Aus Hamburg. April 1867. – Politik, Theater und Literatur

Aus: Deutsches Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Herausgegeben von Robert Prutz. 17ter Jahrgang 1867. Januar-Juni.
Autor: Redaktion - Deutsches Museum, Erscheinungsjahr: 1867
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hamburg, Stadtgeschichte, Politik, Theater und Literatur
Dass zwei unserer Reichstagsabgeordneten, de Chapeaurouge und Sloman, zur national-liberalen Fraktion gehören, und der dritte, Dr. A. Rée, zur Linken des Parlaments, entspricht so ziemlich dem Stimmungsverhältnisse unserer Bevölkerung: zu zwei Dritteln Hinnahme der Tatsachen und Bereitwilligkeit, auf ihnen weiter zu bauen, zu einem Drittel Missvergnügen über sie und Widerwille gegen die Grundlagen des neuen Bundesstaates. Noch am Tage der Wahl war die Stimmung eine andere; damals erwartete und wünschte die weit überwiegende Mehrheit der Wähler Slomans und de Chapeaurouges, dass ihre Vertreter eine Verstärkung des föderalistischen Elements im Reichstage bilden möchten.

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Die jetzt eingetretene Änderung der Gesinnung beruht auf der Erkenntnis, dass dem Norddeutschen Bunde in derjenigen Form, in welcher die preußische Regierung ihn zu gestalten entschlossen scheint, doch nicht mehr zu entgehen sei, und auf der Hoffnung, auch innerhalb desselben die für die Fortdauer der Handelsblüte Hamburgs notwendigen Lebensbedingungen zu sinken. Zur Vertretung einer so praktischen, auf den tatsächlichen Verhältnissen beruhenden Auffassung ist freilich Anton Ree nicht der geeignete Mann. Er ist mehr Demokrat als Staats- oder Nationalitätsmann, mehr Idealist als Politiker; daher sein Rückzug in den Schmollwinkel der Linken; übrigens ist Dr. Rée ein Mann von hoher Reinheit des Charakters und von bedeutender geistiger Begabung. Mit richtigem Takte haben de Chapeaurouge und Sloman die Sachlage erkannt und diejenige Fraktion des Reichstags herausgefunden, innerhalb welcher allein ihnen eine Wirksamkeit im speziell hamburgischen Interesse möglich ist, ohne von vornherein das Odium partikularistischer oder oppositioneller Bestrebungen auf sich zu laden. De Chapeaurouge ist durch lange überseeische Erfahrungen gereist und namentlich auf dem Gebiete des Handels zu umfassender Einsicht gelangt, die er als Mitglied der Kommerzdeputation, der jetzigen Handelskammer, vielfach zu betätigen Gelegenheit gehabt. Von dieser Deputation in die Bürgerschaft entsandt, schloss er sich hier dem ausschlaggebenden Zentrum an; die Erfahrung und Tüchtigkeit, die er bewies, bewirkte sehr bald seine Wahl zum Vizepräsidenten dieser Körperschaft. Seine gut hamburgische Gesinnung und seine Achtung vor dem zu Recht Bestehenden veranlasste de Chapeaurouge im vorigen Sommer als Mitglied der über den preußischen Bündnisantrag zu Rate gezogenen Bürgerschaftskommission gegen dieses Bündnis sich auszusprechen. Wenn er jetzt unter völlig veränderten Verhältnissen auf dem Grund und Boden dieses Bündnisses steht, so ist bei seinem Charakter anzunehmen, dass er der Überzeugung lebt, eingegangene Verpflichtungen seien gewissenhaft, rückhaltlos zu halten. Die äußere Stellung de Chapeaurouges ist eine sehr günstige: er gehört einer seit langer Zeit in Hamburg angesehenen Familie an, die dem Staat bereits zwei Senatoren gegeben hat; der von ihnen jetzt noch lebende und wirkende ist der Bruder unseres Reichstagsabgeordneten. Das Handlungshaus, dessen Chef Charles de Chapeaurouge ist, befindet sich im blühendsten Zustande. Er selbst ist etwa 50 Jahre alt und ein Mann von gewandten Umgangsformen und gewinnendem Wesen. Sein College im Reichstage, Robert Miles Sloman, kürzlich als Erbe seines Vaters, eines geborenen Engländers, eines self-made-man von den tüchtigsten Eigenschaften, zum bedeutendsten Reeder des europäischen Festlandes geworden, ist namentlich durch Erfahrung und Kenntnis auf nautischem Gebiet hervorragend. Sein reges Streben für Förderung der Handels- und Schifffahrtsinteressen, seine entschieden liberale politische Richtung, sein wahrhaft kolossaler Geschäftsbetrieb — die Sloman'sche Reederei umfasst 22 große Seeschiffe! — machen ihn zu einer der angesehensten, bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten unserer Stadt. Sloman steht im Alter de Chapeaurouge ziemlich gleich; in seiner äußern Erscheinung und seinem Wesen spricht sich die englische Abstammung unverkennbar aus.

Als eine für den in manchen Kreisen unserer kaufmännischen Aristokratie herrschenden Geist bezeichnende bedauerliche Erscheinung machte in den letztvergangenen Wochen die große Anzahl von Gesuchen um Entlassung aus den, hamburgischen Staatsverband, die gerade aus diesen Kreisen eingereicht wurden, hier wie auswärts gebührendes Aufsehen. Es handelte sich nämlich bei diesen Gesuchen keineswegs um eine wirkliche Auswanderung, die man bei einer unbesieglichen Abneigung gegen die neue Gestaltung der politischen Verhältnisse Norddeutschlands erklärlich finden würde, sondern die Betreffenden beabsichtigten, ihren Wohnsitz und ihr Geschäft in Hamburg zu behalten, alle Vorteile, welche ihnen der Ausenthalt in unserer Stadt geboten, weiter zu genießen, dagegen durch die Erwerbung eines fremden, außerdeutschen Bürgerrechts die persönlichen Lasten, namentlich die Militärpflicht für sich und die Ihrigen, welche künftighin mit der norddeutschen Staatsangehörigkeit verbunden sein werden, von sich abzuschütteln. Dass eine so unwürdige Spekulation, einmal bekannt geworden, die schärfste Missbilligung in der hiesigen wie in der auswärtigen Presse finden musste, war zu natürlich, und als ein erfreulicher Beweis für die Macht der öffentlichen Meinung verdient es hervorgehoben zu werden, dass mehrere dieser „Staatsflüchtigen“ erschreckt und hoffentlich auch durch den allgemeinen Unwillen eines bessern belehrt, ihr, Entlassungsgesuch wieder zurückgezogen haben.

Das wichtigste und erfreulichste Ereignis in Bezug auf die hiesigen Kunstinteressen besteht in der kürzlich erfolgten Bewilligung derjenigen Summen, 50.000 und 12.000 Thlr., welche zum Ausbau und zur Ausstattung der Kunsthalle noch erforderlich sind, aus Staatsmitteln. Wenn es auch nicht an Stimmen fehlt, die mit dem Stil und der Raumeinteilung der Kunsthalle, bekanntlich eines Werkes des Berliner Architekten von der Hude, keineswegs zufrieden sind, so war es doch eine Sache der Notwendigkeit, das schon so weit Geförderte nun auch rasch und ganz zu Ende zu führen. Ein eigentümlicher Zufall hat es gewollt, dass der Mann, welcher unter den Begründern und Förderern unserer Kunsthalle obenan steht, Dr. August Abendroth, diese Sicherstellung des Werkes nicht mehr erleben sollte, indem er wenige Stunden vor der Bürgerschaftssitzung, in welcher die Senatsanträge betreffs der Kunsthalle zur Annahme gelangten, starb. Dr. Abendroth, Sohn und Neffe früherer hamburgischer Bürgermeister, besaß ein Vermögen von mehreren Millionen, von dem er wie von seiner Zeit und seinen geistigen Kräften den achtungswertesten, gemeinnützigsten Gebrauch machte. Es gab kaum ein öffentliches Institut in Hamburg, an dessen Gründung, Verwaltung oder Förderung der Verstorbene nicht auf die eine oder die andere Weise beteiligt gewesen wäre. Insbesondere war er als Kunstfreund und Kunstkenner geschätzt und sein stattliches und elegantes Wohnhaus am Neuen Jungfernstieg birgt manches wertvolle Werk älterer wie neuerer Meister. Ein noch unvollendetes öffentliches Gebäude unserer Stadt, das bisher die Freigebigkeit unserer Mitbürger wie die Beihilfe des Staates in weit bedeutenderem Maße in Anspruch genommen hat als die Kunsthalle, und dies auch noch für geraume Zeit fortsetzen dürfte, ist die Nikolaikirche, ein gotischer Prachtbau, das Werk des englischen Architekten Scott. Der im Jahre 1846, vier Tage nach dem großen Brande, welcher auch die alte Nikolaikirche zerstörte, begonnene Bau ist 17 Jahre später gerichtet worden und gegenwärtig sind nur noch die oberen Stockwerke des Turmes und seine Spitze hinzuzufügen. Nachdem aber bereits mehrere Millionen auf dem Platze zwischen Hopfenmarkt und Neueburg versteinert worden sind, fließen die Baumittel spärlich und die Baukommission muss sich damit begnügen, den Turm in jedem Baujahre um 15—20 Fuß höher zu bringen.

Unseren beiden Bühnen, dem Stadttheater und dem Thalia-Theater, droht seit einiger Zeit eine Konkurrenz in dem Theater der Vorstadt St.-Pauli, das seinen Namen von seinem Besitzer Karl Schultze führt, zu erstehen. Wenigstens bemüht sich der Genannte, durch Gastspiele von Künstlern und Künstlerinnen von berühmtem Namen sein Institut aus der Sphäre eines Volks- und Sommertheaters zu erheben. So gastierten daselbst kürzlich in rascher Aufeinanderfolge Hermann Hendrichs, Frau Lilla von Bulyovszky und Karl Devrient. Freilich müssen wir gestehen, bei dieser Gelegenheit nur die alte Erfahrung gemacht zu haben, dass die Besetzung einer Hauptrolle in einem Stücke mit einer hervorragenden Kraft bei weitem noch nicht hinreicht, dem Zuschauer einen vollen künstlerischen Genuss zu gewähren. Im Gegenteil: neben den Vorzügen des einen treten die Mängel der Gesamtheit erst recht grell und empfindlich hervor. Und somit dürften die Direktionen unserer beiden Haupttheater wohl noch für einige Zeit dagegen gesichert sein, dass ihnen durch „Karl Schultzes Theater“ großer Abbruch geschehe. Übrigens ist dasselbe von einer Größe, einer Eleganz und Behaglichkeit der Einrichtung, dass es eine Zierde mancher selbst größeren Provinzialhauptstadt bilden würde. Das Stadttheater befindet sich gegenwärtig in einer Glanzperiode, deren Urheber Theodor Wachtel ist. Der Sänger, bekanntlich unser Landsmann, dessen Begabung hier entdeckt worden ist und ihre erste Ausbildung erfahren hat, füllt das Haus, so oft er auftritt, bis auf den letzten Platz und findet in jeder Rolle, gleichviel ob lyrische oder heroische Partie, eine enthusiastische Aufnahme. Für das rezitierende Drama bleiben in einer derartigen Opernepoche nicht viele Abende übrig, doch hat die Direktion Raum für die Aufführung der May’schen „Amnestie“ gefunden. Das Stück ist in mehrmaligen Wiederholungen vom Publikum günstig aufgenommen worden und auch die Kritik hat es anerkennend besprochen, wiewohl sie nicht verhehlen konnte, dass Handlung, Charaktere und Diktion des Stückes ein wenig zu biedermännisch einfach seien, um ein spannendes und treffendes Bild des Lebens zu geben. Auf dem Thalia-Theater sind drei Neuigkeiten einander gefolgt, von denen nur Hackländers „Marionetten“ den Platz länger behauptet haben; bei einem Stücke von so beschränkter Handlung ein günstiges Zeichen für den geistigen und künstlerischen Werth der Dichtung, die Vortrefflichkeit der Darstellung, das Verständnis und die Bildung des Publikums. Zwei Lustspiele von Otto Girndt sind hinter dem Erfolge des Hackländer’schen Lustspiels weit zurückgeblieben: die „Ephraimiten“, in welchem Stücke die Gesuchtheit und Willkürlichkeit des Verfassers einen übermäßigen Grad erreicht hat, verschwanden schon nach der vierten Aufführung für immer vom Repertoire, obgleich ein Teil der hiesigen Kritik alle möglichen Vorzüge darin aufzudecken sich bemüht hat, und auch „Paroli“, dem glatte Verse, einige hübsche Situationen und Gedanken nicht abzusprechen sind, enthält zu wenig feine und anziehende Handlung, als dass es sich auf der Bühne zu behaupten vermöchte. Das Thalia-Theater verliert mit dem Schlusse der Saison manche Persönlichkeit, namentlich aus den Reihen der Künstlerinnen, die sich trefflich in den Rahmen des Ganzen gefügt und die Gunst des Publikums gewonnen hatten; so geht Fräulein Helene Schneeberger an das Hofburgtheater in Wien und Fräulein Anna Zipfer vermählt sich mit einem hiesigen wohlsituierten Kaufmann, doch bleibt noch immer der alte, bewährte Stamm, der seine Tüchtigkeit dem Beispiele und der Schulung Heinrich Marr’s verdankt, und so steht zu erwarten, dass der Ersatz für die Ausscheidenden sich wie bisher leicht und schnell werde finden lassen. Nicht so günstig stehen die Dinge am Stadttheater, wo die ganze Saison hindurch ein ewiges Kommen und Gehen der Mitglieder stattgefunden hat, sodass dort von einem festen, eingespielten Stamme nicht die Rede ist. Nur Görner, der allmählich zu den Veteranen seiner Kunst zu zählen sein möchte, steht aufrecht auf diesen steter Schwankung unterworfenen Brettern, sieht ganze Scharen von Jüngern und Jüngerinnen planetengleich ihn eine Zeit lang umkreisen und dann plötzlich andere Bahnen einschlagen.

Die Freunde mittelalterlicher Baukunst in Deutschland, insbesondere in Norddeutschland, wollen wir auf ein Werk aufmerksam machen, das im Verlage von Hermann Grüning hierselbst vom Juni d. J. in monatlichen Lieferungen erscheinen wird: „Album mittelalterlicher Baudenkmale in Photographien von Johannes Nöhring“; es ist dazu bestimmt, die charakteristischen Bauwerke des Mittelalters, die sich in Norddeutschland in weiter Zerstreuung und vielfach in Städten, zu denen sich ihrer Entfernung von den großen Verkehrswegen der Gegenwart halber nur selten ein eifriger Forscher begibt, finden, in getreuen Abbildungen zusammenzufassen und so dem Kunst- und Altertumsfreunde wie dem Architekten zugänglich zu machen. Als Probelieferung ist bereits eine zwei Blätter enthaltende erschienen. Diese, über 11 Zoll breit und über 14 Zoll hoch, stellen die Marienkirche und das Rathaus zu Lübeck (von der Marktseite) und das Rathaus zu Lübeck (von der Breitenstraße) in meisterhaften Photographien dar. Das „Album“ ist zunächst auf 12 Lieferungen, jede von 2 Blättern, festgesetzt; die folgenden Lieferungen werden Abbildungen aus Brandenburg, Tangermünde, Stendal, Hildesheim, Rostock, Wismar etc. bringen.

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Hamburg, Blick auf die Unterelbe

Hamburg, Blick auf die Unterelbe

Hamburg, Flet in der Altstadt

Hamburg, Flet in der Altstadt

Hamburg - Deichstraßenfleet

Hamburg - Deichstraßenfleet

Hamburg - Leitergasse

Hamburg - Leitergasse