Aus dem Reich der Wolken

Aus: Das Buch für Alle. Illustrierte Familienschrift. Zeitbilder. Heft 1. 1875
Autor: O. M., Erscheinungsjahr: 1875

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Natur, Klima, Wetter, Wolken, Haufenwolken, Gewitterwolken, Schichtwolken, Federwolken, Wolkenmeere, Luftreise, Luftschiff,
Die Mannigfaltigkeit der Bilder und Formen in der landschaftlichen Gestaltung unserer Erdoberfläche vermag nur einen schwachen Begriff von der unendlichen Menge und Mannigfaltigkeit der Verwandlungen zu geben, welche sich im Reich der Lüfte, in den höheren Regionen unserer Atmosphäre fortwährend zutragen. Es herrscht in der Gestaltung und Bewegung der Wolken über uns ein eigentümliches, man möchte sogar sagen beinahe ein organisches Leben, dem die Einbildungskraft mit Interesse folgt, das aber der Verstand noch nicht zu erklären und die Kunst der Malerei noch nicht treu und anschaulich nachzubilden vermag. Jeder Kunstverständige weiß, welche ungeheuren Schwierigkeiten die künstlerische Darstellung der Luft und des Wolkenlebens dem Landschaftsmaler bereitet und wie die nur einigermaßen gelungene Wiedergabe derselben auf einem Gemälde gewissermaßen den Maßstab für die künstlerische Wertung des Malers abgibt.
Wer auch nur ein einziges Mal gegen Abend auf einem beträchtlichen Höhenpunkt gestanden und das Spiel der Wolken in der ewig wechselnden Mannigfaltigkeit von Form und Farbe betrachtet hat, der ist diesen Erscheinungen gewiss mit ebenso viel Erstaunen und Bewunderung als Interesse gefolgt, ohne sich diese Vorgänge auch nur einigermaßen erklären zu können, wenn er auch mit der Howard'schen Einteilung der Wolken in Federwolken, federige Schichtwolken, Windbäume, Schäfchen, Haufenwolken, Schichtwolken, streifige Haufenwolken, Regen- oder Gewitterwolken u. dgl. genau vertraut war und sich die zauberhaften Wechsel von Beleuchtung und Farbe einigermaßen durch physikalische Gründe zurecht zu legen vermochte. Jeder aber hat sich bei dieser Beschäftigung sicher schon auf dem Wunsche ertappt, nur einmal mittelst des Luftballons einen Ausflug in das pfadlose Luftmeer machen und das Leben der Wolken in einer beträchtlicheren Höhe, als sie von den höchsten Berggipfeln der Erde erreicht wird, beobachten zu dürfen! Welchem fühlenden und denkenden Menschen sollte nicht zu Zeiten der wenn auch eitle Wunsch kommen, einmal dort oben im Wolkenmeere, dem reinen Äther so nahe, unserem Herrgott gleichsam in seine Werkstatt hineinschauen zu dürfen?!

Dieser geheimnisvolle Zauber des Wolkenlebens ist seither noch wenig von Luftschiffern näher ins Auge gefasst worden, wie denn überhaupt bei uns in Deutschland bisher die wissenschaftliche Ausnutzung der Luftschifffahrt mittelst Ballons noch gar nicht recht versucht worden ist. Dagegen hat ein französischer Physiker und Luftschiffer, Herr W. de Fonvielle, neuerdings diesen Gegenstand zum Ziel seiner Forschungen gemacht und deshalb am 27. Mai 1874 mit drei anderen Herren in dem Luftballon „Wilhelm Tell“ in Paris eine Luftreise in das Reich der Wolken angetreten, welche einige interessante Resultate geliefert hat. Der Luftballon Wilhelm Tell, mit 2.000 Kubikmeter Leuchtgas gefüllt, stieg am genannten Tage vom Hof der Gasfabrik von La Villette in Paris auf, als Eröffnung der Luftfahrten der damals neugegründeten Gesellschaft für den „Luft-Sport“. Der Ballon trug in einer sehr engen Gondel (wie auf unserem ersten Bild S. 353 zu sehen ist), vier Herren, nämlich den Schriftsteller, Physiker und Luftschiffer W. de Fonvielle; einen Herrn Miranda, Zeichner einer Pariser illustrierten Zeitung; Herrn Lesage, den Erfinder der sogen. Schnecken- oder Aneroid-Barometer; und einen Dilettanten Namens Guerrapin. Die Lenkung des Ballons besorgte, auf dem Tragekranz desselben befindlich, der gewerbsmäßige Luftschiffer Charles Chevoutier.

Die Luftfahrt des „Wilhelm Tell“ fand bei heftigem Winde in den unteren Teilen der Atmosphäre statt, so dass man sogleich zwei Sandsäcke von dem Ballast leeren musste, um den Ballon schnell in die Höhe zu treiben. Zwanzig Minuten nach dem Aufsteigen befand sich der Ballon schon ganz im eigentlichen Reiche der Wolken, nämlich in einer Höhe von 3.000 Meter über der Meeresfläche. Hier konnten nun die wissenschaftlichen Beobachtungen des Wolkenlebens beginnen, denn man befand sich in einer Zone voll wunderbarer Erscheinungen, von welchen Herr Miranda verschiedene Skizzen genommen, deren zwei wir auf S. 353 wiedergeben.

Unser erstes Bild, in einer Meereshöhe von 1.300 Meter aufgenommen, gibt eine Ansicht aus dem untern Saum des eigentlichen Wolkenreiches, wo die Wolken noch dünn, schichtenartig in die Breite gelagert erscheinen, so dass man sagen möchte, sie sehen noch schleierartig leicht und zerreiblich aus. Dies sind die dünneren hellfarbigen Wölkchen, welche wir beweglich über unseren Häuptern schweben und gleichsam durch die Atmosphäre hinziehen sehen. Der Thermometer zeigt uns, dass sie noch keine dichten Wasserbläschen enthalten wie der Nebel, wenn er sich auf die Erdoberfläche herabsenkt, oder wie es bei den Wolken in den höheren Regionen der Atmosphäre der Fall ist. Die Feuchtigkeit ist in den Wolkenschichten dieser Zone noch in Dampfform enthalten, und diese Dämpfe entwickeln sich am unteren Saum jeder Wolke durch den Einfluss der Erdwärme, steigen dann vermöge ihrer Leichtigkeit nach oben, werden dort durch die kalte Lustströmung wieder zu Wasserbläschen verdichtet, senken sich dann durch ihre Eigenschwere, werden unten wieder in Dampf verwandelt und durchwandeln so einen ewigen Kreislauf, dessen Vorgänge wir nur in ihren Folgen, nämlich an dem beständigen Wallen und Wogen der Einzelteile dieser Wolken, aber selbst mit unbewaffnetem Auge am Himmel wahrnehmen können. Von der Gestalt, Lagerung und den gegenseitigen Beziehungen der einzelnen Wolken in dieser Höhe, sowie von ihrer an der Farbe erkennbaren geringeren Dichte, vermag unser erstes Bild einen ziemlich anschaulichen Begriff zu geben. Es sind dies diejenigen lichten launenhaften Wolkenbilder, welche wir von der Erde aus als helle duftige Wölkchen oder Wolkenschichten über das blaue Himmelsgewölbe hinziehen oder die wir im Gebirge sich wallend und wogend um die Gipfel der Bergeshäupter lagern sehen. Vom Luftballon aus in einer Meereshöhe von 1.300—1.500 Meier betrachtet, nehmen sie sich freilich dann anders aus und gleichen ungeheuer langen verschieden gefärbten Wogen von Wasserdünsten, welche, von den verschiedensten Luftströmungen getrieben, hin und her und auf und niederziehen und sich durch einander schieben, in einer Weise, von welcher bei ihrem ewig wechselnden Äußeren weder Stift noch Feder einen entsprechenden Begriff zu geben vermag.

In einer Höhe von 2.000 Metern erscheint die Atmosphäre schon ganz anders, denn in der dünneren Luft sind die dem Auge erkennbaren Wolken anscheinend viel dichter, und diese Verdichtung nimmt mit der steigenden Höhe zu und ist in der Luftzone von 3.000 Meter Meereshöhe schon so dicht, dass die Wolken der Einwirkung des Sonnenscheins ordentlich widerstehen und daher eintöniger von Farbe und minder durchsichtig sind. Unser zweites Bild sucht hiervon einen anschaulichen Begriff zu geben. Die ganze Atmosphäre, soweit sie vom Ballon aus zu beobachten war, wimmelte von rundlichen, wirbelnden Wolken, die sich mit einer unbeschreiblichen Unruhe durch einander bewegten und deutlich einen oberen und einen untern Saum unterscheiden ließen. In dem leicht convexen lichteren oberen Saum jeder Wolke schien sich das lebendige Prinzip eines jeden solchen rundlichen Ballens von wässerigen Dünsten zu konzentrieren, denn dort ging wohl jene Umwandlung und Verdichtung von Dunst in Wasserkügelchen vor sich, deren wir oben erwähnt haben. So allein konnte man sich jene eigentümliche Erscheinung der Bewegung und des Farbenspieles erklären. Man vermochte daher nicht zu behaupten, dass die Wolken dieser Zone einfach nur chaotische, durch bloßen Zufall ohne physikalische Bezeichnung gebildete Dunstmassen seien, sondern sie erschienen gewissermaßen wie geronnene Ballen oder Kugeln, alle so ziemlich vom gleichen Umfang, von der gleichen Gestalt und Dichte und von demselben Gebühren. Sie wirbelten durch einander ohne von einander verschlungen und überflutet zu werden, sondern jede wie mit individuellem Leben und Zweck begabt und sich ihrer Unabhängigkeit erwehrend. Das waren offenbar jene federigen Schichtwolken, welche wir von der Erde aus zu Zeiten deutlich am blauen Himmelsdom hinziehen sehen. Hier oben aber, wo der Luftballon mitten unter ihnen war und seinen Schatten sogar auf sie warf, erschienen sie so, wie unser zweites Bild sie zeigt.

Hier in dieser Zone von durchschnittlich 3.000 Meter Meereshöhe allein erschaut der Mensch den erbitterten Kampf zwischen Sonne und Schatten, Trockenheit und Feuchtigkeit, zwischen dem leuchtenden Silberweiß und der klaren Bläue des Äthers, die sich auch hier noch in eine unermessliche Ferne über ihm hinausdehnt und noch unendlich größere Wunder und Geheimnisse birgt, und mit einer Art bangen Staunens gesteht er sich, dass er gleichsam nur den ersten Kreis des Unendlichen und Unermesslichen betreten habe.

Man muss übrigens wohl ins Auge fassen, dass der von uns geschilderte Ballon von Paris, also von dem wellenförmigen Strich eines Flachlandes aus, aufgestiegen war. Würde ein Ballon z. B. von Silva plana, St. Moritz oder Samaden aus aufsteigen, die um mehr als 1.000 Meter höher liegen als Paris, so würden die von uns geschilderten Erscheinungen auch erst in einer um so viel Meter höheren Zone über den letztgenannten Orten zu finden sein, denn es ist nach vielen Beobachtungen erwiesen, dass die Atmosphäre sich in ihren Eigenschaften und Abstufungen ziemlich genau nach der Bodengestaltung der unmittelbar unter ihr liegenden Örtlichkeit regelt.

Das Wolkenmeer und seine Gebilde in der Höhe von 3.000 Meter

Das Wolkenmeer und seine Gebilde in der Höhe von 3.000 Meter

Wolkengebilde in der Höhe von 1.300 Meter

Wolkengebilde in der Höhe von 1.300 Meter