Die Ehe

Ihre Ehe mit dem Herzog bedrückt sie anfangs sehr wenig. Mit Illusionen von Liebe und Treue ist Liselotte ja nicht nach Frankreich gekommen. So kann sie auch in dieser Hinsicht keine Enttäuschung erleben. Sie weiss, dass ihr Gemahl sie nicht aus Liebe oder Neigung geheiratet hat und auch mit der Zeit keine grosse Liebe oder Leidenschaft für sie empfinden wird. Sie weiss, dass Prinzessinnen-Ehen meist nur klug berechnete politische Pakte sind, und dass sie selbst von der Natur nichts mitbekommen hat, was einen Mann bezaubern kann. In ihren Briefen an den Geheimrat von Harling ist sie so offen, dass sie sogar den Herzog von Orléans in der ersten Zeit ihrer Vereinigung wegen seiner sichtbaren Kälte entschuldigt. Um Liebe oder auch nur Leidenschaft in einem Manne zu erwecken, dazu haben ihr, wie sie behauptet, alle weiblichen Reize des Gesichtes und auch des Körpers gefehlt. «Bin gar ein hässlich Schätzchen», schreibt sie einmal an die Tante Sophie; «bin eine wüste, hässliche Figur, habe aber das Glück, gar nicht danach zu fragen; denn ich begehre nicht, dass jemand verliebt vor mir sein solle.» – Aber was tut's? Ob sie nun hübsch oder hässlich ist, ihren guten Humor hat sie immer. Sie nimmt das Leben, wie es sich ihr bietet.

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Ebenso wie die Kindespflicht ihren Eltern gegenüber ist ihr die Pflicht gegen den Gatten Hauptbedingung. Die Ehe ist etwas Heiliges für sie, an dem man nicht rütteln darf. Und da sie nun Katholikin um ihres Mannes willen wurde, ist sie es auch in ihren Pflichten, ohne dass sie jedoch ihre schönen protestantischen Sprüche, Lieder und Lehren ganz vergisst. Tante Sophie und Ernst August höhnen sie oft in ihren Briefen, dass sie so gut katholisch geworden sei, aber Liselotte lässt sich nicht beirren und antwortet prompt: «Dass Euer Liebden und Onkel über mich lachen, dass ich so gut katholisch bin und so viel vom Sacrament der Ehe halte, so schlägt mir aber solches Sacrament gut an, um zu wünschen, dass es ewig währen möge und man kein Mittel finden möge, selbiges zu scheiden. Denn wer mich von Monsieur scheiden wollte, täte mir keinen Gefallen ...»

Also muss sie damals nicht so überaus unglücklich gewesen sein, wie es fast alle Biographien bis jetzt dargestellt haben. Da der Herzog von Orléans nun einmal ihr Gatte ist, liebt sie ihn auf ihre Weise. Ja, manchmal sogar beweist sie, die trotz allem ein sehr weiches, liebebedürftiges Herz hat, ihm ihre Zuneigung so zärtlich, dass Monsieur, dem im Gegenteil alle Beweise weiblicher Gunst lästig sind, ihr sagen muss, sie möge ihm weniger zeigen, wie lieb sie ihn habe. «Monsieur seelig», schrieb sie später nach seinem Tod, «war so importuniert, dass ich J. L. so lieb hatte und gern bei ihm sein wollte, dass er mich um Gotteswillen bat, ihn weniger zu lieben, dass es ihm gar zu importun wäre.» Weit mehr als seine Kälte betrübt Liselotte, dass er kaum lesen und schreiben kann, während sie selbst so viel schreibt und liest und nie genug bekommt. Immerhin tröstet sie sich damit, dass ja auch der grosse König, Ludwig XIV., ihr Idol, nicht besonders in diesen Dingen bewandert ist. Was übrigens die Herzogin von Orléans anfangs am meisten in Frankreich kritisiert, sind nicht die Ausschweifungen ihres Gatten, auch nicht die Sitten im allgemeinen am Hofe Ludwigs XIV. Damals begreift sie noch vieles nicht, worüber ihr später die Augen geöffnet werden, und wovon sie als reifere Frau in ihren Briefen so überaus genau unterrichtet ist. Die Beschwerden der jungen Liselotte beschränken sich im Anfang ihres Aufenthaltes in Paris hauptsächlich auf rein materielle Dinge, wie zum Beispiel das Essen. Die raffinierte französische Küche mit ihren tausenderlei Hors-d'œuvres, Entremets, Ragouts, Pastetchen, Saucen und Konfitüren sagt ihrem pfälzischen Gaumen nicht zu. Sie liebt derbere, kompaktere Kost, wovon man ihrer Meinung nach, «etwas hat». Ein Gericht Sauerkraut mit Pfälzer Würstchen, ein recht saftiger Schinken, ein Speck- oder Krautsalat, eine kräftige Biersuppe waren ihr tausendmal lieber als alle raffinierten Speisen, mit denen die Tafel Ludwigs täglich so reich besetzt war. «Ich habe mein teutsches Maul noch so auf die teutschen Speisen verleckert», schrieb sie an Frau von Harling, «dass ich kein einziges französisches Ragout leiden noch essen kann. Ich esse nur Rindfleisch, Kalbsbraten und Hammelschlegel, gebratenes Huhn, selten Feldhühner und nie Fasanen.» Und schliesslich setzt sie es durch, dass auch auf der Tafel des Königs ihre deutschen Gerichte erscheinen, die nach ihren eigenen Angaben von den Hofköchen zubereitet werden. Da Ludwig kein Kostverächter und ein starker Esser war, machte es ihm Vergnügen, auch die fremden Speisen, die ihm seine Schwägerin aus der Heimat vorsetzte, kennenzulernen. Aber kein Koch macht es Liselotte in dieser Beziehung recht. Die französischen Köche können eben doch nicht so gut kochen, wie zum Beispiel die in Heidelberg, meint sie. Am schlimmsten von allem erscheinen ihr die furchtbaren Getränke, die in Frankreich serviert werden, wie Schokolade, Kaffee, Tee! Von all diesem hatte sie bisher in Heidelberg keine Ahnung gehabt, und als man ihr in Paris diese Getränke vorsetzt, findet sie sie geradezu schauderhaft. Schokolade ist ihr viel zu weichlich, vom Kaffee behauptet sie, er röche wie stinkender Atem. Und da sie immer schnell mit drastisch vergleichenden Bildern zur Hand war, meint sie, der Erzbischof von Paris habe diesen Geruch aus dem Munde gehabt. Es sei ihr immer schlecht geworden, wenn er mit ihr gesprochen habe. Dasselbe geschehe ihr auch bei dem blossen Geruch des Kaffees. Den Tee aber verglich sie mit Heu und Mist.

Das alles waren kleine Sorgen und kleine Beschwerden, die Liselotte vorzubringen hatte. Die grossen harrten ihrer noch, denn bald sollte auch sie in die Intrigen mit hineingezogen werden, die an einem so galanten Hofe nicht ausbleiben können.

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In einer Umgebung, wo schöne, aber auch intrigante Frauen die Hauptrolle spielen, wo Giftmischerprozesse und Wunderkuren an der Tagesordnung sind, vermag die einfache Liselotte nicht lange im Vordergrund zu stehen. Zur Zeit, als sie an den Hof Ludwigs XIV. kam, war Madame de Montespan Gebieterin des königlichen Herzens und die sanfte Louise de La Vallière bereits im Kloster, um die Vergebung ihrer Sünden zu erlangen. Madame de Montespan war eine stolze, prachtliebende Schönheit. Ganz im Gegenteil zu ihrer bescheidenen Vorgängerin liebte sie es, sich mit Glanz und Reichtum zu umgeben und die Huldigungen einer wahren Königin zu empfangen. Noch mehr aber lobte man den Geist der Montespan. Immer wusste sie angenehm zu plaudern und mit einer Liebenswürdigkeit und Anmut sich zu geben, die ihren sonstigen Hochmut vergessen liessen.

Madame de Montespan war eine sieghafte Schönheit, die alle zur Bewunderung hinriss. Ihr Einfluss war ungeheuer, nicht nur auf den König, sondern auch auf die stille Königin. Sie war die Hoffnung und zugleich der Schrecken der Minister, Höflinge und Generale. Ihr Ehrgeiz kannte keine Grenzen. Er ging soweit, dass sie den König zwang, die sieben Kinder, die sie ihm schenkte, zu legitimieren und als «Kinder von Frankreich» wie die rechtmässigen Prinzen und Prinzessinnen seines Hofes erziehen zu lassen. Liselotte sagt von dieser stolzen Königsmätresse, sie sei viel ehrgeiziger als ausschweifend gewesen. Und damit hat sie recht. Louise de La Vallière hatte den König wie eine Geliebte geliebt, Frau von Maintenon liebte ihn wie eine Gouvernante, Frau von Montespan aber wie eine wahre Herrscherin!

Und doch kam für diese kluge, hochmütige und selbstbewusste Frau auch eine Zeit, in der sie kleingläubig in Hinsicht auf die Liebe des Königs wurde. Nicht selten nahm sie dann ihre Zuflucht zu Zauberinnen, Wahrsagerinnen und Giftmischerinnen, an deren Wundertaten sie mit aller Inbrunst als Kind ihrer Zeit glaubte; denn sie war abergläubisch und unwissend.

Nicht lange, nachdem die neue Herzogin von Orléans an den Hof Ludwigs gekommen war, etwa im Jahre 1676, begann Frau von Montespans Stern durch die Erzieherin ihrer Kinder zu verdunkeln. Sie fühlte, wie die Liebe des Königs zu ihr immer mehr erkaltete.

Alles stimmte übrigens überein, den König in den Strudel eines üppigen Lebens mit fortzureissen: der grosse Reichtum und Glanz seines verschwenderischen Hofes, die wunderbar schönen Frauen, die ihn in Menge umgaben und umschwärmten, die körperliche Gesundheit und Schönheit des Königs selbst, seine zwar gutmütige, aber reizlose Gemahlin, die ganze vergnügenheischende Lebensart von Paris, die raffinierten Intrigen der Frauen, die bewirkten, dass eine Hofdame nach der anderen sich die Gunst des jungen Königs zu erringen suchte. Auch die grosse Bereitwilligkeit der Priester und der Mütter junger Töchter, Ludwig XIV. für eine Pfründe oder ein königliches Geschenk eine neue junge Schönheit in die Arme zu führen, trug dazu bei, ihn in ein Leben voll Vergnügen und Sinnlichkeit zu stürzen.

Seine Prachtliebe überschritt alles, was man in Frankreich bisher gesehen hatte. Die königlichen Gastmähler übertrafen an Eleganz, Schönheit und fürstlichem Pomp alles, was die Geschichte aus alten Zeiten von dergleichen Verschwendungen an anderen Höfen aufgezeichnet hat. Obgleich der ruhige Bürger des Staates über einen Aufwand seufzte, der dem Reiche nicht anders als verderblich werden konnte, bewunderte er doch des Königs guten Geschmack und war geschmeichelt davon. Die Säle von Versailles und Saint-Cloud waren mit den herrlichsten Kostbarkeiten angefüllt. Alles, Spiegel, Kronleuchter, Kunstgegenstände, seidene und goldene Stoffe an den Wänden und über den Möbeln waren von einer Pracht, die an die Schätze des Orients erinnerte. In diesen kostbaren Räumen bewegte sich der König mit einer Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit, die alle bezauberte. Man liebte auch an ihm die unverstellte Offenheit und Geradheit seines Charakters, die besonders Liselotte zu schätzen wusste. Nie erniedrigte sich Ludwig zu einer hinterlistigen Handlung oder einer Intrige, wie sie leider in seiner Umgebung alltäglich waren. Seine Mätressen und Günstlinge missbrauchten diese Herzensgüte oft schändlich und wandten sie zum Verderben des Staates an.

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Liselotte öffnet weit die Augen vor diesem Leben, das für sie neu und doch nicht reizlos ist. Nie hat sie nur annähernd Aehnliches gesehen oder erlebt. Mit der Verfeinerung und künstlichen Politur französischer Umgangsformen ist sie nicht vertraut. Es scheint ihr alles unecht, und deshalb bleibt sie scheu im Hintergrunde stehen. Von allen Intrigen hält sie sich fern. Sie ist jederzeit fest entschlossen, sich in nichts zu mischen, was ihre Augen auch sehen und ihre Ohren auch hören mögen. Und dieser Grundsatz hat sich schon sehr früh in ihrem biederen Herzen eingeprägt. So vermag man sie auch nie zu irgendeiner Intrige zu bewegen, obwohl sie dadurch am Hofe des von Frauen beherrschten Königs die einflussreichste Stellung hätte einnehmen können. Die kluge Frau von Montespan, mit der Liselotte sich oft über die Hofkabalen unterhält, wirft ihr mehr als einmal vor, sie besitze nicht den geringsten Ehrgeiz, denn sie kümmere sich um nichts, was am Hofe und in den Regierungskreisen vorginge. Aber gerade sie würde sich dadurch die grössten Ehren verschaffen können, da der König sie ja sichtlich auszeichne. Liselotte lächelt und sagt, nein, sie wolle mit solchen Dingen nichts zu tun haben, und es sei ihr vom Grunde ihres Herzens aus verhasst, auf dem Wege der Intrige etwas zu erreichen. – «Nun», antwortet Frau von Montespan, «Sie sind eben eigensinnig.» – «Nein, Madame», erwidert schlicht die Herzogin, «aber ich liebe meine Ruhe und halte allen Ihren Ehrgeiz für reine Eitelkeit!» –

Eine so natürlich veranlagte Frau wie Liselotte ist am Hofe von Versailles eine ungewohnte Erscheinung. Aber es fehlt ihr auch jedes Geschick, sich durch die hundertmal verschlungenen Wege dieses Hoflebens hindurchzuwinden. Zwar haben sie und ihr Gemahl einen eigenen kleinen Hof für sich, eigentlich aber leben sie am Hofe Ludwigs XIV., nach dessen Befehlen und Wünschen, Lebensgewohnheiten und Launen sie sich zu richten haben. So führen sie ihr Dasein zwischen Versailles und Saint-Germain. Kaum zwei Monate im Jahre sind sie wirklich frei und dürfen sich auf ihre eigenen Schlösser entweder nach Saint-Cloud oder nach dem Palais-Royal oder Villers-Cotterets zurückziehen.



Das Geheimnis des Glücks in der Liebe
ISBN: 978-3-939198-38-3
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Dieses Kapitel ist Teil des Buches Berühmte Frauen der Weltgeschichte
Liselotte von der Pfalz Herzogin von Orléans

Liselotte von der Pfalz Herzogin von Orléans

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