Das große Blutbad in Hamburg. (1072.)

Aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, erzählt von
Autor: Beneke, Otto Aldabert Dr. (1812-1891) Hamburger Archivar, Historiker und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1854

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hansestadt Hamburg, Hamburger Geschichte, Sagen, Überlieferung, Altertum, Chroniken, Geschichten,
Diese Sage teilt Schlüter mit im Traktat von den Erben S. 619 aus einem Plattdeutschen Manuskript: „Passionat, der Heiligen Leben und Leiden." Die dort genannte Jahreszahl 837 ist unrichtig, es kann nur die doppelte Zerstörung Hamburgs im Jahre 1072 unter Kruko gemeint sein. Auch den Namen Baruch habe ich in Baruth geändert. — von Heß (Topographie. I. 400) erklärt sehr gezwungen blootlos für blütenlos.
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Um die Zeit, als Hamburg von den heidnischen Wenden erobert war und unter ihrer Zwingherrschaft litt, da hielt einer ihrer Fürsten auf der kaiserlichen Burg sein Hoflager, der hieß Baruth. Er war ein Feind der Christen, aber seine Frau hasste das Evangelium noch mehr, und verfolgte mit teuflischer Bosheit und Grausamkeit das Christentum; und sonderlich trieb sie ein ruchloses Gespötte über die Jungfrau Maria, die reine Mutter unsres Heilandes, von der sie nur in den lästerlichsten Ausdrücken gesprochen.

Und zur gerechten Strafe für solche Frevel hat es sich begeben, dass diese Wendische Tyrannin, nachdem sie zwei Jahre lang ihre nahe Entbindung vergebens erwartet, eine abscheuliche Missgeburt mit zwei Köpfen, Eselsohren und Bärentatzen zur Welt gebracht hat, und während der Geburt Todes verfahren ist. Das erschreckliche Kind aber hat zu Aller Entsetzen zu reden begonnen, und, gleichsam als Leichen-Sermon für die Mutter geschrien: meine Mutter ist tot, dem Teufel ist sie übergeben, in der Hölle begraben, der ewigen Verdammnis verfallen. Darnach ist der gräuliche Wechselbalg auch verschieden. Und das ist gewesen am Tage vor der heiligen Weihnacht.

Und als der Wendenfürst Baruth dies wahrgenommen, ist er in unbändigen Zorn wider die Christen entbrannt, vermeinend, dass sie solch Unheil über sein Haus durch Zauberkunst hervorgebracht, und hat alsogleich mit seinen Leuten die wehrlosen Christen meuchlings überfallen und Alles, Männer und Weiber, Alte und Junge niedermetzeln, oder in so grausamer Art, wie gar nicht zu sagen, zu Tode martern lassen. Und das Blutbad, das er angerichtet, ist so furchtbar groß in und um Hamburg gewesen, dass die Wenden mit ihren Pferden in dem Blute der Christen gestrauchelt sind, und das Christenblut durch alle Gassen und Winkel in Strömen geflossen ist, mit einziger Ausnahme eines kleinen engen Weges in der Vorstadt, in der Gegend der Neuen-Burg, da, wo nachmals die St. Nicolai-Kirche gebaut worden, — selbiger Weg ist ohne Blut geblieben.

Wie nun die Christen also gemartert sind, siehe, da hat sich eine Stimme vom Himmel vernehmen lassen, die sprach: „Leidet getrost und fürchtet Euch nicht vor der Heiden Tyrannei, denn Eure Namen sind geschrieben in dem Buche des Lebens und die Krone des Paradieses wartet auf Euch." Durch diese göttliche Stimme sind alsobald viele der heidnischen Wenden in sich gegangen und haben sich zu Christum bekehret, und haben mit den noch übrigen Christen die Märtyrerkrone erwählet, denn der Wendenfürst und seine Kriegsleute ruhten nicht eher, als bis der letzte Christ Gott preisend in sein Blut gesunken war.

Und als es nun Abend geworden und die heilige Weihnacht angebrochen war, und tiefes Schweigen und Finsternis das entsetzliche Blutbad und die zerstörte Stadt voller verstümmelter Leichen umhüllte, und die Heiden von ihrer Mordarbeit ruhten, da ist hoch am Himmel ein hellklarer Glanz erschienen und die Stimmen vieler Engel haben sich hören lassen, wie damals auf dem Felde bei Bethlehem: „Ehre sei Gott in der Höhe."

Der kleine Weg aber, der blutlos geblieben war, hat nachmals, als die Christen die Heiden wieder verjagt und Hamburg wieder neu erbauten, zum Andenken an dies Märtyrertum der Vorfahren, den Namen „blootloser Weg" erhalten. Und wie das Nicolai-Kirchspiel entstand und Häuser dahin kamen, blieb die Benennung „blootlose Twiete." Darnach wohnten viele Korbmacher dort, die sich einander die Nahrung wegnahmen, so dass Keiner sein Brot genügend fand; die nannten drum ihr Gässlein „die brotlose Twiete." Und lange Zeit hieß sie so, denn die Nachkommen hatten die Geschichten und Sagen der Vorfahren längst vergessen, und nach der Reformation gab man wenig auf Erinnerungen aus der katholischen Zeit. So hieß sie brotlose oder Korbmacher-Twiete, bis E. H. Rat ein Einsehen tat, und den alten rechten Namen mit großen Buchstaben an die Ecken der Twiete anschreiben hieß. Anno 1842 aber ist sie abgebrannt und nicht wieder aufgebaut, also für immer verschwunden. Drum wollen wir ihr Gedächtnis und das Andenken der Geschichte, die ihr die Namen gab, auf unsere Nachkommen zu bringen suchen.

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Beneke, Otto Aldabert Dr. (1812-1891) Hamburger Archivar, Historiker und Schriftsteller

Beneke, Otto Aldabert Dr. (1812-1891) Hamburger Archivar, Historiker und Schriftsteller