Napoleonische Befreiungskriege

Blüchers Zug von Auerstedt bis Ratkau und Lübecks Schreckenstage (1806)

Autor: Horst Kohl (1855-1917), Erscheinungsjahr: 1912

Neuaufgelegt: 2007
ISBN: 978-3-938347-16-4
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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Gebhard Leberecht von Blücher, Lübeck, Auerstedt, Ratkau, Blüchers Zug, Preußen, Jena, Auerstedt

Inhaltsverzeichnis
  1. Blüchers Bericht an König Friedrich Wilhelm III.
  2. Bericht eines Stabsoffiziers des Blücherschen Korps über das Gefecht in und bei Lübeck am 6. November
  3. Vier Briefe Scharnhorsts
    1. An seinen Sohn Wilhelm (5. Nov. 1806)
    2. An seine Tochter Julie (7., 9., 11. Nov. 1806)
  4. Aus einem Schreiben Blüchers an den König
  5. Bericht Blüchers an die Immediatuntersuchungskommission vom 31. März 1808 (Abschnitt 2-4)
  6. Aus dem Gutachten der Immediatuntersuchungskommission (5. April 1810)
  7. Die Schlacht bei und in Lübeck (6. November 1806)
  8. Schlacht bei und in Lübeck (6. November 1806)
  9. Der schrecklichste Tag meines Lebens als Augenzeuge der Schlacht in Lübeck
  10. Brief des vormaligen Hauptmanns Villers an die Frau Gräfin Fanny von Beauharnais
von Jürgen Seidel

Das Ende war furchtbar. Nach der Doppelschlacht von Jena/Auerstedt, die übrigens genau 200 Jahre nach der preußischen Niederlage am 14. Oktober 2006 auf dem historischen Boden in Thüringen von rund 1.600 begeisterten Hobby-Soldaten aus militärhistorischen Vereinen aus 17 Nationen nachgestellt worden war, blieb den Besiegten nur noch die Flucht. Zu ihnen gehörte der schon 64-jährige, spätere Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher, damals allerdings noch im Range eines Generalleutnants. In der historischen Schlacht hatte der gebürtige Rostocker mit seinen Husaren tapfer gekämpft und blieb bei allem Hin und Her wie durch ein Wunder unverletzt. Nun wollten sie versuchen, sich nach Norden durchzuschlagen - heftig verfolgt durch französische Kavallerie.

Jetzt heißt es für die Preußen zuerst einmal ihren König zu retten. Blücher übernimmt das Kommando über die Leibschwadron von Friedrich Wilhelm III., dem Mann von Königin Luise, und bringt ihn aus der Gefahrenzone. Während in Preußen allenorts Festungen kampflos übergeben werden, ist für Blücher Kapitulation noch immer ein Fremdwort. Er will kämpfen. Manchmal hilft allerdings auch eine Kriegslist.

Erfundener Waffenstillstand
Blücher hatte sich an den übervorsichtigen General Graf von Kalckreuth angeschlossen, und gemeinsam mit ihm versuchten er und seine Truppen zunächst nach Sondershausen zu gelangen, wurden von den Reitern des General Lasalle bedrängt und sahen sich zugleich einer zweiten französischen Einheit gegenüber. Das Weitere erzählt kein Geringerer als Karl August Varnhagen van Ense in seiner Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals erschienenen Blücher-Biographie.

Die Lage war verzweifelt und erlaubte kein Bedenken. Sich durch die feindliche Übermacht durchzuschlagen mit den gemischten müden Truppen, erschien unmöglich, das Fußvolk wäre sogleich preiszugeben gewesen, die Reiterei mit ihren abgematteten Pferden in keinem Falle weit gekommen. Da beschloss Blücher, ein anderes Rettungsmittel zu versuchen. Er ritt mit einem Trompeter und einigen Offizieren zu den Franzosen heran und verlangte ihren Befehlshaber zu sprechen; dies wurde bewilligt, aber ihm sollten, damit er nicht die Stärke der Truppen sähe, die Augen verbunden werden; davon jedoch wollte er nichts hören: "So lang ich noch am Leben bin", rief er, "will ich auch sehen können!" und wehrte sich so gewaltig, dass man ihn zuletzt wirklich mit unverbundenen Augen durchließ. Als er so zu dem General Klein gelangt war, sprach er demselben von den Friedenseinleitungen, welche bereits wieder stattfänden und zu deren Behuf alle Feinseligkeiten eingestellt wären, schrieb van Ense.

Und tatsächlich ließ sich der französische General von diesem "Waffenstillstand" überzeugen und so konnten Blücher und seine Begleiter zunächst friedlich abziehen. Nur wenige Zeit später allerdings sahen sie sich dem Angriff des weniger leichtgläubigen französischen Marschalls Soult ausgesetzt.

Marsch durch Mecklenburg
Geplant war jetzt der Übergang über die Elbe bei Tangermünde. Danach sollten Blücher und seine Soldaten dem Gros der Hauptarmee Richtung Mecklenburg folgen - wegen der schwierigen Versorgungslage in dem dünn besiedelten Land in einem Abstand von 24 Stunden und auf einer westlicheren Route. Immer wieder musste Blücher kleinere Abwehrgefechte führen.

Am 28. Oktober 1806, abends erreichen Blücher, sein Stabschef Oberst Scharnhorst und ihr im wahrsten Sinne des Wortes "bunter Haufen" von rund 10 000 Mann die Gegend um Boitzenburg - letzte Station vor Prenzlau, wo der neue preußische Oberbefehlshaber Hohenlohe mit weiteren 10 000 Mann auf sie wartet. Doch die Franzosen waren Blücher längst wieder auf den Fersen und im Gefecht bei Lychen machte dieser zwar Gefangene, verlor aber auch einige seiner Offiziere. Auch Boitzenburg ist schon französisch. Am nächsten Morgen erfährt Blücher, dass Prenzlau aufgrund der Falschmeldung von einer angeblichen Umzingelung kapituliert hat.

Diese erneute Niederlage lässt die Moral weiter sinken und weitere Städte kapitulieren, darunter Pasewalk und Anklam. Aber wohin jetzt? "Mein Entschluss war bald gefasst. Statt rechts auf Prenzlau zu marschieren, marschierte ich in demselben Augenblicke links nach Strelitz ab. Ich hoffte", so schrieb Blücher später, "dort mich mit dem Weimarischen Korps zu vereinigen, mich dann Magdeburg zu nähern - und dem Feinde im Rücken zu operieren".

Allerdings müssen Blücher und Scharnhorst jetzt die eilig ausgerufene Neutralität Mecklenburgs verletzen. Am 29. Oktober 1806 kommen die erschöpften Soldaten und ihre Pferde in der Gegend um Feldberg an, zwei Tage später sind sie in Waren, wo man auf das gleichstarke Korps des Herzogs von Weimar trifft. Jetzt verfügt die einzige noch kämpfende preußische Truppe über insgesamt rund 21 000 Mann. Da Blüchers Vorhut bei Waren angegriffen wird, entschließt er sich zu einem Marsch auf Schwerin - den wirklichen französischen Angriff erwartet er zwischen dem Krakower und dem Schweriner See.

An dieser Stelle soll noch einmal sein Biograph Varnhagen van Ense zu Wort kommen: "Am 2. November ließ die Verfolgung nach, aber die Franzosen suchten längs der Elbe Blücher zuvorzukommen" Um Brot und Branntwein aus Schwerin zu erhalten, zog Blücher am 3. November in die Gegend dieser Stadt.

Allein auf dem Marsche von den Franzosen ereilt, mussten die Preußen bei Kriwitz (Crivitz, d.A.) ein hitziges Gefecht bestehen, worin die Reiterei zwar augenblicklichen Vorteil erlangte, jedoch den immer stärkeren Andrang des Feindes nicht hemmen konnte.

Eine Nacht in Schwerin
Das Gefecht endete erst in der Nacht bei dem Dorf Fähre (vor Schwerin, d. A.), die Franzosen rückten eine große Strecke vor und das Hauptquartier des Fürsten von Ponte-Corvo kam dem von Blücher auf einen halbe Stunde nahe. - Einziges Mittel, Zeit zu gewinnen und wieder Kraft und Proviant zu schöpfen, war es, sich zur nahen Hansestadt Lübeck durchzuschlagen - wo Rettung zu Schiff in Sicht schien.

Und so geschah es. Nachdem Blücher für eine Nacht im Hause auf der Krösnitz 36 Quartier genommen hatte, zogen die Preußen weiter und am 5. November in der Hansestadt ein - von Einwohnern und Rat keineswegs freundlich begrüßt.

Insgesamt haben Blücher und seine Leute seit der Niederlage von Jena/Auerstedt rund 700 Kilometer hinter sich gebracht: ohne zweckmäßige Kleidung, mit wenig Schlaf und Nahrung. Napoleon muss verärgert feststellen: dieser preußische Rückzug bindet ihm die halbe Armee.

Angst in Lübeck
Die neutralen Lübecker verweigerten Blücher zunächst jede Unterstützung. Doch gelingt es diesem, seine "Gastgeber", nicht ganz ohne Gewalt, umzustimmen. Eilig werden seine Soldaten einquartiert, die Stadt zur Festung erklärt. Und tatsächlich greifen die Franzosen bereits am nächsten Tag in aller Frühe an und besetzen am Nachmittag die Stadt. Scharnhorst wird gefangen, Blücher kann mit knapper Not zu seinen Husaren entkommen.

Am 7. November 1806 - 23 Tage nach der Niederlage von Jena/Auerstedt - kapituliert Blücher in dem zwischen Lübeck und Kiel gelegenen Dorf Ratkau. In die Kapitulationsurkunde schreibt er eigenhändig zur Begründung in seinem oft abenteuerlichen Deutsch: "Ich kapithullire weill ich kein brot und keine Muhnitsion nicht mehr Habe". Rund 8 000 Mann, vor allem die einfachen Soldaten, gehen in französische Gefangenschaft. Offiziere werden ausgetauscht und entlassen. Blücher selbst begab sich auf sein Ehrenwort zuerst nach Hamburg, vier Monate später wird er gegen einen gleichrangigen französischen General ausgetauscht.

Und auch für Mecklenburg begann damit die "Franzosentid".
Cover der Neuauflage

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"auf nach Paris"