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Tolstois schriftstellerische Gewissenhaftigkeit

Diese Gewissenhaftigkeit dem geschriebenen Worte gegenüber war übrigens, wie wir aus früheren Briefen Tolstois entnehmen, von jeher ihm eigen, und ist ihm treu geblieben bis an sein Lebensende: noch als Greis und Prophet schreibt Tolstoi dem Dichter Andrejew, er (Tolstoi) habe nie etwas veröffentlicht, was er nicht wenigstens siebenmal umgeschrieben habe. „Glücklich der Dichter, der dazu die Möglichkeit hat!“ So denken wir anderen Leute von der Feder. Glücklich der Dichter, der nicht die brennende Scham zu empfinden braucht vor dem unfertigen Worte! Freilich kann so gewissenhaft bloß ein Grandseigneur sein, der ausschließlich zu dem Zwecke schreibt, um sich über sich selber klar zu werden, niemals aber, um auch noch leben zu müssen von dem, was immer nur Geschenk sein kann! Aber wie selten eignet gerade einem solchen Grandseigneur-Schriftsteller auch die Genialität des Fleißes, sie, welche die Hälfte jedes Genies ausmacht! Es bedeutet immer einen unendlich seltenen Kulturglücksfall, wenn zu angeborener Genialität genialer Fleiß tritt: da kommt schlechthin Erstklassiges zustande: Flaubert und Tolstoi. Tolstoi hat denn auch vermöge seines genialen Fleißes aus der zwar an sich schon weichen und biegsamen, aber ganzen Geistesgebieten bisher unangepassten russischen Sprache ein Werkzeug geschaffen, mit Hilfe dessen den feinsten Empfindungen und Gedanken überhaupt erst Äußerungsmöglichkeit und damit Mitteilbarkeit beziehungsweise Nacherlebbarkeit wurde für den Russen. Eine russische Philosophie ist überhaupt erst möglich geworden durch Tolstoi, und wenn sie einmal wirklich sein wird, wird sie den Vorzug großer Verständlichkeit haben, wird sie jeglicher Fremdwörter und jeder philosophischen Terminologie entbehren können. Der edle Solowieff, der auch gleich in diese Bresche trat (das heißt in die Lücke im russischen Geistesleben, die ausgefüllt sein sollte durch Philosophie), lässt das alles vorausahnen! —

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Das heutige Russland 1 - Tolstoi