Brauchtum der Seeleute

Seemannslieder, Shanties, Arbeitslieder
Autor: Werner, Reinhold von (1825-1909) deutscher Vizeadmiral, Werftdirektor und Militärschriftsteller, Erscheinungsjahr: 1863

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Seefahrt, Brauchtum, Seemannslieder, Shanties, Shanty, Arbeitslieder, Schifferlieder
Aus: Reisebriefe über China Japan und Siam. Die Preußische Expedition nach China, Japan und Siam in den Jahren 1860, 1861 und 1862. Brockhaus 1863. Reinhold von Werner (1825-1909) deutscher Vizeadmiral und Militärschriftsteller

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Nach dem Geschichtenerzählen kommt zunächst das Liedersingen. Wenn es wahr ist, dass böse Menschen keine Lieder haben, so gehören die Seeleute zu den sehr guten. Sie besitzen deren genug, und wenn auch viele davon das Schicksal der meisten Opern teilen, bei denen der Text Nebensache ist, sind einige wieder recht gut. Den meisten Anklang finden jedoch die eigentlichen Seemannslieder, besonders wenn sie humoristischer Natur sind und recht viel technische Ausdrücke enthalten.

Der Matrose ist kein Logiker, und dies äußert sich auch in seinen Poesien, von denen manche ohne Vordersatz gleich mit einem Nachsatze anfangen. Als Probe führe ich den ersten Vers eines Favoritliedes an:

Denn, was ist wohl des Seemanns Leben,
Wie bald ist es um ihn geschehn!
Ein Seemann muss in Ängsten schweben,
Wenn andere Leut' zur Ruhe gehn.

Der Verfasser dieses rührenden Liedes soll ein poetischer helgoländer Fischer sein. Jedenfalls steckt der Kern des Pudels gleich im ersten Verse, und der Dichter sagt von vornherein, was ihm bei der Seefahrt am unangenehmsten ist, nämlich das Wachegehen. Darin stimme ich nun vollständig bei, namentlich hat aber die Hundewache (eine sehr treffende Bezeichnung) nachts von 12 - 4 Uhr etwas Degoutierendes für mich. Auf dieser Wache gehen merkwürdigerweise alle Uhren zu langsam, und die 4 Stunden sind endlos. Ach, wie froh war ich sonst, wenn ich bei Beendigung einer Reise sagen konnte: Gottlob! Heute gehst du die letzte Hundewache!

Ein guter Liedersänger an Bord genießt ebenso wie ein guter Erzähler bei seinen Kameraden ungefähr dasselbe Ansehen wie weiland Homer bei den alten Griechen. Ist er, wie häufig der Fall, ein Freund von Grog, so beeilen sich zehn, ihm einen Schluck ihrer Ration zu überlassen; dieser schenkt ihm eine Rolle Tabak, jener wäscht für ihn Zeug, und alle bestreben sich, ihm zu Gefallen zu leben.
Shantyman

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