Bingen

Bingen, 21. Sept.

Da sitzen wir nun hier seit gestern mittag im weißen Roß, übrigens ganz wohl ausgehoben. Ich sehe bald den Mäusthurm an, bald die mir gegenüber liegenden Ruinen der Burg Ehrenfels und bald den wankelmütigen Himmel, der in einer Stunde Regen und Sonnenschein, Sturm, Donner und Blitz auf einander folgen läßt, so daß ich wohl sagen kann: wir haben eigentlich gar kein Wetter, sondern etwas von Allem, was ich gar nicht zu brauchen weiß.
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Unsre Fahrt bis hieher ging vortrefflich, schon vor sechs Uhr Morgens waren wir mit unsrer Gesellschaft am Hafen. Da gab es einen Wirrwarr, ein Laufen, ein Rufen, ehe die vielen Personen und das Gepäck eingeschifft wurden, als ginge es wenigstens bis Amerika. Alles dies erinnerte mich an mein früheres Leben in großen Seestädten und belustigte mich nicht wenig. Auch die Jacht gefiel mir; sie ist wirklich ein Schiff mit Mastbaum, Segel und Steuer, mit einer Kajüte, einem Schiffsraum, sogar mit einer kleinen Küche, in welcher Kaffee gekocht wird, und gleicht im Kleinen den englischen Paketbooten zweischen Dover und Calais.

Die Menge der Passagiere war zu groß, als daß alle in der Jacht Platz gefunden hätten, denn sie bestand aus nahe an hundert Personen; daher mußte ein Beiboot herbeigeschafft und an der Seite derselben befestigt werden. Endlich war alles in Ordnung, und wir gingen unter Segel, gerade im Moment, als die Sonne aus den Wogen glühend emporstieg und ein Meer von Gold über sie ausgoß. Scheu, wie nächtliche Gespenster, rollten die Nebel sich zusammen und flohen vor der Himmelskönigin. Bald lag, vom Morgenstrahl geröthet, Bibrich vor uns, mit seinem schönen Schloß; hinter uns funkelten die hohen Thürme von Mainz. Je weiter wir kamen, je herrlicher ward alles; der breite Strom trug uns durch ein blühendes Paradies um grünende Inseln herum; alles athmete Lust und Freude.

Nie sah ich eine anmuthigere Gegend, jeder Augenblick gewährt den Anblick einer neuen schönen Landschaft. Große Schlösser, freundliche Landhäuser, zierliche Dörfer und Städtchen spiegeln sich in den Wellen, dicht an das Ufer gelagert, zwischen ihnen die Rebenhügel, die reichen Obstgärten; hin und wieder blicken ehrwürdige Trümmer einer Burg oder ein altes Kloster von hohen Bergen hinab. Wir kamen dem Johannesberg vorbei, auf dessen Terrassen die Reben emporsteigen, bis zu dem weiß glänzenden Schlosse, das seinen Gipfel krönt. Auf einer beträchtlichen Höhe, ihm schräge gegenüber, am linken Ufer, schimmert als Gegenstück die ebenfalls weiße Rochuskapelle. Ueberhaupt sind alle Gebäude in diesen Gegenden weiß, was ihnen ein gar freundliches Ansehen giebt. Bald schifften wir nun Rüdesheim vorbei, seinen schönen Rebenhügeln, seiner ehrwürdigen alten Burg und erblickten das gegenüber lie-gende Bingen im Schatten der hohen Felsen, von deren Gipfel die Ruine des Raubschlosses Klopp düster herabblickt.

Jetzt begriff ich recht wohl, warum man in Mainz so unbarmherzig über meine Furcht vor dem Jachtschiff gespottet hatte. Ich befand mich wahrend der nur vier Stunden langen Reise recht wohl darauf, bald im Beiboote, bald auf dem sehr geräumigen Verdecke der Jacht, je nachdem die Aussicht mich dieser oder jener Seite zog. Außer unsrer Gesell-fchaft waren unsre übrigen Reisegefährten Kaufleute, die von der Frankfurter Messe zurückkamen, Geistliche, Beamte, Gutsbesitzer aus der Gegend, zum Theil mit ihren Frauen und Töchtern. Alle waren höflich und bereit zu jeder kleinen Hülfsleistung gegen uns und unter einander. Die Einheimischen beeiferten sich, den Fremden jeden Ort zu nennen, dem wir vorüber kamen, und stille ruhige Heiterkeit belebte die ganze Gesellschaft. So war es auf dem Verdecke. Wie es in der Kajüte zuging, weiß ich nicht; ich sah Wolken von Tabaksdampf aus den Fenstern derselben ziehen, und wagte mich also gar nicht hinunter. Bei schönem Wetter, wo man im Freien bleiben kann, ist die Jachtfahrt gewiß recht angenehm und dabei unglaublich wohlfeil; bei Regen und Gewitter thut man ohnehin am bestens die ganze Reise zu unterlassen.

So wie wir in Bingen landeten, eilte die Gesellschaft zu der sie schon erwartenden Mittagstafel, weil sie in einer Stunde weiter gehen mußte, um Koblenz zu erreichen. Wir aber trennten uns von ihr und unseren freundlichen Begleitern aus Mainz, um uns fürs erste im Gasthof, wo wir die Nacht bleiben wollten, ein wenig häuslich einzurichten. Es war noch nicht elf Uhr, wir hatten also vor Tische Zeit genug übrig, um die Ruine des Schlosse Klopp zu besuchen.

Sie liegt auf dem Gipfel eines Weinberges der, hoch und steil, sich dicht hinter Bingen erhebt, und dessen jetziger Besitzer, überrall zwischen den Reben sehr anmuthige, mit Blumen und Bäumen geschmückte Spaziergänge anlegte, welche zu den schönsten Aussichten führen. Bei jeder findet man ein bequemes Plätzchen zum Ausruhen. Unter diesen gefiel mir vor allen ein kleies Kabinet, gerade am schönsten Punkt der ganzen Gegend. Duftende Blumen und eine unweit davon angebrachte Aeolsharfe sind die nächsten Umgebungen des kleinen traulichen Zimmers, welches eine gewählte Sammlung unsrer besten Dichtung ein beauemes Sopha und einen wohl besorgten Schreibtisch enthält. Es ist ein so anmuthiges ruhiges Plätzchen, daß es mir schien, als brauche ich gar nichts mehr von der Welt, wenn dieses Kabinetchen nur mein wäre.

Hier übersah ich nun recht Bingens ganze herrliche Lage. Rechts überblickt man die lachendste, vom Rhein durströmte Landschaft, einige seiner Inseln, die unzähligen Ortschaften des Rheingaus, die Rebenhügel, den Johannesberg bis zu den blau däm-mernden Felsen bei Heidelberg und den fernen Melibocus. Zur linken Seite verliert sich der Rhein in ewig-dunkle Schatten hoher waldgekrönter Felsens hier ist alles erhaben und groß, wie dort anmuthig und heiter. Hatto's Thurm steht da, stets umtobt von der wilden Brandung, mitten in den Fluthen, ihm gegenüber sieht man die leichten Nachen, wie im Tanz, dem immer kreisenden Wirbel des Bingerloches vorüberschweben, und sich bald darauf in dunkeln Felsenklüften verlieren. Seitwärts dem wundersamen Mäusethurm strömt die Nahe aus ihrem romantischen Thal in den Rhein; eine schöne Brücke wölbt sich über sie hin. Gerade Bingen gegenüber streckt sich der hohe Rüdesheimer Berg lang an und ihn krönt der Niederwald, durch dessen dunkles Laub die weißen Säulen eines Tempels hervorschimmern, und an seinem Abhange wächst der berühmte Rüdesheimer Wein. Rüdesheim mit seyner uralten Römerburg liegt am Fuße dieses Berges, dem Rheingau zu. Auf der andern Seite erheben sich in ziemlich beträchtlicher Höhe die pittoresken Trümmer der Burg Ehrenfels, und gegenüber hoch auf dem Binger Berge, von dessen Abhange ich alles dieses überschaute, stehen die alten Mauern und Thürme des Schlosses Klopp, von denen man dieselbe Gegend noch ausgebreiteter vor sich liegen sieht.

Den Nachmittag bestiegen wir die Anhöhe, auf welcher die seit kurzem wieder hergestellte Rochuskapelle liegt. Sie könnte wohl für eine kleine Kirche gelten, so groß ist sie. In der Mitte des Augusts, am St. Rochus-Tage, wallfahrten mehr als zehntausend Menschen aus der umliegenden Gegend zu ihr hinauf, und dienen Gott mit fröhlichem Herzen. Denn dieses fromme Fest ist zugleich ein Volksfest, an welchem alles Theil nimmt und von dessen Freuden das ganze Jahr hindurch so lange gesprochen wird, bis der ersehnte Tag im Wechsel der Zeit wiederkehrt. Auch wüßte ich keinen Platz, an dem man zugleich fröhlicher und frömmer sein könnte, als diesen, wo die Welt so herrlich um uns her liegt, geschmückt mit allen Gaben der gütigen Natur.

Heute Morgen wollten wir den Niederwald besteigen, aber das wunderliche Wetter erlaubte dies nicht; doch benutzten wir ein paar sonnige Nachmittagsstunden, um nach Rüdesheim hinüber zu schiffen. Zuerst besuchten wir die alte Burg, die am äußersten Ende des freundlichen Dorfes hart am Rhein liegt. Die felsenfesten Mauern, die ganze Bauart des Grundes bezeugen noch ihre uralte Entstehung zu der Zeit der Römer, die hier ein festes Kastell hatten. Spätere Jahrhunderte fügten die Säulen, die gothischen Thürme und Gewölbe hinzu, welche uns heut zu Tage als pittoreske Trümmer erscheinen. Ihr jetziger Besitzer, der Graf von Ingelheim, schmückte das alte Gebäude auf die schonendste Weise, ohne dessen ehrwürdiges alterthümliches Ansehen im mindesten zu verletzen, und schuf daraus eine Wohnung, wie ich mir die einer wohlthätigen Zauberin, etwa der Frau Minnetrost denke. Ein viereckiger, von hohen uralten Mauern umgebner düsterer Hof bildet den Eingang. Durch enge spaltenartige Thüren gelangt man zu schmalen steinernen Treppen, und ehe man sich es versieht, steht man in einem schön geschmückten Saal, dessen hohe gothische Bogenfenster uns die Aussicht in ein Paradies öffnen. Dunkle, vom Rauch der Wachfeuer geschwärzte Gewölbe führen in freundliche Wohnzimmer, in zierliche Kabinette, und außen merkt man den alten Trümmern von allem diesem nichts an. Oben auf den Zinnen der Türme und Mauern blühen Blumen; die üppig am Abhang des Berges wachsenden Reben ranken bis zu den höchsten Zinnen der Burg empor, leichte Brücken führen über Abgründe, von einem Thurm zum andern, von einer Abtheilung des Gemäuers zur andern; das Ganze gleicht einem Traume, der die wunderbarsten, durch Jahrhunderte von einander geschiedenen Gegenstände vereinigt.

Noch eine Burg des Mittelalters, das Stammhaus der längst verloschnen Familie von Brömser liegt mitten in Rüdesheim. Nur ein Teil desselben steht noch in seinem alterthümlichen Zustande, begränzt von einem neueren Schlosse, welches bewohnt wird. In der alten Kapelle zeigte man uns eine Reihe Familienbilder der ehemaligen Herren von Brömser und ihrer Gemahlinnen, alte Rüstungen, manches mit Schnitzwerk verzierte Hausgeräth aus dem Mittelalter, und ähnliche Dinge, denen zum Teil nur ihr hohes Alter Werth giebt. Die alten Ritter und Damen schauten gar wunderlich von der Wand auf den geputzten Lakeien, der uns herumführte; mitten unter ihnen hängt das Gemälde eines unglücklichen Fräuleins Jutta von Brömser, deren trübes Geschick noch immer im Munde hiesiger Landleute und Fischer lebt. Sie wohnte auf der, ebenfalls der Familie Brömser von Rüdesheim gehörigen, Burg Ehrenfels. Ihr Vater, der während der Kreuzzüge mit nach Palästina gegangen war, verlobte dort in einer großen Gefahr sein einziges Kind dem Himmel, nicht ahnend, daß dieses indessen zu Hause einem jungen Ritter das Gelübde treuer Liebe that. Jutta vernahm bei des Vaters Heimkunft ihre unabwendbar-traurige Bestimmung, und bat nur, ihren Ge-liebten noch einmal sehen zu dürfen, um von ihm Abschied zu nehmen. An dem zu dieser traurigen Zusammenkunft bestimmten Tage schmückte sie sich aufs köstlichste wie eine Braut; der Ritter schied, Jutta sah ihm vom hohen Söller des Schlosses nach, so weit sie konnte, und sprang dann hinab in den tiefen kalten Rhein, auf welchem die Fischer in stür-mischen Nächten sie oft mit Grausen noch hinschweben sehen. Sieht sie ihrem Bilde ähnlich, so mag der Anblick fürchterlich genug seyn, aber hoffentlich that der alte Pfuscher von Maler ihr Unrecht, der diese Vogelscheuche aus ihr machte.

Auch ein paar gewaltig große Ochsenhörner hängen als geheiligter Gegenstand der Verehrung in dieser Kapelle. Mit ihnen grub ihr ehemaliger Träger beim Pflügen ein jämmerlich um Hülfe rufendes Kruzifix aus der Erde. An der Stelle, wo dieses Wunder sich begab, baute Juttas Vater ein Kloster, in welchem Kapuziner für die Seele seiner unglücklichen Tochter beten mußten, und nannte es ,,zur Noth Gottes“. Es liegt hinter Asmannshausen, tief im Walde.

So herrlich auch die Lage von Rüdesheim ist, so gebe ich doch Bingen den Vorzug, weil Rüdesheim von dort aus ein viel schöneres Bild macht, als Bingen von Rüdesheim gesehen. Bingen stellt sich hier so abschreckend-dunkel dar, daß man auf dieser Seite des Rheins die hohe Anmuth der dortigen Gegend kaum ahnet.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Ausflucht an den Rhein von Johanna Schopenhauer