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Das Gefecht bei Retschow am 28. August 1813

30. In der Zwischenzeit des Abzuges Wallmodens, der sich eben erst bei Wöbbelin in der Meinung aufgestellt gehabt hatte, dass er selbst das Objekt für die nächste Tätigkeit des Marschalls Davoust sein werde, herrschte in dem Lager der Seinigen die Anschauung einer verhängnisvollen Spannung, die dem Augenblicke, unter dem noch unentschiedenen Zustande bei Berlin, durch die Ordre des Kronprinzen (.S. 209) gegeben sei. In der Tat würden auch die paartausend Mann, mit denen Tettenborn sich auf die Ludwigsluster Straße gelegt hatte, das Vordringen des Marschalls niemals ernstlich zu stören vermocht haben.

Indess zeigte der Verlauf, dass die Gefahr mehr nur in der eigenen Meinung vorhanden war. Denn Fürst Eckmühl behielt unverrückt den schon eingeschlagenen Weg im Auge, um seinen Zweck der Bedrohung des Kronprinzen weiter zu führen. Diesem Plane gemäß wurde von Wismar aus der General L'Allemand zu einer Bewegung über Neubukow (2 3/4 M.) und Kröpelin (1 1/4 M.) auf Rostock (3 M.) detaschirt, wohin Vegesack, der Landstraße über die genannten Städte folgend, sich zurückgezogen hatte. Dadurch kam es am Vormittage des 28. August zu einem Gefechte bei Retschow, etwa eine Meile südöstlich von Kröpelin, das als Kriegsereignis an sich selbst unbedeutend, doch wegen der Eigentümlichkeit dessen, was vor und nach daran hängt, eine gewisse Ausführlichkeit nötig macht, um dem Leser eine deutliche Vorstellung des einwirkenden und begleitenden Sachverhaltes, soweit solche jetzt überall noch möglich, zu vermitteln.


31. Der Generallieutenant von Vegesack war nach einem Marsche, der von Grevismühlen bis Wismar 3 1/3 und von da bis Rostock sieben Meilen betrug, am 27. August früh in Person in letzterer Stadt eingetroffen. Hier in Rostock seiner Retirade ein Ende machend, erklärte er dem Magistrate, sich daselbst verteidigen zu wollen, ließ auch seine Artillerie aufführen und alle in der Stadt vorhandenen Pferde in Requisition setzen. Um Mittag des Tages erfuhr man schon, dass sich Franzosen und Dänen bereits in Kröpelin befänden. Dann ließ Vegesack die beiden bei ihm befindlichen mecklenburgische JägerKompanien wieder auf die Entfernung einer Meile von der Stadt vorgehen; die eine nach Niendorf am Wege nach Schwaan, die andere bivouakirte bei Winsen an der Landstraße nach Kröpelin, von wo der Feind kommen musste.

Vegesacks Entschluss und die getroffenen Anstalten brachten in Rostock begreiflich nicht geringen Schrecken und Besorgnis hervor; die Schiffe, welche im Hafen lagen, suchten die See zu gewinnen; die herzogliche Familie und die fürstlichen Räte und hohen Beamten aus Schwerin, die hier eine sichere Stätte gefunden zu haben meinten, gingen am 27. nach Stralsund ab; die Regierung war faktisch wie aufgelöst oder außer Wirksamkeit.

Leider spielen die mit Rostock jetzt anknüpfenden Szenen des mecklenburgischen Kriegsdramas ziemlich im Halbdunkel. Man weiß wohl das Eine, das Andere, aber ohne die zeitliche und ursächliche Beziehung überall bis zu einem evidenten Punkte nachweisen zu können. Es ist zum Bedauern, wie wenig von mecklenburgischer Seite für die Aufbewahrung der Vorfälle, die sich 1813 in unsern Grenzen und unter Teilnahme der eigenen Truppen zugetragen haben, getan worden ist. So unlebendig ist das Interesse dafür gewesen, dass man nicht einmal auf der hiesigen Regierungsbibliothek an eine Sammlung der vorhandenen kriegsgeschichtlichen Literatur, soweit sie Mecklenburg mit berührt, gedacht hat. Erst 1835 erschien von dem Wismarschen Gymnasiallehrer Dr. Francke „Mecklenburgs Not und Kampf“, das einzige Buch, welches jenem speziellen Bedürfnisse abzuhelfen bestimmt war und das darnach vielfach als Quelle benutzt worden ist. Allein wie diese Schrift kaum irgendwo, so verhilft sie auch in der uns hier beschäftigenden Episode aus den Augustereignissen nicht zu einem einsichtigen Wissen. Es ging ihrem Verfasser das Talent der historischen Komposition ab; er besaß eben so wenig das Geschick, ein Einzelnes mit dem Inhalte seines Details als anschaubares Gemälde auszuführen; und überdies gehörte er noch jener Periode der Geschichtsschreibung an, wo man es — zum Nachteile für das deutsche Volk, dem in der Verwaltung seiner anvertrauten Güter, deren eines die Geschichte seiner Leiden und vergeblichen Opfer ist, nur die ehrliche Wahrheit frommt — für wenig vereinbar mit patriotischem Sinne hielt, die Fehler der Führer nicht zu Vertuschen oder dem gegnerischen Teile gar einen Vorzug, eine Überlegenheit einzuräumen. Daher mag es gekommen sein, dass Francke, obgleich er, als freiwilliger Jäger in der zweiten Kompanie, die Geschichten unter Vegesack selber mitgemacht hat, doch gerade in der Partie über Retschow (S. 261 ff.) fast buchstäblich nur aus dem (vorstehend §. 29 schon genannten) „Feldzug des Kronprinzen von Schweden“ (S. 171 ff.) entlehnte. Diese Schrift aber, die freilich wohl nicht ohne Einblick in die Papiere des schwedischen Hauptquartiers abgefasst sein mag, behandelt die Geschichte durchaus als Panegyrikus auf den Prinzen und im schwedischen Interesse, und es ist nur da Verlass auf sie, wo der Kriegsruhm und das Verdienst, wie der Schwede es sich in Deutschland erworben haben soll, aus dem Spiele bleiben.

Von Vegesack hat man ehemals gesagt (und es findet sich Ähnliches auch in der Halleschen Literaturzeitung von 1818 Nr. 116 ausgesprochen), dass er den Weitermarsch über Rostock nach Stralsund schon angeordnet gehabt habe. In diesem Falle würde man in den gleich folgenden Bemerkungen Stoff zu einer Vermutung finden, weshalb sein Vorsatz nicht zu wirklicher Ausführung gediehen sei. — Zweitens soll Vegesack, jener schwedischen Schrift zufolge, fortwährend in der Meinung gestanden haben, dass das ganze Corps von Loison über Kröpelin heranrücke und dass dasselbe mindestens noch einmal so stark sei als er selbst — ein Irrtum, den auch Francke — wohl um dem nachdenkenden Leser eine allzu große Betroffenheit zu ersparen — sich nach 1835 ruhig mit aneignet. Wir haben (S. 434 und 205) Anlass gehabt, über Vegesacks, Loisons und L'Allemands Mächtigkeit beizubringen, so viel davon zu wissen steht. Sicher ist, dass am Tage von Retschow Loison zu Wismar war; und kaum glaublich ist, dass Vegesack mitten in befreundetem Lande nicht bis zum 28. die Gelegenheit sollte gehabt haben können, seines Irrtums inne zu werden. — Drittens ist zuverlässig, dass schon am 27. durch einen an diesem Tage über Schwaan gekommenen Kourier die Kunde von dem bei Berlin errungenen Erfolge in Rostock eingetroffen war. So wird man in seiner Ansicht der Sachen nicht das Vorurteil zum Schweigen bringen können, dass durch die Siegesmeldung auf der einen Seite Mut und Tatendurst eben so freudig werde gehoben gewesen sein, als dadurch andererseits die Konjunktur sich dermaßen zum Nachteile der Gegner verändert hatte, dass deren Anführer bei der ersten Nachricht, die sie davon bekamen, unmöglich noch die Neigung zu weiterem Vordringen Jäger behalten konnten; und man wird, dünkt uns, die Frage nicht abweisen dürfen, welchen Gebrauch der General Vegesack am 28. und den nächstfolgenden Tagen von diesen ihm vorteilhaften Umständen gemacht habe. — Viertens ist Tatsache, dass Vegesack von Rostock aus, dem zwei Meilen entfernten Obersten von Müller den Befehl erteilte, sich von Schwaan nach Neubukow in Bewegung zu setzen, einem Punkte, der von Schwaan vier Meilen Weges entlegen war. Allein es bleibt ungesagt, wann die Ordre expediert worden sei: ob schon am 27., um dem Obersten Müller durch nächtlichen Marsch eine zeitige Ankunft möglich zu machen, eine Voraussehung, die man in Betracht des wirklichen Verlaufes am folgenden Tage kaum machen darf; oder ob erst am 23., und zu welcher Stunde. Damit fällt der Halt zu einer gesicherten Folgerung hinweg, welche Absicht der General Vegesack eigentlich besessen, und ob er sich die Aufgabe hätte machen können und müssen, der Art in die Offensive überzugehen, dass der Gegner, nachdem er ihn bei Retschow eine Weile hingehalten, zwischen zwei Feuer gebracht und durch seine und Oberst Müllers Uebermacht vernichtet worden wäre, — ein Ausgang, ohne welchen, bei angenommenem Rollentausche, Männer wie L'Allemand oder Loison sich vielleicht nicht zufrieden gegeben hätten.

32. Nach diesen unvorgreiflichen Gedanken erstatten wir zunächst unsern Bericht über das Gefecht bei Retschow, in allgemeinen, auch wohl unbestimmten Zügen, wie die literarischen Überlieferungen es allein ermöglichen.

Die Brigade L'Allemand hatte, ohne einen Feind gesehen zu haben, von Gadebusch her am 25. August Wismar erreicht (S. 205). Nun gönnte der Divisionär Loison ihr am 26. einen Ruhetag, den sie zu Hornstorfer Burg, einem Landgute, etwa eine halbe Meile östlich von Wismar, an der damaligen Landstraße nach Bukow zubrachte. Unterdessen Loison selbst in und neben Wismar zurückblieb, ließ er am 27. den General L'Allemand, ohne dass, dänischem Berichte folgend, die Truppe erst verstärkt worden wäre, auf demselben Wege über Neubukow und Kröpelin, den Vegesack eingeschlagen, nach Rostock vorgehen. Den Zweck dieser Operation wird man, da während derselben die Botschaft von dem alliierten Siege bei Großbeeren allen vorgreifenden Unternehmungen des Marschalls Davoust ein Ende machte, bloß mutmaßlich bestimmen dürfen. Von einem Raubzuge gegen die Warenlager von Rostock, wie es vorlängst geschehen, wird heute kein besonnener Geschichtsfreund mehr sprechen mögen; sondern man wird seine Conjectur an die Voraussetzung einer militairischen Aufgabe binden und vielleicht die Absicht einer Recognoscirung als das Wahrscheinlichste ansehen.

L'Allemand lagerte am 27. bei dem Städtchen Kröpelin, vier Meilen von Wismar. Am 28., in Verfolgung der Rostocker Landstraße weitergehend, erreichte sein Vortrab früh den Hof Konow, nur noch anderthalb Meilen von Rostock. Damit war man in die unmittelbare Nähe der Vegesackschen Außentruppen geraten, als welche ausdrücklich die eine mecklenburgische Jägerkompagnie genannt wird, die sich bei Winsen aufhielt, und der zwei Schwadronen Schillscher Husaren, die schon zu der Zeit bei Hastorf gewesen zu sein scheinen.

Nicht zu bezweifeln ist, dass der L’Allemandsche Trupp sich von Konow zurückzog, und sehr mutmaßlich geschah dies, weil er die Gegenwart der Unsern bemerkt hatte. Wahrscheinlich ist auch, dass infolge dessen der General L'Allemand sogleich Bewegungen gemacht habe, um eine geeignete Stellung zu suchen, die er dann auf dem Gelände von Retschow nordwärts nach Hohenfelde, zunächst auf dem die Gegend etwas überhöhenden Kronenberge, vorteilhaft einnahm, zur Rechten, gegen Retschow hin, gedeckt durch ein Buchholz, das er mit Tirailleurs besetzte, und durch ein altes Torfmoor. — Durch die hiebe! stattfindenden Truppenverschiebungen mag bei den Alliierten die Meinung entstanden sein, die sich in dem schwedischen Skribenten und bei Francke ausspricht, dass „gegen alle Erwartung (soll wohl heißen: unerwartet, in Anbetracht der bei ihnen als bewusst vorausgesetzten großen Überlegenheit) am Morgen des 28. die französischen und dänischen Truppen von Rostock zurückgegangen seien“; eine Angabe die, wörtlich genommen, nach Inhalt des dänischen Berichtes entschieden falsch sein müsste, und die auch mit dem Eintritt der gleich folgenden Dinge unvereinbar fein würde.

„Sobald der General von Vegesack die Nachricht von dem Abzüge des feindlichen Corps erhielt, heißt es in der schwedischen Erzählung weiter, ließ er dasselbe durch einige Detaschements leichter Truppen lebhaft verfolgen.“ Dies ist eine Übertreibung, die dahin zu ermäßigen sein dürfte, dass, ehe noch von höchster Stelle ein Befehl ergangen sein mochte, die wackern Schillschen sich hinter der auf das Gros repliirenden feindlichen Vorhut hermachten und dieselbe da, wo der Weg von Hansdorf nach Ivendorf die Heerstraße kreuzte, rüstig angriffen. Sie scheinen sich aber zu weit gewagt zu haben, und wurden durch ein Geschützfeuer mit Verlust von Mannschaft und Pferden zum Weichen gebracht. Mit diesem Scharmützel war östlich von Retschow das Gefecht eröffnet. Als Erste nach ihnen kamen nordwärts von der Stelle schwedische Dragoner aufgeritten, indes, wie es scheint, ohne etwas zu unternehmen.

„Das Gefecht, sagt der dänische Lieutenant von Jahn, schien anfänglich zu unserm Vorteil auszufallen, indem die feindlichen Vorposten zurückgedrängt wurden und sich erst jenseits eines kleinen, die Ebene durchrieselnden Baches setzten.“ In dieser Stellung zeigten sich darauf auch die ersten inzwischen aus Rostock herbeigekommenen schwedischen Infanteriekolonnen. Doch mag sich einige Zeit noch keine Vegesacksche Artillerie am Platze befunden haben, und jene Truppen scheinen, da kein aktiver Versuch mit ihnen gemacht wurde, dem nachdrücklichen Feuer, welches die dänischen Dreipfünder auf sie richteten, eben so lange müßig bloßgestellt gewesen zu sein, bis man sie eine Strecke zurückzog.

So hatte von Seiten des Feindes die Kanonade eine Zeitlang angehalten, und der Angriff mit blanker Waffe auf die Alliierten war schon angeordnet, als der Wendepunkt eintrat. Vegesack nahm auch seinerseits die eigene und die mecklenburgische Artillerie des Lieutenants von Rhein vor, und bekam durch ihre Zahl (es sollen nach Francke 18 Stücke gewesen sein) und durch das größere Kaliber gleich im ersten Augenblicke ein bedeutendes Übergewicht über die feindliche. Es wurden dem Gegner drei seiner Kanonen demontiert, andererseits freilich auch eins der sechs mecklenburgischen Geschosse unbrauchbar gemacht und den Schweden ein Pulverkarren in Brand geschossen, ohne dass jedoch dieser Vorfall die mindeste Unordnung zur Folge gehabt hätte. — Während dieser gegenseitigen Kanonade entwickelte Vegesack zwar vor den Augen der Franzosen eine Masse Infanterie, deren Stärke drüben, nach dänischer Bemerkung, sofort als der eigenen überlegen erkannt wurde; indes er machte davon zu einer wirklichen Attacke keine Verwendung und beschränkte sich hier in der Front des Feindes auf das Spiel des groben Geschützes, wahrscheinlich weil er von der Ausführung eines andern Manövers, das er vorbereitet hatte, die hinlängliche Wirkung erwartete, um den General L'Allemand zur Verlassung seiner Position zu nötigen. — Es war dies die Bemächtigung des in der rechten französischen Flanke belegenen Gehölzes. Zu diesem Unternehmen hatte er die beiden mecklenburgischen Jägerkompanien, die erst nach neun Uhr etwa die Gegend von Retschow erreichten, und denen zwei Kompanien Schweden folgten, befehligt. Da die erwähnte Moorfläche und hinter derselben das Holz in der Tragweite der feindlichen Kanonen lagen, so war die Annäherung und der Angriff auf die Tirailleurs, die ihrerseits an den Bäumen und einem querdurchgehenden ehemaligen Graben eine Brustwehr hatten, nicht eben leicht. Jedoch in der Erregung der Freude, endlich ihre erste Gelegenheit zu einer Waffenprobe bekommen zu haben, überwand unsere junge Mannschaft die Hindernisse, und in wetteifernder Tapferkeit mit den Schweden vertrieben sie die Franzosen aus dem Walde, an dessen Saume sie dann, dem Feinde zur Seite, Posto fassten, um auf ihn ihr gutes Büchsenfeuer zu richten.

Nach der Ansicht von Jahn's war durch die hervorgehobenen drei Umstände: durch den von der alliierten Artillerie erfahrenen Nachteil, da den Dänen infolge der Kanonade, die ihrerseits drittehalb Stunden gedauert hatte, die Munition schon auszugehen anfing, ferner durch die Überzeugung von dem numerischen Übergewichte Vegesacks an Fußvolk, endlich durch den Verlust des Gehölzes und die beginnende Aktion der Jäger in L'Allemands rechter Flanke, der Rückzug für diesen zur Notwendigkeit geworden. Er brach das Gefecht ab; aber doch erst, nachdem ihm kurz zuvor als Eilbote ein französischer Offizier zugesprengt gekommen, dessen Ankunft man aus den Reihen der Unfern deutlich sah, hastig, als habe er etwas Wichtiges zu melden.

Alliierterseits wurde geglaubt, dass die Franzosen den Marsch des Obersten Müller, der, wie erwähnt, von Schwaan nach Neubukow beordert war, gewahr geworden seien, und dass jener Offizier die Bestimmung gehabt habe, den General L'Allemand auf diese Gefahr aufmerksam zu machen. Später ist indes durch den dänischen Schriftsteller von Hoegh („Vertraute Mitteilungen“) glaubwürdig versichert worden, dass der Offizier, den man gesehen, vom General Loison entsendet gewesen sei und den Befehl zur Rückkehr nach Wismar überbracht habe. Wenn dem so ist, dann wird nichts Anderes übrig bleiben, als dass Loison von Seiten Davoust's aus Schwerin schon die vertrauliche Mitteilung des Schlages gehabt habe, der die französischen Angelegenheiten bei Berlin getroffen, und wovon dem Marschall die Nachricht wahrscheinlich nicht viel später (über Hamburg) zugekommen sein wird, als die Unsern sie hatten. Nach der Niederlage von Großbeeren war Eckmühl genötigt, alle seine Kräfte zusammenzuhalten, um auf Jegliches gefasst zu sein, und so mußte das große Ereignis, als erste vorläufige Wirkung auf den niederelbischen Krieg, hier der vorgeschobenen Bewegung gegen Rostock Einhalt tun.

Das waren die Umstände, die den General L'Allemand zwangen, den Versuch aufzugeben, sich bei Retschow noch länger zu behaupten; und so trat er in guter Ordnung auf demselben Wege, wie er gekommen, über Kröpelin und Neubukow den Rückzug an.

Die jungen mecklenburgischen Jäger der 1. und 2. Kompanie, die hier bei Retschow ihre Feuertaufe erhielten, halten sich in dem Kampfe so rühmlich betragen, dass der General Vegesack es öffentlich ehrte. Als sie nach beendigtem Gefechte an ihm vorbeizogen, hörte man ihn mehrmals rufen: „Wackere Jäger! Ah, brave Jäger!“ Er hatte seinen Generalshut abgenommen, und setzte ihn nicht eher wieder auf sein Haupt, als bis der letzte Mann an ihm vorüber war. Von ihren Blessierten starben alsbald zwei an ihren Wunden; außerdem war noch ein dritter Jäger, der vierten Kompanie angehörend, welcher sich an dem Tage als Ordonnanz bei Vegesack befunden, so getroffen, dass er in den nächsten Tagen den Tod davon nahm. Gerechtes Lob fand auch die Art, wie die mecklenburgische Artillerie der trefflich bedienten schwedischen geholfen und sich ihren Anteil an dem Erfolge verschafft hatte. Ihr waren zwei Mann schwer verwundet, deren einem beide Beine abgenommen sein sollen. Die Garde war nicht an dem Gefechte beteiligt gewesen.

Die Einbuße der Schillschen ist nicht bekannt. Nicht unbeträchtlich sollen, der Tradition zufolge, in dieser Affaire die Schweden gelitten haben. Bewohner der Gegend sahen, nachdem das Gesichtsfeld verlassen worden, Blutlachen auf mehren Stellen, wo ihre Infanterie gestanden; indes ist eine Angabe ihres Verlustes nirgends zu finden. Was die Franzosen und Dänen betrifft, so kamen am 31. August, zwei Uhr Nachmittags, sieben Wagen mit Verwundeten durch das Wismarsche Tor in Schwerin an. Dadurch erfuhr man hier von einem glücklichen Gefechte, das zwischen Wismar und Rostock stattgefunden habe; auch sah man am Abende Truppen und ansehnliche Artillerie aus Schwerin nach Wismar abgehen. Ihre Toten werden die Franzosen gleich den Schweden mitgenommen haben; auf der Wahlstatt traf man, an einem Gebüsch, noch eine französische Leiche an, die in dem Kirchhofe zu Retschow begraben wurde.

33. Gleichzeitig mit der französischen Expedition nach Rostock fanden einige kleine Vorfälle in der Gegend von Wismar statt, deren Zusammenhang mit den auf jenes Unternehmen bezüglichen Bewegungen der Franzosen wahrscheinlich, wenn auch nicht nachweisbar ist, und von denen wenigstens die zwei erheblicheren der Vergessenheit entrissen zu werden verdienen.

Seit der Besetzung Wismars war überhaupt das Ostufer des Schweriner Sees, welches die Franzosen begreiflich zu bestreichen, und wo sie sich der Fahrzeuge zu bemächtigen suchen mußten, mehr und mehr streitig geworden zwischen ihnen und den hanseatischen Reitern, denen es aufgegeben war, hier die Kommunikation zwischen Wallmoden und Vegesack gesichert zu unterhalten. Doch scheinen Rubow und Retchendorf die äußersten Punkte gewesen zu sein, bis wohin die Franzosen sich an der Ostküste des Sees haben ausdehnen können.

Die Wismar zunächst gelegene Station der hanseatischen Cavallerie war Warin. Bei beiderseitiger Wachsamkeit gab es der Rencontres um so öfter, da die Hanseaten ihre Sache ernsthaft betrieben, um Stellung, Stärke, Absicht der Feinde zu erfahren. Begreiflich ist, dass auch der General Loison, als die Operation nach Rostock im Gange war, größere Parteien ausschickte, um zu erkunden und das Terrain rein zu halten.

So geschah es, dass am 27. August zwei Patrouillen bei dem Hofe Moltow, fünf Viertelmeilen südöstlich von Wismar, auf einander gerieten. Der hanseatische Rittmeister von Pfeil mit seinen 30 Mann griff den noch einmal so starken feindlichen Reiterhaufen an, warf ihn in die Flucht, näherte sich aber in der Hitze der Verfolgung zu weit nach Wismar, wo dem Feinde Verstärkung kam, so dass nun er seinerseits mit Verlust und selbst verwundet zurück musste.

Bedeutender war am folgenden Tage, dem Datum von Retschow, die Begegnung, welche eine Abteilung hanseatischer Ulanen unter dem Major von Arnim mit einer weit überlegenen Menge Franzosen bei Hohen Viecheln hatte, an dem Wege, der von dort nach Jesendorf führte. Arnim kam von Jesendorf her und fand den Feind an dem Wege lagernd. Er griff ihn mit Heftigkeit an, und sein erster Ansturz fand wenig Widerstand. Der Feind retirirte nach einer Schanze hin, die auf dieser Seite von Viecheln aufgeführt war, und wo er den Hanseaten, die, durch ihren Erfolg verlockt, ihm kühn zu weit gefolgt waren, Stand hielt. Da sie notwendig zurück mussten, so waren sie nun dem Geschützfeuer der Schanze ausgesetzt. Sechs der braven Ulanen blieben tot auf dem Platze und mehre wurden verwundet. Für die Rettung der Standarte in dem gefährlichen Getümmel erhielt der Lieutenant Haltermann der fünften Schwadron später vom Kronprinzen von Schweden die goldene Schwertmedaille.

34. Nachdem die Sache bei Retschow zu Ende gegangen, schickte der General Vegesack den bei ihm befindlichen, um die Bildung des mecklenburgischen freiwilligen Fußjägerregiments und durch Erhaltung des einer solchen Truppe anständigen zwanglosen Sinnes wohlverdienten, Obersten Grafen von der Osten Sacken dem General L'Allemand auf seinem Rückzüge nach. Allein er gab ihm außer den zwei Jäger-Kompanien nur ein schwedisches Bataillon und an Kavallerie bloß die wenigen Schillschen mit, statt mindestens seine eigenen schwedischen Reiter noch hinzuzutun. Diese schwächliche Veranstaltung sieht darnach aus, dass man glauben möchte. Vegesack habe für ausreichend gehalten, zu wissen, wo der Feind bleibe.

Der dänische Lieutenant von Jahn tut wohl nicht zu viel, wenn er, obgleich von einer anfänglichen Verfolgung durch Artillerie und Kavallerie sprechend, doch hervorhebt, dass der Rückzug L'Allemands mit Ruhe und Ordnung geschehen, und dass erst bei Kröpelin, wo die mecklenburgischen Jäger an dem Gefechte Teil genommen, dasselbe ziemlich lebhaft geworden sei. Zwischen Retschow und Kröpelin scheint kaum etwas stattgefunden zu haben. Über den Vorgang bei Kröpelin aber sagt Francke, der mit dabei war: „Vor Kröpelin auf der Höhe ward einen Augenblick Halt gemacht; der Feind hatte das Stadttor geschlossen, um die Verfolgung zu hemmen und einen Vorsprung zu gewinnen. Eine Abteilung Jäger umging links die Stadt und traf vor dem andern Tore schon die (Schillschen) Husaren, denen die Bürger das Tor geöffnet hatten. Der Feind war einige hundert Schritte vorausgeeilt, und setzte sich noch einmal bei einbrechender Dämmerung vor und in dem Hofe Detershagen, wo er links durch einen Bruch gedeckt war, und rechts einen Park fand, dessen Hügel und Gem?uer einen augenblicklichen Haltpunkt gewährten. Der Angriff ward hier von zwei Seiten, links hinter dem Bruch, gegen den Herrenhof, und rechts vom Wege, gegen den besetzten Park gerichtet, welcher mit stürmender Hand von den Jägern und Schweden genommen wurde.“ So bemühte sich der Selbstantrieb der Mecklenburger, der Schillschen und auch der schwedischen Soldaten, wieder einzubringen, was Vegesack für die Ehre der Waffen versäumt hatte.

Aus der Gegend von Kröpelin ging L'Allemand noch denselben Abend des 28. August unbehelligt bis hinter Neubukow zurück, einem Städtchen fünf Viertelmeilen von Kröpelin entlegen, und bivouakirte in der Nachbarschaft. Die Vorhut Vegesacks brachte diese Nacht in und bei Kröpelin zu, während das Gros noch bei Retschow lagerte. Man hat wohl, steht zu vermuten, die Ankunft des Obersten von Müller aus Schwaan erst erwarten wollen, dessen Wiedervereinigung mit den übrigen Truppen Vegesacks auch bis zum Morgen des 29. hin geschehen zu sein scheint, und zwar bei Kröpelin, soweit aus den Angaben Frankes gefolgert werden mag. So durfte L'Allemand die Nacht nicht bloß ruhig rasten, sondern er konnte die Unsern noch gar schockieren. Eine große dänische Patrouille sprengte nämlich durch Sackens Lagerstätte, dass Pferde wild wurden und die der mecklenburger Geschütze davonliefen. Der Lieutenant Rhein geriet darüber in Contestation mit dem Chef, dem er eine unpassende Wahl des Ortes vorwarf, indem er zu seiner persönlichen Rechtfertigung ein Kriegsgericht verlangte, wozu es freilich nicht kam. Die Sache ist unklar.

Mit dem ferneren Rückmärsche nahm der General L'Allemand es nicht eiliger, als die Umstände eben erforderten. Er begab sich am folgenden Tage, den 29., aus seinem nächtlichen Aufenthalte nur anderthalb Meilen weiter über Altbukow nach Neuburg, einem Pfarrdorfe in hügeliger Umgebung, noch l 1/4 Meilen von Wismar ab. Da lagerte er auf dem Schanzberge. Die Vegesackschen Vortruppen kamen am 29. nicht über Neu- und Altbukow hinaus, wo sie die Nacht zum 30. zubrachten, bemüht, den Feind durch zahlreiche Wachtfeuer zu täuschen, den sie noch bei Neuburg wähnten. Indes kamen doch Patrouillen, die nächtlich bis zum Echanzberge, etwa drei Viertelmeilen vorwärts Altbukow, vorgegangen waren, schon mit der Nachricht wieder, dass die Gegend verlassen sei. Und wirklich war L'Allemand noch am 29. von Neuburg nach dem Gehöfte Hornsdorfer Burg zurückgegangen, von wo er am 27. ausgezogen war, und wo er jetzt Trotz bietend flehen blieb. „Der Feind, sagt der mehrgenannte Offizier aus diesem Corps, der Lieutenant von Jahn, begnügte sich damit, uns, statt seiner Reiterei, einen Spion nachzusenden, der erwischt wurde, und der nach ausgestandener Todesangst als Gefangener nach Wismar transportiert ward, wo er wahrscheinlich erschossen ist.“

Die Vegesacksche Abteilung, welche wir so eben, vom 29. August sprechend, als Vortruppen des Generals bezeichneten, zählte nicht mehr bloß die Wenigen, die unter Osten Sacken von Retschow her dem Feinde nach Kröpelin gefolgt waren und ihn am Abende des 23. verhindert hatten, sein Quartier gar hier oder zu Detershagen zu nehmen. Es war vielmehr eine ansehnliche Masse, um es mit Francke's eigenen Worten zu sagen, von „elf Schwadronen, dem (im Nominalbestande 600 Mann starken) Regimente mecklenburgischer Fußjäger des Obersten Sacken, einigen Bataillons Infanterie und zwei Kanonen“, über welche nunmehr der Oberst von Müller, als Älterer, den Befehl führte. Unterdessen diese Mannschaft, wie gesagt, am 29. bis Altbukow vorging, kam zweitens der Oberst von Bot mit der mecklenburger Garde und Artillerie, südwärts der Bukower Heerstraße, auf der kürzesten Linie von Retschow über Zarfzow und Klausdorf gegen Neuburg heranmarschiert; und drittens war auch die hanseatische Kavallerie von Warin herbeibeordert und unterwegs. Alle diese teils schleppenden, teils zu spät angeordneten Bewegungen hätten nur dann noch zu etwas führen mögen, wenn L'Allemand unvorsichtig genug gewesen wäre, um länger bei Neuburg stehen zu bleiben; er war aber mittlerweile, vielleicht zu seiner eigenen Verwunderung, dass er seit Detershagen nicht einmal eine Bedrohung erfahren hatte, schon in Hornsdorf angelangt.

3S. Endlich am Nachmittage des 30. August rückte die Spitze der Vegesackschen Avantgarde gegen Wismar vor. Sie bestand aus der zweiten, dritten und vierten Kompanie der mecklenburger Jäger nebst einer Kompanie und einer Schwadron Schweden. Bei ihrer Annäherung wagte L'Allemand nicht, seinen Aufenthalt draußen noch zu verlängern, sondern zog sich bis zur Stadt zurück, wo er am Altwismartore hinter einer Art Schanze aus Sandsäcken Kanonen aufstellte. Von Seiten der Unfern ging die zweite mecklenburger Kompanie voran, bestimmt, unter dem Lieutenant von Freiburg den Angriff auf das genannte Tor zu machen, inzwischen die Gefährten zur Unterstützung bereit bleiben, teils auch das Pölner Tor beobachten sollten.

Während jene Mannschaft damit beschäftigt war, die Häuser zur Rechten des gegen das Tor führenden Dammes nach einander zu durchsuchen, bei welcher Gelegenheit einer der Jäger in der Mühle einen fernen Flintenschuss in die Brust bekam, der ihm das Leben kostete, nahmen die Feinde ihre Geschütze schon in die Stadt zurück. Ihr Abzug aus Wismar war beschlossen. Um ihn zu decken, hatten sie vor dem turmartigen Altwismartore und in dem Durchgange desselben Frachtwagen und Gebälk mit Teertonnen aufgehäuft, die sie anzündeten, während ihr Marsch zum Mecklenburger Tor hinaus vor sich ging. Der Gefahr, die durch dies Feuer über die Stadt kommen konnte, wussten die Bürger glücklicherweise bald zu begegnen. Bei seinem Weggänge hatte Loison drei Mitglieder des Magistrates, den Bürgermeister Fabricius, den Syndikus von Breitenstern und den Stadtsekretär Walter ergreifen und als Geißeln fortführen lassen, die sich mit dem Tode bedrohet sahen, weil sie ihm die geforderte Auskunft über die Starke Vegesacks nicht hatten geben können oder wollen.

So war freilich am Abend des 30. August Wismar geräumt; allein Loison war im Angesichte der Stadt mit seinem Corps stehen geblieben. Seine letzte Linie ging von der Papiermühle über Rotentor bis gegen St. Jakob; die Brigade L'Allemand befand sich bei dem Dorfe Karow, ½ M. südlich von Wismar, in der Richtung nach Schwerin. Wegen dieser Nähe des Feindes wagte es denn die wenige befreundete Mannschaft auch nicht, diesen allerdings mit einer Mauer eingeschlossenen, aber auch leicht zu umgehenden Ort sofort zu besetzen; man begnügte sich damit, dass die Schillschen Husaren hineinstreiften, um sich zu überzeugen, dass er leer war; dann bivouakirte man die Nacht in und bei den Rohlstorfer Tannen.

Erst am folgenden Morgen, den 31. August (nicht den 30., wie bei Franke steht, der es auch anderer Orten mit der Datierung etwas sorglos nimmt) betrat die kleine Abteilung unter dem freudigsten Willkomm der Bewohner die Stadt, und fing an, die dem Feinde zugewandten Tore zu bewachen. — Bald aber zeigte sich, dass Loison nur, weil er die gestrige Erscheinung derselben für ein Zeichen ernsthafter Nachfolge angesehen, vorhin gar keinen Versuch gemacht hatte, Wismar zu behaupten. Sobald er die Überzeugung gewonnen, dass sich von dem übrigen Vegesackschen Corps bei Wismar nichts zeigen wollte, schickte er noch am Nachmittage des 31. um vier Uhr die Brigade L'Allemand, verstärkt durch einen ansehnlichen Zuschuss Franzosen, wieder gegen Wismar vor. Durch diese Bewegung sah sich die unbedeutende Schar drinnen, um nicht abgeschnitten zu werden, genötigt, ihm nach einem schwachen Widerstände die Stadt zu überlassen.

Nun zog Loison zum zweiten Male in Wismar wieder ein, dessen Bewohner seitdem noch zwei Tage lang die Angst vor seiner Brutalität auszustehen hatten. Bei seiner Rückkehr fürchtete man auch deswegen gewalttätige Handlungen, weil den abziehenden Franzosen aus einer Dachrinne ein Brett auf die Köpfe geworfen war. Um so mehr ließ die Obrigkeit sich angelegen sein, den noch rückständigen Betrag der Brandschatzung durch gütliche Beredung von den Bürgern beizutreiben. Die Hauptmasse seiner Truppen hielt Loison außerhalb der Stadt auf dem dieselbe dominierenden Galgenberge, dem jetzigen Kirchhofe, in einem Bivouak vereinigt. Am Abende des 31. ging, wie wir bereits (S. 266) zu bemerken Veranlassung hatten, eine beträchtliche Verstärkung, besonders an Artillerie, von Schwerin nach Wismar für ihn ab. Am 1. September ließ er auf der Rostocker Seite der Stadt Schanzarbeiten anfangen, wie wenn er noch lange zu verweilen gedächte. Indes sollte ihm seine Zeit doch glücklicherweise nur bis zum 2. September zugemessen sein, wo er in nächtlicher Stunde Wismar verließ.

Was den Geschichtsschreiber Wallmodens betrifft, so war es diesem Schriftsteller, indem er die Begebenheit von Retschow außer Zusammenhange an einer willkürlichen Stelle vorweg nahm, genug, dass L'Allemand zurück mußte, um ihn „auf Wismar zurückgedrängt und Davoust bei Schwerin in eine ängstliche Untätigkeit versetzt werden zu lassen, dass er keine Recognoscirung wagte“, als wenn das Auslangen nach Rostock gar keine militärische Action gewesen wäre. Der Verfasser wollte freilich kein ausgeführtes historisches Gemälde liefern', vergaß aber, dass auch die flüchtigste skiagraphische Zeichnung nur insofern einen Wert haben kann, als sie dem Gegenstände durch die Konturen seiner charakteristischen Züge ähnlich ist. Hier nun findet man nicht einmal den Versuch, die Operation nach Rostock kriegsgeschichtlich zu erklären. Dieser Versuch, wofern der Scribent ihn anstellte, hätte notwendig auf eine Zweckbeziehung in der Stellung bei Schwerin hingeleitet, und dadurch wäre denn freilich die Strategie Eckmühls in eine Beleuchtung getreten, worin man sie nicht vorstellen durfte, wenn man nicht der Absicht der Bespöttelung geradeswegs zuwider handeln wollte.

36. Um schließlich wieder auf den General Vegesack zu kommen, so war die kleine so isoliert gebliebene Vorhut seines Corps, die sich etwa 24 Stunden lang vor und in Wismar hatte zeigen dürfen, am 31. August nach Neuburg zurückgegangen. Wo der General selbst sich seit Retschow befunden, sagt die Überlieferung nicht. Eben so wenig lassen sich die Orte seiner übrigen Abteilungen während dieser Tage genauer bestimmen, als wir sie vorausgehend bis zum 29. im Allgemeinsten anzugeben vermochten.

Soweit uns berichtet worden und wir jetzt noch zu übersehen im Stande sind, waltete keine äußere Ursache ob, die den schwedischen General abhielt, am Tage von Retschow energischer zu handeln, oder wenigstens nach dem Gefechte seinen Marsch in der Art zu befördern, dass er am 31. mit seinem ganzen Corps bei Wismar war. Seine Nähe würde diese Stadt vielleicht eines zweiten Besuches der Franzosen überhoben haben, — unangesehen, was die Waffenehre erforderlich machte. Man kann sich unmöglich der Meinung enthalten, dass die Tatkraft des Generals Loison durch die Nachricht von Großbeeren nicht in eben dem Maße einen deprimierenden Eindruck sollte erfahren haben, als er seinen Gegner aktiv gesehen hätte.

Freilich wird man für die Beurteilung nicht außer Acht lassen dürfen, wie Loison sich vor diesem seinem Gegner insofern im Vorteile befand, dass er nach Wahrscheinlichkeit stärker war als Vegesack, dass er aus Schwerin Unterstützung bekommen konnte, die er denn auch in der Tat erhielt, und dass er sich im ungünstigsten Falle ohne erhebliche Gefahr dahin zurückziehen zu können hoffen durfte: allein dieser Vorteil konnte sich, bei der Ungewissheit, worin Loison in Betreff der Machtverhältnisse Vegesacks vorher gestanden, bewussterweise wohl nur erst durch die Zuversicht für ihn verwirklichen, welche die ungehinderte Wiederbelebung von Wismar ihm einflößen mußte. Wie er frank und frei hatte zurückkehren dürfen, so blieb er auch vom 31. bis zum letzten Augenblicke völlig ungestört; und Vegesack hielt sich in einem derartigen Abstände, dass jener mit Fug hätte sagen können, er habe vor Wismar gar keinen Feind zu Gesichte bekommen. Die gänzliche Untätigkeit des alliierten Generals in den letzten Tagen erklärt sich jedoch wohl aus der Wahrscheinlichkeit, dass es gerade damals zwischen ihm und Wallmoden Kommunikationen werde gegeben haben über eine von Letzterem angeregte Idee, sein Hauptcorps von Wöbbelin über Warin heranzuführen, um in Gemeinschaft mit Vegesack den General Loison zu Wismar anzugreifen.

Lässt sich demnach über die Statistenrolle, welche Vegesack, nachdem der Feind nun einmal Wismar wieder besaß, diesem gegenüber spielte, vielleicht eine mildere Ansicht rechtfertigen, so bleibt hingegen sehr die Frage, ob ein militärischer Beurteiler sich rücksichtlich der voraufgegangenen Tage, als und so lange man alliierterseits bloß eine Abteilung von Loisons Streitkräften vor sich hatte, eben so glimpflich dürfte vernehmen lassen. Es sei von der Leitung bei Retschow nicht die Rede, weil die Überlieferung von dem eigentlichen Gefechtsereignisse zu dürftig ist, um darnach urteilen zu können. Allein unumstößlich sind die Tatsachen, dass Vegesack keinerlei Anstalt gemacht hatte, um seine Truppen von Schwaan mit denen von Rostock für das schon am 27. als notwendig erkennbare Zusammentreffen mit dem Feinde zu konzentrieren, dass er viel weniger noch durch rechtzeitige Entbietung der ersteren auf die feindliche Rückzugslinie den Vorsatz einer ernsthaften Unternehmung kundgegeben und dass er nicht einmal die vorhandenen Mittel zu einer wirklichen Verfolgung her, gegeben hat. So ist denn billigerweise auch nur er für den durch die Seltenheit überraschenden, Anblick verhaftet, dass der feindliche General sich ganz nach Belieben von dem Kampfplatze bei Retschow wegbegeben und seine Truppen bis Kröpelin fast ungefährdet, von da aber bis Wismar ohne die mindeste Belästigung zurückführen konnte.

Durch die unerhörte Saumseligkeit der Bewegungen nach dem Gefechte bildet diese Geschichte ein Seitenstück mit Übertreibung zu dem Schauspiele, welches der Kronprinz von Schweden nach Großbeeren und nach Dennewitz und Fürst Schwarzenberg nach der Schlacht von Leipzig aufführte. Und andernteils gleicht der Rückmarsch L'Allemands von Retschow nach Wismar Zug für Zug dem unerschrockenen Benehmen des Marschalls Oudinot von Großbeeren bis Wittenberg.

In der Depesche an Oudinot vom 13. August hatte Napoleon gesagt: „Es ist wahrscheinlich, dass der Kronprinz von Schweden diese Schweden besonders schonen wird; dies könnte Uneinigkeiten veranlassen.“ Für Oudinot war das nicht vergebens gesprochen; und L'Allemand bedurfte einer solchen Erinnerung vollends gar nicht; denn die Dänen, welche der kommandierte, deutsche wie eigentliche, brannten vor Eifer, den Schweden, in welchen sie, der Ursache des Krieges wegen, ihre Beleidiger und Herausforderer sahen, einmal im Felde zu begegnen, — ein Wunsch, der ihren Kameraden erst sehr spät, erst bei Bornhöved am 7. Dezember, ein erstes und einziges Mal in Erfüllung gegangen ist.

Der Baron von Vegesack, persönlich brav, woran Niemand zweifelt, aber der hier in dem niederelbischen Kriege, das begreift sich leicht, keineswegs einen rein militärischen Auftrag zu erfüllen hatte, hielt den Gedanken, seine Schweden nicht exponieren zu dürfen, unter Umständen, wo ein Ergebnis) verbürgt war, wenn er nur von dem Kriegsmute und der Kampfbegier der Mecklenburger und der Schillschen Gebrauch machen wollte, denen er seinerseits bloß die moralische Unterstützung durch die Anwesenheit größerer Anzahl zu leisten brauchte, er hielt seinen Gedanken mit einer Unbedingtheit fest und setzte die ganze Kriegspolitik Karl Johanns mit einer Peinlichkeit in Praxis, die sicherlich selbst die Intention und das Maß dieses Fürsten verfehlte. Er mag zu sehr bloß gewöhnter Soldat gewesen sein, um sich, im Sinne des Kronprinzen, selbst zu sagen, was Napoleon bei einer Instruction seinem Marschall Davoust zum Überfluss noch einschärfte: „Sie wissen, dass man den Geist meiner Befehle und nicht den Buchstaben derselben studieren muss.“