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Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin. 10. Die Kulturkämpfer.

So wiederholt sich Alles in der Weltgeschichte, und jede Zeit hat ihre großen Söhne.
Autor: Glagau, Otto (1834-1892) war ein deutscher Journalist und Schriftsteller., Erscheinungsjahr: 1875
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Helden der sagenhaften Vorzeit, Großtaten im Dienste der Menscheit, ereinigten Stämme und Völker, Lieblinge der Menschen und Götter, Kulturkämpfer, Aufschwung der Kultur und der allgemeinen Wohlfahrt
Wir haben Alle gehört von den Helden der sagenhaften Vorzeit und von ihren Großtaten im Dienste der Menschheit. Sie verjagten die Räuber, erlegten wilde Thiere und schreckliche Ungeheuer, rotteten Sümpfe und Wälder aus und machten sie urbar, gründeten Städte, Staaten und Kolonien, errichteten Tempel und vereinigten die Stämme und Völker durch Einsetzung von gemeinsamen Festspielen. Sie rangen und kämpften für die Kultur, für die Zivilisation, und so wurden sie die Lieblinge der Menschen und der Götter; die Menschen erwiesen ihnen göttliche Verehrung, und die Götter machten sie zu ihres Gleichen, verliehen ihnen Unsterblichkeit und ewige Jugend. – Wir kennen auch aus der griechischen und römischen Geschichte die Männer, die sich bei Mit- und Nachwelt große Ehre, hohen Ruhm erwarben, indem sie Theater, Gymnasien und öffentliche Bäder anlegten, Straßen und Häfen, Kanäle und Brücken, Wasserleitungen und Kloaken erbauten, indem sie Werke schufen, deren Überreste noch heute, nach Verlauf von Jahrtausenden, Bewunderung und Staunen erregen. – Solche Kulturkämpfer und Helden der Zivilisation traten auch neuerdings in Deutschland auf, und unter mächtigen Trompeten- und erderschütternden Posaunenstößen verkündigten sie ihre Pläne und Absichten. Sie wollten die Städte ausbauen und verschönern, die Bedürfnisse und Ansprüche ihrer Mitbürger in jeder Hinsicht befriedigen; sie versprachen gute und billige Wohnungen, allerhand verbesserte Einrichtungen, neue Eisenbahnen, Häfen etc.; sie verhießen eine reiche Blüte von Handel und Wandel, einen mächtigen Aufschwung der gesammten Kultur und der allgemeinen Wohlfahrt.

So wiederholt sich Alles in der Weltgeschichte, und jede Zeit hat ihre großen Söhne. Nun besteht aber doch zwischen den antiken und den modernen Kulturkämpfern ein kleiner Unterschied. Jene erhielten Lohn und Ehre hinterher, erst nach vollbrachter Arbeit; diese waren so vorsichtig, beides gleich vorweg zu nehmen. Jene schufen aus eigenen Mitteln auf eigene Kosten; diese hatten ihre Hände sofort in den Taschen des Publikums und beutelten dasselbe gründlich aus. Jene verrichteten wirkliche Thaten; diese beließen es meist bei Versprechungen. Jene schufen Werke, die sie noch Jahrhunderte überlebten; diese brachten es in der Regel nur zu Anfängen und Ansätzen, ihre Schöpfungen wurden gar nicht fertig, oder sie liegen schon wieder in Ruinen, in Trümmern und Schutt.

Die Kulturkämpfer von heute sind die Gründer; und in diese Kategorie gehören vorzugsweise die Verfasser folgender Gesellschaften, die sich mit einem ebenso großartigen wie allgemein und unbestimmt gehaltenen Programm einführten, kolossale Summen beanspruchten und zum Theil auch erhielten, aber von den überschwenglichen Verheißungen so gut wie nichts erfüllten, entweder völlig scheiterten und zerschellten, oder doch gegenwärtig gar kläglich auf dem Trocknen sitzen:

Deutsche Baugesellschaft. Gründer, respektive Aufsichtsräte: Kommerzienrat Ad. Delbrück, Berthold Bensemann und Ad. Levin (Berliner Bankverein), J. H. Halske, Baron Ed. von der Heydt, Benoit Oppenheim (R. Oppenheim und Sohn), Fr. Meyer (E. J. Meyer), Dr. Mitscha und Ad. Schenk (Wiener Bankverein), Graf Othenio Lichnowsky in Wien. Directoren: Oberbürgermeister a. D. Kieschke und Stadtrat a. D. Risch. Aktienkapital 6 Millionen Taler, mit 70 Prozent Einzahlung. März 1872 wurde der 40-procentige Interimsschein durch Delbrück, Leo u. Comp. an die Börse gebracht und mit 48 Talern bezahlt; heute gilt der 70-prozentige Interimsschein circa 18 Taler.

Deutsche Eisenbahn-Baugesellschaft. Gründer, respektive Aufsichtsräte: Reichstagsmitglied Dr. juris Fr. Hammacher in Essen, Konsul und ehemaliges Reichstagsmitglied Gustav Müller, Abgeordneter Stadtrat a. D. Adolf Hagen und Direktor Julius Weißenburger (Deutsche Unionbank), Theodor Henoch, Karl Coppel, Heinrich Fromberg (Schlesischer Bankverein), Mitteldeutsche Creditbank, Julius Schiff (Gebrüder Schiff), früheres Reichstagsmitglied Edgar Roß in Hamburg, Friedrich Grillo in Essen, Julius May, Kurt Klotz und Gebrüder Sulzbach in Frankfurt am Main, Internationale Bank und Norddeutsche Bank in Hamburg etc. Directoren: Wirklicher Geheime Ober-Regierungsrat Hartwich, Eisenbahndirector Windthorst und Baurat Mellin. Actiencapital 6,138,000 Taler. Die Actien, gleichzeitig an den Börsen zu Berlin, Breslau, Hamburg und Frankfurt am Main eingeführt, und bis auf 120 getrieben, stehen heute circa 15.

Nicht zu verwechseln mit dieser Gründung ist die Deutsche Eisenbahn-Baugesellschaft zu Frankfurt am Main; am 13. September 1871 in die Welt gesetzt von den Baronen Rafael von Erlanger, Ludwig von Erlanger und Simon Moritz von Bethmann, den Herren Franz Borgnis, Zacharias Königswarter, Isaak Königswarter und Regierungsrat Fr. Wiesenbach – über deren Thaten schon lange nichts verlautet.

Deutsche Reichs- und Continental-Eisenbahn-Baugesellschaft. Gründer respective Aufsichtsräthe: Baron Karl von Rothschild in Frankfurt, Geheimer Kommerzienrat Gerson von Bleichröder, Kommerzienrat Ritter von Schwabach, Kommerzienrat Jacob Landau und Bankier Wilhelm Ledermann in Berlin, Wilhelm Behrens (L. Behrens und Söhne) in Hamburg, Assessor Friedenthal (Breslauer Diskontobank), Ritter Theodor von Hornbostl und Ritter Moritz von Goldschmidt in Wien, Rechtsanwalt Makower, Reichstagsmitglied, Rittergutsbesitzer von Kardorff- Wabnitz, Geheimer Legationsrat Graf Hatzfeld-Wildenburg, Kammerherr Baron von Rosenberg, Generaldirektor Richter in Berlin. Vorstand: Regierungsbauräte Adolf Schweitzer und Wilhelm Schultze und Regierungsassessor Leo Poschmann. Grundkapital 10 Millionen Taler, worauf 40 Prozent eingezahlt. Der 40-procentige Interimsschein, zunächst mit 55 bis 65 Taler bezahlt, notiert heute circa 12 Taler.

Baugesellschaft für Eisenbahn-Unternehmungen, F. Pleßner u. Comp. Gründer: Bankier Jacob Löb Eltzbacher in Cöln, Geheime Kommerzienräthe Albert Borsig und Paul Mendelssohn-Bartholdy, Kommerzienrat Ad. Delbrück, Banquiers Ferd. Güterbock und Julius Alexander, Baumeister Karl David Schultze und Ferd. Pleßner, Bankagent Theodor Hertel, Landrat Ernst Otto Schubarth etc. Aktienkapital schließlich 4½ Millionen Taler. Die Gesellschaft ist bankerott. Die einst bis auf 180 getriebenen Aktien sind völlig wertlos; und es ist ein wahrer Unfug , daß sie trotzdem von der Börse noch immer notiert werden.

General-Baubank. Gründer respektive Aufsichtsräte: Baron Oscar von Reinach und Baron Ludwig von Erlanger in Frankfurt am Main, Kommerzienrat Victor Ludwig Wrede, Bankiers Paul Gravenstein und Adolf Abel, Karl Schlesinger (Ostdeutsche Bank), Geheimer Regierungs- und Baurat a. D. von Derschau, Regierungs- und Baurat Friedrich Keil, Baumeister Heinrich Meske, Joseph Herborn und Karl Fischer, Gerichtsassessor a. D. Hermann Löwenfeld etc. Aktienkapital 3 Millionen Taler, mit 40 Prozent Einzahlung. Die Gesellschaft befindet sich in Liquidation.

Imperial-Grunderwerb- und Bauvereins-Bank. Die Gesellschaft kam erst nach dem Krach und nach langen Wehen zu Stande, kaufte eine Reihe von Grundstücken und suchte sie mit eigenen Aktien zu bezahlen, was auch vielfach glückte. Dem Unternehmen begegnete, wie „Saling’s Börsenpapiere“. Theil IV. 4. Auflage, bemerken, von vornherein wenig Vertrauen, und nach ein paar Monaten drohte es bereits zusammenzubrechen. Verschiedene Grundstücke wurden subhastirt. Aktienkapital nicht weniger als 18 Millionen Taler!! Kurs? – Gegen die Gründer schwebt seit einem Jahre die Voruntersuchung.

Cuxhavener-Eisenbahn-, Dampfschiff- und Hafen-Aktiengesellschaft. Gründer resp. erste Zeichner: Baron Victor von Magnus, Geh. Kommerzienrat Paul Mendelssohn-Bartholdy, Reichstagsmitglied Dr. Braun-Wiesbaden, Stadtrat Albert Löwe, Geh. Regierungsrat Dr. Esse, Korvetten-Kapitän z. D. Olberg, Gustav Kutter in Berlin; A. N. Zacharias, Rob. M. Sloman, J. E. Langhans (J. Greve u. Comp.) und Reichstagsmitglied G. A. Schön in Hamburg, J. H. Hagenah in Stade etc. Aktienkapital 20 Millionen Taler, wovon zunächst acht Millionen emittiert wurden. Die Aktien sollten bis zur Vollendung des mehr als großartigen Unternehmens 6 Prozent „Bauzinsen“ genießen. Kurs?

Gleichzeitig mit dieser Gesellschaft und im innigen Anschlusse an dieselbe entstand die Cuxhavener Immobiliengesellschaft, und waren hier die Verfasser, außer den schon genannten Jürgen Heinrich Hagenah, G. A. Schön, Joh. Ed. Langhans, die Herren Charles Ernst David, R. A. Seelig und Eduard Stahlschmidt (Hermann Geber). Grundkapital 1,200,000 Taler. In Betreff des Kurses kann man in „Saling’s Börsenpapieren“ lesen: „Es ist wiederholt der Versuch gemacht worden, die Aktien in den Börsenberichten als ‚gehandelt‘ auftreten zu lassen.“ –

Alle diese Gründungen hatten mit riesengroßen Lettern auf ihre Fahne den Kulturkampf geschrieben; und wir wollen nun berichten von ihren Kämpfen und Erfolgen, von ihren Leiden und Schicksalen.

Die Deutsche Baugesellschaft war sich bei der Gründung, wie dies aus den Mitteilungen an die Börsenblätter hervorgeht, über ihren eigentlichen Zweck nicht recht klar, und verfolgte dann gleichzeitig eine Menge von Projekten. Sie wollte die Ackerstraße und die Marienstraße durchlegen, und legte auch wirklich die Voß-Straße nach dem Tiergarten durch. Sie „beteiligte“ sich bei verschiedenen Bau-Unternehmungen und Terrain-Spekulationen in Berlin und außerhalb, und half zwei andere Baugesellschaften gründen: die „Hôtel-Gesellschaft“ und die „Aktien Gesellschaft für Bauausführungen“. Sie gedachte endlich – und das war die Hauptsache – in Berlin zwölf bedeckte Markthallen zu erbauen, als Ersatz für die auf öffentlichen Plätzen stattfindenden Wochenmärkte. Die Idee war nicht neu, sondern bereits einmal gescheitert. Schon im Jahre 1867 erhielt Berlin eine Markthalle am Schiffbauerdamm, aber das Vergnügen dauerte nur sieben Monate, und endigte dann aus Mangel an Theilnahme, wegen Abneigung des Publikums wie der Verkäufer. Ein Kunstreiter pachtete später die pensionierte Markthalle und verwandelte sie in einen Circus. Trotz dieser übeln Erfahrung wollte die Deutsche Baugesellschaft zwölf neue Markthallen errichten; und der Magistrat, der seit Herrn Oberbürgermeister Hobrecht sehr zu Experimenten und kostspieligen Neuerungen neigt, war flink dabei; ja er war sogar bereit, sich an der neuen Markthallen-Aktiengesellschaft mit einem Zehntel des Kapitals zu betheiligen. Auch der Polizeipräsident, Herr von Wurmb, hatte seine Zustimmung gegeben; aber dessen Nachfolger, Herr von Madai, erhob Bedenken. Er fürchtete, und mit Recht, daß solche Überlassung der Marktstätten an eine Privatgesellschaft zur Monopolisierung des Marktverkehrs, zur Verdrängung der Produzenten durch Zwischenhändler, und so zur Verteuerung sämtlicher Lebensmittel führen könne. Das Ministerium legte schließlich sein Veto ein, und das Markthallen-Projekt fiel, zur Freude und höchst wahrscheinlich auch zum Gewinne des Publikums. Die Deutsche Baugesellschaft aber stand mit einer Menge von aufgekauften Grundstücken da, und der inzwischen eingetretene „Krach“ verleidete ihr auch die Lust zu allen anderen Unternehmungen. „Sie wartet bessere Zeiten ab“, und beschränkt sich, wie der „Lindenbauverein“, auf das Vermieten der zahlreichen Häuser. Leider ist dieses Abwarten und Sichbeschränken für die Aktionäre recht kostspielig. Wiewohl die „Deutsche Baugesellschaft“ seit zwei Jahren feiert, hat sie doch an Handlungsunkosten pro 1873 – 42,000 Taler, pro 1874 – 30,000 Taler, davon an Gehältern 21,888 Taler und resp. 15,820 Taler, verausgabt. Die „Generalversammlung“ hat diese erstaunlichen Handlungsunkosten, diese splendiden Gehälter und die aus wenige summarischen Posten bestehende geheimnisvolle Bilanz – der Grundbesitz ist einfach mit 5,791,000 Taler angegeben – sonder Anstand genehmigt: denn 50 Aktien geben erst Eine Stimme.

Noch viel kläglicher steht da, noch weit ärger verspekuliert hat sich die Deutsche Eisenbahnbaugesellschaft. Nach ihrer Ansicht litt das deutsche Eisenbahnnetz an vielen Lücken; und sie ging nun daran, diese Lücken auszufüllen. Ihre Unternehmungen waren bald so zahlreich und so mannigfach, daß das ursprüngliche Capital von Millionen weitaus nicht zureichte. Man beschloß, dasselbe auf 20 Millionen zu erhöhen, aber nur noch 138,000 Taler fanden Abnahme, und weitere 1,000,000 Taler wurden an ein Konsortium verkauft. Im Übrigen erzielte die Gesellschaft, nach dem letzte Geschäftsberichte, folgende Resultate: 1) Von dem Bau der Holländisch-Westfälischen Eisenbahn trat sie zurück mit einem Verluste von 126,000 Taler. 2) Das Projekt der Niederrheinisch-Westfälischen Kohlenrevierbahn ließ sie fallen mit einem Schaden von 145,000 Taler. 3) Bei dem Bau der Unstrutbahn (Naumburg–Artern) verlor sie 160,000 Taler. 4) Bei der Konzession für die Lemförde-Bergheimer Bahn büßte sie ein 263,000 Taler und wahrscheinlich auch die bestellte Kaution mit 300,000 Talern. 5) Das Projekt der Berliner Südwestbahn kostete ihr 105,000 Taler. 6) Der beabsichtigte Betrieb der Touage [Schleppschiffahrt] auf der Oder, der gleichfalls verunglückte, ließ ihr auf dem Halse zwei Tauer- Dampfer und ein sechs Meilen langes Drahtseil. 7) Außerdem besitzt sie eine Menge sehr teuer erworbener Grundstücke in Berlin, Charlottenburg, Dortmund, Essen etc., die zu Buche stehen mit 11½ Millionen (!!) und hypothekarisch belastet sind mit 6½ Millionen Taler (!!!). Arme betrogene Aktionäre, was sagt ihr zu dieser Speisekarte?! – Selbstverständlich legte der Wirkliche Geheime Oberregierungsrat Hartwich die Direktion, die er, wie damals die Blätter meldeten, mit spezieller Erlaubnis des Reichskanzlers übernommen hatte, nach solchen Erfolgen nieder. Der Deutschen Baugesellschaft wollte der Magistrat bei dem Markthallen-Projekt zu Hülfe kommen, aber die Regierung litt es nicht, der Deutschen Eisenbahnbaugesellschaft dagegen sprang die Regierung, auf den Schmerzensschrei der Herren Hammacher und Genossen, selber bei. Während die Manchesterleute sonst gegen jede Staatshülfe zetern, bettelten sie hier um Staatshülfe, und der Staat erbarmte sich ihrer.

Die Deutsche Eisenbahnbaugesellschaft vermochte die projektierte Südwestbahn nicht zu bauen, und sie mußte auch auf den Bau der Berliner Stadtbahn verzichten, für welche sie eben eine Masse von Grundstücken in der teuersten Zeit erworben hatte. Auf ihr Betreiben bildete sich nun zum Zwecke der „Stadtbahn“ eine besondere Aktiengesellschaft mit einem Grundkapitale von 16 Millionen Talern, welcher auch die Regierung mit 7 Millionen beitrat. Von den restlichen 9 Millionen zeichneten 5 Millionen die Berlin-Potsdam-Magdeburger, die Magdeburg-Halberstädter und die Berlin-Hamburger Bahn, und 4 Millionen die Deutsche Eisenbahnbaugesellschaft, welcher die neue Stadtbahngesellschaft jetzt einen Theil der Grundstücke in Berlin und Charlottenburg zu einem Preise, zehn Prozent unter dem Buchwert, abnehmen sollte. Das war der eigentliche Kern der Association.

Als die Vorlage an das Abgeordnetenhaus kam, stieß sie hier auf scharfen Widerspruch, und der Handelsminister geriet merklich in Verlegenheit. Hoppe, von Kirchmann, Lasker und Virchow traten nacheinander in die Schranken und führten Folgendes aus: Die Vorlage habe hauptsächlich den Zweck, einer bankerotten Gesellschaft zu Hülfe zu kommen; und die Regierung setze sich dem Vorwurf aus, daß sie Geld habe für verunglückte Kapitalisten, aber nicht für notleidende Arbeiter. Weil bereits die Verbindungsbahn bestehe, sei die neue Stadtbahn gar kein Bedürfnis, und überdies erfülle sie nicht entfernt den eigentlichen Zweck, da sie kein Netz, nur eine Linie bilde. Sie werde und könne sich nicht rentieren, und die sieben Millionen, welche der Staat beisteuere, seien vorweg à fonds perdus zu schreiben.

So schlagend diese Einwände auch waren, sie fruchteten nichts. Herr Miquel, der Verbündete der Diskontogesellschaft und der Führer des Hauses, gab sein Urteil dahin ab: Die Gelegenheit ist günstig, und wenn der Staat sie versäumt, kann das Unternehmen später nicht allein das Doppelte, nein, das Zehnfache kosten. – Nach Herrn Miquel war also nicht ein Fallen, sondern noch ein Steigen der Grundstücke in und um Berlin zu erwarten! – Mit großer Majorität, nur gegen die Stimmen der vier Opponenten, wurde die Vorlage genehmigt.

Weit ungnädiger, weit härter bewiesen sich kürzlich Handelsminister und Abgeordnetenhaus, als es sich um Übernahme der durch die Lasker’schen „Enthüllungen“ in so üblen Ruf gekommenen Pommerschen Zentralbahn und Berliner Nordbahn handelte. Hier glaubte man auf die Aktionäre, die Alles verloren haben, nicht die geringste Rücksicht nehmen zu dürfen; hier wurden die bestellten Kautionen ohne Erbarmen eingezogen. Hier waren nicht 7 Millionen, sondern nur 2¾ Millionen verlangt, und dazu für ein Objekt, das, wie Herr von Bender bemerkte, einen ungleich höhern Bauwert und mindestens den gleichen Abbruchswert repräsentiert; hier handelte es sich um keinen fragwürdigen Neubau, sondern um Vollendung zweier Bahnen, von denen die nach Neubrandenburg und Stralsund fruchtbare Kreise durchschneidet und jedenfalls ein langjähriges Bedürfnis ist. Dennoch wäre die Vorlage kaum durchgegangen, hätte man nicht gewusst, daß hinter ihr der entschiedene Wille des Fürsten Bismarck und respektive des Kaisers stehe.

Kommen wir noch einmal auf die „Deutsche Eisenbahnbaugesellschaft“. zurück, so hat ihr die Unterstützung der Regierung nicht viel geholfen. Auch nach Abtretung der nöthigen Grundstücke an die Stadtbahn bleibt ihr noch immer ein großer kostspieliger Besitz, ein wahrer Ballast, der ihr den Atem benimmt, der sie früher oder später erdrücken wird. Und in Betreff der „Stadtbahn“ selber ist die Prophezeiung des Abgeordneten von Kirchmann nur zu schnell eingetroffen. Noch ist nicht einmal endgültig die Linie gezogen, und schon überschreitet der vorläufige Kostenentwurf den ursprünglichen Anschlag um 2½ Millionen Taler. Der wirkliche Bau aber wird, wie Sachverständige versichern, sich noch weit höher stellen, und der Staat kann sich auf einen hübschen Zuschuss gefaßt machen.

Die „Deutsche Reichs- und Continentaleisenbahnbaugesellschaft“ hat sich, trotz der ellenlangen Firma, nur mit zwei Bahnen versucht: Weimar–Gera und Posen–Creutzburg, und dieselben bisher auch nicht einmal fertig stellen können. Außerdem erwarb sie, was jedenfalls sehr überflüssig war, die Königin Marienhütte zu Kainsdorf bei Zwickau, welche den Actionären gut 2¾ Millionen Taler kostet, und im letzten Jahre einen Reingewinn von etwa ¾ Prozent (!) gebracht hat. Die Gesellschaft verteilte regelmäßige Dividenden, wiewohl ihre Einnahmen hauptsächlich in Zinsen der disponiblen Fonds, also des eigenen Kapitals bestanden: pro 1872 – 8 Prozent, sowie dem Aufsichtsrate 49,000 Taler Tantième (!); pro 1874 – 4 Prozent.

Posen–Creutzburg ist eine Bahn, über deren Berechtigung und Ersprießlichkeit starke Zweifel herrschen. Sie läuft mit ihren 27 Meilen neben der russischen Grenze hin, berührt lauter kleine Orte und verkürzt den alten Schienenweg über Breslau um ein sehr Geringes. Posen–Creutzburg gehört zu den Bahnen, mit welchen sich in Folge der Lasker’schen Enthüllungen die Spezial-Untersuchungs-Kommission befasste; und der sonst sehr zahme Bericht findet hier doch mancherlei außer aller Ordnung. Herr von Kardorff-Wabnitz ist Gründer und Aufsichtsrat der Bahn, und zugleich Gründer und Aufsichtsrat der deutschen Reichs- und Continental-Eisenbahnbaugesellschaft, welche die Bahn baut. Die Baugesellschaft wurde überhaupt nur zum Zwecke der Bahn gegründet und erhielt den Bau in Generalentreprise. Man überließ ihr das gesamte Aktienkapital im Nennwerte von 12 Millionen Taler; aus dem Erlös sollte sie sich bezahlt machen und außerdem an die Aktionäre bis zum 1. Juli 1875 fünf Prozent „Bauzinsen“ gewähren. Als Dritter in diesem schönen Bunde existirt noch das Finanzkonsortium, ein Verein von Bankhäusern (S. Bleichröder, Jacob Landau etc.), welche die Aktien zum Kurse von 73 (also mit 27 Prozent Abzug) versilberten, und die Auszahlung der Bauzinsen übernahmen; letzteres gegen die kleine Vergütung von 650,000 Talern (!). Zwischen den drei Konsortien wurden die Kreuz und die Quer verschiedene Verträge, allgemeine und separate, offizielle und geheime, geschlossen und sie bewilligten einander die Kreuz und die Quer eine Reihe erklecklicher „Provisionen“. Herr von Kardorff war als Gründer und Aufsichtsrat der Bahn und zugleich als Gründer und Aufsichtsrat der Baugesellschaft mehrere Mal in der interessanten Lage, mit sich selber zu kontrahieren. Diese Doppelstellung wurde vom königlichen Eisenbahn-Kommissariat für „unzulässig“ erachtet, worüber Herr von Kardorff sich beschwerte; indes hielt auch der Handelsminister die Entscheidung „aufrecht“. Und Herr von Kardorff wird wieder noch in Schatten gestellt von dem Kommerzienrat Jacob Landau, welcher sonder Verlegenheit in allen drei Konsortien saß, zugleich dem Aufsichtsrate der Bahn, der Baugesellschaft und dem Finanzcomité angehörte, also bei jedem Vertrage dreimal in Einer Person fungierte!

Das Finanzkonsortium hat natürlich den größten Schnitt gemacht; außer der Provision für Auszahlung der „Bauzinsen“ mit 650,000 Taler, verdiente es bei Versilberung der Aktien durchschnittlich 4 bis 5 Prozent, das heißt nochmals 500,000 bis 600,000 Taler. Von wirklichen Einzahlungen auf die Aktien ist, bis auf die Zeichnungen der betreffenden Kreise, welche die Bahn durchschneidet – und diese Zeichnungen betragen etwa ein Zehntel des Grundkapitals – nicht die Rede gewesen, und die Generalversammlung der Aktionäre wie der Handelsrichter wurden auf Grund des famosen Aktiengesetzes in bester Form getäuscht.

Wie erstaunlich war es nun, Herrn von Kardorff am 10. Juni dieses Jahres im Reichstage plötzlich zu hören, wie er die Regierung anklagte, sie habe das Gründungstreiben und die Überspekulation begünstigt! Dieser Vorwurf ist neuerdings von den Gründern mehrfach erhoben, natürlich um sich in etwas zu reinigen; aber er ist doch nicht so ganz ohne. Herr von Kardorff wies auf die traurige Lage unserer Industrie hin, welche die Wirtschaftspolitik der Regierung mitverschulde; er bemerkte ganz richtig, daß die gegenwärtige Krisis noch im Steigen begriffen sei, und seine Rede gipfelte in den denkwürdigen Worten: Ich hielt es für notwendig, vor dem Lande zu erklären, daß wenigstens einige Leute sich um diese Fragen bekümmern. (Allgemeine Bewegung.) Herr von Kardorff kehrte sich namentlich gegen den Finanzminister Camphausen, den er „zum Theil als den intellektuellen Urheber unserer wirtschaftlichen Verirrungen“ betrachte. Auf Veranlassung des Finanzministers hatte die Seehandlung im Jahre 1872, während des Gründungsschwindels, der Diskontogesellschaft aus den Beständen des Staatsschatzes drei Millionen Taler gegen 2¾ Prozent Zinsen und ohne Unterlage geliehen. Allerdings ein starkes Stück, das sogar die Oberrechnungskammer bemängelte und das nun Herrn von Kardorff zu seiner Philippika reizte. Er bezeichnete die Existenz der Seehandlung als eine verfassungswidrige; er warf ihr vor, daß sie Geschäfte mache, die eines Staatsinstituts unwürdig seien, daß sie jede Bankpolitik gefährde und den Geldverkehr überhaupt durchkreuze. Er verkündigte für die nächste Session einen Antrag auf Aufhebung der Seehandlung.

Im Reichstage wie im Publikum schüttelte man die Köpfe und fragte: was bedeutet das? Nun, es bedeutet, daß die Diskontogesellschaft und das große Haus S. Bleichröder, die sonst immer so hübsch miteinander gehen, sich irgendwie veruneinigt haben, oder doch, daß jenes riesige Darlehn gegen so geringen Zinsfuß und ohne jede Sicherheit den Neid und die Eifersucht von S. Bleichröder erweckt hat. Beide großen Häuser haben im Reichstage wie im Landtage ihre Vertreter; die Diskontogesellschaft hat ihren Miquel, und S. Bleichröder hat seinen von Kardorff.

Jene Philippika bedeutet, daß die Seehandlung den großen Finanziers ein Dorn im Auge ist, und daß sie allernächstens aus der Welt geschafft werden soll, nachdem sie in den letzten Jahren schon verschiedentlich beschnitten wurde. „Der Staat darf nicht Industrie oder Handel treiben“, ist die ewige Predigt der Manchesterleute, und sie haben ein Staatsinstitut nach dem andern zu beseitigen gewusst. Die Seehandlung mußte die Erdmannsdorfer Spinnerei verkaufen, welche dann Robert Thode und Compagnie und Richard Schweder in eine Gründung verwandelten, deren Aktien heute circa 30 notieren. Die Seehandlung muss auch die Leihämter in Berlin aufgeben, damit das Publikum den Vampyren der Pfandleiher und Rückkaufswucherer völlig überliefert werde. Nachdem die Preußische Bank, die teilweise ein Staatsinstitut war, glücklich in die Reichsbank umgewandelt worden, die eine reine Aktiengesellschaft ist; nachdem die „Meistbeteiligten“ der Preußischen Bank – das sind die großen Finanziers, die Matadore der Börsianer und Gründer – mit Hülfe der Herren Ludwig Bamberger und Genossen glücklich zu „Reichsbank-Anteilseignern“ erhoben sind, und damit jede Konkurrenz tot gemacht ist, soll nun auch noch das letzte Bankinstitut fallen, welches der preußische Staat besitzt – die Seehandlung.