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Abschnitt 7. Reinlichkeit und Ordnung, Paradedienst, Bandelier und Patronentasche, die Kragen und die Aufschläge der Pommern waren weiß.

Während Waffen, Riemenzeug und Kleider im Kot umherlagen, oder beschmutzt und naß uns am Leibe hingen, sahen wir der nächsten Zukunft, wo die Sonne schien, eigentlich nicht recht froh entgegen. Denn wir wußten, sobald sie scheint, heißt es geputzt! Statt uns aber mit diesem Mechanismus zu befreunden, wurde er uns immer widerwärtiger, je mehr wir darin geübt wurden; und diese Aussicht auf das Putzen ließ uns fast wünschen, daß das schlechte Wetter noch anhalten möchte. Wie trefflich Reinlichkeit und Ordnung in allen Lebensverhältnissen auch sind, und für einen Soldaten insbesondere, so widerstrebte uns doch die kleinlich ängstliche Art, mit welcher man von uns verlangte, daß wir unsre Sachen blank und zierlich erhielten. Hatten wir denn zum Paradedienst die Waffen ergriffen und uns selbst equipiert? Dieses Brennen und Polieren des Riemenzeugs mit schwarzem Wachs, diese Masse von Gerätschaften dazu, welche man mitschleppen mußte, um zu streichen, reiben, glätten aus voller Leibeskraft, bis das Bandelier oder die Patronentasche spiegelblank war auf – einige Stunden! Und hatte man einen halben Tag gebrannt, gegossen, gerieben, "gefummelt" (mit dem Fummelholz; die Kunst hatte ihr eigene Technologie), mit dem Wollenlappen poliert, mit dem Leinenlappen darüber gewischt, und hielt das Leder nun die letzte Probe aus, den Hauch des Mundes, um, die Rauheit abschüttelnd, sich in vollkommener Schönheit zu präsentieren – alsdann ging man von der schwarzen zur weißen Kunst über. Die Kragen und die Aufschläge der Pommern waren weiß. Daß dies Weiß im Schweiße eines Julimarsches und im Kot des Lagers nicht ganz weiß blieb, ist begreiflich. Aber die Farbe der Unschuld ließ sich mit Kreide wieder herstellen. Geschabt zu Pulver, mußte diese mit wollenen Lappen so dick und stark auf den Kragen eingerieben werben, als die Wolle des Tuches nur aufnehmen wollte. War diese Operation fertig, ward der Kragen wieder ausgeklopft, und zwar so lange – das sollte wenigstens die Normalprobe sein –, bis kein weißes Stäubchen mehr herauskam. Freilich war nun die grüne Uniform eingepudert, und es galt diese auszuklopfen und auszubürsten, wobei der weiße Kragen dann wieder etwas grün oder grau wurde. Die Theorie auf die Spitze getrieben, wäre es eigentlich eine endlose Schraube des Bürstens, Klopfens, Reibens geworden. Und diese Operationen in dem engen Räume einer Hütte vorgenommen, in einem staub- und koterfüllten Lager! Es war dafür aber auch etwas Erhebendes, wenn bei der kleinen Morgenparade die weißen Kragen wie Kreidefelsen aus grünen Ufern vorblitzten; wenn der Kapitän die Reihen entlang ging, Kragen für Kragen mit dem Finger "knipste" und die Spitze sich dann besah, ob sie weiß abfärbte. Welche gegenseitige Seligkeit in den Blicken der Soldaten und des Offiziers, wenn an dem Finger von Kreide nichts zu sehen war! Es war ein purifizierter Jäger. Und wehe, wo ein weißes Staubwölkchen aufflatterte. Da sammelte sich eine finstre Wolke auf der Stirn des Kapitäns. Der Jäger hatte seine Pflicht nicht getan als – Vaterlandsverteidiger!
Dies sind nicht Gedanken von heut. Die Sache war uns schon damals, wenn nicht klar, doch sehr bedenklich. Wozu der Krimskrams, die Schererei, dieser Gamaschendienst? fragten wir uns. Im Jahre 1813 war davon nicht die Rede; weshalb heute? – Um uns zu zeigen, daß wir nicht besser seien, uns nicht mehr einbilden sollten als die andern Soldaten? – Wollte man uns beweisen, was Schmalz bewies und Gentz: daß es mit unserm Freiwilligentum nicht viel auf sich habe?
Daß wir nicht mehr getan, als gute Bürger bei einer Feuersbrunst, die nach den Löscheimern griffen und ihre Pflicht taten, sagte jener. Dieser rechnete aus, wieviel konskribierte Soldaten und wieviel Freiwillige in dem Befreiungskriege gefochten hätten, und sein Fazit war: die gezwungenen Soldaten haben den Sieg erfochten. Der reaktionäre Luftstrom in den höheren Regionen war allerdings damals schon in Bewegung. Das: "Mit Gott für König und Vaterland!" erhielt eine Auslegung, welche das erwachte Volksgefühl wieder dämpfen sollte. Aber ich zweifle, daß man schon mit bestimmtem Bewußtsein unfern Mut abdämpfen wollte. Eine Influenz von oben herab auf die Subalternen war da – alle geistige Strömung zuckt elektrisch durch die Lüste – aber das nächste Motiv war ein allgemein menschliches: die Lust zu befehlen. Großes war nicht mehr da; also begnügte man sich mit dem Kleinen.
Wo das blankere Bandelier, das glänzender geputzte Messingzeug den Ausschlag gab über den Wert des Soldaten, war es natürlich, daß diejenigen bald das Übergewicht erhielten, welche in diesen mechanischen Verrichtungen durch ihren Lebensberuf mehr geübt waren. Die Sattler, Schneider, Schuhmacher, Gerber glänzten voran. Sie wußten auch bessere Hütten zu bauen, zu kochen und Ordnung ins Leben zu bringen, als die Gymnasiasten, Künstler, Kaufleute. Der Fluch des Hermannsbundes lastete noch immer auf uns. Sie waren jetzt ein freier Bund, der in allen wichtigern Fragen den Ausschlag gab.
Darüber, daß sie uns tyrannisiert hätten, kann ich nicht eigentlich klagen. Sie ließen uns nur ihr Übergewicht, wie praktische Männer gegen unerfahrene Neulinge, fühlen! Zuweilen zeigten sie etwas von Protektormienen; während andre, in Voraussicht, daß dem Kriegszustande bald ein andrer folgen müsse, sich im voraus um Protektion gelegentlich bewarben. Besonders war eine Anzahl von Schreibern, aspirierenden Bureaubeamten, welche geständlich nur um deswillen die Büchse ergriffen hatten, damit sie im Zivildienst später zu besseren Anstellungen berechtigt wären. Diese ambierten schon jetzt bei den Söhnen bureaukratischer Familien um dereinstige Fürsprache. Auch von den Professionisten empfahlen sich einzelne mit ihrer Arbeit und baten um Kundschaft. So löste sich auch schon innerlich die Begeisterung auf.
Dennoch war das mens agitat molem anerkannt. Gebildet wollten die meisten sein. Da war, wie ich schon oben andeutete, eine gewisse Mittelklasse, die vortrefflich sprach, in Sentenzen, welche man schon irgendwo gehört zu haben glaubte, und die gedruckt werden konnten, wenn sie nicht schon gedruckt waren. Es waren solche, die auf Liebhabertheatern geglänzt und von daher einen Firnis mitgebracht hatten, welcher nicht ganz unerfreulich war, wo er mit wirklichen Lebenserfahrungen verbunden erschien. Der Gentleman wußte sich also auch in diesen Klassen hervorzutun. Wir hatten manchen unter uns, der ein bewegtes Leben geführt und viel erfahren hatte, ja, dem unser Krieg ein Spiel dünken mußte. Leider hat mich hier die Erinnerung verlassen, und ich entsinne mich nur noch einiger weniger, denen ich mich gern anschloß. Nicht, weil ich durch das Gemüt zu ihnen gezogen wurde, sondern weil ich ihre selbsterrungene Lebensbildung achten mußte.
Es war mir etwas Neues, als ich bis da nur gelehrte Bildung kennen gelernt hatte. Da war ein junger Mann aus Berlin, ein Sattler, für mich damals von besonderem Interesse, weil er ein Schwager des berühmten Sattlers in der Königsstraße war, wo ich mein sämtliches Lederzeug eingekauft hatte. Er war erst im Anfang der Zwanziger; aber seine Lebensgeschicke hätten wohl zu einem Roman Stoff abgegeben. Als ein wilder Bursch, wie er selbst einräumte, war er schon mit fünfzehn oder sechzehn Jahren von Hause fortgelaufen und den Franzosen gefolgt. Fünf Jahre mit ihnen und in ihrem Dienst in Spanien, war er endlich von einem der beiden Mina gefangen worden. Er ward nach Portugal und von da nach England abgeführt. Hier nahm er Dienste in der Englisch-Deutschen Legion und diente nun in Spanien als Kavallerist gegen die Franzosen, hatte aber wieder das Unglück, von diesen gefangen zu werden, wurde jedoch glücklicherweise nicht als Überläufer erkannt, sondern nach Holland gebracht, wo ihn 1813 die Alliierten befreiten. Ich glaube schwerlich, daß ihn der Haß gegen Frankreich jetzt in unsre Reihen führte; es war nur der Geist der Unruhe, die Lust an einem bewegten, wechselvollen Leben. Wie er waren viele. Auch haben manche Deutsche von diesem beweglichen Sinne, bald hüben bald drüben, die Waffen in der Hand, gestanden. Es war erst das Jahr 1813, welches den Nationalsinn so erhob und befestigte, daß auch der Gedankenlose die Schmach fühlte, in den Reihen gegen sein Vaterland zu stehen. Auch unsern Sattler hatte der Krieg zum Gentleman gemacht; er sprach Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Englisch, oder – wollte es sprechen. Und ebenso gern erzählte er von seinen Liebesbegebenheiten dort in den fremden Ländern, von woher freilich keine Zeugen für die Wahrhaftigkeit seiner Geschichten zitiert werden konnten. Eine Spanierin in Madrid hatte ihm ihr kleines Messer, welches sie so geschickt zu werfen verstehen, gegen das Herz geschleudert; nicht weil er Rechte forderte, welche sie zu gewähren abgeneigt war, sondern weil er von diesen Rechten keinen Gebrauch mehr zu machen geneigt war, im Besitz andrer neuerer Rechte, die für ihn von mehr Reiz waren. Er hatte das Messer entweder mit dem Mantel aufgefangen, oder, aus ihren Blicken ihren Vorsatz ahnend, sie schnell entwaffnet. Aber, der Ungalante, er hatte darauf die schöne Spanierin, die doch nichts verbrochen, als daß sie den natürlichen Gelüsten ihrer Eifersucht nachgab, der Polizei überliefert. Über die Moralitat der Handlung gab das viel Stoff nachzudenken; zu ähnlichen Abenteuern, und um aus eigener Erfahrung zu prüfen, was da das Rechte sei, fehlte uns in unserm Feldzuge die Gelegenheit.
Gedacht sei hier noch eines andern Kameraden, an den mich die politischen Fragen der Gegenwart wieder lebhaft erinnern. Ein kleiner, untersetzter, schwarzer Mann, nicht schön und in seinem Wesen nichts von einem Gentleman. Wenn er nicht die Büchse trug, waren seine Waffen Schere und Nadel, und er säumte auch nicht, in jedem Quartier, wenn er vom Dienste frei war, die Beine übereinander zu schlagen und den Faden zu wichsen. Unsre Uniformstücke verdankten ihm, daß sie noch so erträglich aushielten; wenigstens, wenn sie Miene machten auseinanderzugehen, war er es, der sie zu ihrer Pflicht fürs Vaterland zurücknötigte. Aber er stand, trotz seiner Unansehnlichkeit, in großem Ansehen, und bei den Hänseleien, die im kameradschaftlichen Leben unvermeidlich sind, wagte sich ihm niemand zu nahe; denn es war bekannt, daß er sich in dem vorigen Feldzuge tapfer gehalten hatte und mehrmals verwundet war, wovon seine Hand Zeugnis ablegte. Er hieß Schwarzbram und war ein Jude.
Die Regenwolken zogen endlich ab, wenigstens schien die Sonne wieder dazwischen, um uns trocknen und putzen zu lassen. "Das waren traurige Tage", steht in meinem Tagebuch von den gewesenen. Wir benutzten die heiteren, um uns eine festere, trockne Hütte zu bauen. Des Königs Geburtstag, der 8. August, brachte nicht die Übergabe der Festung, aber eine große Kirchenparade vor Prinz August. Mit den Tornistern und dem Kochgeschirr auf dem Rücken hörten wir eine Predigt, oder standen doch wenigstens in Reih und Glied, während andre für uns hörten. Denn nur die ersten Reihen vermögen bei einer Feldpredigt den Worten des Predigers zu folgen. Wären aber auch Worte von vorn zu uns gedrungen, der Tornister und das Kochgeschirr zogen alle Aufmerksamkeit allein hinter uns. Wir priesen insgesamt mehr unsern Gott, als die Parade zu Ende war, und wir Tornister und Gewehr abwerfen konnten. Einige hohe Bäume, mit Festgirlanden und Blumen, waren vor unsrer Hüttenfront aufgepflanzt, und zur Feier des Tages wurden die Offiziere und Ordensritter durch ein europäisch zubereitetes Festmahl bewirtet. Wir hatten das Vergnügen, diesem Festmahl zusehen zu dürfen und den ungewohnten Geruch der Speisen und Braten einzuatmen. Daß uns dies etwas ganz Fremdartiges geworden, mag man, nach dem Vorangegangenen, glauben. Außerdem erhielt jeder Mann eine halbe Flasche Wein. Man sagte uns, zur Entschädigung für den in Landrecy versprochenen.
Der Regen, der uns weich gemacht, hatte die Herzen der Belagerten nicht erweicht. Philippeville wollte sich nicht ohne Feuer ergeben. Täglich sah ich es von unsern Höhen herab in duftiger Ferne, und in einigen Nächten habe ich auch auf Pikettstreifereien seine nähere Bekanntschaft gemacht; ich streifte wenigstens gebückt im Schatten seiner Mauern und habe auch wohl einen verstohlenen Griff mit dem Arm in die Tiefe seiner Gräben getan, um mir selbst das Zeugnis abzulegen, daß ich so weit vorgewesen. Aber obgleich ich nachher selbst durch seine verwüsteten Straßen marschiert bin, muß ich doch bekennen, daß mir auch von dieser Stadt gar kein Eindruck geblieben ist.
Aber der Tag, der für Troja kam, mußte auch für Philippeville kommen. Wenn es über ist, dann marschieren wir nach Paris, hieß es, und von Paris aus nach Hause. Aufrichtig gesagt, ich empfand gar keine so besondere Lust nach Paris. Unsre altdeutschen Gedanken von dem neuen Babel mochten noch vorherrschen. Daß man es auch nach diesem Kriege noch nicht zerstörte! Ich will nicht behaupten, daß ich das gerade damals noch dachte; aber Streiflichter des Gedankens mochten noch an mir vorüber spuken. Die Mehrzahl meiner Kameraden aber freute sich. Wie wollten sie da die Sieger spielen! Man verhieß sich goldene Berge. Quartier werde jeder erhalten und so und so viel Franken täglich als Siegerlohn und zu seiner Beköstigung. Zwei rohe Burschen machten schon im voraus die Rechnung, wie viel sie sogar noch aus Paris mitbringen wollten; nämlich alles bare Geld, denn ihren Wirt – den zukünftigen, ideellen – wollten sie prügeln, bis er ihnen Essen und Trinken gäbe. Ich führe dies nicht als Charakteristikum an; es waren Stimmen von einzelnen, nicht aus Barbarei und Bosheit, sondern aus Rachegefühl. Ihre Väter waren auch geprügelt worden. – Ich wollte in Paris nur einen Besuch machen, und bedaure noch heut, daß ich damals nicht hinkam; bei einer spätern Reise nach Paris lebte der edle, wunderbare Mann nicht mehr, den ja aufzusuchen ich in jedem Briefe Weisungen von Hause erhielt. Unser deutscher und mein schlesischer Landsmann, der Graf Schlabrendorf, der als Einsiedler, Sonderling, Gelehrter, Politiker, Menschenfreund und halbes Rätsel in Paris seit einem Vierteljahrhundert lebte, hatte die deutschen Freiwilligen mit ebensoviel Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit aufgenommen, als er sonst gleichgültig gegen die Botschaften und Liebesbezeigungen aus der Heimat blieb, selbst die Briefe daher unbeantwortet lassend. Nicht seiner weltbürgerlichen oder wissenschaftlichen Bedeutung wegen sollte der Berliner Gymnasiast bei dem liebenswürdigen Greise sich vorstellen, sondern weil mein seliger Vater in Breslau mit der Schlabrendorfschen Familie und dem Grafen selbst in genauen Geschäftsverbindungen gestanden. Des Vaters sich erinnernd, dürfte er doch auch den Sohn freundlich aufnehmen, wie er alle Preußen aufgenommen, zumal seine Schlesier. Zwar würde der siebzehnjährige Schüler nichts beobachtet haben, was der Welt über den wunderbaren Mann jetzt mehr Nachricht gegeben hatte; aber für ihn selbst würde die Erinnerung eine willkommene Begleiterin durchs Leben gewesen sein.
Das Bombardement von Philippeville hatte angefangen. Ich stand gerade auf der Wache, als unter mir Rauchwolken aufstiegen. Es brannte in der Stadt. Die Wolken verbreiteten sich immer mehr, "der Himmel verfinsterte sich" steht sogar in meinem Tagebuch. Gegen Abend schlugen die hellen Flammen in die Höhe. Philippeville brannte. Ich hatte doch Ähnliches schon erlebt als Kind. Ich war einst ein Belagerter gewesen, 1806 in Breslau, und kannte alle die Schrecken und Verwüstungen, welche feindliche Bomben in einer belagerten Stadt verursachen, den Lärm der Feuerhörner, das Prasseln der Flammen, das Einstürzen der brennenden Häuser, die Not an Rettungsmitteln, die platzenden Bomben, welche die Löschenden und Flüchtenden auseinander treiben, und dazu die Schrecken der Nacht! Was ich damals passiv miterlebte, sollte ich nun aktiv erleben. Die Franzosen hatten uns mit Bomben geängstigt, wir ängstigten sie wieder mit Bomben. War nun ein Vergeltungsgefühl plötzlich in mir erwacht, daß ich das schreckenvolle Schauspiel vor mir nur schön fand? Weiter finde ich keine Bemerkung und Betrachtung darüber in meinem Tagebuche, keine Erschütterung, kein Mitleid mit den Leidenden. Waren denn die brennenden Bürger drinnen dieselben Franzosen, welche 1806 Breslau bombardierten? Es waren unschuldige Einwohner, jetzt noch dazu nicht einmal mehr Franzosen, welche mit ihrem Hab und Gut, vielleicht auch mit ihrem Leben, für den Heroismus oder das militärische Ehrgefühl bezahlen mußten, das den Gouverneur und die Garnison veranlaßte, sich nicht auf den ersten Kanonenschuß zu ergeben, wie Maubeuge und Landrecy! Und wir – wir beschossen Philippeville, um beim Friedensschluß einige Vorteile mehr in die Wagschale zu tun. Alles ging mit Rechten zu, jeder handelte nach seiner Pflicht, der Gouverneur, die Garnison, die Preußen; beide gewannen, jene den Ruhm sich tapfer gehalten zu haben, wir eine Festung, die ausgelöst werden mußte, Kanonen, Bomben und Munition; nur die Bürger drinnen gewannen nichts, sie verloren das Ihre. Sie hatten nicht Napoleon aus Elba zurückgerufen, sie, aller Vermutung nach, waren es nicht, welche ihre Garnison zu halsstarriger Ausdauer anspornten. Wer hat ihnen den Schaden ersetzt? – Ich weiß es nicht. Frankreich vermutlich nicht; denn es mußte Philippeville im Frieden abtreten. Die Niederlande? Was sollten sie einen Schaden ersetzen, den sie nicht verschuldet. Es ist nichts Unrechtes dort geschehen, nur das, was in der ganzen Welt geschieht, wo das Kriegs- und Völkerrecht gilt. Der Kleine und Unschuldige muß bezahlen, was der Große und Schuldige verbrochen.
Ich stand, wie gesagt, Wache vor unsern Baracken und sehe noch heut das brennende Philippeville zu meinen Füßen. Die übrige Szenerie ist mir indes nicht mehr ganz erinnerlich. In meinem Tagebuch aber steht geschrieben: "Es war ein herrlicher Anblick. Zur Linken Wiesen, die sich in die Tiefe verlieren; jenseits sanfte Anhöhen, die mit Dörfern untermischt, sich erheben. Vor uns, unten am Horizont die brennende Feste, und zu unsrer Rechten türmen sich die finstern Ardennen. Hinter uns aber ist das fröhliche Gewühl des Lagers, und die ganze große Landschaft in der Beleuchtung der Flamme und der untergehenden Sonne."
Das war der Abend des 8. August 1815. Am Morgen des 9. wurden wir mit der Nachricht geweckt – nämlich wer geschlafen hatte–, Philippeville hat sich ergeben. Morgen am 10. ist große Parade, und wir marschieren mit klingendem Spiel, aber auch mit Sack und Pack in die Stadt, um – durchzumarschieren, nicht nach Paris, sondern nach Givet, der unüberwindlichen Festung, auf Felsen an der Maas gelegen, um bei Givet anzufangen, wo wir bei Philippeville aufgehört hatten.
Also diesmal grad und offen; wir wurden nicht durch Verheißungen getäuscht. Kein achttägiges Quartier, kein Wegweiser nach Paris, keine Verpflegung aus den Magazinen von Philippeville, kein Wein und nicht einmal eine doppelte Ration Branntwein. Aber uns blieb – eine Parade!
"Das war wieder ein Donnerschlag", steht in meinem Buche.
Der 9. August des Jahres 1815 verging mit Wachsschmelzen und Kreideschaben, mit Klopfen, Bürsten, Streichen, Walken, "Fummeln", Polieren, Schmieren. Ob wir auch gekocht haben, steht nicht notiert. Doch beigefügt ist: "Ein Milchreis hatte mich erquickt."
Um drei Uhr weckten uns am 19. die Hörner, und der strapaziöseste Tag des ganzen Feldzugs begann, ehe noch sein Licht uns aufgegangen war. Völlig gerüstet mit Tornistern, Brotbeuteln und Kochgeschirren traten wir um vier Uhr an. Wegen der Dunkelheit wurde manche Kleinigkeit in den Baracken umsonst gesucht. Obgleich das Lager nur zwei starke Stunden von Philippeville entfernt lag, defilierten wir doch erst um neun Uhr bei Prinz August vorüber und marschierten in die Stadt. Drei volle Stunden hatten wir vor derselben mit Sack und Pack auf dem Rücken stehen müssen, bis alle Regimenter in der gehörigen Paradeordnung sich versammelt hatten. Die Stadt sah wüst und branstig aus, wie es am zweiten Tage nach einem so heftigen Bombardement und Brande zu erwarten war. Wir waren froh, als wir jenseits hinaus und wieder im Freien waren. Wie groß der Schaden gewesen, und ob viele Bürger umgekommen waren, habe ich nicht erfahren.
Der gerade Weg von Philippeville nach Givet, etwa 3 bis 4 Lieues, wäre ein kurzer Tagesmarsch gewesen; aber wir kamen von 2 Lieues weiter, mit Sack und Pack, hatten eine Parade überstanden und rückten erst gegen zehn Uhr von Philippeville aus. Und nicht unser Jäger-Detachement allein. Wenn nicht das ganze Belagerungskorps, so zogen doch wenigstens drei Viertel davon mit hinüber gen Givet. Wenn ich auf einer Höhe stand, sah ich, so weit das Auge reichte, vor mir und hinter mir Bajonette, Tschakos, Federbüsche, Büchsen, Munitions- und Bagagewagen, Roß und Mann: Jäger, Freiwillige der verschiedensten Detachements, Infanterie der Linienregimenter, Landwehr, Pioniere, Artillerie, einzelne Trupps Kavallerie. War gleich eine bestimmte Reihenfolge des Zuges angeordnet – wie ließ eine solche sich festhalten, wo alle nur eine Straße ziehen, die eng ist, wo die Züge sich stopfen, wo einige saumselig, andre ungeduldig sind? Dieser rastet erschöpft, jener benutzt den Augenblick, rasch ihm voraus zu eilen.
Eine solche militärische Völkerwanderung kann ihr Anmutiges haben, besonders in einer bergichten Gegend, und das hatte sie hier, solange unsre Kräfte reichten. Wie mancher traf hier mit Freunden zusammen, welche er lange nicht gesehen. Da nickte mir ein bekanntes Gesicht vom Pferde zu; ein Schulkamerad, den ich in Berlin verließ. Dort schrie mich einer an aus einem überfüllten Wagen; es kostete aber Mühe, ehe ich ihn unter den vielen Köpfen und Uniformen als einen Kameraden vom Marsche heraus erkannte, der von Lüttich aus zu einem andern Regimente abgezogen war. Aber als wir uns die Hände schütteln wollten, drängte sich ein andrer Zug dazwischen. Es hieß: Marsch! Beiseite! Dennoch rief der Freund immerfort meinen Namen; ich lief seitwärts, um zu ihm zu gelangen; aber jetzt ging es bergab, und Rosse und Wagen waren fort und mir aus dem Gesicht. Ich mußte unter den schon gemischten blauen und grünen Röcken mich wieder zu meinem Detachement zurecht suchen. Aber wohin war es? Es war hinter mir und vor mir. Da klopfte mir jemand auf die Schulter. Ein Freiwilliger vom ersten Pommerschen Regimente, er eilte seinem Bataillon nach; aber vorher ein Händedruck, ein paar gewechselte Freundschaftsworte. Neue kamen den Berg herauf, noch mehr seiner Freunde, nähere, vertrautere. Da mußte man sich doch umarmen, Bruderküsse, Kernworte der Freundschaft wechseln, aus dem Feldflaschen mit verkreuzten Armen trinken, mitten auf der Straße. Aber sie war für alle. Ein Train Artillerie kam an. Platz! Platz! Man wich rechts und links, und der Geschütztrain rasselte so lange vorüber, den Staub aufwirbelnd, bis die Freunde längst wieder getrennt waren. Jetzt sprengten unsre Offiziere heran, die Feldwebel riefen, die Oberjäger schrien bei Namen; es galt unser Detachement sammeln. Ermahnungen, Flüche, Bitten! Es ging nicht allein so bei unserm Detachement. Der Soldat müßte aus andern Stoffen sein, wenn bei solchen Zügen die Ordnung streng innegehalten werden sollte.
Das war das Angenehme. Es war ein Tröpfchen, das im heißen Sande versiegt. Wir trugen, wie gesagt, unser Alles auf dem Rücken. Wo wären Wagen zu requirieren gewesen, um unsre sämtlichen Tornister aufzuladen! Es war ein heißer Augusttag, es ging bergauf, bergab, die Gegenden wurden immer schöner, je mehr wir uns den Ufern der Maas näherten; aber wer konnte sie betrachten? Es war physisch unmöglich vor dem aufgewirbelten Staube. Den mußten wir noch mittragen, denn er lag fingerdick auf unsern Kleidern; wir mußten ihn schlucken, bald klebte unsre Zunge am Gaumen, und die Mittagsstunde war vorüber, der heiße Nachmittag lag brennend auf den Bergen und Tälern.
Gewisse Erinnerungen, wo die sinnlichen Eindrücke besonders stark waren, stehen mir so lebendig vor Augen, als wäre es gestern erst geschehen. Die Straße schlängelte sich einen ziemlich steilen Berg hinan. Die Luft schien mir zu brennen. Die Knie wankten und bei jedem Schritt in die Höhe wollte mich der Tornister und das Kochgeschirr rückwärts reißen. Ich durstete sehr; da half für den Augenblick die Schnapsflasche, freilich damit der Durst nachher nur um so heftiger werde. Aber ich hungerte auch. Es mochte drei Uhr nachmittags sein, und um drei Uhr am Morgen hatten wir unser spanisches Frühstück, Brot und Zwiebeln, verzehrt. Unterwegs war uns keine Schenke begegnet, nicht einmal ein Marketender war bis zu uns gedrungen. Mein Brotsack war leer. Da, Gott weiß, wie es kam, fiel mir ein Goethesches Lied ein. Ich murmelte einen Vers zwischen den knirschenden Zähnen, und nun – werden meine zartfühlenden Leserinnen vielleicht denken – verging mir über der Macht der Poesie der Hunger, der Durst und die Müdigkeit. Ganz das Gegenteil.
Ich ärgerte mich tief, ja, ich war erbost, daß ein Dichter so leichtfertig und heiter singen könne. Goethe sollte nur auf einen Augenblick an meiner Stelle sein, da würde ihm die Lust schon vergehen, mit solchen leichtfüßigen Sprüngen über die Qualen des Lebens fortzutändeln. – Ich könnte den Ort malen, wo ich das dachte, und der Gedanke gab mir nachher noch viel nachzudenken, wie ich einmal so habe denken können. Wie viele unbewachte Posten hat der geistige Mensch, wo ihn die tierische Natur überfällt! Zum Glück dauerte der Sieg derselben diesmal nicht lange. Ein Freund keuchte hinter mir herauf, dasselbe leidend wie ich, ob auch dasselbe denkend, bezweifle ich. Jetzt Professor an einer großen Universität und ein besonders im pädagogischen Fache geachteter Schriftsteller, war er von je an mehr Philosoph als Gefühlsmensch; Goethe stand ihm daher nicht so hoch, als er mir stand. Er sagte, ich möchte mich nur zur Ruhe geben, und gab mir aus seinem Brotsacke einen Kant trocken Kommißbrot. Ich feuchtete dasselbe mit dem Rest Branntwein aus meiner Flasche an, und fühlte wieder so viel Kraft, um mich bis zum nächsten Ruheplatz zu schleppen.
Der gerade Weg von Philippeville bis Givet ist, wie gesagt, nur mäßig lang; aber unser Weg ging nicht nach Givet selbst, sondern, wie wir auf dem Marsche erfuhren, in unser jenseits der Maas gelegenes Lager. Über die Örtlichkeit Givets und der damit verbundenen Felsenfesten Charlemont und Mont d'Or später das Mehrere.
Wir mußten in nördlicher Richtung von der Stadt in einem weiten Umwege einen Übergangspunkt über den Fluß suchen, um drüben, wieder in einem großen Bogen, nach unserm von der eigentlichen Stadt und Festung Givet entfernten Lagerplätze zu gelangen, indem die Felsenburg Charlemont noch dazwischen liegen blieb. Auf unserm Marsche berührten wir das Lager unsrer Truppen auf dem diesseitigen Maasufer. Es sah stattlicher aus als die Lager, welche wir uns selbst gebaut, und diese festen, goldglänzenden Strohhütten wurden schon ein Gegenstand unsres Neides. Und mehr noch, als ein Kamerad unsrer Korporalschaft von einem Bruder, der dort als Offizier stand, auf eine halbe Stunde zurückbehalten wurde. Was erzählte er uns von den Wundern der Einrichtungen in diesen Hütten! Paläste seien sie gegen die unsern. Da gab es sogar Tische, auf denen Karten gespielt wurde, Feldstühle und – am Eingange hatte ein Trinkeimer gestanden, voll – Rotwein! Unser Kamerad hatte trinken dürfen, solange er Durst hatte. Kaum hätten wir es geglaubt, wenn wir es ihm nicht angesehen, daß er noch etwas mehr getrunken.
Wir endlich fanden Wasser. Die breite Maas rauschte zwischen grauen hohen Felswänden. Ein Heer, hundertmal größer als unsres, hätte Wasser genug gefunden, um zu trinken; aber ich – war zu müde. Wir lagen, hingestreckt, wo wir haltgemacht, rücklings auf unsern Tornistern. Selbst das war für uns zu viel Mühe, sie abzustreifen; und das Flußufer war doch noch um hundert Schritte entfernt.
Wer den brennenden Durst überwinden kann aus Müdigkeit, muß sehr müde sein. Ein kleiner, untersetzter Kamerad kam mit einem vollgemessenen Kochgeschirr mit Maaswasser vorüber. Hundert Stimmen riefen ihn: "Komm her! Nur einen Schluck!" Er war mit schnippischen Reden vorübergegangen; denn wenn er jedem der Durstigen auch nur den einen Schluck gereicht, um den er bat, hätte er für seine Korporalschaft das leere Gefäß mitgebracht. Warum war er bei mir mitleidiger, warum hörte er auf meine Stimme? – Weil ich ihn bei einem Namen beschwor, der uns beiden so nahe ging; es war unser eigener (alex = Hering), und bereits sein erstes Werk veröffentlichte der Dichter wie hinfort alle übrigen unter diesem Schriftstellernamen, indem er zugleich als Vornamen das klangvollere "Wilibald" wählte.. Namen sind bedeutungsvoll, schöne Namen klingen noch immer und legen ein Gewicht in die Wagschalen, wo man meinen sollte, daß nur echtes Metall den Ausschlag gebe. Namen klingen auf der aristokratischen, sie klingen aber auch auf der liberalen Seite; und wer das Unglück hat, einen zu führen, der nicht klingt, muß mehr Arbeit aufwenden als andre, um den Klang durch den Wert vergessen zu machen. Selbst ein Charles Fox, wie lange mußte er, nicht mit dem Vorurteil, aber mit dem Witz kämpfen! Denn die Partei ergreift alle Waffen, um den Gegner herabzudrücken. "Traue dem Fuchs!" riefen die Aristokraten zum Volke, und der "Fuchs" Charles Fox lief durch alle Blätter und Karikaturen Englands, um Charles Foxs Aufrichtigkeit zu verdächtigen. Was leugne ich es, daß ich einen Namen führe, der jedem Schulknaben einen Spott an die Hand gibt. Auf der Schule muß man das ertragen; in der Hochschule, dachte ich, wird es anders sein. Mitnichten. Aber in der Hochschule des Lebens denkt man an ernstere Dinge. Ich trat als Schriftsteller auf. Was war den Kritikern, die mit der Sache fertig werden wollten, willkommener als mein wahrer Name, als dieser bekannt wurde. Ich dachte, der Witz ist so wohlfeil; es kommt doch wohl die Zeit, wo sie seiner überdrüssig werden. Gewiß, sie kommt für jeden einzelnen. Aber ich vergaß, daß die Generationen sich ablösen, und das geschieht sehr schnell in Deutschland. Börne hatte sich satt gespottet in seinem Heringssalat über meine Salz- und Süßwassernamen. Da kam Menzel und fand doch noch neuen Stoff im alten Namen, und eben, sehe ich, hat auch Herwegh die eingesalzenen Heringe in seine Distichenperlen eingereiht. Wenn ein jüngeres Deutschland Herwegh und das Seinige ablösen wird, wird es mit so vielem andern auch vergessen, daß der Witz alt und verbraucht ist, und ich bin gefaßt auf eine immer neue Wiederholung dessen, was mich eigentlich niemals kränkte, aber sehr ernste Gedanken hervorrief – Gedanken über die Mächtigkeit der Glücksgüter und deren ungleiche Verteilung. So mächtig und so ungleich, daß das redlichste Streben sie nicht ausgleicht, und der liberalste Geist sich darüber hinwegzusetzen nicht imstande ist.
Nun, wenn ich um meines Namens willen gelitten habe, will ich auch nicht vergessen, daß ich einmal um meines Namens willen mit einem Trunk Wasser erquickt wurde.
Auf der Höhe vor Philippeville rief ein Adjutant des Regimentskommandeurs mit lauter Stimme ins Lager: "Jäger Häring!" Ich stand auf Wache und durfte meinen Posten nicht verlassen; auch schickte es sich nicht, aus der Ferne zu antworten. Aber ein kleiner, untersetzter Mann in Jägeruniform, den ich bis da nicht gekannt, meldete sich; er kam gerade vom Kochen und hielt einige der Apparate in der Hand, die ihm eben nicht ein sehr kriegerisches Ansehen gaben. Der Adjutant aber hielt einige Briefe in der Hand und warf flüchtige Blicke in dieselben, während er den Ankömmling musterte: "Sie heißen?" – "Häring." – "Sind?" – "Aus Berlin." – "Aus einer achtbaren –" murmelte der Offizier lesend und musternd und fuhr fort: "Ich soll Sie ernstlich zur Rede stellen über Ihre Nachlässigkeit. Wie können Sie Ihre würdige Familie in solchen Todesängsten lassen? Sie haben den Ihrigen keine Nachricht von Ihrem Ergehen gegeben?" – "Nein!" – "Wann schrieben Sie zum letzten Male nach Hause?" – "Gar nicht!" – "Das ist sehr unrecht. Ihre Familie beschwert sich beim Regimente, und ich weise Sie an, schleunigst die besorgten Ihrigen durch einen Brief –" Der kleine Jäger sperrte seltsam den Mund auf: "Ich soll ihm ja nicht schreiben. Vater sagte: Was! Briefe! Die kosten immer Geld – Wenn einer mal nach Haus kommt, laß uns sagen, wie's dir geht." – "Wer ist denn Ihr Herr Vater –?" – "Schuhmachergeselle in der ... straße." Der Adjutant warf wieder einen Blick in die Briefe und las daraus, daß er sich in einem Irrtum befand. Ich hatte inzwischen Gelegenheit gefunden, durch einen Kameraden mich als den wirklichen Häring bei ihm melden zu lassen, und es erfolgte die Explikation, von der oben die Rede war.
Seit der Zeit wußte ich von der Existenz meines Namensvetters und er von der meinigen. Ich kann nicht sagen, daß dies ein geistiges Band zwischen uns knüpfte. Aber jetzt an den Ufern der Maas ward es die Ursache, daß er mir einen vollen Trunk Wasser aus seinem Geschirr gönnte: "Weil du Häring heißt, sollst du trinken, und die andern sollen dursten."
Etwa gegen fünf Uhr nachmittags waren wir über den Fluß gesetzt. Ein steiler Berg mußte erstiegen werden oder eigentlich ein Felsen erklettert. Die Ruhe, der Abend- und Wasserhauch hatten die erschlafften Nerven wieder etwas gekräftigt. Es war eine wahrhaft romantische Gegend, welche wir von den Höhen überschauten. Auf einige Augenblicke war ich imstande, ihre Schönheit zu genießen. Die Maas hat meines Wissens noch nicht ihre pittoresken Reisebeschreiber gefunden, mit ihren steilen, hohen, massenhaften Felsufern, mit ihren Burgen von hohem Altertum, die aber lange hineingelebt haben in die Geschichte der Gegenwart. Nur der anmutige, freilich auch sehr leichte, englische Novellist Colley Grattan liefert in seiner "Erbin von Brügge" eine malerische Schilderung dieser Maasufer und ihrer altersgrauen Felsburgen, die, noch in dem niederländischen Befreiungskriege als Festungen benutzt, bedeutende Rollen spielten. Givet oder vielmehr sein Mont d'Qr und das gegenüberliegende Charlemont sind solche Felsburgen der Maas, wo Kunst und Natur um die Wette arbeiteten, sie fest zu machen, und das Auge weiß kaum, wo unter der altersgrauen Kruste, die sich über beide gelegt, der Felsblock aufhört und das Mauerwerk anfängt. Von einer jenseitigen Höhe herab sahen wir zum erstenmal das Ziel unsrer neuen Arbeit: die Mauern, Türme und Felsen von Givet. Die Abendtinten lagerten schon auf der Gegend, die Sonnenstrahlen drangen nicht mehr ganz in die chaotischen Felsmassen, die ringsumher ausgestreut liegen. Desto deutlicher sahen wir die Zinnen der Festung und ihrer Kastelle, in vielfachen Zacken gegen den Abendhimmel abschneidend. "Das wird lange trotzen!" hieß es. "Das ist eine uneroberliche Festung!" sagten andere. Mir wurde wohl zumute: die Schimmer und Zauber des Mittelalters ruhten auf diesen Mauern. Hell glänzte die weiße Fahne auf den Türmen. Die Besatzung hatte sich inzwischen für Ludwig XVIII. erklärt. Sie verteidigte die Festung im Namen desselben gegen uns, die wir sie als Alliierte, also im Namen desselben, angriffen. Seltsame Verhältnisse, und doch nicht ohne Beispiele in der Kriegsgeschichte.
Eine wunderschöne, in der Dämmerung immer wunderbarer werdende Gegend lag zu unsern Füßen. So oft wir eine neue Höhe erstiegen, eine neue Aussicht. Einsame Täler, Schlösser, Hämmer, Meierhöfe und Dörfer aus dem Grün hervorblickend und wieder verschwindend, aus der Nacht unten bald Lichter und Feuer vorblickend; nur noch die Kuppen der Felsen waren matt vom Abendlicht angehaucht. Aber so viel wir sahen und ahnten: unsern Lagerplatz sahen wir noch nicht. Es hieß: "hinter jenem Berge!" Wir stiegen ihn hinauf und hinab; unten hieß es: "dort hinter dem andern!" Bergauf, bergab! Es ward sechs – es ward sieben – es ward acht! "Nur munter, munter, Jäger! Man hat uns eine schöne Lagerstelle abgesteckt." Aber sie kam nicht. Meine Knie wankten; und nicht meine allein. Nüchtern, erschöpft taumelten wir; einer stieß an den andern; die steilen Berge, die wir in der Dunkelheit hinabklettern mußten, hatten unsre letzten Kräfte erschöpft. Und was wartete unser am Lagerplätze? Vielleicht ein Stoppelfeld; kein Feuer, kein Bissen Brot, kein Trunk Wasser, kein Stroh und Heu. Daran dachten wir nicht; nur Ruhe. Schon waren einige abgefallen. Sie konnten nicht weiter und warfen sich, in ihr Schicksal ergeben, in den nächsten Graben, in das nächste Kornfeld. Ich wollte noch mutig sein.
Da schlug eine Glocke, nicht allzufern, neun Uhr. Ein Gerücht verbreitete sich: "das Lager ist noch drei Stunden entfernt!" Das war zu viel. Der Unmut wurde laut. Wer sah in der Dunkelheit die Schreier.
Eine Art Emeute brach aus. Gegen wen wußten wir nicht eigentlich, noch was wir wollten. Man schrie, lärmte, schimpfte und sang Spottlieder. Plötzlich sprengte ein Adjutant durch die Reihen: "Sind Sie rasend, Jäger! Stille! Um des Himmels willen stille! Wir marschieren innerhalb Kartätschenschußweite vor den feindlichen Schanzen! Wer noch ein lautes Wort –" Er sprengte weiter. Es war keine leere Drohung. Um unsern Weg abzukürzen, hatte man, der Dunkelheit vertrauend, uns über die Chaussee geführt, welche von den feindlichen Kugeln bestrichen wurde. Ich glaube gehört zu haben, daß diese Anordnung spater gerügt wurde. Aber die Batterien eröffneten glücklicherweise kein Feuer; ein Feuer, das in unsern dichtgedrängten Massen furchtbar würde gewütet haben.
Es ward tief stille. Auch um deswillen, weil unser immer weniger wurden. Rechts und links ab schlich einer, zwei, drei, und warf sich hin. Es gab kein Mittel, sie zu hindern. Die Kommandierenden waren zufrieden, nur ein letztes Häuflein an ihren Bestimmungsort zu bringen.
Ich gelangte nicht mehr dahin. In einem verwüsteten, ehemaligen Kloster, das ich späterhin sehr genau kennen lernen sollte, stand ein äußerster Vorposten, wenigstens des Nachts hindurch. Er war diesmal von Magdeburger Landwehr besetzt. Es waren gutmütige Leute; ein verstecktes Feuer brannte hinter einer Mauer. Auch sie ermahnten uns zur größten Stille und Vorsicht, denn es sei in der Festung nicht richtig; aber sie boten uns freundlich ein Nachtlager an. Wieviel von uns dort zurückblieben und wer, das weiß ich nicht mehr. Nur das weiß ich, ich war darunter. Ich sank an der Mauer nieder, die Besinnung war mir vergangen. Nach einer Weile weckte mich ein Landwehrmann. Er führte mich in eine zerstörte Halle, wo sie Heu für uns geschüttet hatten. Im großen Kamine prasselte ein Feuer, und einige meiner Kameraden kochten. Der Landwehrmann bot auch mir von seinem Mehl an. Ich war viel zu müde zum Kochen, vielleicht auch zum Essen. Ich lechzte nur nach einem Trunke. Er führte mich durch eine Seitenpforte in den Garten. Ein Wasserbassin war mit hohen Bäumen umstanden. Ich wollte mich am Rande niederwerfen, er hielt mich aber am Arm und sagte, das Wasser sei grün, und zeigte auf eine Fontäne, die in der Mitte des Bassins plätscherte. Auf einem übergelegten Brette kroch ich dahin und trank und füllte meine Flasche. Wie gern hätte ich auf dem kühlen Brette geschlafen. Die Fontäne plauderte so verführerisch. Aber er zog mich zurück. Auf meinem Heulager war ich bald fest eingeschlafen; die prasselnden Flammen und das Plätschern der Fontäne hörte ich noch lange im Schlaf.
Ich höre die Fontäne noch jetzt. Vierzehn Jahre später, im Jahre 1829, habe ich sie, bei einer Reise nach Frankreich, wieder aufgesucht, und noch einmal von dem Wasser getrunken, welches mir damals wie ein Lebensquell erschien. Sie plätscherte noch, aber sehr dürftig. Das Bassin umher war ein grüner Sumpf geworden, auf dem Enten schwammen.
Eine Stunde vor Mitternacht ungefähr war ich hier umgesunken. Um drei Uhr morgens wurden wir geweckt. Die Landwehr zog von dem Vorposten ab, und wir machten uns auf den Weg nach unserm Lager.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich 1815