Berliner und Hamburger Damen

Aus: Berlin und Hamburg oder Briefe aus dem Leben. Band 1
Autor: Loebell, Isidor Sigmund (1808-1875) deutscher Journalis, Erscheinungsjahr: 1836
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hamburg, Hamburgerin, Berlin, Berlinerin, Sittenbild, Kulturbild, Chrarakter
Ach, du lieber Himmel, was fällt Einem nicht Alles ein, wenn man so daran denkt, wie der Aufenthalt in verschiedenen Städten den Menschen ganz anders stimmen kann! Alles ist anders! die Straßen, die Menschen, die Häuser, ja sogar das schöne Geschlecht, die Damen!
Eine Hamburgerin und eine Berlinerin! welch eine Parallele lässt sich nicht zwischen diesen ziehen? —

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Ich muss gestehen, dass ich bei Damen überaus gerne Parallelen ziehe; überhaupt ist mit einer Dame der parallele Weg immer der beste, denn wo sich zwei Linien kreuzen, sind die Damen gewöhnlich ohne Fassung.

Aber eine Berlinerin und Hamburgerin! welch' ein Unterschied! Eine Berlinerin und eine Hamburgerin sind sich entfernter als 40 Preußische Postmeilen, sie sind himmelweit von einander, sie sind beide gewiss nicht zu verachten; und wäre mir das Unglück beschieden mit Beiden leben, zu müssen, so würde ich mir folgende Einteilung machen:

Ich würde sie erstlich nach den Monden einteilen.
Etwa: die Hamburgerin den Winter hindurch, die Berlinerin des Sommers.

Eine Hamburgerin ist des Sommers zu Nichts zu gebrauchen, ewig ist sie müde, ewig matt, und ihre flachen Hände glühen förmlich vor Müdigkeit. Des Sommers möchte sie nichts, als dass man zu ihren Füßen liege, damit man ihr fern bleibe; des Sommers ist's ihr immer zu heiß, jedes Schnürleib und kleidet es sie noch so graziös, ist ihr unausstehlich. Hat sie aber das Schnürleib angelegt, so kann sie kaum sprechen, und auf die feurigsten Worte sagt sie nichts, als: ach, wie warm. Des Winters aber ist der wärmste Ofen nicht so kapital, wie eine Hamburgerin. Im Winter kann man ihre Taille mit den Händen umspannen, und wenn man zufällig den Mund auf ihren Nacken legt, dann strömt einem eine so wohltätige Glut durch alle Adern ins Herz, dass man halb verrückt werden kann. Und wenn man nun gar in den Armen einer Hamburgerin liegt, dann fühlt man erst recht, wie wenig Winter des Winters in solcher Hamburgerin steckt.

Eine Berlinerin hingegen ist des Winters (eigentlich) unausstehlich. *) Einer Berlinerin ist im Winter ewig kalt, immer und ewig hat sie eine weihnachtliche Dezember-Nase, bis in das Innerste der Seele sind die Berlinerinnen gefroren, ja selbst ihre wehmütigsten Tränen sind des Winters eingefroren. Des Winters sinnt und denkt eine Berlinerin weiter Nichts als Tanzen und wieder Tanzen und moderne Ballanzüge.

*) Verzeih’, schöne Leserin, ich meine nicht Dich! d. V.

Eine Berlinerin im Winter ist eine kalte Schale aus patriotischem Weißbier, ohne Gewürz, kurz ungenießbar. — Aber des Sommers! Ach du mein juter Jott! Was sind die Berlinerinnen im Sommer nicht angenehm! Ein nanziges jrünes Blatt, macht sie selig-glücklich; — und erst in der freien Natur, da sind sie so schwärmerisch und phantastisch, so vergessend und hingebend, so hinfällig und in die Arme sinkend, dass einem armen unschuldigen Menschen der Mund recht nach ihnen wässert!

Des Sommers sind die Berlinerinnen ewig aufgelöst, wie ein Stück Zucker im warmen Wasser; — und so zahm, dass man sie mit den Händen greifen kann. Ja, ja, eine Berlinerin im Sommer und eine Hamburgerin im Winter, welch herrlicher Genuss! — Sollte ich meine Einteilung spezieller machen, und müsste ich mit Berlinerinnen und Hamburgerinnen schneller wechseln, so würde ich sie nach den Wochen einteilen.

Stände z. B. Mondschein im Kalender, dann nähme ich die Berlinerin, in dunkeln Abenden aber eine Hamburgerin. Bei Mondschein sind die Berlinerinnen gar zu ergiebig und anziehend, was sich mit den Händen nicht fühlen lässt, kann man mit dem Herzen fühlen, und eine Berlinerin ist eigentlich nicht mit den Händen zu fühlen, gemeinhin verliert man sie unter den Fingern. — Aber eine große Seele, haben die Berlinerinnen, das lassen sie sich nicht nehmen; eine große Seele, das hört jede Berlinerin gerne, gar zu gerne, — und hat man erst die Seele einer Berlinerin, dann humpelt auch das Körperchen nach. Die Seele aber fangt man nur im Mondschein, darum ist nichts so ergiebig und anziehend, als eine Berlinerin im Mondschein! —

Einer Hamburgerin hingegen ist der Mond zu hell, bei ihr ist mit dem Herzen und mit der Seele nicht viel zu fühlen, aber mit den Händen — und ach, — eine pechdunkle Nacht und eine Hamburgerin, das passt ja, wie Kaviar und Port-Wein!

In einer mondhellen Nacht ist eine Hamburgerin zu vernünftig, eine Berlinerin hingegen ist in solcher Nacht so gefühlvoll, dass sie gar nicht fühlt was man Alles fühlt — — — Ja, ja, eine Hamburgerin im Dunkeln, und eine melancholische Berlinerin in einer mondhellen Nacht! welche Seligkeit?!

Gesetzt aber, ich müsste Beiden in noch kleineren Terminen die Cour machen, dann teilte ich sie mir in Tagen, und zwar: Die Hamburgerin in Sonn- und Feier-, und die Berlinerin in Werktagen.
In Werktagen ist eine Hamburgerin nicht viel zu sprechen, sie hat, oder macht sich viel zu tun. Wirtschaft und wieder Wirtschaft, ewig wirtschaftet sie, dann hat sie alle Sinne beisammen und es gehört schon was dazu, sie ein wenig aus dem gewohnten Gleise zu bringen.

An Sonn- und Feiertagen aber ist sie frei, sie geht wirklich müßig, weil sie sich schämt eine quasi-Beschäftigung vorzunehmen. An Sonn- und Feiertagen spricht sie ganz anders, sie nimmt sich Zelt ein wenig schwermütig zu werden; sie lässt sich in ein weitläufiges Gerede ein, denkt nicht zu viel ans Spazierengehen und bleibt wohl mit einem ein paar Stündchen gern allein! —

Eine Berlinerin hingegen ist in Werktagen ewig nicht recht gescheut, wollte sagen nicht recht wohl, geht im halben Negligee, und lässt aus einer schon angewohnten Vernachlässigung oder Unwohlsein, bald diese, bald jene Schulter aus dem Negligee-Kleide hervorlauschen; sie lässt sich auch allenfalls den Puls fühlen, ob sie nicht bald sterben werde! Wird man etwas dreister, so wehrt sie nur schwach und kränklich den Stürmischen ab. — Sie bekommt Hitze und lüftet das Busentuch (d. h. nur zufällig) ach, sie spricht und denkt so viel von Sterben, dass sie gar kein fleischlicher Verdacht treffen kann, wenn auch vor Sterbesehnsucht das Kleid hinten nicht zugehakt ist und sich Ösen und Haken gegenüber recht wehmütig ansehen.

Hingegen hat eine Berlinerin an Werktagen einen gewissen Anstrich von Modernität, die auch bei der höchsten Göttlichkeit so fleischlich-irdisch ist. Kurz an Werkeltagen ist eine Berlinerin recht genießbar.

An Sonn- und Feiertagen ist es aber mit einer Berlinerin nicht zum Auskommen. Da zieht sie sich bis 2 Uhr Mittags ein Kleid nach dem andern an, und schnürt sich so zusammen, dass ihr die weitläufige Seele bis auf die Nasenspitze kommt; und wenn sie ausgeht, ist sie so hüppericht und luftreich, dass man sie kaum halten kann.

Es gibt nichts Schöneres, als eine Berlinerin an Werk- und eine Hamburgerin an Sonn- und Feiertagen.

Endlich aber möchte ich sie im Notfall auch auf Tageszeiten einteilen. Am Morgen ist eine Berlinerin höchst gleichgültig; ohne Toilette ist sie eine Schlafmütze mit müden Augen, sie wagt es kaum sie aufzuschlagen.

Eine Hamburgerin hingegen ist des Morgens frisch, wie ein eben ausgeschältes Ei. Des Morgens ist eine Hamburgerin voll Freundlichkeit, voll Wärme und Innigkeit.

Des Mittags ist eine Berlinerin schon halb krank, und seufzt und wird sehnsüchtig und beginnt zu ihrer rührenden Lektüre so Gottergeben Zuflucht zu nehmen, dass sie ihren Körper zu ordnen vergisst und ist wirre und negligee-schön.

Eine Hamburgerin hingegen ist beschäftigt bis über beide Ohren, und was das Ärgste ist — sie hat Hunger. Nein, nichts ist so fürchterlich, als der Hunger einer Hamburgerin! da ist die grässlichste Prosa zu Hause, da ist des Mittags gar nicht anzukommen! —

Des Abends ist wieder die Berlinerin Matador; sie ruht jetzt vom Faulenzen ein wenig aus, und legt die Händchen in den Schoß; — dann phantasiert sie und weiß absolut nicht, was man mit ihr beginnt. Sie ist abgespannt von der Tageslast und lässt sich gemütlich-weich von jedem ausspannen, — und ach, die Sterne, wenn sie sich an die Sterne richtet, dann ist das Maß wirklich voll.

Eine Hamburgerin hingegen ist am Abend wirklich müde und ein wenig verdrießlich; des Abends kommt man ihr selten recht; am Abend hat sie noch dies oder das zu besorgen vergessen und sie schwindet einem unter den Händen fort!

Aber endlich des Nachts! Ach hier müssen wieder Gedankenstriche stehen! — — — — — — —
Badefreuden am Ostseestrand

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Badeszene im Badehaus

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Morgentoilette

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Honigmond

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Das Rendez-vous

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Idylle

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Liebesbriefe

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