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Abschnitt 8. Flammen der Wachtfeuer, die Schlagschatten der Sonne, Prozess des Altwerdens, der Name der Ardennen.

Waldgebirge, zwischen Felswand und Fluss, liebliche Dörfer, altertümliche Städte, Landhäuser und Schlösser.

Sinnliche Eindrücke, in der frühen Jugend empfangen, leben bekanntlich bis ins Alter in wunderbarer Frische und Deutlichkeit fort, während die Erlebnisse der reifern Jahre, die der Verstand auffassen half, dagegen zurücktreten, oft ebenso wunderbar schnell verschwinden. Aus meinem Lagerleben in den Ardennen sehe ich Szenen, Menschen, Gegenden so anschaulich vor mir, ich höre den Ton der Stimmen, ich sehe die Flammen der Wachtfeuer, die Schlagschatten der Sonne, als wären nicht dreißig Jahre vergangen, sondern es wären Begebenheiten von eheletzt. Und doch, welche Täuschungen in bezug auf Raum und Maß, auf Zeit und Ort, impfen sich grade durch diese Jugendeindrücke in uns ein, denen wir später schwer entsagen, und wenn wir die Wirklichkeit mit den Augen des Mannes wiedersehen, finden wir uns unangenehm berührt. Die Pracht, die uns entzückte, erscheint dürftig, die Räume, die Entfernungen, die uns so weit dünkten, rücken zusammen; auch der Schönheitssinn ändert sich, und der Duft, der die Gegenstände umgab, ist verschwunden. Das ist der natürliche Prozeß des Altwerdens, es ist der des ganzen Menschengeschlechts, der Welt selbst; nur werden die Dinge nicht anders, wir selbst sind andre geworben.
Töricht, darüber zu klagen! Selbst der Dichtung mögen wir nicht mehr gern dieses elegische Recht zugestehen; sie hat andre Aufgaben, Anweisungen auf die Zukunft, erhalten. Aber freuen mögen wir uns doch, wenn wir uns frei von diesem Prozeß erhielten. Einmal ist es mir gelungen. Ich sah später als Reisender die Gegenden wieder, die wunderbare Eindrücke auf den noch halben Knaben zurückgelassen, und fand mich nicht enttäuscht.
Der Name der Ardennen hatte zur romantischen Zeit einen wunderbaren Klang. Ich weiß nicht, ob jetzt noch; man gibt ja nicht viel auf Klänge. Es war nicht gerade der "Eber der Ardennen", den man 1815 noch nicht kannte, noch waren es Shakespeares phantastische Liebespaare, in ihren Schluchten verirrt, aber es war der dunkle, unheimliche Wald, der Deutschland von Frankreich schied. Ich habe Tage, Wochen, Monde in ihm verlebt, die ich stets zu den denkwürdigsten in meinem Leben rechnen muß, eben weil es damit anfing, zu einem Bewußtsein überzugehen, wenn auch die Begebenheiten selbst an und für sich nicht mehr und nicht weniger waren, als was tausend andern damals auch begegnet ist. So schauerlich düster wie ihr Name sind die Ardennen nicht. In den Schluchten, wo die Eber und die Raubtiere gehaust, ist es dunkel, wenn es regnet, und hell, wenn die Sonne scheint. Frisches und dunkles Grün aus den geklüfteten Bergen, auch gelb und rot der Laubwald, wenn der Herbst ihn ansprenkelt, und so habe ich ihn durch alle Schattierungen dieser Farben gesehen. Ich streifte durch melancholisch düstere Gegenden; aber andre mögen desselben Weges gegangen sein, und ihnen sind sie heiter und lieblich erschienen: die Frühlingssonne schien durch die Buchen, als sie ins Tal gingen. Als ich bergan stieg, streifte ein kalter Oktoberwind durch die feuchten Nebel. Sie brachten die Luftigkeit mit in die Ardennen, ich eine Stimmung, die in einer gewissen Jugendzeit sehr beliebt ist, nur zu jeder Zeit in andern Formen. Man kokettierte damals weder mit dem trotzigen Selbstbewußtsein noch mit der Zerrissenheit und Verzweiflung, aber mit einer süßsauren Wehmut. Es waren noch die Nachläufer der Ossianischen Periode.
Und dazu paßten die Ardennen, wie ich sie kennen gelernt; diese schroffen Felsufer, diese tiefen Klüfte, das rieselnde Regenwetter, ein beschwerliches Wanderleben des Krieges ohne Krieg und Frieden, die Ungewißheit unsrer Bestimmung. Auch die Einsamkeit. Es war hier und ist jetzt gewiß auch viel Leben, nur nicht das, was wir poetisch nennen; aber die Hämmer und Eisenwerke und Mühlräder standen großenteils während der Invasion und der Belagerung der Festungen still.
Aber ein Waldgebirge kann keinen ganz düstern, menschenfeindlichen Eindruck hervorbringen, wenn ein großer lebendiger Fluß es durchströmt. Die Maasufer sind schön mit ihren grau, starr anstrebenden Felskuppen, von Wald gekrönt, von Buschwerk durchschlungen; und in den Biegungen, eingeklemmt zwischen Felswand und Fluß, liebliche Dörfer, altertümliche Städte, Landhäuser und Schlösser. Die verwitterten Burgen des Rheins sah ich freilich nicht auf den Felskuppen über den Fluß ragen. Aber wo sich die Ufer erweiterten, blickte uns manches altehrwürdige Feudalschloß an; es hatte mit der Zeit fortgelebt, wie der belgische Adel, der durch so viele furchtbare Gewitterstürme sich leidlich wohl in der Anerkennung des Volkes erhalten hat. Man renovierte dies und jenes, man fügte sich in das Unvermeidliche, und die Stürme gingen über die stolzen Häupter vorüber, die sich etwas niedergeduckt, um sich desto stolzer wieder aufzurichten. Daher wurden auch ihre Schlösser keine Ruinen.
Am erhabensten erweitern sich die Maasufer bei der Grenzfestung Givet mit ihren Felsenkastellen zu beiden Seiten des Flusses, dem Charlemont links und rechts dem Mont d'Or. Es war ein entzückender Anblick, diese malerisch aufeinander getürmten Felsmassen, zu beiden Seiten des hellen Wasserspiegels, und auf ihrer Höhe die alten, verwitterten, moosbedeckten Mauern. Ich wünschte, wenn ich abends auf einer Höhe stand, ein Maler zu sein, um das Schauspiel zu fesseln: wenn die Felsen violett sich färbten, die Bergspitzen, Türme und Zinnen in Goldrot glühten, die starren Linien der Felsmassen in die blühende Landschaft ihre Schlagschatten warfen, und die Maas silberhell aus der Tiefe heraufschimmerte. Dieser Eindruck blieb durch lange Jahre in mir lebendig; aber ich sagte mir doch, daß ich mich getäuscht finden würde, wenn der Zufall mich wieder herführen sollte. Ich habe damals mit den Augen eines Knaben gesehen, und die Felsen, die Mauern, die Stadt zu Füßen mit ihrer Brücke, würden mir dann klein, die Landschaft gewöhnlich vorkommen. Vierzehn Jahre später, als ich auf der Rückkehr von Paris Givet und die Umgegend wieder aufsuchte und einen Tag darauf verwandte, den Ort, wo unser Lager gestanden, die Vorposten, die verschlungenen Gänge, auf denen unsre Patrouillen streiften, wieder aufzusuchen, fand ich indes alles wieder; mancher lange Weg war freilich jetzt kurz geworden, weil man nicht mehr Krümmungen und Schluchten zu suchen brauchte, die vor den Augen der Wachtposten auf den Wällen Schutz boten, weil man über bequeme Brücken gehen konnte, wo wir über Bäche sprangen. Aber der Totaleindruck war hinreißend, überraschend. Ein majestätisches, weit ausgebreitetes Fels-, Wald- und Flußtheater, mit allem Licht, mit aller Dunkelheit und allen Tinten, die beide verschmolzen, und zum Schmuck des landschaftlichen Charakters die behaglich eingeschachtelte Stadt in der Tiefe und oben, wie damals, unerweitert, unverändert, die verwitterten graubraunen Mauern. Aber die Werke von Menschenhand bleiben doch nur kleine Aufsätze auf dem großen, schönen Naturcharakter.
So der Eindruck vierzehn Jahre nachher. Seitdem sind wieder sechzehn Jahre verstrichen; wer bürgt mir dafür, daß nun nicht auch Veränderungen vorgingen, nicht an den Ufern der Maas, jenes entfernten Winkels, wo kaum ein Reisender hin sich verirrt – aber in mir selbst? Verbürgt mir, daß ich mich nicht jetzt wieder verwundern würde, wie ich zweimal eine Gegend so schön und reizend habe finden können, die den Vergleich mit zu vielen andern Gegenden, die ich seitdem besucht, nicht aushält?
Was ich gelitten, was ich entbehrt, ausgestanden habe mitten in diesem romantischen Irrgarten von Felsen, Schluchten, Wäldern, Giesbächen und Ruinen: das ist die Errungenschaft, die im Alter bleibt. Wenn ich auch wieder auf die Felsspitze träte, die über die Maas gebeugt ist, und vergebens das Abendrot beschwörte, den Zauber von damals über die Gegend auszubreiten, wenn ein grauer Nebel der Gewöhnlichkeit sich darüber hinlagerte – Blitze würden doch hindurch zucken, die nur Szenen, Momente zeigten, bei denen die Seele auflacht. Es war ja die erste Romantik der Jugend! Ich sehe vor mir dieses Lagerleben mit seinen Entbehrungen und Freuden, mit seiner Strenge und Freiheit, mit seinem bunten Wechsel und seiner Monotonie. Ich höre einen bangen Seufzer einer halb kindischen Verzweiflung über die Beschwerden, das geisttötende Einerlei, über die trübe Aussicht, weil unsre Fernsicht nicht über das Nächste hinausging. Und ich höre auch die ausgelassenen Laute der Freude über Dinge, Schauspiele, Überraschungen, von denen ich heute nicht begreife, wie einer sich darüber so ungemein freuen konnte. Ein vollständig organisiertes Lagerleben war es, dürftig, wie die Umstände es mit sich führten, voller Wechsel und Strapazen, da der Dienst überaus beschwerlich war, und doch so bewegt, so reich an Erscheinungen und so dauernd, so unendlich lange dauernd und langweilig, daß wir uns der kindischen Furcht hingeben konnten, es werde immer dauern. Wir maßen nicht nach Ellen, wir maßen nach Spannen. Ich habe schon so viel von dem Kleinleben in Feldlagern erzählt, daß ich Wiederholungen fürchten muß, wenn ich auch das von Givet schildere; und doch waren es nur flüchtige Vorläufer einer wirklichen Existenz. Das Federstäubchen im Sonnenschein hat für den Wert, der einmal im Sonnenschein lag und seinen zitternden Flug mit seinen Gedankenspielen verfolgte. Ich will nicht alle diese Stäubchen sammeln, nur einzelne Momente, besonders helle, besonders dunkle; wer über meinen Sammlerfleiß lächelt, eile darüber hinweg, ich weiß doch viele, die mir gern folgen.
Die starren Felsmassen des Mont d'Or auf dem rechten Maasufer werden von niedrigen Höhen und Felsen durch eine Schlucht getrennt, die jetzt nur ein kleiner Bach durchsickert, welcher sein spärliches Wasser dem Flusse zuführt. Er war dicht umwuchert von Eichen, Birken und wildem Gesträuch; aber mehr als die Vegetation mochten unsre Schöpfeimer, unsre Pferde und unsre Wäschereien an seinem Wasser zehren. Die Forelle, wenn es dergleichen gegeben, hätte nicht mehr Spielraum gefunden, kein Bette tief genug, um bis zu den Quellen zu springen. Stellenweis schien der Bach in den Abendstunden gänzlich erschöpft, und man stürzte des Morgens hinzu, um unter den Ersten zu sein, welche von der angesammelten frischen Nachtflut schöpften. Der kleine Bach mußte ein großes Belagerungsheer versorgen! Er windet sich durch die Felsmassen in vielen Krümmungen hier an nackten Wänden hin, dort hat er fruchtbares Erdreich weithin ausgespült, und in einem solchen Felskessel war das Hauptlager auf diesem Maasufer aufgeschlagen. Die Schlucht lernten wir durch das Gefühl mehr als durch das Gesicht kennen; sie war der nächste Weg nach unsern Vorposten, konnte aber mit Sicherheit nur im Dunkel passiert werden. Ließen die Vorposten sich am Tage überraschen, oder sollte die Ablösung und Verstärkung früh ausrücken, so mußten wir einen vielstündigen Umweg durch die zerrissenen Gebirge machen.
Auf diesem Schluchtwege erreichten die Maroden, welche in der Nacht auf dem gastlichen Landwehrposten, den ich weiter oben schilderte, zurückgeblieben waren, am frühen Morgen das Lager. Der Anblick war nicht tröstlich. Im düstern Felsenkessel auf einer bruchigen Wiese lagen unsre Kameraden hingestreckt. Selbst die Wachtposten schienen, die Büchse im Arm, schlaftrunken zu taumeln; es war der Anstrengung auf dem vorigen Tagesmarsche zu viel gewesen. Ein feiner Staubregen rieselte auf die im Freien Schlafenden nieder. Die Dünste der Brüche stiegen aus, die Wachtfeuer flackerten nur noch, ohne Wärme zu verbreiten. Ich erinnere mich, daß am Abende dieses Tages die Geisteskräfte eines unsrer Kameraden dem Andrang physischer Widerwärtigkeiten erlagen. Er hatte den Tag über stumm vor sich hingebrütet; am Abende gab er wunderliche Töne, zwischen Lachen und Weinen, von sich, und wollte mit lautem Aufschrei plötzlich ins Feuer springen. Der Unglückliche wurde als geistesverwirrt ins Lazarett gebracht. Der großen, täglichen Anstrengung, der Bewegung in der freien Bergluft verdankten wir, daß der ungesunde Aufenthalt in diesem Felstal nicht schädlicher auf unsre jugendlichen Konstitutionen eingewirkt hatte.
Der drei-, vierstündige Schlaf auf dem Vorposten hatte uns nach dem vortägigen Marsche unsre Kräfte nicht zurückgegeben. Wir sanken ohne Gruß und Bewillkommnung neben unsre Kameraden hin und träumten wahrscheinlich vom Schlaf, als das Horn schmetterte, und man uns gewaltsam weckte. Es war kein Feind da; aber die im Kriege so nötige ökonomische Sorge durfte unser Lager uns nicht gönnen.
Es war von den zuerst Angekommenen schnell requiriertes Heu. Heu ziemte sich für Pferde, nicht für Menschen. Wir mußten nicht allein selbst aufstehen, sondern das Heu zusammenraffen, binden und nach den Böden zurücktragen, für – eine Anweisung auf Stroh, welches aber so spärlich ankam, daß wir auch vor Givet einige Tage in Hütten ohne Obdach liegen mußten, und vom Himmel goß es drei Tage lang.
Aber auch zu Hütten, wie unsre, gehören Pfosten, Sparren, Stäbe. Von Latten, Brettern, Holz war nichts geliefert. Man wies uns auf die Felsen umher. Dort holt euch, was ihr braucht. Steile Felsen, achtzig bis hundert Fuß hoch, vielleicht auch noch höher, mußten wir hinanklettern, um mit unsern Hirschfängern in einem jungen Walde unsern Bedarf zu schlagen, Unsre Vorgänger hatten bereits die besten Stämme, wahrscheinlich auch mit bessern Werkzeugen, gefällt; uns blieb der junge, krüppelichte Aufwuchs, der unsre Klingen schartig machte und unsre Hütten krumm und schief. Wir waren darauf angewiesen, den Robinson noch einmal praktisch zu studieren. Wäre es nur mit der sauern Arbeit getan gewesen; aber nachdem das Bauholz notdürftig gefällt war, waren wir genötigt, uns auf demselben Wege Tag um Tag auch unser Brennholz zu holen. Der mächtigste Zwang war da – der Hunger.
Stroh, Holz, ein Obdach und selbst die Lebensmittel fehlten in den ersten Tagen. Da erinnerte ich mich eines Schatzes, den ich von Berlin in meinem Tornister unberührt bis an die Ufer der Maas getragen, und er erquickte mich und einige Kameraden: ein Stück Tafelbouillon, welches uns eine kräftige Brühe und – Mut für das Weitere gab. Ob ich durch diese frühen Strapazen den Kern zu einer spätern Gesundheit legte, lass' ich dahingestellt; aber die Schule war in andrer Beziehung von Segen. Den Mut, der aus dem Geringfügigsten wieder erwächst, der, nach der tiefsten Niedergeschlagenheit, die Nerven wieder stählt und die ganze, lange Plage hinter uns, unter der der Geist zu erliegen drohte, im Augenblick vergessen macht, möchte ich aus dieser frühen und ungewohnten Lebensschule herschreiben. Im übrigen machte sich das Feldlager mit der Zeit erträglicher. Zwar hatte ich das Unglück, zu einer Korporalschaft zu gehören, welche wenig oder gar keine architektonischen Studien gemacht hatte – ein Fehler, den ich in späteren Lebensjahren wieder zu meinem Schaden gutzumachen suchte – und unsre Hütte war und blieb die schlechteste und unbequemste; aber außerhalb der Hütte ward es bunt und lustig im Lager, und mancher Komfort, an dem man am wenigsten denken sollen, stellte sich unerwartet ein. Hatte der Regen durch unser Dach einen Eingang gefunden oder, was schlimmer war, kam er von den höher gelegenen Teilen des Lagers und fand von unten einen Eingang, unser Lagerstroh durchnässend, so brannten dafür hundert Feuer im Lager, um sich daran am Morgen zu wärmen. Aus allen vier Winden waren Marketender gekommen, deutsche und französische, und hatten ihre Buden aufgeschlagen. Ich fand es bequemer, in einer derselben meinen Kaffee zu trinken, als Holz vom Felsen zu holen, Wasser vom Brunnen und eine Stunde lang eine Suppe zu kochen. Hier gab es Unterhaltung, etwas von Politik, etwas von Ästhetik, selbst ein Blatt der "Vossischen Zeitung" hatte sich dahin verirrt. Eines Morgens fand ich unter denjenigen meiner Kameraden, über deren ästhetisch-theatralische Bildung ich gesprochen, eine allgemeine Betrübnis. "Tot! Auch sie tot!" – "Wer?" – "Die Nethmann-Unzelmann." einmal an andrer Stelle. Die Nachricht lief durch unsre Reihen. Wer hatte nicht wenigstens ihren berühmten Namen gehört? Diesen Zoll der Teilnahme aus einer düstern Ardennenschlucht hatten ihre Verehrer in Berlin schwerlich erwartet.
Aber wichtiger war die Nachricht, die wenigstens in jeder Woche einmal auftauchte: es ist Order gekommen, wir marschieren nach Paris. Paris war genügend besetzt; hier bedurfte man unser. Es war nur die Sehnsucht, aus unsrer drückenden Lage loszukommen, ein Wunsch, der zum Gerücht so leicht sich gestaltet. Daß er fehlschlug, daran waren wir gewöhnt, wir erwarteten es nicht anders. Aber diese immer von neuem auftauchende Hoffnung gehörte dazu, uns mit unserm Lose zu versöhnen.
Ich könnte mich verlieren in die Robinsonaden unsres Küchenlebens. Dort habe ich Studien gemacht, ohne Magdeburger, ohne Scheibelsches Kochbuch: wie man das Fleisch sanft aufwallen läßt, wie man vor dem Überkochen sich wahrt, wie man abschäumt, in welchen Momenten man Wasser zugießt, um das Einkochen zu verhindern, wie man das Feuer in sanfter Glut erhält, nicht zu schwach, nicht zu stark. Fleisch, Salz, Mehl, Reis, Speck, Erbsen fanden sich bald in der nötigsten Fülle ein, und Milch, Eier, Butter, Zucker kamen als Handelsartikel auf den Markt. Es war die Übergangsperiode im Jünglingsleben, wo man den Wert des Fleisches schätzen und es den Milch- und Mehlspeisen vorziehen lernt. An ernsten Ermahnungen ließen es einige Kameraden nicht fehlen: "Milchspeisen kitzeln nur den Gaumen, geben aber nicht Kraft und Saft, um die Strapazen zu ertragen; das Fleisch, wenn es dir auch nicht schmeckt, verschafft dir die Kraft, das zu ertragen, was dir unerträglich dünkt." – Und ich fügte mich und erkannte die Bedeutung des Fleisches. Selbst Beefsteak muß ich, ohne den damals in Deutschland kaum gekannten Namen zu wissen, zubereiten gelernt haben; denn in meinem Tagebuch steht: "Auch brieten wir Rindfleisch, ohne es vorher gekocht zu haben, in unsern Feldgeschirren." Als wesentliches Ingrediens kommt dabei die Zwiebel vor.
An wahrhaft kräftiger Speise fehlte es also nicht, um die Anstrengungen des Dienstes zu überstehen; aber – so ist der Mensch – plötzlich, im Vollgenuß der nötigsten und besten, stieg die Sehnsucht in mir und meinen Reisekameraden nach einem heimatlichen, nach einem idyllischen Gerichte der guten alten deutschen Zeit auf, nach – Birnen und Klößen. Birnen und Klöße in Frankreich zu essen, welches nicht einmal den Namen dieser gemütlichen Speise kannte, war doch ein entzückender Gedanke! Klöße konnten wir täglich bereiten und taten es. Dazu bedurfte es, nach unsrer damaligen Ansicht, nur des Mehles und der Butter, die man gehörig gemischt, in kochendes Wasser oder in die kochende Fleischbrühe warf. Auf dem Erfahrungswege - denn, wie gesagt, bei unsrer Koch- wie bei unsrer Baukunst hatten wir mit der Theorie nichts zu schaffen - hatten wir die Entdeckung gemacht, daß das Mehl im Wasser quillt, und beim ersten Versuche zu unserm Erstaunen gesehen, daß die hineingeworfene Masse sich weit über das Niveau des Kessels erhob. Wir waren keine Geologen und Mineralogen, um etwa daraus Schlüsse auf die Hebungstheorie der Berge zu ziehen; aber den Schluß zogen wir doch, daß man weniger Mehl brauche, um viel Klöße zu erzielen, was für uns von großem praktischem Wert war. Aber die Birnen, das Backobst, fehlte und war im Lager nicht zu beschaffen. Wir wollten nun einmal Birnen und Klöße essen, koste es, was es wolle, und sahen uns nach einem Surrogat für die ersteren um. Einige Kameraden hatten uns von der Fülle von Brombeeren erzählt, die sie bei einem Streifzuge in einer entfernten Gebirgsschlucht angetroffen. Die Brombeeren hatten für mich einen großen Wert, erstens, weil ich sie gern aß, und zweitens Falstaffs wegen, den ich schon kannte; aber noch hatte ich sie nirgend in der Fülle angetroffen, wie sie zu Falstaffs Zeit in England gewachsen sein müssen, daß er "Gründe" für "so gemein wie Brombeeren" erklären konnte. Wir gingen die französischen Marktleute an, Brombeeren zu pflücken und zu Markt zu bringen. Sie lachten uns aber geradezu aus; die seien zu schlecht und wertlos, um sich die Mühe ihretwegen zu nehmen. Dadurch stieg unser Verlangen nur um so mehr.
Die Schlucht war entfernt, in einem abgelegenen Teile des Gebirgs. Urlaub zu erhalten, daran war in der Zeit nicht zu denken, am wenigsten, wenn wir unsern Grund angaben. Aber das Verlangen, die Sehnsucht, stieg mit jedem Tage. Wieder war einer von einem Streifzuge zurückgekommen, es war ein heißer Tag gewesen, und er konnte uns nicht genug erzählen, wie er seinen Durst in den Brombeeren der Zauberschlucht gelöscht. So dick standen sie, daß man sie mit den Händen abstreifen könne. Nun war nicht länger zu widerstehen. Wir hatten an dem Tage keinen Dienst, erst am Abend war Appell. Bis dahin, wenn wir uns früh auf den Weg machten, mußten wir zurück sein; gute Freunde versprachen, für Ausreden zu sorgen, wenn inzwischen etwas vorfiele. Wir konnten nach Holz uns in die Berge verstiegen haben, auch zur Wäsche ausgegangen sein. Denn auch dies Geschäft erlernten wir in diesem Lager. Man warf sein Hemde in den Bach, rieb es etwas mit den Händen, auch mit Sand und Erde, warf es dann wieder hinein, ließ es von den Wellen lustig aufschwellen in allerhand lustigen Gestalten, zog es dann heraus und rang es mit einem Kameraden aus. Dann ward es auf einen Strauch gehängt, und wenn es trocken war, hieß es gewaschen. Das machte allerdings einige Mühe, aber auch einigen Spaß, und als Resultat fand ich, daß die Wäsche, welche die Marketenderinnen besorgten, nicht viel besser ausfiel. Doch vergaß ich, zu sagen, daß wir zuweilen uns auch dem Luxus hingaben, unsre Wäsche zu bügeln. Der Hirschfänger ward über dem Feuer warm angehaucht, und dann strichen wir über die Leinwand damit. Wenn solches die Wäsche auch nicht gerade weiß und glatt machte, so befreite es diese doch von manchem Zuviel, dessen Schilderung ich den zarten Leserinnen ersparen will – was indessen von einem dreimonatigen Lagerleben, in Strohhütten und in dieser Gesellschaft unzertrennlich ist. Im "Simplizissimus" finden wir eine andre Operation verzeichnet, durch welche eine freundliche Bauersfrau den Helden des Namens von diesem Übel befreite. Sie warf seine ganze Kleidung in einem Bündel in den Backofen; es knisterte etwas, und in weniger als drei Minuten erhielt er seine vollständig gereinigte Wäsche zurück. Uns fehlte es an solchen Backöfen; sonst hat sich darin seit dem Dreißigjährigen Kriege nichts geändert. Jeder Krieg hat seine traurigen Begleiter, und diese lebendigen sind nicht die schlimmsten.
Im Morgennebel schlichen wir uns, das Kochgeschirr unterm Mantel, über die Berge. Die Sonne ging aus, es ward ein herrlicher Tag. Der Weg war lang, und es ward ein heißer Tag. Wir erreichten gerade zur rechten Zeit die Schlucht, nicht um uns an der Schönheit der Lage zu freuen, sondern um unsern Durst an den Brombeeren zu stillen. Die Beschreibung war keine lügnerische gewesen. Die Bergränder starrten von schwarzglänzenden Traubenbüscheln. Wir fuhren, wir wühlten hinein. Das Kochgeschirr war in kurzer Zeit gefüllt, um in noch kürzerer wieder geleert zu sein. Wir warfen uns in die Sträucher, um zu ruhen, und ruhten, um nur wieder aufzustehen und uns aufs neue an die Arbeit zu machen. Die geritzten Hände und Gesichter, die aufgeschlitzten Kleider wurden nicht geachtet. Endlich war es genug; unser Durst war gestillt, unser Geschirr wieder gefüllt, die Sonne brannte nicht mehr auf unsern Scheitel, sie senkte sich schon gegen die Berggipfel, und wir traten unsern Rückweg an. Aber unsre Zeitrechnung war unrichtig. Die Sonne senkte sich immer tiefer, und wie wir auch eilten, wir erreichten nicht mehr zur Appellzeit das Lager. Unsre Angst war nicht gering; denn durften wir auch nicht besorgen, als Deserteure vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden, so war es doch höchst unangenehm, um einen Kessel voll Brombeeren in Arrest geschickt zu werden oder auch nur nachexerzieren zu müssen, unbeschadet des Hohngelächters unsrer Kameraden. Und hatten wir denn wirklich einen Kessel mit Brombeeren erobert? Der Rückweg war auch heiß und lang, und die Angst und Eil' machte uns noch durstiger. Wir mußten uns immer wieder erfrischen und brachten höchstens die Hälfte unsrer letzten Sammlung ins Lager.
Der Appell war vorüber; aber zwei Kameraden waren so freundlich gewesen, beim Namensaufruf mit verstellter Stimme für uns zu antworten, und der Feldwebel noch freundlicher, in das rieselnde Gelächter mit einzustimmen und schnell zu andern Namen überzugehen. Wie hätten wir auch bei hellem Tageslicht vor der Front erscheinen sollen; mit zerfetzten Gesichtern und vom Blut der Brombeeren rot gefärbt! Aber das Gericht Birnen und Klöße ward doch am folgenden Tage gekocht; denn die Erfahrung, daß die Klöße schwellen, also viel Raum einnehmen, führte uns auf den Schluß, daß der Kessel nicht ganz mit Brombeeren gefüllt sein durfte, um Platz für jene zu gewinnen. Eine andre Erfahrung, die wir machten, war, daß Brombeeren nicht Birnen sind. Sie zergingen beim Prozeß des Kochens und lieferten nur eine blaue Sauce, in welcher die Klöße, wenn auch nicht einen besondern Geschmack, doch eine besondere, interessante Färbung annahmen. Ich und mein Kamerad glaubten doch unser Ziel erreicht zu haben, wir hatten ein Gericht Birnen und Klöße uns verschafft. Mein Kamerad wird diese Erinnerung an jenes Abenteuer schwerlich lesen. Er war Theolog und verfiel nach dem Feldzuge in jene dumpfe Untätigkeit, der sich leider, wie ich früher erzählte, so mancher Freiwillige später ergab. Man hielt ihn für einen verkommenen Menschen. Ein andrer Kamerad, der später in eine glückliche, geehrte Lage versetzt wurde, nahm sich seiner in der humansten Weise an. Er führte lange Zeit ein anscheinend bewußtloses Bienenleben. Verschlossen, karg in Worten, arbeitete er, was man Bästeln in Schlesien nennt. Er liebte, schnitt, ordnete in den Sammlungen, die man ihm übertrug, willig, folgsam jeder Weisung, ohne daß man einen Funken von eigenem Willen, von selbstschaffender Tätigkeit durch lange Jahre in ihm entdeckte. Da plötzlich erklärte er, es dulde ihn länger nicht in diesem Dasein: der Geist sei erwacht, er müsse den Heiden predigen und das Heil verkünden. Mit wunderbarem Ernste warf er sich in seinem vierzigsten Jahre wieder auf die Theologie und ist in diesem Augenblicke als Missionsprediger in Amerika tätig und geachtet.
Trotz der anscheinenden Größe des Belagerungskorps war der Dienst doch schwer. An jedem dritten Tage ward auf Vorposten gezogen. Der romantische Sinn fand dabei volle Befriedigung, wenn wir in weiten Umwegen und in Totenstille über Berg und Tal, Klipp auf, Klipp ab, auf Posten zogen. Bei den Abwechselungen, den Anweisungen ward nur geflüstert, wir standen immer in Schußweite vom Feinde. Dann die Patrouillen, die sich bis an die äußern Schanzen der Grenzen schleichen mußten, den Hahn gespannt, den Atem angehalten; die verlornen Posten hinter einem Felsen, einem Busche; wenn viel uns fehlte - an Interessantem fehlte es nicht. Hier lagen wir in einem zerstörten Kloster, das Wachtfeuer brannte in der Mitte eines Refektoriums, und dem Rauch stand frei, ob er durch die Fenster, die Türen oder die Mauerspalten den Ausweg suchen wollte. Dort in einem zerstörten Landhause mit zierlichem Garten, der auf schroffen Klippen über die Maas hing, mit der entzückenden Aussicht, die ich vorhin schilderte. Hier wieder unter einer jäh überhängenden Felswand, die von dem Wachtfeuer schauerlich angeleuchtet ward; wir stumm umherstehend oder gelagert, Gruppen, wären wir nicht so sehr uniformiert gewesen, eines Salvator Rosa würdig.
Aber die Romantik fehlte auch sonst nicht. Denke man sich die zerrissene Felsgegend im Mondenschein, der hier verhüllte und dort aufdeckte. Ein solcher Wachtposten, auf einer freien Höhe, an einem mit hohen Laubbäumen umkränzten Teiche ist mir besonders erinnerlich. Wie der Mondenstrahl in den Wipfeln über unsern Häuptern spielte - auf solchen bedeutungsvollen Posten stand man immer zu zweien - und sein Licht sich in dem Wasserspiegel zu unsern Füßen zu sammeln schien, während es auf die weite Umgegend nur einen Dämmerschein warf. Die Sinne waren geschärft. Wer seinem Auge nicht ganz trauen durfte, mußte sich aus sein Ohr verlassen. Wir streckten uns abwechselnd auf die Erde, um zu horchen. Ein Geräusch ließ sich von der Festungsseite her vernehmen. Noch war nichts zu sehen, aber es ward deutlicher; mit angelegten Gewehren standen wir an unsre Bäume gelehnt, bis ich mehrere Gestalten um die Felsecken springen sah. Ein lautes "Werda?" schwebte schon auf meinen Lippen, als mein Partner, ein gedienter Soldat, mir zuflüsterte: "Nicht laut gerufen, Jäger, es können Überläufer sein." Ein Schuß aus der Festung bestätigte die Vermutung. Die Gestalten, ohne Gewehre, näherten sich scheu. Auf ein leises "Werda?" folgte die ebenso unterdrückte Antwort, die jene Vermutung zur Wahrheit machte. Dennoch konnte es eine Kriegslist sein, obgleich es nicht wahrscheinlich war; also galt es Vorsicht. Das gewöhnliche Kommando erfolgte unserseits: "Ein Mann vor, die andern kehrt!" Man gehorchte, der eine erschien und sagte uns, was wir wußten. Er ward nach dem Hauptposten eskortiert und eine Patrouille holte dann die übrigen ab. Am Feuer unter der Felswand wurden die Überläufer examiniert, welche des Krieges und der Belagerung überdrüssig, die ihnen ebenso unnötig erschien als uns, und in der Festung gelangweilt, sich nach den Fleischtöpfen der Heimat fehnten.
Das Schauspiel wiederholte sich mehrmals in dieser Nacht, wie es schon in früheren sich ereignet hatte, und die Gruppe nächtlicher Gestalten um das Feuer gewann immer mehr Mannigfaltigkeit. Den sogenannten Überläufern durfte man weder Verrat noch Treulosigkeit oder Feigheit vorwerfen. Es waren meistens junge Rekruten, die, rasch während der hundert Tage enrolliert, in die Festungen gesteckt waren. Waren sie Napoleonisten, was ich bezweifle, so war die Sache, welche ihre Kommandanten angeblich verfochten, nicht mehr die ihre. Diese hatten, wie ich schon sagte, die Fahne der Bourbonen aufgesteckt und behaupteten, für Ludwig XVIII. ihre Festungen zu halten. Royalisten waren die armen Burschen gewiß ebensowenig, und ihnen, wie jetzt eigentlich auch uns, dünkte es sehr überflüssig, noch Krieg zu spielen, wo die Hauptfrage längst entschieden war. Truppweise wurden sie ins Hauptquartier eskortiert, und mit welchem Jubel hörten sie die Verkündung ihrer Freiheit an. Ja, so überdrüssig waren sie des Soldatenseins, daß sie mit Vergnügen alles, was daran erinnerte, für eine Kleinigkeit verkauften; ihre Tschako nicht ausgenommen, trotz der weißen Kokarde daran, und einige unter uns waren so töricht - oder, wie nenne ich es -, diese Kopfbedeckungen gegen ihre Mützen einzutauschen, weil - ja, weil man mit uns noch Soldaten spielen wollte! Das Putzen, Exerzieren und Paradieren, was wir nach wie vor trieben, genügte noch nicht. Man wollte uns Freiwillige, einen Schritt vorm Ende, noch möglichst ganz in die militärischen Gamaschen knöpfen. Davon später mehr. Einstweilen mißfiel der militärischen Orthodoxie insbesondere unsre ungleiche Kopfbekleidung; die Mehrzahl trug nur mit Wachsleinwand überzogene Mützen. An Ermahnungen fehlte es nun nicht, jede Gelegenheit zu benutzen, um uns Tschakos anzuschaffen; diese machten den Soldaten! Fast dreißig Jahre hat diese Manie gedauert, bis endlich Geschmack, Vernunft und Gesundheitsrücksichten gesiegt und die barbarisch unnütze Erfindung, ungestaltet, wahrhafte Kopfdrücker, ohne praktischen Nutzen, zu verdrängen angefangen haben. Die Initiative hat Deutschland, Preußen gemacht; aber dreißig Jahre gingen darüber hin! – Mit den monströsen, hohen Kommißtschakos der französischen Infanterie, die sich auf Karikaturen vortrefflich ausnehmen, sah man nun viele unsrer freiwilligen Jäger paradieren!
Auch in friedlicher, wenngleich in andrer Weise, traf ich noch einmal mit dem Feinde zusammen. Ich stand wieder mit einem Musketier auf einem weit vorgeschobenen Doppelposten an der Maas. An der Landstraße, näher den Wällen zu, sahen wir den vorgeschobenen feindlichen Posten, an eine Pappel gelehnt. Er machte eine Bewegung, und der Musketier forderte mich auf, auch unsrerseits eine Bewegung zu machen. Die Feinde näherten sich bis auf etwa zwanzig Schritt, aber nicht in mörderischer Absicht. Der Franzos grüßte freundlich, und mein Kamerad forderte mich auf, doch mit ihm zu sprechen. Es war nicht allein das Bedürfnis der Mitteilung, sondern eine Geschäftssache. Der Franzos fragte, ob wir Tabak brächten? Morgen wolle er zwei Flaschen Branntwein schaffen.
So erfuhr ich, was freilich offiziell ein Geheimnis blieb, daß auf diesem Posten ein lebhafter Tauschhandel getrieben wurde, der so weit ging, daß die Unsern sich Effekten aus der Stadt bestellten, die auf dem Lande nicht zu haben waren, und auch richtig erhielten, wofür unsrerseits Lebensmittel, die in der Stadt nicht zu haben waren, geliefert wurden. Sogar soll hier einmal ein Gewehrtausch stattgefunden haben. Ein friedlicher und unterhaltender Verkehr zwischen den Vorposten gehört nicht zu den Seltenheiten im Kriege; daß man aber auch Waffen tauscht, mochte an die homerischen Zeiten erinnern.
Ein Schuß aus der Festung trieb uns auseinander. Jeder der beiden Posten eilte im Schatten der Pappeln auf seinen Platz zurück. Der Schuß galt uns indessen nicht. Jenseits der Maas hatte ein Trupp Hessen, die zum Belagerungskorps gehörten, – ich weiß nicht mehr, in welcher Absicht – sich den Außenwerken zu sehr genähert. Die Belagerten protestierten von ihren Schanzen dagegen. Es war ein schönes Schauspiel. Die Ufer jenseits der Maas waren niedriger. Die Sonne ging unter, mit ihrem Zauberglanz die ganze reiche Gegend beleuchtend; aber das Licht, welches sie auf den Kampfplatz warf, ward noch blendender durch die schwarze Wolkenschicht, die vom Westen aus sich erhob, und die ganze Szene zu verdunkeln drohte. Die Bajonette der Hessen glänzten silbern im Tale, und Pulverwolken stiegen von der Felsenzitadelle und den äußern Grenzen auf, die Wolken weiß schattierend. Noch war es zu hell, als daß der Blitz der Kanonen eine Wirkung hervorgebracht hätte; aber ihr Krachen fand einen zehnfachen Widerhall in den Bergen. Dazu das Pfeifen der Kugeln, ihr Niederschlagen in die Erde oder ihr Einschlagen in die einzelnen Häuser. Die Kanonade dauerte, bis die Hessen sich hinter die letztern zurückgezogen hatten, und die Wolken den Himmel verdunkelten. Ein Krieg, zu Füßen des ruhigen Zuschauers gespielt.
Doch floß auch auf unsrer Seite dann und wann Blut. Man glaubte sich daran erinnern zu müssen, daß man im Kriege war. Eine von den Belagerten verlassene Schanze ward in der Nacht erstiegen und schnell in Verteidigungsstand gesetzt. Den Feinden dünkte dies eine zu nahe Nachbarschaft. Sie erklärten indes zuerst höflich durch Parlamentäre, daß wir uns geirrt haben müßten: die Schanze gehöre ihnen und nicht uns. Wir haben vermutlich wieder erklärt, daß wir sie für eine res derelicta angesehen, welche dem zufällt, der sie zuerst in Besitz nimmt. Da diese Debatten zu keinem Resultat führten, kam es zu einer Kanonade, in der einiges Blut floß und einige von den Unsern fielen; die Schanze aber wurde behauptet, doch wohl nur der Ehre wegen, denn, wenn ich mich recht entsinne, gab man sie später als unnütz auf.
An einzelnen Neckereien fehlte es nicht. Die Ablösungen sollten, wie ich sagte, im Dunkel an- und im Dunkel abziehen. Indessen traten bei den weiten, beschwerlichen Wegen häufig Verspätungen ein. Man war dann zu noch größeren Umwegen gezwungen, und konnte es doch nicht immer vermeiden, einen Fleck, einen Weg zu passieren, wo man uns von den Wällen aus sehen und beschießen konnte. Es geschah schnell und geräuschlos, und die Feinde fanden selten Anlaß, uns zu beunruhigen. Aber ein dreister Jäger, der Spaßmacher der Kompagnie, sah sich einst vom Mutwillen getrieben, als die Patrouille rasch von einem Waldende zum andern über die Straße geflogen war, allein zurückzubleiben und den Wachtposten auf dem Walle diejenige höhnische Bewegung zu machen, welche dem Ausdruck im "Götz von Berlichingen" entspricht, der nur in der ersten Auflage zum Abdruck gekommen ist. Solche Beleidigung konnte nicht ungerächt bleiben. Noch im Augenblick der Handlung fiel ein Musketenschuß, und eine Kugel fuhr dem Spaßmacher in den Teil des Körpers, den er gut genug für den Feind hielt. Er mußte fortgetragen werden und büßte im Lazarett seinen Mutwillen bis zu dem Augenblick, wo man, nach dem geschlossenen Frieden, seiner Dienste nicht mehr bedurfte. Das Lazarett galt als eine harte Strafe.
Romantik, wo ich hinblicke Romantisches! Oder, ist es das nicht, wenn Soldaten unter dem Befehl, dem unmittelbaren Kommando eines Weibes stehen? Kommt es uns nicht wie ein Märchen aus dem Fabelreiche vor, wenn wir der Mädchen, Frauen gedenken, die, vom allgemeinen Feuer der Begeisterung ergriffen, sich Männerkleider anlegten und als Freiwillige mutig eintraten, mutig ausdauerten! Es sind nicht abzuleugnende, historische Tatsachen. Die Prohaska fiel in der Lützowschen Freischar auf dem Felde der Ehren, und erst in ihrem Blute schwimmend, bekannte sie mit Erröten das Geheimnis, das nicht länger zu verbergen war. Andre kehrten nach dem Feldzuge in ihre Familienkreise sittsam zurück. Im Jahre 1815 ist mir nicht bekannt, daß ein Weib unter die Freiwilligen eingetreten wäre. Aber eine wenigstens, die im großen Feldzuge gedient, sich ausgezeichnet und Ruhm erworben hatte, diente noch oder war doch beim Ausbruch dieses Krieges wieder eingetreten, gewiß eine Freiwillige, aber nicht in der Schar der Freiwilligen, sie war – Unteroffizier unter den Grenadieren und trug das Eiserne Kreuz auf der Brust!
Die Zeitungen haben den Ruhm der Unteroffizierjungfrau Krüger verkündet; sie ward gefeiert, besungen, beschenkt. Nach diesem zweiten Feldzuge heiratete sie einen andern Unteroffizier, und die Hochzeit zu einer Ehe, aus der man ein Geschlecht von Heldensöhnen erwartete, wurde in Berlin unter den Auspizien höchster Gunst gefeiert. Eine der edelsten und zartesten Fürstinnen, welche damals in Preußen an der Spitze der patriotischen Bewegungen im ritterlichen Sinne stand, beehrte sie entweder mit ihrer Gegenwart oder war doch die huldreiche Gönnerin, welche die Gaben für die Heldenjungfrau spendete und weihte. Ob die Hoffnung in Erfüllung ging, und diese Ehe Helden ins Leben gerufen, weiß ich nicht; die Zeit war nicht dazu geeignet, daß Helden sich zeigen konnten. Beim Regimente sah man indessen die Sache anders an als in Berlin. Der romantische Duft fehlte hier durchaus, und man betrachtete den jungfräulichen Unteroffizier eher wie eine Abnormität und Last, die zu tragen man nun einmal gezwungen war. Wenn man sich fragte, warum die Jungfrau noch immer Unteroffizier war, da 1815 so viel Männer beisammen waren, daß es der Waffenergreifung von Frauen zum Besten des Vaterlandes wirklich nicht bedurfte, so konnte man leicht auf den Gedanken kommen, daß nicht die Begeisterung, sondern die Lust am umstreifenden Soldatenleben sie angetrieben. Auch ward diese Vermutung nicht verscheucht, wenn man sie mit den Soldaten plaudern, scherzen, singen, zechen und bei solchen Vergnügungen sah, die Männer in der Regel allein aufsuchen. Sie war immer lustig und guter Dinge; aber unsre ältern Offiziere hörte ich oft fluchen: "Eine Schande, solcher Schürze einen Posten anvertrauen zu müssen!" Einmal hatte auch ich die Bestimmung, unter ihrem Kommando auf Wache zu ziehen. Sie war keine unangenehme Erscheinung; aber von dem "ewig Weiblichen" ließ sich unter dem Kommißrock wenig verspüren.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich 1815