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Seid herzlich willkommen, meine Leser, in den Hallen des Ruhmes-Tempels, hier aufgerichtet für die Vorkämpfer unsres Volks im Lande der Zukunft. Nur getrost hereingetreten, denn nicht ein fremdverbotenes Heiligtum betretet Ihr, sondern Eure Brüder sind es und Eure Väter, deren Name, Bild und Werk hier verzeichnet ist Euch zur Freude und zum Frommen, Männer, die mit denselben Beschwerden kämpften, wie Ihr, die nach denselben Zielen rangen, dieselben Leiden litten, derselben Freuden sich freuten, da sie als Deutsche mitarbeiteten, die amerikanische Nation zu dem zu machen, was sie sein soll. In weiteren Kreisen zwar als Ihr, und in größerem Maßstab zwar als wir haben sie gewirkt; höher begabt, in günstigere Umstände gestellt, oder aber mit andren Teilen der gemeinsamen Aufgabe beschäftigt - aber alle haben Amerika lieb gehabt als Land des frohen Schaffens und des mutigen Strebens, wo jeder Mann sein soll ein König von Gottes Gnaden, frei waltend als Mensch unter den Menschen.

Das Tier vervollkommt sich nicht, außer wo der Mensch es abrichtet oder züchtet. Wie vor Jahrtausenden so noch heute ernährt es sich von der gleichen Speise, wohnt in Höhlen oder Nestern nach der gleichen Weise, wandert im Kreislauf der Jahreszeiten die gleiche Reise. Nur dem Menschen ist es gegeben, von Geschlecht zu Geschlecht bessere Nahrung, Kleidung und Wohnung, vermehrte Kenntnisse der ihn umgebenden Natur, höhere Begriffe von Pflicht und Recht, schönere Formen, Farben und Töne zu finden. Und wenn auch mancher Menschenstamm in ewige Barbarei versunken zu sein scheint, so haben wir in dem amerikanischen Volke ein solches nicht gefunden und in Deutschland ein solches nicht verlassen. Das Land unsrer Väter ist ein Land des Fortschritts und das Land unsrer Kinder dasselbe in noch höherem Sinne des Worts. Seit tausend Jahren ist das deutsche Reich einer der großen Kulturstaaten dieser Welt gewesen, und die neue Welt, welche wir jetzt bewohnen, ist ja eben darum so lange verborgen geblieben, damit hier das Neue, ungehindert von den Ruinen und Bereicherungen des Alten sich frei und froh entfalte.


Das Tier ist nicht frei. Hegel nennt es: ,,die konkrete Angst Gottes“. Immer bleiben Hirsch und Hase Opfer der Jagd, werden Lamm und Stier zur Schlachtbank geführt. Nie wird das Ross den Reiter reiten, oder der kleinen Vögel sangreicher Chor dem Sperber zu widerstehen lernen, oder das Fischlein dem Hecht. Aber der Mensch, selbst wenn als Sklave geboren, kann doch frei werden, und wird es. In grauen Zeiten herrschten Pharaone und Nebukadnezars, Nimrode und Titanen als gewaltige Herren mit eiserner Rute. Es bezwang auch ein Volk das andre und legte ihm das schwere Joch auf den Nacken. Aber nicht immer blieb es so. Völker haben Treiber- Stecken zerbrochen, Sklaven ihre Ketten, und Leibeigene sind stimmberechtigte Bürger geworden. Und wer davon hörte, und wer davon las, dem erhab sich aus tiefster Brust das gemeinsame Bewusstsein menschlicher Würde, und freudig jauchzte er dem Unabhängigkeitskampfe zu. Denn der Mensch fühlt, daß frei zu werden seinem Wesen entspricht. Er soll es auch wissen. Auch du, o Leser, wenn du dieses Buches Blätter um schlägst, wirst von neuem inne werden, daß du aus einem nie von andren Völkern unterjochten zu einem nie von einem Menschen beherrschten Volke gekommen bist. Dann erneuerst du wohl den heiligen Schwur, daß du ihm helfen willst, frei zu machen, was noch gebunden ist, und zur höchsten Stufe der Freiheit zu führen, was noch auf der niederen steht.

Im Reich der Tiere ist kein Friede. Ein Kampf ums Dasein ist sein Leben immer, wo das Schwache dem Starken weicht. Nur für sich selbst sorgt jedes oder für sein Junges; aber das erwachsene Junge sorgt nie für das schwach gewordene Alte, noch das Gesunde für das Kranke. Anders ist der Mensch. Wenn der Dichter vom Erbarmen redet, so nennt er’s ein ,,menschlich Erbarmen“, aber ein Unmensch ist der Hartherzige, der Grausame. O, noch zu viel der Habsucht und Grausamkeit ist auch unter den Menschen! Helft, helft, daß es besser werde! Und es wird besser. Mildere Sitten sind gekommen und mildere Zeiten. Wir segnen Amerika und sein Volk, weil es duldsam ist und wohltätig, und weil es nicht von eroberungssüchtigen Bajonetten starrt. Und weil wir aus einem Lande kommen, das den Frieden hält, so lange es ihn halten kann, und von dessen Glocken gesungen wird, daß ,,Friede sei ihr erst Geläut“, so verbinden wir uns hier zu dem Gelübde und Bestreben, alle Schwerter zu Sicheln und alle steinernen Herzen fleischern machen zu helfen.

So tretet denn hervor, ihr hohen Gestalten deutsch-amerikanischer Vorkämpfer für Fortschritt, Freiheit und Friede! Ziehet vorüber in langer Reihe an unsrem Blicke zur Mahnung und zum Trost für uns, die wir streben sollen nach den höchsten Gütern der Menschheit. In der süßen Muttersprache redet zu uns vom Vaterland, dem teuren, wo die Wurzeln liegen der Kraft, wenn wir ihm uns anschließen, dafür zu leben und zu wirken, damit wenn einst wir, wie ihr vollendet den Lauf, wir nicht vergeblich gelebt.

Calvin College, im März 1888.

Rev. Dr. Herman Julius Ruetenik