einen noch größeren Reiz. Der westfälische Hoflakai vor der Tür hielt alles, was er versprach; er hing Wache vor so vielen Schätzen, daß das jugendliche Gemüt durch den Reichtum fast verwirrt wurde.
Es war gut, daß Hans in dieser Epoche einen so kühlen Burschen wie den kleinen Moses neben sich hatte. Dieser hatte sich längst in dem Wirrwarr zurecht gefunden und ließ sich so leicht durch nichts mehr verblüffen. Er hatte die große Gabe von der Natur empfangen, in seinem Kopf sogleich alles an die rechte Stelle legen zu können. Im gegebenen Augenblick wußte er alles sofort zu finden; – ein Kind, ein wahres, rechtes, echtes Kind war er eigentlich nie gewesen.
Ein wahres, rechtes, echtes Kind blieb dagegen Hans Unwirrsch sehr lange, fast über die gewöhnliche Zeit hinaus. Auch der Verkehr mit dem israelitischen Freunde änderte daran nichts; die Phantasie behielt noch das Übergewicht über den Verstand; der Kreis, in welchem Hans wie ein jedes andere Menschenkind stand, erweiterte sich nur und füllte sich mit immer buntern, glänzenderen, lockenderen Gestalten, Bildern und Träumen. Die zusammengerollten, farblosen Flügel der jungen Psyche entfalteten sich allgemach im belebenden Strahl der Weltensonne; ein leichter Schimmer von Azur, Purpur und Gold fing an, sie zu überziehen –; in Purpur, Azur und Gold aber wiegten sich im Garten der Welt alle Blumen und Blüten, alle Wissenschaften und Künste, und alle neun Musen, die hohen Göttinnen und Gärtnerinnen, saßen und lächelten still und freudig über all die flatternden Dinger, die verlangenden Seelen und die geöffneten prangenden Kelche.
Eines Abends trat Hans sehr nachdenklich aus der Dunkelheit des Trödlerladens hervor und stand einen Augenblick ganz geblendet im Schein der Abendsonne, der noch auf dem Pflaster der Kröppelstraße lag. Dann schoß er schnell über die Straße zum mütterlichen Hause, als ob er einen großen Gedanken so eilig als möglich hinübertragen müsse. Aber still setzte er sich neben der Base Schlotterbeck, die ihrer Gewohnheit nach um diese Zeit mit ihrem Strickstrumpf vor der Tür hockte, nieder und starrte mit offenem Munde zum Sommerhimmel hinauf.
Anfangs gab die Base weiter nicht acht auf ihn, als sie ihn aber zufällig ansah, ließ sie ihr Strickzeug in den Schoß sinken und rief:
„Hannes, was ist dir begegnet? Kind, wie siehst du aus! Junge, mach den Mund zu und gib Antwort von dir, was haben sie dir drüben angetan?“
Hans warf einen ziemlich verstörten Blick auf den königlich westfälischen Lakaien drüben, antwortete aber nicht, und die Base mußte ihn erst tüchtig an der Schulter rütteln, ehe er sich in die Gegenwart zurückfand.
„Jesus, sie haben es fertiggebracht, sie haben dem Kinde den Kopf verwirrt! O das Volk, das Volk! Hans, Hans, mein Liebling, komm zu dir und gib aus, was dir passiert ist, was sie dir getan haben!“
„Er lernt das Lateinische!“ rief Hans, und jetzt sperrte die Base den Mund auf.
„Er geht zu Michaeli auf’s Gymnasium!“ jammerte der Junge, und die Base schlug die Hände zusammen.
„Und ich muß ‘n Schuster werden und ‘n Pechschuster bleiben!“ heulte Hans, und strömend brachen die Tränen hervor.
„‘n Schuster! Ei sieh mal – ‘n Pechschuster und weiter nichts!“ rief eine ironische Brummstimme, und ein grimmer Schatten fiel auf die Base und den Knaben. Der Oheim Grünebaum stand vor den beiden, ein würdiger Vorwurf für den Pinsel eines großen Malers. Verwunderungsvolle Entrüstung malte sich, in Ermangelung eines großen Meisters, selber in allen seinen Zügen; sie trieb ihm fast die Augen aus dem Kopfe. Jedes borstige und widerborstige Haar seines Hauptes schien einen beleidigten Schuster zu bedeuten und der ganze emporgesträubte und -gewühlte Wulst die gekränkte Würde der ehrsamen Zunft im ganzen. Im Innern des Mannes kollerte, knurrte und polterte es aufs bedrohlichste; aber nur in abgebrochenen Worten und Sätzen vermochte die gerechte Entrüstung sich Luft zu machen.
„So ‘n Knirps – will sich an der ganzen ehrbaren Schusterei vergreifen! – der Deibel – wenn man’s nicht mit höchsteigenhändigen Ohren gehört hätte, sollte man’s nicht glauben – bis dahin, daß man’s – mit seinen eigentümlichen Augen gesehen hätte – hallo! – Donner und Hagel, und als wenn nicht von Adam herunter ein ganzer Schwanz von Schustern hinge – einer am andern, und diese miserablige, naseweise Kröte, das Exkrementum von die ganze achtbare und notable Reihe! – I da soll ja –“
Die Base streckte dem erzürnten Meister abwehrend beide Arme entgegen, und Hans verkroch sich angstvoll hinter ihrem Stuhl und Rock.
„Raus mit ihm, Base! Wenn ich ihn nicht überlege als Mensch und wenn ich ihn nicht haue als Oheim, Pate und Vormund, so ist es mein Offizium als Meister von die löbliche Schusterzunft, daß ich ihm die Büchse prall ziehe. Stehe Sie beiseite, Base Schlotterbeck; ich will dem gottlosen und lasziven Lästermaul sein Urteil so gut hinten aufschreiben, daß er sich drei Tage nicht hinsetzen soll von wegen die Schriftzüge!“

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Hungerpastor