Die Leidenschaftliche

Die grössten Leidenschaften Katharinas waren ihre Liebe zum Manne und ihre Ruhmessucht, verbunden mit einer Eitelkeit, die einer so genialen Natur schlecht zu Gesicht stand. Diese Eitelkeit liess sie viele Handlungen begehen, die besser unterblieben wären. Viele unnütze Kriege hätten vermieden und viel vergossenes Blut erspart werden können. Aber sie hatte die Genugtuung und das Glück, den Erfolg sich an ihre Fersen heften zu sehen. Ihre Fehler und Schwächen haben dennoch nicht vermocht, ihre Grösse zu verdunkeln. Unter allen Menschen, die die Bewunderung der Welt durch Genie, Macht, Fähigkeiten und Erfolge auf sich gezogen haben, wird Katharina von Russland immer eine der ersten Stellen einnehmen. Als Frau steht sie in der modernen Geschichte sogar einzig da; denn schwerlich wird man eine zweite finden, die so Grosses vollbracht, oder besser, unternommen hat, wie sie. Sie wollte stets herrschen, nicht nur in ihrem Lande, sondern auch ausserhalb, in der Meinung der Menschen, in der Meinung und im Ansehen ganz Europas. Und sie sorgte dafür, dass man sich mit ihrer Person beschäftigte, dass man sie pries und lobte. Leider war ihr oft selbst die niedrigste, in die Augen springendste Schmeichelei nicht zu schlecht zu diesem Zweck. Das wussten ihre Freunde und Vertrauten ganz genau. Wollte einer sich bei der Kaiserin besonders beliebt machen, so rieten ihm die Eingeweihten: «Schmeicheln Sie der Kaiserin, schmeicheln Sie, soviel Sie können, und Sie werden alles erreichen.» Diese Eitelkeit war es, die Katharina auch mit den berühmtesten Geistern der damaligen Zeit in persönliche Berührung brachte.

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Es galt für rühmlich, ein aufgeklärter Herrscher zu sein, sich mit den Führern der Geisteswelt zu umgeben. Katharina verfehlte deshalb nicht, gleich im Anfang ihrer Regierung diesen Punkt ins Auge zu fassen. Sie hätte um alles in der Welt in dieser Beziehung nichts ihrem genialen Rivalen Friedrich dem Grossen nachgeben wollen. Aber sie war freigebiger, verschwenderischer; sie belohnte die geleisteten Dienste königlicher und hatte daher auch einen grösseren Hof von Schmeichlern um sich. Ausserdem verstand sie es, ein gewisses Zartgefühl in ihre Freigebigkeit zu legen. Dem bedrängten Diderot kaufte sie seine Bibliothek ab und setzte ihn selbst zum Bibliothekar mit einem Jahresgehalt von 1000 Francs ein. Die Gastfreundschaft, die sie Grimm angedeihen liess, das Anerbieten, das sie d'Alembert machte, die in Frankreich bedrohte Enzyklopädie in Russland weiter zu veröffentlichen, sind schöne, vornehme Züge eines weitschauenden Geistes und grosszügigen Charakters. Aber auch ihnen fehlte nicht der Grundgedanke der Eitelkeit. Alle diese Menschen hatten in der öffentlichen Meinung eine Stimme. Sie verfehlten nicht, Katharina als die grosse Herrscherin des Ostens, die Vorkämpferin der Zivilisation in dem weiten russischen Reiche zu preisen. Sie aber liebte es ungemein, sich mit solchem Weihrauch zu umgeben. Sie besass das grösste Selbstbewusstsein ihres Ruhmes und wusste, wie man es machen musste, um ihn der Nachwelt zu überliefern. An Grimm, ihren eifrigsten Korrespondenten, schrieb sie einst: «Der Ruhm ist oft nur das Ergebnis eines Wortes, das gesät, einer Zeile, die hinzugefügt worden ist; die werden die Gelehrten suchen mit der Laterne in der Hand und werden mit der Nase darauf stossen und nichts davon begreifen, wenn es ihnen am Genie dazu fehlt. Ach, lieber Herr, ein Scheffel solchen Nachruhmes wiegt alle Rühmchen auf, von denen sie mir soviel vorreden.» – Sie konnte sich nicht beklagen. Die grossen Männer, deren Bibliotheken oder Uhren sie kaufte, oder die sie mit Wohltaten überschüttete, bemühten sich redlich, den Ruhm der Semiramis des Nordens durch ein «gesätes» Wort, eine «hinzugefügte Zeile», in Scheffeln auf die Nachwelt übergehen zu lassen. Immer enger und fester schnürte sie auf diese Weise das Band, das sie mit den Freidenkern des Okzidents verknüpfte.


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Dieses Kapitel ist Teil des Buches Berühmte Frauen der Weltgeschichte