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Abschnitt. 1 - In dem abgelegensten und wohlfeilsten Winkel der hochbelobten Universitätsstadt ...

In dem abgelegensten und wohlfeilsten Winkel der hochbelobten Universitätsstadt bezog Hans ein Stübchen, und es war nicht ganz Zufall, daß sein Hausherr ein Schuster war. Das Fenster des beschränkten Raumes gewährte eine treffliche Aussicht auf zwei fensterlose, hohe Brandmauern und das schwarze Dach eines Speichers. Hätte nicht über dieses Dach ein Stück von einem bewaldeten Bergrücken gesehen, so würden die grauen Wände des Zimmers, welche der Antezessor in heiteren und melancholischen Stimmungen mit Fratzen und lasziven, satirischen und philosophischen Streckversen beschmiert hatte, ein viel reicheres Feld sinniger Betrachtungen geboten haben.
Er war ein Loch, nehmt alles nur in allem; aber Hans Unwirrsch verlebte auch hier glückliche Stunden, und das griechische Wort, daß Olymp und Tartarus jedem Erdenflecke gleich fern und gleich nah seien, bewährte sich auch hier wieder. Es waren recht kluge Leute, diese alten Griechen!
Moses Freudenstein, der Mann der „glücklichsituierten Minderheit“, hatte sich einen behaglicheren, poetischeren Aufenthaltsort aufsuchen können, war aber dadurch den unsterblichen Göttern nicht nähergerückt, daß er in dem höher und freier gelegenen Teil der Stadt wohnte und über einen anmutigen, mit Gebüsch und Springbrunnen gezierten Platz auf die alte, prächtige gotische Hauptkirche sah. Dagegen zeigte sich bald, daß in der unansehnlichen Puppe, die in der Kröppelstraße in einem Winkel eingesponnen gehangen hatte, ein recht hübscher, buntfarbiger, munterer, epikureischer Schmetterling verborgen gewesen war. Die Metamorphose ging so schnell vor sich, der ausgekrochene Papillon regte so unbefangen, sicher und gewandt die glänzenden Flügel, daß selbst Hans Unwirrsch ihn nur schwer mit dem verstaubten Neustädter Kokon in Verbindung bringen konnte. Moses Freudenstein entwickelte in den meisten Dingen des äußeren Lebens einen guten Geschmack, zeigte sich den feinen Genüssen des Daseins in keiner Weise abgeneigt, richtete sich in seinem Eckzimmer am Domplatz sehr elegant ein und setzte den guten Hans durch die über Nacht ihm angeflogene Lebenserfahrung nicht wenig in Erstaunen. –
Schon am Tage nach ihrer Ankunft hatten sich beide Jünglinge immatrikulieren lassen und versprochen, data dextra jurisjurandi loco, die Gebote der „Hohen Mutter“ halten zu wollen und alles zu vermeiden, was der Mama mißliebig sein möge.
In das Album der theologischen Fakultät wurde natürlich der biedere Name Hans Unwirrsch, juvenis, eingetragen; – Moses Freudenstein, juvenis, dagegen ging zu den Philosophen mit der Absicht, viel mehr als nur Philosophie zu studieren. Daß er das ausführte, daß er vielerlei lernte und daß er es weit brachte in der Welt, werden wir später sehen.
Durch den Rest des Inhalts des schwarzen Kästchens, ein Stipendium und einige Empfehlungsschreiben des Professors Fackler war Hans Unwirrsch vor dem leiblichen Hunger fürs erste geschützt; den geistigen Hunger suchte er nun auch mit Anspannung aller Fähigkeiten zu befriedigen.
Wir können unseren beiden Freunden natürlich nicht Schritt für Schritt auf ihrem Wege durch den großen Wald der Wissenschaften folgen, wir können nur sagen, daß beide im Verlauf ihrer Studienjahre zu den Füßen mancher Lehrer niedersaßen und daß sie, mittelbar und unmittelbar, reiche Erfahrungen sammelten, jeder nach seiner Art.
Rührend war die ehrfurchtsvolle Scheu, welche Hans diesen mehr oder weniger berühmten, bekannten oder berüchtigten Lichtern und Spiegeln der Weisheit entgegentrug; wahrhaft diabolisch aber war die Art und Weise, in welcher Moses bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit diesem Glauben an die Autorität ein Bein zu stellen suchte.
Da war der große Hermeneutiker Professor Doktor Gamaliel Unkemann, ein Schriftausleger, dessen historische, geographische, antiquarische und sprachliche Kenntnisse nichts zu wünschen übrigließen! Moses Freudenstein behauptete, er reinige den Lehrbegriff wie Herkules den Stall des Königs Augias, und benutzte ein Gleichnis, das an und für sich gar nicht so unpassend und unwürdig war, zu einer Reihe von Folgerungen, Nebengleichnissen und Unterstellungen, durch welche die Würde des Mannes keineswegs erhöht werden konnte.
Noch schlimmer sprang der vorurteilsfreie Moses mit dem bekannten Dogmatiker Weihel um. Dieser Herr, der zugleich ein Patristiker ersten Ranges war und welcher schon einem Kirchenvater den Daumen auf das Auge drücken konnte, wurde von allerlei dunkeln, unheimlichen Gerüchten verfolgt, die seine Moralität nicht in das beste Licht stellten, ihn aber dafür zu einem angenehmen Gedüft in der ironischen Nase Moses Freudensteins machten. Der Professor Weihel hatte durch seine milde Erscheinung, seine weiche Bruststimme, seine evangelischen Locken und vor allem durch das, was er vortrug, einen tiefen Eindruck auf Hans gemacht; Moses Freudenstein hielt es natürlich für seine Pflicht, dieses Ideal umzustürzen, und viel Vergnügen zog er aus den schmerzvollen Gefühlen seines Freundes.
Der arme Hans verbarg seine Gefühle zuletzt instinktiv in Moses’ Gegenwart, da er wußte, daß der Eimer kalten Wassers immer bereit war, um darüber ausgeleert zu werden. Es war fast wie ein Wunder zu nehmen, daß der Verkehr zwischen den beiden Neustädtern dadurch keinen Abbruch erlitt; aber so viel Moses zerstören konnte, so viel hatte er auch zu geben. Nicht leicht war es, ihm zu widerstehen, und manche reiche Kraft, die er sozusagen mit Gewalt erdrückte, weil er sie nicht „gebrauchen“ konnte, wäre ein schönes Erbteil für manche kläglicher ausgestattete Natur gewesen.
In seinem behaglich ausgestatteten Zimmer am Domplatz hatte sich der Sohn und Erbe des Trödlers bald mit Haufen von Büchern aus allen Fächern des Wissens umgeben; und ohne sich in dilettantischer Vielleserei zu verlieren, baute er sich ein ziemlich originales System objektiver Logik auf das vollkommenste auf. Aus der Philosophie Friedrich Wilhelm Hegels konnte er „manches gebrauchen“ und machte den Freund Hans öfters sehr verwirrt und unbehaglich dadurch, daß er ihn und alles, was er mit sich trug, irgendeiner verruchten Kategorie unterordnete. Mit Eifer besuchte er daneben allerlei juristische Kollegien, und vorzüglich eingehend beschäftigte er sich mit dem Staatsrecht: der Macchiavell und der Reineke Fuchs waren in dieser Epoche zwei Bücher, die selten von seinem Arbeitstisch kamen. Zur Erholung gab er dem theologischen Jugendfreund Unterricht im Hebräischen, von welcher Sprache er mehr wußte als der ordentliche Professor, der darüber „las“.
Auf das Hebräische folgten gewöhnlich die schon erwähnten Disputationen über Gott und die Welt, Physik und Metaphysik, sowie auch über das „deutsche Vaterland“, seine inneren und äußeren Verhältnisse.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Hungerpastor