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Russland und wir

Man glaubt in Russland, dass es eigentlich zwei europäische Wissenschaften gäbe: eine staatlich begünstigte und beaufsichtigte, die für die Schule da sei und der Erziehung des bürgerlichen Gehorsams diene, und eine tatsächlich freie, von der man überzeugt ist, sie führe in Westeuropa ein ebenso verfolgtes Dasein, — wie jede wirkliche Wissenschaft in Russland. Das geistige Russland selber hatte dabei bis auf Peter den Großen weder eine Philosophie noch eine Wissenschaft geschaffen. Es hatte sich vorwiegend ausgelebt in Sagen, Liedern, Märchen und, wie es scheint, auch in religiösen Vorstellungen. Wahrheitsuchen um seiner selber willen lag dem russischen Geiste wohl von Hause aus fern, etwaige Versuche in dieser Richtung hätten zudem auch an der Macht des Priestertums scheitern müssen. Wir erkennen ja überall in dessen Machtlosigkeit eine der Vorbedingungen zum Aufblühen des freien Gedankens!

Hinzu kommt, dass dem russischen Volke an sich die Neigung eignet, das Leben in seiner Einheit aufzunehmen, nicht getrennt in Reflexion und Erlebnis, — und darum ist auch (die freies, theoretisches Forschen verbietende Polizeizensur spielt hier wohl nicht die entscheidende Rolle) die Erzählung, der Roman, das eigentliche Ausdrucksgebiet des russischen Geisteslebens geblieben bis auf unsere Tage, und darum offenbart auch der russische Roman von vornherein eine einzigartige, seelisch-geistige Vertiefung!


Eigentlich schöpferisch scheint die altrussische Kultur nur auf dem Gebiete patriarchalischer Sitte gewesen zu sein. Wenigstens weist der russische Dorfkommunismus mit seinen ins einzelne gehenden und oft bewundernswerte Weisheit offenbarenden Bestimmungen in eine sehr weit zurückliegende Vergangenheit (und das ist um so bemerkenswerter, als es ziemlich einwandfrei nachgewiesen ist, dass sonst die soziale Entwicklung in Russland nicht grundsätzlich verschieden verlief von der westeuropäischen: ist doch selbst der Feudalismus in einer sehr frühen Periode in Russland nachgewiesen).

Nun hatte aber der europäische Geist damals, als das russische Volk mit ihm bekannt wurde, bereits drei entscheidende Schicksale hinter sich: die Antike, den Humanismus und die Reformation. Diese Kulturerlebnisse, die augenscheinlich nacherlebt werden müssen, um begriffen werden zu können, fehlten dem russischen Geiste, als er auf das geistige Europa stieß, und fehlen ihm bis heute! Und das ist wohl auch der tiefste Grund für alles Missverstehen Westeuropas in Russland. Der antike Gedanke — er ward für Westeuropa zurückgewonnen in der Renaissancezeit, und ohne ihn erscheint die Reformation undenkbar — verdichtet sich wie in seinem Brennpunkt in der antiken Humanität. Hier zum ersten Male wird der Mensch nicht mehr gewertet nach seiner Brauchbarkeit für den, der ihn wertet (Staat, Tyrann, Priester oder Feldherr), vielmehr lediglich als Inbegriff aller der Fähigkeiten, die in ihm als solchen ruhen können, seinen Eigenwert zu erhöhen imstande sind, und in deren harmonischer Ausbildung das Ziel wahren Menschentums erkannt ward! Zu dieser Auffassung vom Menschentum, die frei zutage tretend in der antiken Kunst das ganze antike Leben bis zu einer gewissen Tiefe durchdringt, stand die Einrichtung der Sklaverei in offenem Widerspruch. Als daher der Stoizismus, die letzte reife Frucht des antiken Gedankens, die seelische Gleichwertung aller Menschen verkündete, — und damit erst dem Christentum die Wege ebnete in die antike Welt: es fehlte jetzt nur noch die Verkündigung der seelischen Aktivität: der Liebe — zog er lediglich die letzten Schlüsse aus der die ganze Antike beherrschenden Auffassung vom Menschen. Diese antik-humanistische Wertung des Menschen um seiner selber willen, als einen der menschlichen Rasse Zugehörigen, ward nun dem russischen Gesellschaftsgewissen nicht in der Weise nahegebracht, wie das dem westeuropäischen gegenüber geschah zur Zeit der Renaissance und des Humanismus. Ich will dabei freilich nicht bestreiten, dass auch die Ehrfurcht vor dem Menschen an sich aus der christlichen Lehre von seiner Gotteskindschaft ohne jede logische Vergewaltigung abgeleitet werden kann, und das ist wohl auch unzählige Male geschehen. Es scheint mir nur, dass der Russe im allgemeinen diese Auffassung nicht teilt: für den gläubigen Russen ist der Mensch dazu da, Gottes Gebote zu erfüllen; für den aufgeklärten Russen dazu, dem Wohle seines Volkes zu dienen so, wie es in den verschiedenen Doktrinen festgelegt ward; für Tolstoi endlich ist der Mensch dazu da, die fünf, seiner Ansicht nach kinderleicht zu erfüllenden Gebote seines Christentums zu befolgen. Der Mensch um seiner selber Willen hat jedenfalls noch lange nicht durchgehende Bewertung gefunden im aufgeklärten Russland.

Es versteht sich dabei aber ganz von selber, dass, wo immer nicht der Mensch, den wir erleben in aller seiner Mannigfaltigkeit und in seinem jedesmaligen Undurchdringlichsein für jeden anderen, wo nicht der Mensch, den wir niemals kennen werden, und der immer frei sein will, das letzte Maß und das letzte Ziel allen gesellschaftlichen Strebens bedeutet, dass es da nirgends einen Ausweg geben kann aus der Knechtung des Menschen durch den Menschen! Denn die Zwecke, zu deren Verwirklichung der Mensch dann (wenn er nicht selber das letzte Ziel allen Strebens bedeutet) allein leben soll, sind und bleiben Gegenstand der Auffassung des Menschengeistes, und das heißt schwebend bei den tausendfachen Möglichkeiten des Gedankens. Ein von Menschen gesetzter Zweck als solcher kann demnach niemals über den Menschen herrschen (außer dem einen Zweck, dass der Mensch frei sein soll). Wo solches behauptet wird, da herrschen tatsächlich nur die Menschen, die den jedesmal über die Menschen erhobenen Zweck in seiner Reinheit erfasst zu haben glauben! Seien es nun Priester irgendwelcher Sekten oder Parteihäupter, der Mensch gilt ihnen immer nur in Beziehung auf seine Stellung zur und seine Verwertbarkeit in Hinsicht auf die reine Lehre, deren berufene Hüter zu sein sie selber überzeugt sind. Und damit ist natürlich wiederum Tür und Tor geöffnet allem Allzumenschlichen, dessen Herrschaft über die Menschen gerade die reine Lehre ein Ende bereiten sollte. Das Maß aller Dinge ist ja dann schon nicht mehr der Mensch wie er ist, das heißt ewig unergründlich sich selber und allen anderen, voller Bedürfnis zum freien Gedanken und zu ungehemmter Liebe, unschuldig vor jedem anderen Menschen in seiner Unergründlichkeit, und verehrungswürdig für jeden anderen Menschen in seinem Liebebedürfnis und in seiner Fähigkeit zu leiden! Nein! Das Maß aller Dinge sind hier die Parteiführer mit allen ihren Menschlichkeiten und den darin eingeschlossenen Widerständen gegen die Liebe und gegen die Gerechtigkeit! Die „reine Lehre“, und das heißt ihre jedesmaligen Hüter, herrschen nun aber über das freiheitliche Russland mit fast absoluter Gewalt und halten es der Erkenntnis dessen ferne, was wir unter Toleranz verstehen. Die Russen behaupten zwar, sie ließen jeden Menschen seine Anschauung haben über das, was ihm am wichtigsten sein muss — dabei aber haben sie (und ganz ebenso verfährt der Buddhismus und bei uns die Theosophen) schon vorher in ihrem Lehrgebäude behauptet, dass, wer richtig denkt, denken müsse wie sie.

Es fehlt eben dem aufgeklärten Russland das Erlebnis der Antike. Wo es aber fehlt (das heißt überall in der Welt außer in Westeuropa), finden wir bei bewundernswürdigen einzelnen Geistesgipfeln (wie in der indischen Philosophie) und gelegentlicher tiefgehendster praktischer Sittlichkeit (wie beim Buddhismus) doch immer und überall diese letzte Geistesfessel: ein Nichtanerkennenskönnen des Eigenwertes in jedem Menschen, — und diese letzte Geistesfessel lässt keine ungehemmte Menschenliebe aufkommen.

Es kommt mir dabei so vor, als ob außerhalb der europäischen Kulturwelt die Menschenseele rastlos in dumpfem Drange suche nach der Ehrfurcht vor dem Menschen als solchem. Das buddhistische Aufgehenlassen aller Menschen als Weltatome in einer einzigen Erlösungsmasse, und auch der chinesisch-japanische Ahnen-, Geschlechter- und Nationalitätenkult erscheinen mir wie schüchterne, unbeholfene Annäherungsversuche an den letzten sittlichen Endwert, der dem Menschen zugänglich ist: an die absolute Wertung des Einzelmenschen um seiner selber willen, wie sie für Europa die Antike fand vor mehr als zweitausend Jahren!

Der antike Menschlichkeitsbegriff ward wiedergewonnen für Westeuropa in der Renaissancezeit durch den Humanismus (die Voraussetzung zu seiner Wiederaufnahme schaffte die abendländische Kirche, in deren Lehrgebäude Reste antiker Tradition weiterlebten — weit mehr wie in der griechisch-katholischen Kirche, der das aristotelische Element völlig abgeht, was für das russische Geistesleben wohl von unabsehbaren Folgen gewesen ist). Humanismus nennen wir das Aufblühen und die eigentlich europäische Nuancierung des antiken Gedankens am Ausgange des Mittelalters: es kam da zu einer Neuwertung des Irdischen, zu einer ganz neuen Auffassung vom Menschen, „seiner Natur und seiner Eigenschaften, seiner Interessen und seiner Ziele.“ Der Humanismus bedeutet die geistige Überwindung des Mittelalters, das Sichlossagen des Europageistes von einer Weltanschauung, die dieses Leben restlos gerichtet haben wollte auf das jenseitige, und immer und überall mit der Angst vor dem Tode zu wirken suchte. Die aber hatte tausendfache Erfahrung den Europäer erkennen lassen als unfruchtbar für die Ausgestaltung des Lebens im Diesseits. Seit der Renaissance — und sie bedeutet ihrem innersten Kerne nach das Erlebnis einer Sicherheit für den Menschen in diesem Leben — spielt denn auch der Todesgedanke keine irgendwie bedeutendere Bewegungen auslösende Rolle mehr im europäischen Geistesleben.

Für Russland hat es noch keine Renaissance gegeben, keinen Humanismus und keine Reformation. Die Ergebnisse dieser europäischen Geistesschicksale flossen Russland nur zu in ihren Folgerungen: so vermochte man dort nicht ihren Kern zu erfassen. Russlands religiöses Leben ist mittelalterlich geblieben bis auf unsere Tage: der Todesgedanke als Hintergrund, Selbstlosigkeit als Gebot. Da aber hier das Gebot der Selbstlosigkeit keinen inhaltserfüllten Begriff zur Voraussetzung hat von dem Menschen, um dessentwillen sie geübt werden soll, so muss es letzten Endes zu fruchtloser Askese hinführen, zu einem Tun um seiner selber willen, das heißt für den, der es tut.

Wiederum ist hier Tolstoi typisch: Er durchsuchte — er schildert das in der „Beichte“ — das gesamte europäische Geisteswerk — freilich sehr, sehr oberflächlich, das muss immer wieder mit allem Nachdruck betont werden — nach dem, was nach der Renaissancezeit nicht mehr in ihm zu finden ist: nach Gedanken an den Tod und auf ihnen gegründeten Geboten für die Ausgestaltung des persönlichen Lebens. Und da Tolstoi beide hier nicht fand, erklärt er ohne weiteres, Westeuropas Wissenschaft und Philosophie habe sich immer nur um Nebensächliches bekümmert, — den Hauptfragen für den Menschen sei sie von jeher aus dem Wege gegangen. Tolstoi brauchte eben noch ein Mittelalter — oder vielleicht besser gesagt: Tolstoi fühlte, dass Russland eine Reformation benötige, und er selber wollte Russlands Reformator sein — und führte dabei Russland ins Mittelalter zurück, denn er selber blieb ja gebannt vor der Majestät des Todes! Wenn aber seit der Reformationszeit der Westeuropäer den Gedanken an den Tod als den unfruchtbarsten (nach Spinoza den unweisesten) aller Gedanken nicht mehr mitreden lässt bei der Ausgestaltung seiner Weltanschauung, so ist das doch keineswegs gleichbedeutend, wie Tolstoi (und er ist hier Wortführer des aufgeklärten Russlands) immer wieder behauptet, — mit der Aufforderung zu ausschließlichem Genüsse der materiellen Güter des Lebens! Ganz im Gegenteil: die Befreiung der europäischen Seele von dem unausdenkbaren, und darum nur als geistiges Hemmnis wirkenden Gedanken an den Tod soll doch vor allem geschehen, damit dem Menschen um so mehr Geisteskraft und Bewusstseinsraum bleibe, um nachzusinnen den Bedürfnissen seines Gewissens und den Rücksichten auf seinen Nächsten! Seit der Reformation bedeutet der Gedanke an den Tod für uns Westeuropäer nur noch eine Mahnung daran, uns jederzeit bereit zu halten zur Abreise in die Ewigkeit, jeden Tag, den Gott uns werden lässt, uns auszuleben für den Nächsten, damit, wenn wir einst fort müssen von dieser Erde, wir nicht zu bereuen haben, dass wir unwiederbringliche Möglichkeiten zum Guten ungenützt ließen, solange es Tag war. Auf unser sittliches Handeln als solches bleibt aber der Gedanke an den Tod ohne jeden unmittelbaren Einfluss. Wir denken das Gute, wir erleben das Sollen zu ihm, solange wir atmen, wir wollen aber mit dem Guten, das wir erleben und zu verwirklichen trachten, weder die Angst vor dem Tode überwinden, noch einen Lohn nach dem Tode erringen! Dabei bestreiten wir Westeuropäer durchaus nicht, — das wäre dogmatisch, mithin entgegen unserem Geiste — dass auch der Gedanke an Tod, wie überhaupt jedes Sichversenken in geistigunfassbare Dinge, jeder Mystizismus mit einem Worte, unter Umständen Menschenwerte geistig-sittlicher Art zu schaffen vermag. Wir glauben nur, dass wir selber, so wie wir nun einmal sind, Gottes Willen noch am ehesten zu verstehen vermögen in den Geboten, die er uns erleben lässt gegenüber unseresgleichen. (Geboten, deren immer weitergehender Verwirklichungsmöglichkeit unser Denken — im Dienste unseres Gewissens — vor allem dient.) Freilich ist das Überzeugungssache. Jeder wahrhafte Europäer wird darum auch nie die Möglichkeit bestreiten, dass ein anderer Mensch für sein höchstes Streben andere Ziele erleben kann wie er selber, auch wenn dieser Mensch ebenso aufrichtig nachgedacht hat seinem eigentlichen Willen. Der Europäer lässt eben über die letzte höchste Wahrheit über den Menschen Gott selber entscheiden. Er maßt sich nicht an vor seinesgleichen Gottes Stellvertreter zu spielen, das Sprachrohr der Vorsehung zu sein! Er, der wahre Europäer, weiß viel zu gut, dass, wenn Gott nicht wäre, er erdacht werden müsste von den Menschen als höchste Instanz über sie, damit sie einander nicht Bosheit und Dummheit vorwerfen deswegen, weil Gott sie verschiedenartigen Wesens schuf!

In allem dem, wo Verstandesentscheidung unmöglich ist, da lassen wir Westeuropäer das freie persönliche Erlebnis entscheiden in jedem Menschen, und ehren es da jederzeit als menschliche Offenbarung (die uns unzugänglich bleibt bei jedem anderen Menschen), während der Russe (der nicht davon lassen will, seine persönlichen Überzeugungen zu werten als etwas, was anerkannt werden muss von allen Geistiggesunden) sein eigenes Erlebnis auch da, wo es nur rein persönlicher Art sein kann, gleichsetzt einer allgemeingültigen Erkenntnis, oder wenigstens dem Menschenerlebnis. Gerade darum aber kann der Russe keine Ehrfurcht vor dem Menschen an sich hegen: er setzt eben nichts in ihm voraus, was ihm selber unzugänglich wäre, er vermutet kein Geheimnis mehr im Nächsten, — und nur das Unerkennbare kann man verehren. Dieser Gedankenschnitzer muss aber zum Charakterfehler ausarten (wenn er nicht einem Charakterfehler entsprang). Alles Rechtbehaltenwollen — und es bedeutet im Grunde doch nur etwas vor den Menschen voraus haben wollen — kurzum alles noch nicht überwundene Allzumenschliche nistet sich ja ein in dem Aberglauben des Menschen, der meint, die Seele seines Mitmenschen läge offen vor ihm, und auch alle noch nicht überwundene Lust seinesgleichen zu quälen, findet Zuflucht in solchem Wahne. Die Geschichte des doktrinären, vor allem des terroristischen Russlands, sowie die Geschichte des russischen Sektentums sprechen hier Bände! Die Ehrfurcht vor dem Menschen als solchen setzt also ein gewisses Erlebnis von der Verschiedenartigkeit der menschlichen Anlage und von den unendlichen Möglichkeiten des Gedankens voraus (denn die Ehrfurcht kann erst da einsetzen, wo das Wissen endigt, das Wissen, das selber nichts anderes zu geben vermag als erlebten Geboten Richtungslinien in der Wirklichkeit). Dabei werden aber ganz augenscheinlich die Möglichkeiten des Gedankens nur eingesehen auf dem Wege über Irrtümer und Zweifel. Die allein geben Geistesinhalt, während die Denkergebnisse alles in allem genommen doch nur bestehen in zunehmendem Wegräumen der von Menschen — unter dem Drucke der Not und der Angst — gedachten Begrenzungen des ewig unerkennbaren Unendlichen! Wir erkennen hier deutlich den engen Zusammenhang zwischen Geistesfreiheit und Ehrfurcht vor dem Menschen.

Gerade das aufgeklärte Russland belehrt uns in seinen Fehlern und Irrtümern darüber, dass man erst alle Freiheiten gelassen haben muss seinen Gedanken, bevor man den Menschen Ehrfurcht entgegenzubringen vermag um ihrer selber willen.

Offenbar sind die Russen zu spät zum Denken erwacht, und so erwarten sie zu viel von ihm: darum vor allem glauben sie ja das europäische Wissen verachten zu dürfen, weil es ihnen über die Zusammenhänge des Himmels und der Erde nicht die restlose Aufklärung gab, die sie beanspruchen zu dürfen glaubten von dem Gedanken. Ihr eigener Gedanke ist dabei nicht, wie der europäische, durch die Schule der Zweifel und Irrtümer geschritten (wo allein der Menschengeist Inhalt gewinnt, seine Fähigkeiten entwickelt und seine Grenzen einzusehen lernt). Unfassbar bleibt es ihnen darum, dass ein aufrichtiger Mensch sich bei dem inneren Erlebnis einer Wahrheit zu beruhigen vermag, auch ohne dass er imstande ist, sie in allgemein gültiger Weise zu beweisen, vorausgesetzt nur, dass keine unabweisbaren Zusammenhänge gegen diese seine erlebte Wahrheit sprechen. Die Russen wollen eben immer noch nicht wahr haben, dass der Mensch in jedem Augenblicke seines Lebens denkend, fühlend und wollend zugleich ist, dass mithin jedes seiner Erlebnisse auch eine fühlende und wollende Seite hat neben der denkenden, und dass demnach das Erlebnis eines Menschen ihm als Wahrheit gelten kann, sobald nur das Gedachte an diesem Erlebnis, das sich auf Zusammenhänge der Wirklichkeit Beziehende in ihm, nicht in Widerspruch steht zu offensichtlichen Erkenntnissen. (Der Bereich dieser muss dabei aber doch ein verschwindendes genannt werden verglichen mit dem Bereiche des dem Geiste Unzugänglichen, nur durch rein persönliche Erkenntnisart zu Erfassenden.)

So ergibt sich denn im russischen Geistesleben der merkwürdige Kreisgang des Irrtums, dass das Denken hier zwar seine einzig als berechtigt anerkannte Veranlassung hernimmt aus dem Gefühle, dass es sich aber beruhigen zu dürfen glaubt nur bei solchen Erkenntnissen, die sich exakt, das heißt zahlenmäßig beweisen lassen. Das lässt sie immer wieder einlaufen in die Sackgasse des Dogmatismus: weil ihnen das ursprüngliche Vorhandensein des Willens im vermeintlich reinen Denkerlebnis entgeht, stellen sie eben an das Denken Anforderungen, die es durchaus nicht zu erfüllen vermag. Sie müssten das freilich einsehen, wenn sie sich einmal die Frage vorlegen würden, wie denn eigentlich der Beweis aussehen könnte für die Berechtigung eines Willens oder eines Gefühles!

Der Menschengeist muss augenscheinlich über alle typischen Fehlschlüsse und Irrtümer gegangen sein, um eine inhaltserfüllte Vorstellung zu erleben von dem, was das Denken überhaupt zu geben vermag, was man von ihm zu erwarten berechtigt ist, und was man nicht verlangen darf von ihm. Es bedeutet somit ein geistiges Unglück für Russland, dass es die Irrtümer Europas nicht mitschuf oder wenigstens miterlebte, dass es vielmehr aus ungeübtem Denken heraus die zersetzende europäische Kritik übernahm vornehmlich gegenüber solchen Denkirrtümern, die es selber nicht begangen hatte, die dort, wo sie begangen worden waren, in Westeuropa, längst überwunden waren, und deren jedesmalige zeitliche Notwendigkeit das denkende Russland demnach gar nicht zu begreifen imstande war. (Vergessen wir dabei aber nicht: Russlands Denken erweist sich in weitem Masse immer noch als nationale Notwehr, als geistige Selbstbehauptung Westeuropa gegenüber, als Abwehr dem eigenen Geiste wesenfremder Elemente.)

Jedes Denken trägt in sich die Hemmnisse des Gefühles: das liegt in der Untrennbarkeit des menschlichen Erlebnisses begründet (das immer ein Erlebnis des Denkens, Fühlens und Wollens ist). Die Hemmnisse des Gefühles erweisen sich aber bei diesem so überaus empfindungsbegabten Volke als ganz besonders mächtig. Da sie von vornherein gewiss sind, dass sie alles und jedes im Leben reizen wird, und da sie sich in ihrer grenzenlosen Verwundbarkeit schutzlos wissen vor dem Leben, und sie darum die Angst nie los werden vor unübersehbaren Möglichkeiten zur Verwundung für sie im Leben, so lebt in ihnen allen die Neigung, das Leben irgendwie einheitlich für immer und völlig übersichtlich zu erfassen, so dass es gar keine Überraschungen mehr bieten könnte für sie. Und so müssen sie denn bei der Theorie endigen: wo sie immer das Leben deuten wollen, da vereinfachen sie es nur auf ein paar Elementarbegriffe. Ebenso nuancenreich, wie ihr Gefühlsleben sich erweist, ebenso nuancenlos offenbaren sich ihre Gedanken. Der Gefühlsmensch nimmt sich selber wörtlich und sieht in seiner Empfindlichkeit Weltgesetze!

So erklärt sich denn auch jene für uns Westeuropäer seltsamste Eigentümlichkeit des russischen Denkens: es setzt ein nach der Überzeugung. Wenn der russische Denker zu denken beginnt, ist es für ihn bereits völlig ausgeschlossen, dass die Überzeugung, die ihn zum Denken veranlasste, durch irgendein Denkergebnis erschüttert werden könnte. Taugen die Gedanken nicht dazu, diese Überzeugung zu stützen, — und man gibt ihnen hier allerweitesten Spielraum — so opfert man eben die Gedanken, nicht aber die Überzeugung. Und dabei verfährt man durchaus aufrichtig, — wie überhaupt im russischen Denker keine Spur von Heuchelei ist: Der vor allem Denken feststehende Überzeugtseinwille bleibt eben während der ganzen Gedankentätigkeit derartig vorherrschend im Bewusstseinshintergrunde, dass der ganze Gedankenzug von hier aus wie an unsichtbaren Fäden gezogen wird, und der russische Denker, ohne sich im geringsten blind stellen zu müssen, immer wieder haarscharf vorübergleitet an solchen Erkenntnissen, durch die das widerlegt wird, das zu begründen das von vornherein feststehende Ziel seines Denkens war. (Bei Tolstoi geschieht solches auf Schritt und Tritt: er führt immer wieder in Nebensätzen Gedanken an, denen gegenüber seine Hauptsätze unhaltbar sind, so zum Beispiel gibt er so nebenbei mehr wie einmal die soziale Bedingtheit des Menschen zu, und das heißt doch: das Nichtvorhandensein jenes freien Willens, auf dessen Annahme sein ganzes System sich aufbaut! Unter dem Zwange seines Überzeugtseinbedürfnisses erweist sich aber Tolstoi in solchem Falle einfach unfähig, eine derartige Erkenntnis anders wie mit leichter Ablehnungsbewegung zu bedenken. Begegnet ihm hingegen ganz derselbe, ihn tatsächlich widerlegende Gedanke bei seinem Gegner, — so kommt das natürlich nur daher, dass der Gegner die Opfer nicht bringen will, die er [Tolstoi] verlangt, — und ein solcher Mensch kann eben nie recht haben.)

Der eigentliche Gegensatz zwischen ihrem Denken und dem unserigen liegt in der Jenseits-Vorstellung.

Wir und sie leben außerhalb des Diesseits. Wir verehren es aber und erblicken in ihm das, was werden musste, und aus dem allein alles das werden kann, was sein soll, während sie das Diesseits verachten, weil sie in ihm das erschauen, was an Stelle des Seinsollenden steht, was ihm den Platz wegnimmt!

Sie leben nicht in der Gegenwart, und doch kleben sie an dieser Erde: ihre vorgestellte Welt hat ein besseres Diesseits zum Inhalt. (Wir leben in einer Welt, deren bloßes Gleichnis das Diesseits bedeutet!)

Als Gefühlsmenschen gebannt auf diese Erde verkennen sie die Werte, die der strebende Mensch aus einer bloß in seinen Gedanken vorhandenen, wenn auch durchaus möglichen und nur dogmatisch abzustreitenden Ergänzung der Wirklichkeit schöpft. Und diese Werte sind: Ehrfurcht vor dem, was wir nicht wissen, Gewissheit von der Richtigkeit des eingeschlagenen Lebensweges auch bei unendlich fernen Lebenszielen, nicht endende Hoffnung und vornehme Geduld vor der Vorsehung!

Ihnen verborgen bleibt der eigentliche Daseinsgrund einer bloß gedachten Welt: das vom Menschen erlebte Recht als Wahrheit anzusprechen für sich selber in seiner gedachten Welt, das, was seinen geistigen Bedürfnissen entspricht, — soweit es jenseits hegt der Nachprüfung durch die Erfahrung und durch die Vernunft!

Dieses Freiverfügen des keine Schranken für seinen Geist anerkennenden Menschen in die Unendlichkeit hinein, das ist es, was ihnen abgeht: die Selbstsicherheit im Erlebnis der Freiheit!

Sie wollen ihre Gewissheiten immer und überall mit allen Menschen teilen können, — und solche Gewissheiten verlangen sie auch da, wo solche nur Selbstbetrug zu schaffen vermag in vorschnellen, gewaltsamen Endigungen des Gedankens!

Wir aber, wir begnügen uns damit, dass unsere Ideale nicht zu widerlegen sind, — sie stehen da, unabhängig von jeder möglichen Erkenntnis von Zusammenhängen (wenn sie auch solcher Erkenntnis nicht entbehren können, weil sie nur in ihr die Wege zu ihrer Verwirklichung finden). Wir besinnen uns auch auf die Verpflichtungen, die aus unserem Nichtwissen hervorgehen — und ihrer sind Legion, — und wir brauchen dabei die Gewissheit, dass die Weltengeheimnisse ewig sind, und wir sind dabei doch rastlos bemüht um ihr Enthüllen, — nur so bleiben wir geistesfrei, nur so haben wir freies Gedankenreich vor uns, ein jeder für sein persönliches Denken! Sie aber wollen Beweise immer und überall und wollen sie so blank und klar, wie der Kaufmann die Münze hinzählt auf den Marmortisch, — und darum verfallen sie aus einer Geistesfessel in die andere — sie bleiben Untertanen ihres Gewissens. Wir wollen des unserigen freie Lehnsleute sein!

Sie wollen alles menschliche Denken festhalten auf dieser Erde und die Menschen zwingen zu ihrem Heile! Wir aber ziehen es vor, die Menschen auf eigene Gefahr hin irren zu lassen, statt ihnen ein Heil zu weisen auf Kosten ihrer Freiheit, wenn das überhaupt möglich wäre!

Auch ihnen eignet Kühnheit in ihrem Geistesdasein, wenn auch nicht wie uns eine Kühnheit im Gedanken selber, vielmehr eine Kühnheit ihm gegenüber. Ihre geistige Kühnheit — und sie ist zweifellos eine eben so hoch zu bewertende, als die unserige — beruht darin, wie sie aller offensichtlichen Erfahrung zum Trotz bei solcher Anschauung verharren, die ihrem letzten Selbstlosen entspricht, zum Beispiel bei der Anschauung von dem von Hause aus guten Menschen und von der Allmacht des Wohlwollens. Sie bringen hier die höchsten persönlichen Opfer aus reinstem Idealismus, — sie verkennen so nur das Wesen der Geistigkeit und der Verpflichtung zu ihr, eben aus der Erfahrung von der Ohnmacht des guten Willens an sich — überall da, wo es sich um menschliches Zusammenleben handelt: die Menschen sind eben verschieden geboren und verschieden geworden, — unser bloßer guter Wille kann das nicht rückgängig machen.

Der letzte Schlüssel zum Verständnis der heutigen Russen scheint mir in ihrer unzerstörbaren Künstleranlage zu liegen. Sie kommen gar nicht heraus aus dem Ästhetischen. Sie handeln auch da, wo sie für andere handeln wollen und zu handeln glauben, zunächst und vornehmlich für sich selber: um Gefühlsbedürfnissen Befriedigung zu gewähren. Darin unterscheidet sich ja der Künstler (und auch der Ästhet) vom Manne des praktischen Lebens, dass ihm die Welt Erscheinung ist, Anlass zu deutendem Nachbilden, nicht Gegenstand der Verwertung im unmittelbaren persönlichen Interesse.

Freilich, auch der Künstler setzt sich der Welt gegenüber durch wie der Mann des praktischen Lebens. Auch der Künstler verfügt über die Dinge in seiner Weise (zur Auslösung von Gedanken, Träumen und Symbolen), statt sich lediglich beeinflussen und das heißt, bei ihm verwunden zu lassen von ihnen. Denn wenn auch ganz zweifellos Künstlertum (und auch Ästhetentum) eine anormale Reizbarkeit durch die Außenwelt zur Voraussetzung hat, es somit letzten Endes auch immer eine Art Selbstschutz darstellt, so ist es doch produktiver Selbstschutz; der Russe ist nun ein Ästhet, der nur gelegentlich zum Künstler wird. Künstlertum unterscheidet sich aber vom Ästhetentum, aus dem es immer hervorgeht, grundsätzlich darin, dass der Ästhet die ganze Wirklichkeit als Erscheinung wertet. Der Künstler dagegen führt mehr oder minder stets ein Doppelleben: Als Kunstausübenden ist auch ihm die Welt nur Erscheinung, Gegenstand deutenden Nachbildens, außerhalb seiner Kunst steht er indes mit beiden Beinen fest in der Wirklichkeit und modelt an ihr herum, nicht an seinem Idealbild von ihr, im Sinne seiner Ideale, seiner letzten außerpersönlichen Wünsche. Der Ästhet hingegen erschaut die ganze Wirklichkeit unter dem einen Gesichtspunkte seiner Verwundbarkeit durch sie: er macht aus dem Weltenall als Ganzem einen Schild seiner Verletzbarkeit durch die Einzelerscheinungen der Wirklichkeit, er formt die Welt nur in seiner Vorstellung um, und da so, wie er sie nötig hat, damit die Bedürfnisse seines Fühlens Befriedigung fänden in ihr. Auch das ist Selbstbehauptung, sicherlich! Auch das bedeutet ein Über-der-Welt-stehen. Zweifellos! Nur geschieht das hier auf Kosten einer Einkerkerung in das Ich des seine Selbstbehauptung Erstrebenden, und wird ihm so zu einem Nicht-aussich-selber-hinaus-kommen-können: auch wenn er in dieser Welt tätig ist, so arbeitet er in ihr nicht an ihr selber, vielmehr an seinem Wunschbild von ihr. Und damit ist auch das geistige Elend Russlands bei Namen genannt: Wer die Dinge wertet nach den Eindrücken, die sie in ihm auslösen, oder besser gesagt danach, wie sie es ihm möglich machen, seiner Verwundbarkeit durch sie zu entgehen, der erblickt eben nicht eigentlich mehr die Dinge außerhalb seiner Person, nicht mehr ihre unmittelbare Widerspiegelung in sich, der sieht vielmehr streng genommen überhaupt gar nichts anderes als sich selber in seinen wechselnden Antworten auf Dinge, deren Wesenheit sich für ihn erschöpft in dem Zwang, den sie auf ihn ausüben zu einem Antwortenmüssen auf sie, und die er wertet nach dem Grade der Möglichkeit, die sie ihm dabei gewähren, dies zu tun unter möglichster Schonung der eigenen Empfindlichkeit!

Mit anderen Worten: Der Ästhet blickt in die Welt hinaus und vermag nichts in ihr wahrzunehmen, als immer nur sich selber in ewig wechselnden Erscheinungsformen und in zunehmender Bedeutung für sich: Je weiter ja die Horizonte sind, die der Ästhet absucht im ängstlichen Umherspähen nach Verwundungsmöglichkeiten für sich, denen er sich entziehen möchte, um so gewaltiger, um so mehr den freien Ausblick ins All einengend muss ihm das Spiegelbild des eigenen Ich erscheinen, das er immer und überall vor sich hat, wohin er auch seine Blicke richten mag.

Die Weltanschauung des Ästheten nimmt somit nicht nur den Menschen als Weltenmittelpunkt an und als Maß aller Dinge, der Mittelpunkt der ästhetischen Weltanschauung ist zudem die eigene Person dessen, der sie hegt. So führt denn Ästhetentum zur Verkleinerung des Weltenbildes. Der Ästhet muss notgedrungen das, was er nicht selber erlebt, für überhaupt nicht erlebbar betrachten. Und hier gründet sich wohl zu allertiefst das so häufige Nichtgerechtwerden des Russen dem Nichtrussen gegenüber, das den Russen gelegentlich sogar zur Verdächtigung Andersgearteter hinführen kann, ohne dass er dabei jemals aufhört aufrichtig zu sein.

Von hier aus begreifen wir nun auch den Hang der Russen zu jedem denkbaren positivistischen Aberglauben: Wem das eigene Erlebnis zum Prüfungsmittel der Wirklichkeit dient in allem, was Menschendasein anbetrifft, der kann natürlich für die Welt außerhalb des Menschen nur das als Prüfungsmittel gelten lassen, was jenseits der persönlichen Erlebbarkeit liegt, das heißt was von allen normal Denkenden anerkannt werden muss, — und das ist eben der Maßstab und die Waage, das Experiment. Bewiesen, zweifellos vorhanden erscheint dann ein Ding oder ein Zusammenhang außerhalb des Nurerlebbaren nur, wenn es sich zahlenmäßig ausdrücken lässt (was eine vorschnelle Endigung des Gedankens bedeutet, und zudem eine mystische Wertung der Zahl zur Voraussetzung hat). Die Russen sind aber sehr rasch dabei mit Maßstab und Waage, weil sie möglichst vieles außerhalb der Sphäre des Erlebbaren wissen wollen (weil die Verwundungen in sich schliessen könnte). Wo sie aber zweifellos Nacherlebbares vor sich haben, da trägt ihr Geist keine Fesseln mehr und übt seine ganze Kraft, wozu ihm sonst so selten Gelegenheit geboten wird.

Damit haben wir denn aufs natürlichste jene beiden ihrem Wesen nach entgegengesetzten Elemente in der russischen Seele erklärt (Wirklichkeitssinn und tiefster Mystizismus), deren gemeinsames gleichzeitiges Erlebnis in einem und demselben Ich uns Westeuropäer immer wieder überrascht, und worin wir die eigentliche Originalität der russischen Seele ansprechen. Wir erinnern nur an jene nahtlose Verschmelzung von krassestem Realismus in den Mitteln und nebelhaftem Utopismus in den Endzielen, wie sie sich als so selbstverständlich offenbart bei dem praktischen Idealisten in Russland, der sich zum metaphysischen Materialismus bekennt.

In der russischen Kunst (in der Wortkunst) führt das dann zu jener eigenartigen, man möchte fast sagen organischen Vereinigung — sie liegt indes lediglich in der Einheit der künstlerisch gestaltenden Seele, durch die alle Dichtungselemente hindurchgegangen sein mussten — von unübertrefflichem Wirklichkeitssinn in der Gegenstandsschilderung mit tiefgehendster Seelenergründung, — Tolstoi ist hier der unübertroffene Meister, — was uns von dieser Seite her um so mehr überrascht, als auch jede Spur einer Allbeseelung annehmenden Weltauffassung dem russischen Künstler abgeht, und wie es uns scheint, auch der russischen Seele wesensfremd ist: Um den Dingen, die wir unmittelbar als leblos erleben, einen gewissen Anteil zuzugestehen an dem, was unserer Seele eigentliches Wesen ausmacht, dazu muss man wohl eine gewisse Unabhängigkeit von den Dingen haben, nicht mehr derart ihr Gegenstand sein, wie es der Russe ist infolge seiner Verletzbarkeit. Nun kann man freilich mit einigem Rechte behaupten, dass jedes Künstlertum ein gleichsam tätiges Bekenntnis bedeutet zum Panpsychismus (zum Glauben an die Allbeseelung). Demnach wäre auch der russische Künstler Panpsychist. Aber jedenfalls doch nur so lange, als er künstlerisch gestaltet, und das heißt ausschließlich in jenem tiefinneren Teile seiner Seele, der hier allein in Tätigkeit tritt. Der Inhalt seines künstlerischen Gestaltens aber, die bewusste Weltanschauung, die er zum Ausdruck bringt in seinem Kunstwerk, äußert sich stets als eine immer und überall in strenger Weise die Seele von den Dingen der Außenwelt scheidende.

Als Künstlern sind den Russen Erkenntnisse erschlossen, die ihnen als Denkern unzugänglich bleiben, und deren Richtigkeit sie fanatisch bestreiten: als Künstler sind sie Verteidiger des Menschen, wie er ist: keinem Mitmenschen verständlich, nie aufhörend Freiheit zu ersehnen. Als Künstler sind sie bereit, in des Menschen Schwächen den Abglanz seiner Hoheit zu werten, und da kennen sie auch nichts Erhabeneres als des Menschen unzerstörbare Unschuld.

Das künstlerische, das intuitive Russland begreift den Geist Europas, denn das ist gerade der Geist, der den Menschen zur Freiheit berufen weiß und darum schuldlos vor seinesgleichen. Das künstlerische Russland gibt dabei letzten Europäer-Erkenntnissen gleichsam Fleisch und Blut zurück, umhüllt sie wiederum mit dem vollen Leben, dem sie gedanklich entnommen wurden, und macht sie so erst zum Erlebnis, indem es uns Menschenschicksale so tief nachzuerleben zwingt, dass wir gar nicht anders können, als auf sie zu antworten mit dem heimlichen Jubelruf: „Nichts vermag dir die Hoheit zu rauben, die Gott einst in dich legte, mein Bruder. Vor ihm kannst du schuldig sein — ich weiß das nicht. Ich weiß nur, dass du unschuldig bist vor mir. Und es gibt auch gar nichts, was du tun könntest, damit ich aufhören müsste, dich zu lieben!“

Das sind letzte Europäer-Erkenntnisse, und wenn auch unabweisbare Folgerungen voraussetzungslosen Eindringens in die Zusammenhänge der Menschenseele und des menschlichen Zusammenlebens und -wirkens, so doch auch für Westeuropa, so neu, so unerwartet in ihrem Einklang mit letzten schüchternsten Geständnissen der Menschenseele, dass das Unsterbliche in uns zögert, ob es auch wirklich an so viel Seligkeit glauben darf für sich auf dieser Erde. Und so verblüffend sind wiederum diese letzten Erkenntnisse auch für den Allzumenschlichen in uns, so durchaus entgegengesetzt den Anschauungen, auf denen er sein Selbstbewusstsein in dieser Welt gründet — und es baut sich auf auf dem Hintergrunde solcher, die er für schlechter hält und für schuldiger als er sich selber vorkommt, — dass er zögert und sich fragt, ob er auch wird leben können bei solchen Erkenntnissen, ob nicht unser geordnetes Zusammenleben wiederum zerfallen muss in ein Chaos, wenn der Mensch den Richterstab über den Menschen aus den Händen gab, hinfort nur noch ein Schützer der Bedrohten und ein Helfer und Arzt denen, in deren Übeltat er Gezwungenwerden erblickt, Kranksein, kurzum etwas, dem zu widerstehen über Menschenkraft hinaus geht.

Und alle diese Erkenntnisse, die Westeuropa errang in unendlichen Mühen, wobei ganze Forschergeschlechter selbstlos ihr Leben einsetzten um ein Zipfelchen jener Wahrheit, um ein kleines Steinchen von ihrem Fundamente. Alle diese Erkenntnisse fand das arme, vielgeduldige, in dieser Welt geknechtete und misshandelte, aber in aller Demut unentwegt seinen Seelentraum weiterträumende Russenvolk, und seine Dichter, die nur darum Dichter sind, weil sie das Stammeln ihres Volkes zu deuten vermochten, sie erst gestalten diese Erkenntnisse so, dass sie unabweisbar werden der Seele des Menschen.

Was heute europäische Wissenschaft als letztes Ergebnis endloser Forschungen verkündet, und wobei sie die Menschheit wiederum auffordert, um der Wahrheit willen Gut und Blut aufs Spiel zu setzen, denn wir wissen es nicht, wir hoffen es nur, dass die menschliche Gesellschaft wird leben können, wenn das Märchen von der Schuld des Menschen vor ihr in den Staub sank — diese letzten Erkenntnisse Europas, das anerkannt haben will, dass der Mensch nicht schuldig werden kann vor seinesgleichen, weil er so werden musste wie er ist, und uns sein Werden ewig verschlossen bleibt, diese letzten Findungen des Europäergeistes, um die heute noch ein heißer Kampf tobt, und die Besten von uns noch auf Jahrzehnte hinaus werden ringen müssen gegen Vorurteil und Aberglauben, sie fanden vor einem halben Jahrhundert bereits ein Dostojewski und ein Tolstoi, indem sie einfach auf ihr Volk hinblickten: auf seine Schicksale und auf seine Tugenden. Da mussten sie zu Verkündigern werden der unzerstörbaren Unschuld des Menschen, und zu unwiderstehlichen. Und das verkündet derselbe Dostojewski im dichterischen Wahnsinn, der als bewusster Denker Juden, Deutsche und Franzosen mit kindischen Schmähungen überschüttet. Und derselbe Tolstoi, dessen ganzes Prophetentum auf der Annahme eines stets gleichen und immer fertigen Menschen beruht, und der darum, ohne es zu wollen, einer der großen Lehrer menschlicher Überhebung ward, dieser selbe Tolstoi verkündet als Dichter das unabwendbare Bedingtsein jedes Menschen, den Wahn einen absoluten Menschen anzunehmen, und die Gefährlichkeit solches Wahnes. Und so gibt er uns denn als Dichter alle die Weiten, deren die Menschenseele bedarf, wenn sie ihrer Liebe folgen will, ohne ihrem Geiste Gewalt anzutun!

Und so ergibt sich denn die eigentümliche Lage, dass, während Russland in seinem intuitiven Sichausleben das alte Europa aufklärt über das, was es eigentlich will, — und darin besteht wohl vor allem Russlands Kulturmission heute — dasselbe Russland in seinem bewussten Geistesleben sich abgeneigt erweist dem Menschen das Recht anzuerkennen von sich aus seinen Roman von der Unendlichkeit zu dichten, abgeneigt auch, die Freiheit des Menschengeistes zu dulden, die doch die Voraussetzung bildet zu jener höchsten Gerechtigkeit dem Menschen gegenüber, deren Pflichtgebot das künstlerische Russland dem alten Westeuropa so machtvoll verkündet.

Es wäre gut, wenn dieser Zusammenhang anerkannt würde hüben und drüben, — und seiner Erkenntnis die Wege zu ebnen, dazu und zu nichts anderem schreibe ich: denn einmal würde dann das national-überempfindliche Russland einsehen, dass es durchaus nicht lediglich Europas Kulturschuldner ist, und auch wenn es den Anspruch auf eine durchaus eigene Kultur aufgibt (und es gibt nur eine Kultur, und die besteht in der Rücksicht des Menschen auf den Menschen), und sich nicht mehr weigert das von Westeuropa anzunehmen, was Menschheitsbesitz für immer ist, und um das man nicht herumkommt ohne Schaden zu nehmen an der eigenen Kultur. Russland braucht sich nicht zu schämen, solches anzunehmen. Schon zahlt es mit vollen Händen heim an das alte Westeuropa, indem es uns in seiner wundervollen Wortkunst aufklärt darüber, dass das, wozu unsere Erkenntnis uns verpflichtet, zugleich auch das ist, was unsere Seele will, wenn sie frei ist: den Nächsten unschuldig wissen, um ihn lieben zu können!

Russland konnte das früher wissen wie wir, weil es noch träumt, noch Kind ist, während Europa lange schon erwachte und Kindheit und Traum vergaß. Nun ist aber der Traum meist nur Wünschen, und die Kindheit die Zeit, wo wir noch am meisten eins sind mit uns, noch nicht so abgelenkt von unserem eigentlichen Willen. Wenn nun Russlands Volksseele sich auslebte vornehmlich in Märchen und Gesängen und in tiefweisen Sitten, so deutet das doch auf ihre ganz besondere Anlage hin. Und wenn dasselbe Russland auch nach seinem Zusammenstoss mit Westeuropas Gedankenwelt ruhig fortfährt sein eigentliches Geistesleben in der Dichtung zu geben, so beweist das doch, dass die russische Volksseele ihre Ausdrucksmöglichkeit findet nicht in abstrakten Gedankengebilden, vielmehr vornehmlich in der Nachgestaltung des ganzen blühenden Lebens. Und wenn schließlich diese Selbstdeutung der russischen Seele, der russische Roman, fast von Anfang an an die Spitze der europäischen Wortkunst tritt, so beweist das doch, dass die russische Volksseele uns durchaus nichts Wesensfremdes ist, noch irgendwie von minder einzuschätzender Lebens fülle. Sie gibt ihr Gut nur in künstlerischer Form, sie will nichts wissen von den Gewalttaten, die der Gedanke dem Leben antut, sie liebt es, sich mit dem Leben als Ganzem auseinanderzusetzen. Das hat freilich seine großen Gefahren, aber man bleibt doch in Einheit mit sich selber, und gibt allen denen, die ihrer verlorenen Einheit nachjagen, ermutigendes Vorbild! Man muss nur dabei nicht glauben, dass deshalb, weil man sich selber mit der Welt als Ganzem auseinandersetzte, alle anderen zu ganz den gleichen Erkenntnissen kommen müssten, zu denen man selber gelangte. Dieser Glaube aber, der das bewusste, das schreibende Russland in so weitem Masse beherrscht, hat von Hause aus durchaus ferngelegen der russischen Seele. Und er liegt dem nichtpublizistischen Russland noch heute derart ferne, dass der russische Bauer, wenn der Hunger über ihn kommt, auf den Ofen kriecht und stirbt, ohne ein Wort geäußert zu haben über das, was ihn aufrecht erhielt im Leben; und dass das nicht Stumpfsinn war, weiß jeder, der mit ihm zu tun hatte, und den immer wieder einfache Worte tiefster Weisheit in Staunen versetzten.

Russland begreift das alte Europa bisher erst mit seiner empfindenden Seele und verleugnet es mit seinem Verstände. Und das kommt daher, dass man es zu früh aus seinem Traum erweckt hat, bevor es ihn noch zu Ende zu träumen vermochte, und ihm seines Traumes Bedeutung kund werden konnte. Im Kunstwerk hat aber Russland zum ersten Male letzten westeuropäischen Erkenntnissen vollendeten Ausdruck verliehen und ihnen so erst die Seelen erschlossen auf der ganzen von Menschen bewohnten Erde.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Das heutige Russland 1 - Tolstoi