Ein Wort über die Armee. — Schlussbetrachtung.

Die Chodinka-Katastrophe ist kein Unglück wie andere mehr. Ihr Verlauf wie ihre Vorgeschichte sind für das Volk so bezeichnend wie für alle, die zur Abwehr der Gefahr berufen waren.

„Was war die Ursache des Unheils?“ fragte ich einen der Geretteten.


„Wir selbst,“ antwortete er, „wir sind gute Menschen für uns allein; im Haufen, in der Masse werden wir wie toll.“

Die Kosaken, welche in der verhängnisvollen Nacht die Wache bildeten, sind der Meinung, daß vieles von dem Schrecklichen abzuwenden war.

„Wir blieben.“ erklärte einer von ihnen ganz ungescheut den neugierigen Fragern „viel zu lange auf einem Punkte. Die Leute hatten unterdessen Zeit, sich auf dem Felde am Petrowskipark auszubreiten und festzusetzen. Gegenüber und in nächster Nähe war Raum genug für alle; daran dachte Niemand. Infolgedessen wurden wir bis an die Buden gedrängt, wo wir Befehl hatten zu bleiben. Wir wichen auch nicht von hier und wir hätten uns eher erdrücken lassen, bevor wir weiter zurückgegangen wären.“

Das ist ganz wörtlich zu nehmen, der Gehorsam ist in keiner Armee größer wie in der russischen *).

„Unser Soldat tut was ihm befohlen wird“, sagte mir ein Offizier, „ohne jegliche Widerrede und ohne Kritik. Wir haben Mühe die Leute abzurichten, weil vielfache Vorbedingungen: Auffassung, Intelligenz, eine gewisse Schulbildung fehlen, aber einmal vorwärts gebracht, ist unser Mann tüchtig, ausdauernd und seine Subordination unübertrefflich. Ohne diese Eigenschaften war es im letzten Kriege nicht möglich den Schipkapass [ein historisch bedeutender Gebirgspass im bulgarischen Balkangebirge] gegen eine gewaltige Übermacht zu behaupten und eine Heldentat zu vollführen, die größer war als unser dekorativer Marsch über den Balkan. Die Kraft unseres Heeres liegt in der bedingungslosen Tüchtigkeit des Mannes — in den Massen, über die wir verfügen. „Man kann die Russen schlagen“, sagt ein türkisches Sprichwort, „aber man wird doch nicht fertig mit ihnen, sie kommen immer in neuen Zügen.“

*) Der Russe ist von Natur gutmutig und friedfertig. Nie sieht man die Leute sich prügeln ober boxen. Er kennt keine Stiergefechte ober Hahnenkämpfe. Aber der Befehl seines Obern macht ihn, zwar gegen Wunsch und Neigung, zum hingebendsten Soldaten. Bei der Überschwemmung in Petersburg ertranken Posten, weil sie nicht abgelöst wurden. Als das Winterpalais abbrannte, rettete ein Priester die geweihten Gefäße aus der Schlosskapelle. Auf dem Korridor fand er eine Schildwache und machte den Posten auf die drohende Gefahr des längeren Verweilens aufmerksam. „Prikas“ (Befehl), sagte der Mann, erhielt die Absolution und verbrannte.“ (Feldmarschall Graf Moltke, Briefe aus Russland.)

Der gemeine Mann erfüllte auch auf der Chodinka seine volle Pflicht. Der Offizier war minder rühmenswert. Er verabsäumte nicht den allzu leichtfertigen Polizeimeister an seine Schuld zu mahnen, er ließ es nicht an geräuschvollen Versuchen der Abhilfe fehlen, aber hatte er nicht mehr zu tun? War der Platzkommandant im Lager nicht gerechtfertigt, wenn er über sein Verfügungsrecht hinaus auf eigene Gefahr Verordnungen gab, die das Unheil abwenden mußten?

General Beer, ein gewissenhafter Bureaumann, erschien mit einem zweiten General, Jwanow, in der Nacht auf dem Unglücksfelde. Als der Morgen graute, begannen beide das Ärgste zu fürchten.

„Ich sah eine ungeheure Menge“, erzählte Jwanow, „Kopf an Kopf, zusammengepresst, schwarz wie Kaviar.“ — „Das gibt ein großes Unglück. Es ist alles vorbei,“ meinte General Beer zu mir, ,,in diese Masse Ordnung zu bringen ist nicht möglich!“

Warum vergaßen beide Offiziere, die allerdings für die Ordnung nicht verantwortlich waren, statt sich diesem verhängnisvollen Fatalismus hinzugeben, die Vorsichtsmaßregeln, welche man bei der Krönung Alexanders II. traf? Kein Zweifel, der Ukas über die Ursachen der Chodinkaereignisse nennt die Dinge bei dem wahren Namen. Mangel an Initiative, das Fehlen einer ineinandergreifenden behördlichen Tätigkeit ließen die Katastrophe mächtig anwachsen.

Zu welcher Gefahr für Russland können so schwere Unterlassungssünden in ernsten Augenblicken im Krieg und Frieden werden!

Sind diese Erscheinungen vereinzelt? Treten sie nicht überoft in dem gewaltigen Reiche hervor, dessen Entwicklung durch die Mängel der Verwaltung unablässig gehemmt und unterbunden wird? Trotz dieser und ähnlicher dunkler Punkte könnte es verhängnisvoll sein, die Kraft des russischen Staatswesens zu unterschätzen. Während der Krönung Alexanders II. weilte Moltke in Russland. Die Übelstände von heute bestanden damals in größerem Maße; das Reich stand unmittelbar unter dem Eindrucke der Niederlagen des Krimkrieges. Dennoch sah das scharfe Auge dieses urteilssicheren Beobachters, neben dem Fremdartigen und Abstoßenden, viel Rühmliches. Die Armee „mit ihrer zähen, kaum für möglich gehaltenen Willenskraft und ihrer bedingungslosen Subordination, die ungewöhnliche Treue und Vaterlandsliebe des Volkes, die mächtige Unterstützung aller staatlichen Forderungen durch eine dem Kaiser gehorchende Geistlichkeit“ fesselten seine Aufmerksamkeit. „Diese Züge,“ schreibt er, „bezeichnen das Volk. Wenn man bedenkt, daß der Kern dieser Nation, die Großrussen, sechsunddreißig Millionen Menschen einer Abstammung, eines Glaubens, einer Sprache, die größte homogene Masse Menschen in der Welt bilden, so wird man nicht zweifeln, daß Russland eine große Zukunft vor sich hat.“

Möchten diese Worte jenen im Ohre tönen, die auf russischen Schlachtfeldern leichte und mühelose Erfolge erwarten.

Ist es unerläßlich, sie anzustreben?

„Den Krieg,“ hörte ich in Petersburg wiederholt bemerken, „will niemand von uns. Ihn wünschen nur drei Elemente: die Ultramontanen, welche die weltliche Herrschaft des Papstes wieder aufrichten möchten; die Polen, die von der Neubelebung ihres Königreiches träumen, und die Engländer, welche so gerne Zuschauer europäischer Händel sind. Der Staatsmann, der diesen Bestrebungen Folge leistet, wird den Fluch der Nachwelt ernten!“

Verdient die Wahrheit dieser Worte nicht Beachtung? Es gibt Politiker, welche, wie die Brüder des Deutschen Ordens, das Anwachsen der Macht Russlands als eine Gefahr der europäischen Kultur betrachten.

„Die Russen,“ meinte der rumänische Minister Bratiano vor Jahren mir gegenüber „wollen unsere ganze Zivilisation vernichten, um an ihre Stelle neue Kulturbegriffe zu setzen.“

In Russland selbst empfängt man solche Eindrücke, die nur den Prahlereien slawophiler Hitzköpfe entsprechen, nicht. Im Gegenteil, die Kulturwelt erscheint hier vom europäischen Geiste beherrscht, dessen Herren auch für Russland lebten; die Zivilisation, die sich nur später einwurzelte, ist nicht wesentlich von der unsern verschieden. Die Intelligenz wächst unablässig, allerdings bleibt trotzdem das Missverhältnis ihrer Zahl zu der des ungebildeten Volkes erschreckend genug; So tauge es fortbesteht, ist die Erstickung jeder ernsten Bestrebung des Fortschrittes nur zu leicht möglich.

Wird er aus die Dauer zurückzuhalten sein?

In diesem Fragezeichen liegt Russlands Zukunft.

Seine besten Fürsten haben die Einführung der Kultur mit gewaltsamen Mitteln versucht, wahllos griffen sie nach den verschiedensten Bildungselementen, um sie in die Masse zu werfen. An ihr war es, das Unverstandene aufzunehmen und ihrer Eigentümlichkeit anzupassen. Die nächste große Reform wird aus dem Innern des Volkes zu entwickeln sein. Eine Ausgabe, die mehr als guten Willen — die einen Mann von unbeugsamer Kraft, das Genie Peters I. und Katharinas II., den Zeitraum eines Jahrhunderts erfordert.

Ein Werk von unabsehbarer Bedeutung, dem der sichere Lorbeer winkt!

In der Eremitage, dieser Schatzkammer von Kunstwerken aller Zeiten, sieht man die besten russischen Skulpturen. Groß, gigantisch, himmelstürmend streben sie in gewaltigen Formen die Aufgaben der Kunst zu lösen, unter ihren Gebilden weckt vornehmlich eines Aufmerksamkeit. Es zeigt eine mächtige, an die Decke reichende Figur: die Zivilisation; zu ihren Füßen ein Knabe, der mit Maschinen spielt, die den Fortschritt veranschaulichen: Russland.

„Dies Kind zur Stufe männlicher Kraft empor zuführen,“ will der Künstler sagen, „ist die Arbeit kommender Jahrhunderte.“

Möchte er Gehör finden!

Nur die Zivilisation vermag den Fortschritt Russlands in die richtige Bahn zu führen, sie allein kann das Übermaß seiner Kräfte regeln und das größte Reich der Welt an die Seite jener Staatengebilde der Zukunft stellen, deren Zweck und Ziel nicht in der Förderung eines bevorzugten Machtfaktors, sondern darin bestehen wird, Glück und Wohlfahrt aller Menschen zu erstreben!


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Das heutige Russland - Momentaufnahmen